Interview mit Nassar Iamaa

»Die Zukunft meiner Kinder ist Deutschland«

Ist Nassar Iamaa ein Deutsch-Syrer oder ein Syro-Deutscher? Im Interview erzählt er, wie er nach Deutschland gekommen ist und wie er sich als Grenzgänger zwischen zwei Welten fühlt.

Foto: SWDamascus / flickr.com / CC BY-SA 2.0 (Ausschnitt)
Veröffentlicht:
von

FreieWelt.net: Bitte erzählen Sie mir, wie Sie nach Deutschland gekommen sind.

Nassar Iamaa: Ich komme aus Syrien, hundert Kilometer südlich von Damaskus. Ich habe mich 2007 entschieden, nach Deutschland zu gehen, um hier mein Studium fortzusetzen. Ich habe mich bei einer Universität beworben und einen Platz für ein Master-Studium bekommen. Zuerst habe ich vier Monate lang die Sprachschule in Leipzig besucht und dann in Duisburg ein Praktikum gemacht. 2008 bin ich nach Berlin gekommen und habe mein Studium an der Kunsthochschule Weißensee angefangen, das ich 2010 abgeschlossen habe. Seitdem arbeite ich in einer Werbeagentur als Grafiker.

FreieWelt.net: Warum haben Sie sich für Deutschland entschieden?

Nassar Iamaa: Deutschland genießt im Ausland einen guten Ruf. In der Dritten Welt sind die Menschen begeistert von deutschen Produkten. Das Image des Landes ist: Hier ist alles schön, alles läuft perfekt.

FreieWelt.net: Seit Ihrer Ankunft in Deutschland hat sich die Lage in Syrien fundamental geändert, weil dort der Bürgerkrieg ausgebrochen ist. Wie haben Sie das erlebt?

Nassar Iamaa: Wie alle anderen Länder in der Region hatten wir viele soziale und politische Probleme. Als Bashar al-Assad an die Macht kam, haben die Leute auf Reformen von ihm gehofft, aber die sind nicht viel gekommen.

Die Revolution hat am 15. März 2011 angefangen. In den ersten sechs Monaten haben wir nicht geglaubt, dass es eine richtige Revolution oder einen richtigen Krieg geben könnte. Wir haben gedacht, dass es sich um eine Sache handelt, die schnell wieder erledigt ist. Niemand hat damit gerechnet, dass es so brutal und aggressiv, so schlimm werden würde.

FreieWelt.net: Der Ausbruch des Krieges kam also eher überraschend?

Nassar Iamaa: Nicht ganz, vor allem weil der Arabische Frühling schon in anderen Ländern wie Tunesien angekommen war. Es war wie eine Welle, die durch die arabische Welt geschwappt ist. Aber auch vorher hat man viel diskutiert, man war wegen der Unruhe überall – Irak, Jemen, Libanon – einfach angespannt. Es gab so viele Probleme, die ungelöst waren. Und der Konflikt zwischen den Palästinensern und den Israelis hatte mit den Jahren seine Wirkung, weil er dem syrischen Regime erlaubt hat, das Volk unter Druck zu setzen. Wir waren quasi immer im Kriegszustand.

FreieWelt.net: Warum ist es ausgerechnet in Syrien so schlimm gekommen und nicht beispielsweise in Tunesien oder Ägypten?

Nassar Iamaa: Das frage ich mich auch. Ich habe bis jetzt keine Antwort. Wenn ich sehe, was gerade geschieht, fühle ich mich fremd. Das ist nicht das Volk, das ich kenne. Bis 2011 war Religion unter den Syrern kein Thema. Und jetzt dieser Hass – schockierend! Mit der Zeit habe ich allerdings gemerkt, dass hier ein internationales Spiel gespielt wird. Es gibt Interessen von vielen verschiedenen Ländern und politischen Richtungen, und deshalb ist es kein reiner Bürgerkrieg von Syrern gegen Syrer. Zuerst waren ein paar Leute auf der Straße, die etwas mehr Freiheit haben wollten. Aber dann entwickelte sich alles in eine ganz andere Richtung.

