Porträt Danièle Nouy

Harte Nüsse für Madame

Danièle Nouy leitet den »Einheitlichen Aufsichtsmechanismus« der EZB. Im Sommer will sie einhundertdreißig europäische Großbanken einem »Stresstest« unterziehen und einige danach verschwinden lassen.

Foto: Andreas Wecker / flickr.com / CC BY-NC-ND 2.0
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Sein Leben lang ist er einem ganz bürgerlichen Beruf nachgegangen. Toutefois, in fortgerücktem Alter wird ihm dann doch noch Heldenmut abverlangt: Das Schicksal Frankreichs liegt auf seinen Schultern. Wenn nicht gar das der gesamten freien Welt. So eröffnet es Kommissar Bernard Blier dem verdutzten Louis de Funès in einem vertraulichen Gespräch. Nein?! Doch! Ohh!! Dabei ist der für die Großtat Auserwählte gar nicht zum Heroen geboren. Und nun das! Dafür sei ihm dann allerdings auch der Dank des Vaterlandes gewiss, verweist Blier auf den Verdienstorden an seinem Revers. „Etwa in derselben Farbe?“ Der Kommissar zögert. Schließlich sagt er zu. Und gewinnt so den eitlen Louis für die ihm zugedachte Aufgabe. Für mehr Details fehlt an dieser Stelle der Platz. „Le grand restaurant“ heißt der Film im französischen Original. „Scharfe Kurven für Madame“ in der deutschen Übersetzung.

Ganz unweigerlich kommt er einem in den Sinn, wenn man sich die Erwählung von Danièle Nouy zur Chefin der Einheitlichen Bankenaufsicht bei der Europä-ischen Zentralbank vor Augen führt. Zumindest mit ein klein wenig Phantasie. Denn ohne sich in scharfen Kurven verlieren zu wollen: So ähnlich könnte das Berufungsgespräch mit Nouy auch abgelaufen sein. Denn eigentlich wird sich die 1950 im bretonischen Rennes geborene Geldexpertin bereits gedanklich auf den Ruhestand vorbereitet haben, als sie der Anruf aus Brüssel ereilte. Wobei sie sich diesen nach der Papierform durchaus verdient hat: Bereits 1974 trat Nouy bei der französischen Nationalbank „Banque du France“ in die Fußstapfen ihres Vaters. Ab 1985 vertrat sie die Notenbank der „Grande Nation“ in New York, das auch in Geldangelegenheiten für sich in Anspruch nehmen kann, „Capital of the World“ zu sein. Nach Zwischenstationen am Hauptsitz der französischen Währungshüter in Paris wirkte Nouy ab 1998 in der beschaulichen Schweiz, die es natürlich in Gelddingen gleichwohl faustdick hinter den Ohren hat. Dort führte sie den Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht, dessen Tätigkeit unter dem Stichwort „Basel II“ viel Unmut auch in der deutschen Politik hervorgerufen hat. Viel zu massiv seien die Eigenkapitalanforderungen für Geschäftsbanken, die ihnen der Ausschuss vorschreiben wolle, hieß es damals. So stranguliere man die Unter-nehmensfinanzierung, und man dürfe bei Kreditnehmern auch nicht immer nur auf die Bonität achten. Merkwürdigerweise werden die zahlreichen geharnischten Pressemitteilungen jener Tage heute nur noch selten zitiert. Zumindest nicht von den Politikern, die sie dereinst in die Welt gesetzt haben. Doch die Geschichte geht nun einmal weiter. Und so auch die von Danièle Nouy: Zuletzt war sie Vertreterin Frankreichs im Bankenausschuss der EU und schließlich Generalsekretärin der französischen Banken- und Versicherungsaufsicht.

Stramm stehen vor der neuen Chefin

All dies ist jedoch nichts im Vergleich zu jener Position, die Nouy seit Jahresbe-ginn bekleidet. Zumal sie im Spitzenamt des Einheitlichen Aufsichtsmechanismus „die erste Frau“ ist. Darauf würde gewiss in der Berichterstattung subtil diskriminierend hingewiesen – wenn man den Posten nicht überhaupt erst neu geschaffen hätte. Allerdings nicht zur Versorgung einer langgedienten Weggefährtin von wem auch immer: Danièle Nouy bekommt in den kommenden fünf Jahren tatsächlich was zu tun. Nominiert vom Zentralbankrat und gewählt vom Währungsausschuss des Europaparlaments, wird die Französin in den nächsten Monaten die Grundsteine einer vergemeinschafteten Bankenaufsicht legen, die ab November offiziell an den Start gehen soll. Ihre Hauptaufgabe wird in der Kontrolle der rund hun-dertdreißig größten Geldhäuser im Euroraum liegen – jener als „systemrelevant“ eingestuften Institute, für deren Rettung Europa zumindest bislang jeden Preis zu zahlen bereit war. Darüber hinaus sollen sich der Aufsicht auch solche Länder anschließen dürfen, die (noch) nicht dem Euroraum angehören.

