Rede vor dem Europäischen Parlament

Papst fordert Rückbesinnung auf christliche Wurzeln Europas

Europa muss sich auf seine christlichen Wurzeln besinnen, sagte der Papst. Nur dann kann es das Versprechen der Achtung der Menschenwürde einlösen. Ansonsten droht immer die Gefahr der Verzweckung.

Foto: Jeon Han / Republic of Korea / flickr.com / CC BY-SA 2.0 (Ausschnitt)
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Europa wird seine eigenen Ansprüche nicht einlösen können, wenn es sich nicht auf seine christlichen Wurzeln besinnt. So redete Papst Franziskus den Abgeordneten des Europäischen Parlaments ins Gewissen, vor denen er heute Vormittag eine Rede hielt. Als Sinnbild diente ihm dabei das berühmte Bild »Die Schule von Athen« von Raffael, in dem Platon zum Himmel – also zum Reich der Ideen – zeigt und Aristoteles zur Erde, »der konkreten Wirklichkeit«, wie Franziskus formulierte.

Der Papst sprach: »Die Zukunft Europas hängt von der Wiederentdeckung der lebendigen und untrennbaren Verknüpfung dieser beiden Elemente ab. Ein Europa, das nicht mehr fähig ist, sich der transzendenten Dimension des Lebens zu öffnen, ist ein Europa, das in Gefahr gerät, allmählich seine Seele zu verlieren und auch jenen ›humanistischen Geist‹, den es doch liebt und verteidigt.«

Das Leitmotiv der päpstlichen Rede waren die Begriffe Würde und Transzendenz. Der Papst sei vor allem daran gelegen, »die enge Verbindung hervorzuheben, die zwischen diesen beiden Worten besteht«. Würde erhalte der Mensch, eine Person, wenn er um seiner selbst willen und nicht als Mittel zum Zweck, als Objekt behandelt werde. Das Projekt Europa sei dem Gedanken verpflichtet, die menschliche Würde zu achten und zu schützen – ein Gedanke, der maßgeblich vom Christentum inspiriert sei.

Immer wieder taucht in der Rede die Kritik am ungehemmten Konsumstreben und nach materiellem wirtschaftlichen Erfolg auf. Hier setzte Franziskus »die Kostbarkeit des menschlichen Lebens« entgegen, »das uns unentgeltlich geschenkt ist und deshalb nicht Gegenstand von Tausch oder Verkauf sein kann.« Seine Forderung angesichts dieser Gefahr war denn auch, insbesondere Kranken im Endstadium, pflegebedürftigen Alten und dem ungeborenen Leben besondere Fürsorge angedeihen zu lassen.

Des weiteren warnte Franziskus davor, das legitime und bewunderungswürdige Streben der Europäer nach Einheit zu weit zu treiben. Denn, betonte er, »Einheit bedeutet nicht politische, wirtschaftliche, kulturelle oder gedankliche Uniformität.« Vielmehr seien die Parlamentarier und alle, die Verantwortung tragen, angehalten, die Eigenarten der Völker zu respektieren – schon um des Projekts eines einigen Europas willen. Denn als unerwünschte Folge könnte durch den Zwang zur Konformität die Legitimationsbasis der europäischen Idee geschwächt und Konflikte hervorgerufen werden.

Den Abgeordneten rief der Papst zu: »In dieser Dynamik und Eigenart ist Ihnen auch die Verantwortung übertragen, die Demokratie der Völker Europas lebendig zu erhalten. Es ist kein Geheimnis, dass eine vereinheitlichende Auffassung der Globalität der Vitalität des demokratischen Systems schadet, indem es dem reichen, fruchtbaren und konstruktiven Gegensatz der Organisationen und politischen Parteien untereinander die Kraft nimmt. So läuft man Gefahr, im Reich der Idee, des bloßen Wortes, des Bildes, des Sophismus zu leben und schließlich die Wirklichkeit der Demokratie mit einem neuen politischen Nominalismus zu verwechseln.«

Quasi als Hausaufgabe trug Franziskus den Abgeordneten auf, sich folgender Bereiche besonders anzunehmen: der Familie, die der Grund sei, auf dem Gesellschaft aufbaue; den Schulen und Universitäten, an denen nicht bloßes Wissen vermittelt werden dürfe; dem Umweltschutz, da dem Menschen die Erde zur Pflege und nicht zur Ausbeutung anvertraut sei; der Arbeitswelt, die menschenwürdig zu organisieren sei; der Migranten, deren Menschenwürde geachtet werden müsse, und der Situation in ihren Herkunftsländern, die verbessert werden müsste. Das letztgenannte Problem sei indes zu lösen, wenn sich Europa darauf »versteht, in aller Klarheit die eigene kulturelle Identität vorzulegen und geeignete Gesetze in die Tat umzusetzen, die fähig sind, die Rechte der europäischen Bürger zu schützen und zugleich die Aufnahme der Migranten zu garantieren«.