FreieWelt.net: Wer spielt da noch eine Rolle? Wer zieht die Fäden?

Nassar Iamaa: In Tunesien oder Ägypten ist alles ziemlich schnell gegangen mit den Reformen – in Syrien hat es bis jetzt kein Ergebnis gegeben. Das Regime hält sich, und man fragt sich, warum. Ist es Absicht, dass sich der Krieg in die Länge zieht und kein Ende hat? Ich glaube, dass die großen Mächte hier das Sagen haben: die Russen und die Amerikaner sehen sich im Spielfeld Naher Osten gegenüber.

Aber auch die Iraner haben im Moment großen Einfluss in Syrien. Sie unterstützen das Regime seit zwei, drei Jahren mit Geld und Waffen. Ihre extreme Ideologie ist aber nicht unsere. Die kommt nicht aus Syrien, sondern wurde in den letzten zwei Jahren importiert, um die Vielfalt in unserer Gesellschaft kaputtzumachen. Aber wer davon profitiert, ist schwer zu sagen. Es gibt zwar viele Vermutungen, aber eine Antwort kann niemand geben.

In den letzten Jahren ist der Krieg dann zum Konfessionskrieg geworden. Christen, Drusen oder Jesiden sind draußen. Da die Minderheiten außerdem nicht bewaffnet sind, was auch so gewollt war, können sie in diesem Krieg keine große Rolle spielen. Ich merke, dass es ein Krieg ist zwischen anderen Ländern: zwischen den Golfländern, Saudi-Arabien, also den Wahabiten auf der einen Seite und dem Iran auf der anderen. Sie bekämpfen sich in unserem Land wie im Libanon, nur dass es in Syrien in einem größeren Maßstab geschieht.

FreieWelt.net: Welche Rolle spielt Deutschland?

Nassar Iamaa: Auf welcher Seite die deutsche Regierung steht, weiß ich nicht. Sie sagte zwar, dass sie das Assad-Regime beseitigen will. Aber vielleicht war das nur für die Medien, denn die syrische Botschaft in Berlin funktioniert ja noch. Im Falle Tunesiens und Libyens war das anders: Da hat die Opposition die Botschaften übernommen, was ein starkes Signal an das jeweilige Regime gewesen ist.

FreieWelt.net: Welche Rolle spielte vor dem Beginn des Bürgerkriegs die Religion im privaten und im öffentlich-politischen Leben?

Nassar Iamaa: Bei uns war alles friedlich. Ich bin Christ, hatte aber kaum christliche Freunde, sondern vor allem muslimische. Aber das war für uns kein Thema. Es funktionierte einfach. Religion war eine private Angelegenheit, und wir hatten Respekt vor der jeweils anderen Religion. Wir haben alle zur syrischen Gesellschaft gehört, die aus verschiedenen Religionen und Konfessionen bestand. Auch als Christ gehörte ich dazu, wir waren ganz einfach Teil der Familie.

Das Regime hat absichtlich Religionsfreiheit gewährt, damit es einen Bereich gab, wo man seine Freiheit üben kann – eben nicht in Richtung Politik. Spannungen traten langsam auf, als es in Afghanistan und Irak Krieg zwischen Sunniten und Schiiten gab. Da hörte man zum ersten Mal, was diese Spaltung bedeutet, wo die Unterschiede zwischen den großen religiösen Gruppen sind. Und wir Minderheiten waren dazwischen.

FreieWelt.net: Gab es im Verlauf des Konfliktes auch den Fall, dass Sie Freunde verloren haben?

Nassar Iamaa: Ja, klar. Ich hatte einen Facebook-Account, aber dort wurde mir die Spaltung zu groß, denn die Leute kamen nicht mehr miteinander klar. Die Diskussionen führen nicht mehr zu einer Lösung. Der Hass stieg, weil immer wieder Bilder gepostet wurden, die mit dem Vorwurf an die andere Seite versehen wurden: Sieh, was deine Leute gemacht haben. Das war für mich eine sehr große Belastung, weil viele meiner Freunde vor dem Konflikt ganz anders gewesen waren.

