Interview mit Vera Lengsfeld

»Bodo Ramelow ist das Trojanische Pferd der Linken«

Sollte Bodo Ramelow (Linke) nach der Wahl in Thüringen Ministerpräsident werden, wäre das ein Schlag ins Gesicht der friedlichen Revolution von 1989 in der DDR, meint Vera Lengsfeld.

Foto: Andreas Kobs
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FreieWelt.net: In Thüringen tritt auch Die Linke zur Wahl an und hat gute Chancen, in die Regierung zu gelangen. Sie sind allerdings der Meinung, dass die SED sich bloß umbenannt hat und weiterexistiert. Wie kommen Sie darauf?

Vera Lengsfeld: Beim letzten SED-Parteitag im Dezember 1989 ist die Mehrzahl der Delegierten mit dem festen Vorsatz nach Berlin gefahren, die SED aufzulösen. Damals, unter dem Eindruck des Mauerfalls, des absoluten Autoritätsverlustes der SED und geplagt von Scham und Reue. Doch das hat Gysi verhindert, weil er damals mit einer mehrstündigen Rede den Delegierten klargemacht hat: Wenn ihr die SED auflöst, dann ist das Vermögen futsch. Also wurde die SED nicht aufgelöst und Gysi zum Parteivorsitzenden gewählt.

Dann hieß die SED sechs Wochen lang SED/PDS. Als der Runde Tisch am 30. Januar 1990 die Wahl für die Volkskammer festlegte, hieß die Partei nur noch PDS, weil man sich bessere Chancen versprach. Danach hat sie sich noch mehrmals umbenannt. Aber Umbenennungen machen noch keine neue Partei, und das Personal von 1989 – Gysi, Brie, Roland Claus, Sahra Wagenknecht – ist auch heute noch das Spitzenpersonal.

FreieWelt.net: Aber wäre das anders gewesen, hätte sich die Partei aufgelöst und unter einem anderen Namen neu gegründet?

Vera Lengsfeld: Ja, natürlich. Vor allem hätte sie ihr ganzes Vermögen verloren. Sie hätte wie alle anderen Neugründungen in der DDR bei Null anfangen müssen. Sie hätte nicht die enorme Menge Geld gehabt, um jede Wahlschlacht und jeden Prozess führen können, den sie für notwendig hielt. Sie hätte nicht den Apparat zur Verfügung gehabt, den sie für ihre Wahlpropaganda einsetzen konnte und so weiter.

FreieWelt.net: In Thüringen kandidiert für die Linkspartei jetzt Bodo Ramelow, den Sie einmal als machtversessen bezeichnet haben. Können Sie mir erklären, warum?

Vera Lengsfeld: Weil er wild entschlossen ist, Ministerpräsident zu werden, obwohl seine Partei bei jeder Wahl Stimmen verliert. Bei der letzten Bundestagswahl hat die Linkspartei ein Viertel ihrer Stimmen verloren – mehr als die Grünen. Auch bei der Sachsenwahl hat sie Stimmen verloren, obwohl die extrem niedrige Wahlbeteiligung traditionell immer die Linke begünstigt, weil ein linker Wähler immer zur Wahl geht, es sei denn, er stirbt.

FreieWelt.net: Aber die absolute Mehrheit wird die Linkspartei doch sicherlich nicht erringen. Sie braucht einen Koalitionspartner.

Vera Lengsfeld: Ramelow kann nur an die Macht kommen, wenn sich die SPD entschließt, ihn an die Macht zu bringen. Das wird sich nach der Wahl entscheiden, wenn 4.400 SPD-Mitglieder darüber abstimmen, ob ihre Partei ein Bündnis mit den Linken eingeht und Herr Ramelow zum Ministerpräsidenten gewählt wird – oder eben nicht. Da nach allen Umfragen die Mehrheit der Thüringer gegen ein rot-rotes oder rot-rot-grünes Bündnis in Thüringen ist, wäre das allerdings eine grobe Missachtung des Wählerwillens.

Mich stört, dass bei der Wahl der Wähler nicht weiß, was er wählt, weil die SPD nicht Klartext redet – offensichtlich auch deshalb, weil sie weiß, dass die Idee, mit der Linkspartei zu koalieren, auf Ablehnung bei den Wählern stößt. Deshalb will sie erst nach der Wahl eine Mitgliederbefragung über die Koalition abhalten. Doch damit wird der Wählerwille ausgehebelt. Das Vorhaben der SPD ist eine Farce und eine Täuschung der Wähler.

FreieWelt.net: Ramelow kommt aus dem Westen. Ist das ein Zeichen für eine personelle Erneuerung der Linkspartei?

Vera Lengsfeld: Nein, die Westler in der Linkspartei sind nach wie vor in der absoluten Minderheit. Es ist der SED-Linkspartei nicht gelungen, sich grundlegend personell zu erneuern. Ramelow ist sozusagen das Trojanische Pferd, das nach außen signalisiert: Leute, seid ganz ruhig, die Partei hat sich personell erneuert mit ganz neuen Personen, habt keine Angst. Diese Botschaft will sie im Wahlkampf unter die Leute bringen.

FreieWelt.net: Und Sie denken jetzt, dass Ramelow etwas anderes im Schilde führt.

