Die »Occupy«-Bewegung

Von der Besetzung zurück auf die Couch

»Occupy« hieß vor kurzem ein Lieblingskind der deutschen Medien: eine Bewegung, die zuerst die Wall Street besetzen wollte, sich verselbständigte und dann irgendwie auf alles losging. Sie wurde unter anderem von Angela Merkel gelobt. Das war ihr Ende.

Foto: David Shankbone / flickr.com / CC BY 2.0 (Ausschnitt)
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Empörung über die Macht der Banken hat die Amerikaner ergriffen. Zorn auf eine Regierung, die sich erpressen lässt. Wut gegenüber einem Kongress, der Spekulanten Milliarden hinterherwirft. Deswegen versammeln sich immer größere Gruppen auf den Straßen und Plätzen, um ihrem Ärger Luft zu machen. Zunächst an der Ostküste, aber schon bald im ganzen Land. Das Volk wird sich seiner Macht bewusst, und es zeigt den Politikern in Washington und den Investmentbankern an der Wall Street die Zähne.

Doch das Medienecho ist verheerend, zumindest auf der Main Street. Und zwar drüben wie hüben. »Extremisten« seien da am Werk, schreibt der Spiegel. »Schrille Ideologen« führten das Wort, so die Süddeutsche. Und auch die Zeit schüttelt ihr intellektuelles Haupt: Zu einem »Land im Würgegriff« seien die USA verkommen.

Keine Sorge: So schreibt natürlich kein Leitartikler über die »Occupy«-Bewegung. Diese Charakterisierungen gelten der »Tea Party«. Das sind die bösen Revoluzzer, denn sie sind »rechts«. Und im Übrigen auch keine echten Aufständischen, sondern bloß tumbe Waffennarren, die sich von superreichen Ultras an der Nase herumführen lassen. Amis halt, man kennt das ja.

Die Occupisten dagegen sind engagierte junge Leute, die voller Idealismus der Herrschaft des Kapitals die Stirn bieten. Oder geboten haben? Denn es ist ruhig geworden um »Occupy«, und das Rauschen im Blätterwald hat sich merklich gelegt.

Dabei überschlugen sich Editorials und Feuilletons im Herbst 2011 geradezu vor Begeisterung, als im New Yorker Zuccotti-Park die ersten Zeltlager errichtet wurden: Ein »Festival der Frustration“ habe da begonnen, konnte die Zeit plötzlich wieder schmachten. Und es scheine, »als feiere die ganze Stadt mit«. Doch selbst falls das von Anfang an nicht die Wahrheit gewesen wäre: Zumindest Alec Baldwin und Susan Sarandon konnten gesichtet werden, genauso wie Jane Fonda und Michael Moore. Kein Wunder, dass ein solches Event rasend schnell über den Teich schwappte, bis nach London und Paris, nach Mailand und Frankfurt und schließlich bis auf die Parkplätze von Sparkassenfilialen in Osnabrück und Oldenburg, Paderborn und Zeulenroda. »Occupy Wall Street« hieß die Bewegung am Anfang. »Occupy Everything« an ihrem Ende.

»Occupy« und die sieben Plagen

Vielleicht liegt darin bereits das Hauptproblem: Wer alles besetzen will, besetzt letztlich nichts. Räumlich genauso wie inhaltlich. Mehr noch: Er liefert sich der Gefahr aus, selbst besetzt zu werden. Von Attac und Campact, von Lafontaine und Wagenknecht, von Künast und Roth. Und, was noch viel schlimmer ist: Auch von der gediegenen Bürgerlichkeit. Wenn die antikapitalistische Revolution bei Wolfgang Schäuble auf »große Aufmerksamkeit« trifft und bei Angela Merkel auf »großes Verständnis«, dann ist sie gescheitert. Und wenn Bankenvorstände Camps auf ihrem Grund und Boden nicht mehr räumen lassen, dann rechnet man mit einem Ermüdungstod des Protests. Nicht zu Unrecht, wie man heute weiß.

Ein zweiter Aspekt ist die Namenlosigkeit des Widerstands. Die sprachlose Guy-Fawkes-Maske taugt weder als Bild noch als Stimme – unverzeihlich mit Blick auf die Außendarstellung, aber auch verheerend für den Zusammenhalt im Innern. Wer Hierarchien ablehnt, der verzichtet auch auf Strukturen und damit auf Leitung und Anleitung. Im Ergebnis verbinden Aktivisten wie Außenstehende mit »Occupy« kein einziges Gesicht, das allgemein bekannt ist, keinen einzigen Wortführer, der überall gehört wird. Ein Luxus, den sich allenfalls ein Großkapitalist leisten kann.

