Interview mit Prof. Roland Vaubel über die Geldpolitik der EZB

»Das kann noch Jahre so weiter gehen«

Roland Vaubel ist Professor für Politische Ökonomie an der Universität Mannheim. Die Freie Welt sprach mit ihm über die Auswirkungen der gegenwärtigen Politik der EZB.

Foto: privat (R. Vaubel)
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Freie Welt: Es kursieren Pläne zur Erhöhung der Geldmenge durch die Europäische Zentralbank (EZB), da im Euroraum eine Deflation drohen würde. Ist das angemessen?

Prof. Dr. Roland Vaubel: Die Geldpolitik sollte nicht noch expansiver werden. Es ist immer falsch, sich an der laufenden Inflationsrate zu orientieren, denn sie ist das Ergebnis der Geldpolitik von vor zwei oder drei Jahren. Die Geldpolitik sollte sich nach der aktuellen Geldnachfrage und dem aktuellen Geldangebot ausrichten. Das Wirtschaftswachstum der Eurozone hat sich gut erholt und liegt jetzt übers Jahr bei 0,9 Prozent. Die Geldmengenexpansion beträgt 5,2 Prozent für M1 und 0,8 Prozent für M3. Eine Deflation deutet sich nicht an, und selbst wenn es anders wäre, könnten wir sie heute nicht mehr verhindern.

Freie Welt: Wie bewerten Sie die Idee der EZB, Staatsanleihen für jährlich eine Billion Euro zu erwerben?

Prof. Dr. Roland Vaubel: In dieser Situation wäre es ganz falsch, wenn die EZB wieder anfinge, Staatsanleihen zu kaufen. Wenn die EZB überhaupt jemals wieder Anleihen kauft, dann private. Es ist nicht die Aufgabe der Notenbank, staatliche Haushaltsdefizite zu finanzieren. Und wenn die EZB wie bisher nur die Anleihen der überschuldeten Euro-Staaten kauft, wäre das – auch nach Einschätzung des Bundesverfassungsgerichts – vertragswidrig.

Freie Welt: Bei vergangenen Ankäufen von Staatsanleihen kündigte die EZB an, die geschaffene Liquidität wieder aus dem Geldkreislauf zu nehmen. Wäre das bei einer zusätzlichen Billion Euro pro Jahr überhaupt möglich?

Prof. Dr. Roland Vaubel: Der Betrag ist zu groß, als dass er mit Hilfe der üblichen Refinanzierungsgeschäfte »sterilisiert« werden könnte. Die EZB könnte jedoch die geschaffene Zentralbankgeldmenge auf andere Weise wieder aus dem Markt nehmen – zum Beispiel, in dem sie Termineinlagen hereinholt oder Devisenreserven verkauft. Aber sie will ja in Zukunft gar nicht mehr voll sterilisieren.

Freie Welt: Ist der Eindruck zutreffend, dass die EZB hauptsächlich Politik für die Krisenstaaten auf Kosten der übrigen Mitgliedsländer der Eurozone betreibt?

Prof. Dr. Roland Vaubel: Ja. Im EZB-Rat hat sich – unter der Führung Frankreichs und Italiens – eine Mehrheitskoalition von Vertretern der überschuldeten Länder gebildet, die in erster Linie die Interessen der Regierungen dieser Länder – nicht das Interesse der gesamten Eurozone – vertritt.

Freie Welt: Wann ist eigentlich mit dem Auslaufen der »unkonventionellen« Maßnahmen der EZB zu rechnen?

Prof. Dr. Roland Vaubel: Das kann noch Jahre so weiter gehen.

Freie Welt: Was bedeutet die ungebremste Ausdehnung der Zentrabankgeldmenge für die wirtschaftliche Stabilität und die Ersparnisse der Bürger?

Prof. Dr. Roland Vaubel: Früher oder später wird sich auch das Geldmengenwachstum stark beschleunigen. Ich glaube nicht, dass der EZB-Rat dann rechtzeitig die Zinsen erhöht. Die Regierungen der überschuldeten Staaten werden das verhindern. Dann kommt es zur Inflation. Ich rechne zum Ende des Jahrzehnts mit hohen Inflationsraten. Die Bürger werden gut daran tun, ihre Ersparnisse nicht in Euros anzulegen.

Freie Welt: Wie muss sich der Sparer künftig verhalten?

Prof. Dr. Roland Vaubel: Er sollte rechtzeitig zu Aktien und Sachwerten umschichten.

Freie Welt: Hat der Euro eine Zukunft?

Prof. Dr. Roland Vaubel: Wenn sich die europäische Währungsunion zu einer Inflationsgemeinschaft entwickelt, kann Deutschland – nach dem Maastricht-Urteil des Bundesverfassungsgerichts – aus dem Euro austreten, ohne die EU zu verlassen. Aber vielleicht verlieren die Franzosen schon vorher das Interesse am Euro.

Freie Welt: Wäre der Euro seinerzeit eingeführt worden, wenn die Folgen bekannt gewesen wären?

Prof. Dr. Roland Vaubel: Nein. Dann wären Genscher und Kohl nicht 1988 auf die Idee gekommen, die D-Mark aufzugeben, um sich dadurch eine europäische Außen- und Verteidigungspolitik einzuhandeln.

Freie Welt: Herr Professor Vaubel, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

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Kommentare zum Artikel

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Gravatar: P.Feldmann

Danke für das Interview! SO sieht Sachverstand die Sachlage. Von was für "Sachkundigen" lassen sich eigentlich so Figuren wie Schäuble beraten, oder beraten die ihre Berater, da Sachkenntnis eh unerwünscht ist?!

Gravatar: Andreas Schneider

Die Frage "Wäre der Euro seinerzeit eingeführt worden, wenn die Folgen bekannt gewesen wären?" ist mir unverständlich.

Natürlich, genau die jetzige Entwicklung war nicht vorhersehbar. Aber dennoch gab es doch mehr als genug warnende Stimmen vor einer Gemeinschaftswährung, die zumindest eine solche Tendenz beschrieben.

Es ist daher doch wohl weniger die Frage, ob die Folgen bekannt gewesen wären als die, wieso man schon damals die Kritiker diffamierte und ihnen z. T. "rechte" Gesinnung u. a. m. unterstellte.

Der Euro ist die erste Währung dieser Welt, die sich nicht als wirtschaftliche Abrundung eines bestehenden oder sich konstituierenden politischen und gesellschaftlichen Umfelds entwickelte, sondern die als rein politisches Konstrukt Wegbereiter einer Einigung auf europäischer Ebene werden sollte, wie auch immer - in letzter Konsequenz eine Umkehrung der tatsächlichen Notwendigkeiten.

Und auf dieses "Wie auch immer" sucht man noch heute nach Lösungen. Wie nach einem Deckel auf den Brunnen, nachdem das Kind schon lange unten im Sumpf liegt.

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