Medien wie al-Jazeera und andere Sender haben eine sehr negative Rolle gespielt. Die haben Tag und Nacht nur über bestimmte Ereignisse berichtet, die wollten zeigen, dass Sunniten in unserer Gesellschaft verfolgt werden. Aber das war überhaupt nicht der Fall.

FreieWelt.net: Wegen des Krieges sind Sie in Deutschland geblieben. Haben Sie vor, irgendwann nach Syrien zurückzukehren?

Nassar Iamaa: Ich hatte das Ziel, hier mein Studium abzuschließen, Erfahrungen zu sammeln und dann nach Syrien zurückzukehren, weil Syrien junge Leute und Erfahrung aus dem Ausland braucht – damals zumindest. Aber als sich nach 2011 die Unruhe im arabischen Raum breitgemacht hatte, entschied ich mich hierzubleiben, weil man hier eine bessere Zukunft hat. Meine Frau ist 2010 mit einem Visum für die Familienzusammenführung hergekommen. Wir haben jetzt zwei Kinder, und ich glaube, dass für meine Kinder die Zukunft in Deutschland ist. Wir bleiben vor allem wegen unserer Kinder. Die sind hier geboren und gehören zu dieser Gesellschaft. Sie sind mehr Deutsche als Araber oder Syrer.

FreieWelt.net: Wie erklären Sie sich, dass die Einbürgerung so schnell ging?

Nassar Iamaa: Ich habe den Antrag nach sechs Jahren Aufenthalt gestellt. Mir wurde gesagt, dass es eine Ausnahme war. Es ging so schnell, weil ich einen Masterabschluss habe und einen Arbeitsplatz, außerdem meine Steuern und Abgaben zahle. Mit meiner Religion hat das mit Sicherheit nichts zu tun. Ich bin Mitte dreißig, und ich glaube, dass das Land junge Leute braucht. Meine Frau und ich können die Zukunft Deutschlands noch mitgestalten. Das ist auch unser Ziel, denn das Land hat uns viel gegeben und wir würden gerne etwas zurückgeben.

Ich bin zwar sehr zufrieden mit der schnellen Einbürgerung, aber dieses Land ist nicht mein Heimatland, sondern meine zweite Heimat. Auch wenn ich für immer hier leben werde, kann ich die ersten 27 Jahre meines Lebens nicht einfach vergessen. Deshalb hoffe ich auf eine bessere Zukunft für Syrien und dass es dort wieder bergauf geht.

FreieWelt.net: Was können die Deutschen tun, um Konflikte wie in Syrien verhindern zu helfen?

Nassar Iamaa: Für mein Studium habe ich ein Stipendium vom Katholischen Akademischen Ausländerdienst (KAAD) erhalten. Das Ziel dieser Stiftung ist, dass man hier studiert, Erfahrungen sammelt und anschließend wieder in seine Heimat zurückkehrt, um dort mitzugestalten. Solche Programme braucht man für die Entwicklung von Ländern der Dritten Welt. Man lebt gut in Deutschland. Aber wir müssen auch den Nachbarn dabei helfen, sich zu entwickeln.

FreieWelt.net: Danke für das Gespräch.

Ihnen hat der Artikel gefallen? Bitte
unterstützen Sie mit einer Spende unsere
unabhängige Berichterstattung.

Abonnieren Sie jetzt hier unseren Newsletter: Newsletter

Kommentare zum Artikel

Bitte beachten Sie beim Verfassen eines Kommentars die Regeln höflicher Kommunikation.

Gravatar: H.von Bugenhagen

Na ist denn das...

»Die Zukunft meiner Kinder ist Deutschland«
Das kann nur jemand sagen ,der die derzeitige Situation hier nicht einschätzen kann

Gravatar: H.von Bugenhagen

Leider können die Arbeitsplätze von den Alten und Uralten nicht für die jungen Leute frei gemacht werden da sie bis zur Rente mit 70 oder bald auch bis 80 Jahre Arbeiten müssen um die Sozialhilfe der nicht arbeitenden Jungen zu finanzieren.Gesetz ist Gesetz auch wenn es in die Tonne gehört.