Drittens ist die Besetzerschar daran gescheitert, dass sie zwar ein gemeinsames Feindbild, nicht aber ein gemeinsames Ziel verbindet. Über fünfhundert Vereine und Organisationen haben sich schließlich unter dem Namen »Occupy« zusammengefunden, doch auf Dauer ist Zeltlagerromantik halt zu wenig für eine Beziehung. Jedes Happening findet irgendwann zu Ende, spätestens dann, wenn die Beteiligten einander tierisch auf die Nerven gehen. Kommt nach Monaten schließlich die Polizei und löst die Heringe aus dem Boden, dann ist’s Sterben nicht, dann ist’s Erlösung.

Pech hatten die Besetzer zumindest hierzulande auch damit, dass die Folgen des Dramas auf den Finanzmärkten künstlich abgefedert werden, unerkannt bleiben oder sich nur zeitversetzt offenbaren. Wenn die Bundesregierung ein milliardenschweres Konjunkturprogramm auflegt, um Massenarbeitslosigkeit durch Kurzarbeitergeld zu übertünchen, mildert das den Leidensdruck. Wenn die Deutschen bei der Verzinsung ihrer Einlagen offenbar eh weitgehend schmerzfrei sind, machen noch etwas niedrigere Erträge dann anscheinend auch nichts mehr aus. Wenn nachfolgende Generationen die immer höhere Schuldenlast tragen müssen, dann ist das der Mehrheit der Bundesbürger augenscheinlich egal. Und so ist die Resonanz bei Protestaktionen gegen die Krise vergleichsweise dünn – zumindest gemessen an ihrem Ausmaß.

Besetzt wird heut bloß virtuell

Des Weiteren hat »Occupy« in Deutschland nie wirklich jenen Widerhall gefunden, den die Medien der Bewegung zugeschrieben haben. Nicht einmal auf ihrem Höhepunkt, als das Netzwerk am 15. Oktober 2011 in fünfzig Städten gleichzeitig zu Demonstrationen aufrief, beteiligten sich mehr als vierzigtausend Teilnehmer an konkreten Aktionen. In der Hauptstadt des deutschen Kapitalismus, nämlich Frankfurt am Main, zogen gerade fünftausend Menschen durch die Straßen, und nur gut hundert schlugen ein Camp vor dem EZB-Turm auf. Eher bescheidene Zahlen, wenn man sich die Demogeneigtheit des Klientels vor Augen führt.

Vorletztens wäre noch anzumerken, dass es die Occupisten genauso wenig wie viele andere vor und nach ihnen geschafft haben, allzu schräge Gesellen aus ihren Reihen fernzuhalten. Notorische Nörgler und Querulanten haben bei ihnen genauso ein Betätigungsfeld gesucht und gefunden wie Verschwörungstheoretiker und »Anti-Zionisten«. Wer solche Freunde hat, findet bald keine mehr. Das gilt im wirklichen Leben genauso wie in der Politik.

Zum guten Schluss: Die Wall Street lässt sich auch vom heimischen PC aus besetzen. Ebenso der Börsenplatz in Frankfurt. Die Mailänder Piazza degli Affari. Und auch der Paternoster Square in London. Das funktioniert ganz einfach: Man eröffnet ein Wertpapierdepot, schaltet seine TAN-Liste frei und kauft sich Aktien. Am besten von globalen Investmentbanken. Die machen nämlich wieder ganz ordentlich Geschäfte.

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Kommentare zum Artikel

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Gravatar: Hoover

Super. Kann man die Antifa so auch loswerden? Die Antifa mischte ja zum Teil gewaltig bei Occupy mit, beide sind also nahe Verwandte. Ich stelle es mir gerade vor: Die "Antifaschistische Aktion" trifft bei Wolfgang Schäuble auf "große Aufmerksamkeit" und bei Angela Merkel auf "großes Verständnis", und Mutti teilt uns mit, daß sie im Herzen schon immer Antifa gewesen sei - und schon war's das mit der Antifa. Schöne Sache das.

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