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Kommentare zum Artikel

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Gravatar: Tina Tuttilutti

Eine umfangreichere, sachliche Rückbesinnung auf christliche Wurzeln Europas als die in der “ Kriminalgeschichte des Christentums “ durch den Kirchenhistoriker und – Kritiker, Karlheinz Deschner, fällt mir zur Zeit beim besten Willen nicht ein. Vor allem auch, wie diese gleichfalls auf die “ liebevolle “ Christianisierung Lateinamerikas durch die Europäer eingeht.

Gravatar: MM

Leider haben Sie recht, Herr Achner. Europa hat seine Seele bereits verloren. Innert ein bis zwei Generationen. Im Moment leben wir noch ganz gut von der Substanz, aber die Zukunft schwindet mehr und mehr dahin, wenn wir nicht bald zu den Wurzeln zurückkehren.

Als das römische Reich am Zusammenbrechen war, haben sich junge Katholiken aufgemacht und die germanischen Stämme und bereits anwesenden (meist germanische) MiHiGrus christianisiert. Dadurch wurde der Schatz der Antike in den Klöstern bewahrt und später wieder entdeckt.

Wer noch nicht von der Dekadenz durchfressen ist: Steht zu euren Werten! Werbt für eure Werte und überzeugt eure Mitmenschen, damit wieder ein neues Zeitalter des Lichtes anbricht!

Gravatar: Tim Bieritz

Die Rede ist in voller Länge hier nachzulesen:

http://www.kath.net/news/48399

Unter dem Artikel als Anhang. Zumindest interessant, wenn man sich anschaut, was die Medien daraus gemacht haben.

Gravatar: P.Feldmann

Auch ich werde mir diese Rede im Wortlaut zu Gemüte führen, denn wiewohl der hiesige Bericht schon Wichtiges aufzeigt, so hat mich schon geschockt, wie weit davon die Qualität eines Berichtes im WDR Radio über diese Rede abfiel (der Tenor dort war: der Papst ist für Integration...)
Aus dem hier schon differenziert Aufgeführten wird deutlich: Für sehr viele Probleme, die Europa/EU derzeit bewältigen muss, ist die Selbstvergewisserung einer tragfähigen eigenen Identität die Basis. Ich erweitere: ohne Identität und eigene Werte - keine Toleranz, keine funktionierende Einwanderung, keine Begegnung zwischen Religionen, keine Begegnung zwischen Kulturen und Menschen. Und damit ist zugleich die Frage beantwortet, ob eine sich rein säkular definierende Gesellschaft in der Lage ist, eine machtorientierte Religion wie den Islam in IHRE Grenzen zu weisen. Nicht, solange sie nicht das Säkulare als Modus des Zusammenlebens zwischen verschiedenen Weltsichten und Religionen aus den eigenen Wurzeln (hier das jüd.-christl.Menschen und Weltbild) herleiten und verpflichtend machen kann.

Damit liegt aber der Finger in der Wunde heutig westl. Welt-u.Selbstverständnisses: man meint die eigenen Werte im säkularen Zirkelschluss begründen zu können und hat eine Scheu vor jeglichem Transzendentalbezug, der die eigene Kultur erst bedingt und ermöglicht hat.

"alles hat seine Würde oder seinen Preis" (frei nach Kant) Heute erscheint in der westl.Welt alles als einpreisbar darstellbar. So allerdings funktionieren viele Bereiche unseres Zusammenlebens in keiner Weise. Die einzige Basis ist die Selbstzweckhaftigkeit jedes Menschen , nicht nur als Teilhaber an der Vernunft, sondern als Ebenbild Gottes.
Wer dies aufgibt, dem fehlt letztlich auch die Potenz, Sachverhalte wie die Universalität der Menschenrechte zu argumentieren.

Gravatar: P.Feldmann

Normalerweise können Sie alle Reden der Päpste auf der Internetseite des Vatikan finden!

Gravatar: Stephan Achner

"...... ist ein Europa, das in Gefahr gerät, allmählich seine Seele zu verlieren, ...." - so der Papst Franziskus. Er ist zu vorsichtig. Europa hat bereits auf allen entscheidenden Gebieten seine Seele verloren - so meine Wahrnehmung. Es geht jetzt und künftig darum, dass Europa seine Seele wiederfindet.

Gravatar: Leonard

Wo ist diese allem Anschein nach wichtige Rede in voller Länge und in deutscher Sprache nachzulesen?

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