Dass Danièle Nouy für ihr neues Amt fachlich geeignet ist, stellt kaum jemand in Frage. Und auch an persönlichen Voraussetzungen mangelt es ihr nicht, meinen jene, die sie kennen. Die Banker stünden „vor ihr stramm“, formulieren es die einen. Gestandene Manager „fürchten sie“, sagen die anderen. Trotzdem trägt Nouy eine große Last mit sich herum, auch wenn diese nicht auf den ersten Blick offenbar wird. Bislang kontert sie Kritik an der Ansiedlung der neuen Bankenaufsicht unmittelbar bei der Europäischen Zentralbank mit dem Hinweis, Frankreich habe mit diesem Kopplungsmodell die besten Erfahrungen gemacht. Schließlich habe man in ihrem Heimatland bloß ein einziges Institut, nämlich die Dexia-Bank, mit Staatsgeldern retten müssen. Warum also nicht das erfolgreich Erprobte auf Europa übertragen?

Frankreichs Großbanken sind bis heute „Boîte noire“

Doch was Frau Nouy dabei wohlweislich verschweigt, ist die Tatsache, dass sich ausgerechnet die drei größten französischen Banken unter den zehn bilanzstärksten Instituten des gemeinsamen Währungsraums wiederfinden, die bislang trotz eindringlicher Aufforderung durch die EZB keine Angaben zum Thema „umgeschichtete Kredite“ gemacht haben. So sind die Société General, die BNP Paribas und die Crédit Agricole bis heute „schwarze Löcher“, was die tatsächlichen Bilanzrisiken betrifft. So könnten in ihren Büchern zahllose immer wieder verlängerte, aufgespaltene, zusammengeführte, zinsbefreite oder sonstwie umdeklarierte Forderungen gegenüber Kreditnehmern stehen, die eigentlich schon längst ausgefallen sind. Auf diese Weise würde man bestehende Linien mit dem Ziel, Kapital zu schonen und Bilanzen zu schönen, kurzerhand zum Nennwert beibehalten, anstatt sie endlich einmal sauber abzuschreiben.

Doch mit der Konzentration der Aufsicht bei der Europäischen Zentralbank soll nun alles besser werden. So gelobt es auch Danièle Nouy. In einem Interview mit der „Financial Times“ ließ sie kürzlich verlauten, der anstehende „Stress-Test“ der hundertdreißig Großbanken dürfe keinesfalls „zu lasch“ erfolgen, um der Kontrolle der Banken durch die Obrigkeit nun endlich „Glaubwürdigkeit zu verleihen“. Und deshalb soll auch die Analyse verfaulender Kredite zum guten Schluss dann doch noch „nach einem europaweit einheitlichen Bewertungsmaßstab“ erfolgen. Zudem will man sehen, wie die Bankbilanzen „auf bestimmte Risikoszenarien“ reagieren. So sollen die morschen Früchtchen möglichst schon vor dem 1. November aussortiert werden, wenn die Einheitliche Bankenaufsicht dann höchstoffiziell an den Start geht. Man müsse bis dahin „akzeptieren, dass einige Banken keine Zukunft haben“, kündigt Nouy einen heißen Sommer an. Acht Prozent „hartes Kernkapital“ sollten die Institute auch unter den ungünstigsten Rahmenbedingungen schon übrigbehalten. Und wer eben das nicht nachweisen könne, den müsse man dann halt „in geordneter Art und Weise verschwinden lassen“.

Sollte sie mit diesen Worten ernst machen, müsste man Danièle Nouy wirklich eine Auszeichnung verleihen. Mit ein paar bunten Buttons als „Chevalier de la Légion d’Honneur” oder als „Officier de l’Ordre du Mérite“ braucht man ihr allerdings nicht mehr zu kommen. Die hat Madame nämlich schon.

Reihe: EU-Finanzentscheider im Porträt

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