Gravatar: Song Mali

Zitat: "... Spannungen traten langsam auf, als es in Afghanistan und Irak Krieg zwischen Sunniten und Schiiten gab. Da hörte man zum ersten Mal, was diese Spaltung bedeutet, wo die Unterschiede zwischen den großen religiösen Gruppen sind. Und wir Minderheiten waren dazwischen. ... Der Hass stieg, weil immer wieder Bilder gepostet wurden, die mit dem Vorwurf an die andere Seite versehen wurden: Sieh, was deine Leute gemacht haben. ... Medien wie al-Jazeera und andere Sender haben eine sehr negative Rolle gespielt. Die haben Tag und Nacht nur über bestimmte Ereignisse berichtet, die wollten zeigen, dass Sunniten in unserer Gesellschaft verfolgt werden ... "

Immerhin darf Nassar Iamaa etwas zum ideologischen Grund des Hasses und gegenseitigem Abschlachten sagen.

Nassar Iamaa: "Auf welcher Seite die deutsche Regierung steht, weiß ich nicht. ..."

Ja, wer weiss dass schon!? Und vermtl. die "deutsche" Regierung selbst am wenigsten. Denn diese ist nicht in der Lage 'deutsche Interessen' zu formulieren, geschweige denn durchzusetzen.

Gravatar: robert renk

German Angst

da ist sie wieder die German Angst !

Gravatar: Sarah

"Das Ziel dieser Stiftung ist, dass man hier studiert, Erfahrungen sammelt und anschließend wieder in seine Heimat zurückkehrt, um dort mitzugestalten"

Wie naiv kann man sein! Der Plan geht nicht auf, die bleiben lieber hier. Wie Nassar schon sagt: "Man lebt gut in Deutschland"! Zuhause das eigene Land aufbauen - nö, keine Lust, weshalb denn?

Gravatar: Joachim Datko

Mir sind zwei Aspekte wichtig:

- Den jungen Menschen eine Chance geben. Es gibt viele sehr gut situierte ältere Menschen, die an ihrer Arbeit wie eine Klette kleben, obgleich sie auch ohne Arbeit gut leben könnten. Jeder frei werdende Arbeitsplatz gibt dem Nachwuchs eine Chance, sich gesellschaftlich zu etablieren.
Siehe: http://www.freiewelt.net/es-gibt-nur-eine-absolut-sichere-geldanlage-10025490/

- Die Schulen sollen weiterhin massiv auf Humanismus und naturwissenschaftliche Bildung setzen. Religionsunterricht führt zu einem mangelhaften Selbstbewusstsein und zu Zwietracht, er ist abzubauen. Kinder mit einer anderen Muttersprache sollten so früh wie möglich Deutschunterricht erhalten. Hier sind wir auf einem guten Weg.

Gravatar: Jörg Müller

"Es funktionierte einfach."

Schaut man sich das Ergebnis an, denke ich eher: Nein, es funktioniert eben nicht. Ein kleiner Anlaß, ein Funke, und schon brennt das ganze Land. Ich hab hier meine Bedenken, daß es in unserem Land ähnlich ablaufen könnte, bei der derzeitigen Einwanderungspolitik.

Gravatar: Jakob

Herrn Nassar Iamaa wünsche ich alles gute für sich und seine Familie,

aber ich glaube Er täuscht sich wenn Er für seine Kinder eine bessere Zukunft in Deutschland – Europa sieht, das Wachstum der BRD wird im nächsten Jahrzehnt Rapide zu Ende gehen, und durch die jetzige Asyl-Politik werden auch die Weichen für immer mehr Rassismus gelegt so das es auch in Deutschland und Europa zu bewaffneten Auseinandersetzungen kommen wird, den Er sollte es am besten Wissen wenn die Menschen mit dem Rücken zur Wand stehen dreht sich die Stimmung einer Gesellschaft rapide.
Wenn ER eine Möglichkeit hat sollte Er Europa verlassen um seiner Kinder willen, zum Beispiel nach Neuseeland oder Australien.

Schreiben Sie einen Kommentar


(erforderlich)

Zum Anfang