Vera Lengsfeld: Im Linken-Wahlprogramm steht zum Beispiel, dass man Cannabis-Stuben einrichten will – das ist eine Forderung, die in der Partei nicht mehrheitsfähig ist. Sie demonstriert, welchen Spagat die Partei machen muss, um ihre Linksaußenpositionen möglichst niemanden bemerken zu lassen.

Sie stehen alle im Programm, aber in Ramelows Reden kommen sie nicht vor. Also spricht er kontroverse Themen im Wahlkampf erst gar nicht an. Da kommt nur Bildungspolitik vor, die Entwicklung der ländlichen Räume, solide Finanzen; er verspricht sogar den politischen Häftlingen der DDR, das er sich für eine Monatsrente von 500 Euro einsetzt. Er verspricht sozusagen allen alles.

FreieWelt.net: Was passiert, wenn die Linke in die Regierung eintritt und dann sogar den Ministerpräsidenten stellt?

Vera Lengsfeld: Ramelow würde als Ministerpräsident des Landes Thüringen Präsident des Bundesrates sein, wenn die Feierlichkeiten zum 25. Jahrestag der Deutschen Einheit begangen werden. Die finden in Erfurt statt. Dass die dann von einem Linke-Ministerpräsidenten geleitet werden würden, kann man fast schon als Konterrevolution bezeichnen.

FreieWelt.net: Und wie sieht es auf dem Gebiet der Gesetzgebung und der politischen Alltagsarbeit aus? Befürchten Sie hier eine Veränderung zum Schlechten?

Vera Lengsfeld: Die Linke ist nach wie vor keine verlässliche Partei. Das jüngste Beispiel: Gysi, der Linken-Fraktionsvorsitzende, forderte die Bewaffnung der kurdischen Peschmerga. Es widersprachen die Parteivorsitzenden, die Forderung wurde kassiert. Und wenn der Bundestag dafür stimmt, dass die Peschmerga Waffen bekommen, meldet die Partei Verfassungsbedenken an. Die Linke ist aber nach wie vor aufs Engste mit der immer noch als terroristische Vereinigung eingestuften PKK verbandelt. Auch wenn Gysi seine Äußerung wieder zurücknehmen musste, war damit ein klares Signal in Richtung PKK gesendet: Wir setzen uns für Waffenlieferungen ein. Das andere Signal geht nach Deutschland: Wir sind die Friedenspartei. Das ist für mich Heuchelei.

FreieWelt.net: Würden Sie der CDU – insbesondere der in Thüringen – einen Rat geben?

Vera Lengsfeld: Sie sollte sich offensiver mit der Linken auseinandersetzen. Das hat sie früher einmal getan, doch ausgerechnet jetzt tut sie es nicht. Ich habe gehört, dass man Angst vor dem Vorwurf hat, eine Rote-Socken-Kampagne zu führen. Aber Angst ist ein schlechter Ratgeber. Und zwischen einer Rote-Socken-Kampagne und einer intelligenten Auseinandersetzung mit der Linken ist ein weites Feld, das beackert werden müsste. Ich habe von einigen CDU-Funktionären zwar die Nachricht erhalten, man würde um jede Stimme kämpfen. Ich wäre froh, wenn mein Eindruck, dass die CDU sich nicht ausreichend mit der Linken auseinandersetzt, falsch wäre.

FreieWelt.net: Man hört immer wieder, dass die Linke und die NPD Berührungspunkte haben. Ist das wahr?

Vera Lengsfeld: Es gibt zwischen beiden Parteien große programmatische Übereinstimmungen, zum Beispiel in der Sozialpolitik. Als ich vor kurzem Bodo Ramelow in Sondershausen zugehört habe – übrigens als einzige Zuhörerin, die nicht zu seinen Wahlhelfern gehörte –, hat er am Ende seiner Rede noch erzählt, wie die Linkspartei die Familien stärken möchte. Plötzlich fuhr hinter der Tribüne der Wagen des NPD-Kandidaten vor, auf dem geschrieben stand: »Familien stärken!« Auch bei den Anti-Hartz-Kundgebungen sind sie des öfteren gemeinsam in einem Zug marschiert, wen auch an verschiedenen Enden.

FreieWelt.net: Ist Thüringen, was eine rot-rote Regierung angeht, ein Experimentierfeld für andere Länder oder für die Bundes-SPD?

Vera Lengsfeld: Das werden die im Bund nicht hinbekommen, weil die Linke dort nur sechs bis acht Prozent auf die Waage bringt. Man muss aber annehmen, dass die SPD mit der Linken koalieren würde, wenn sie das könnte.

FreieWelt.net: Vielen Dank für das Gespräch.

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Kommentare zum Artikel

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Gravatar: Bernd Diedler

zum Biermann Auftritt im Bundestag:

ein Zitat aus einem anderen Blog: Matthias, Freitag, 07.November, 14:13 Uhr

13. Danke das es einer mal ausgesprochen hat !

Endlich spricht einer im Bundestag Tacheles im sonst politisch korrekten Staatsbetrieb.
Es ist eine Schande für unser Land, dass ehem. Aktivisten der SED immer noch dabei sind uns allen eine andere Republik aufzuzwingen:
Zitatende

Über den Umgang der ach`so mensclichen Cristlichen Demokraten mit den Blockflöten Parteien der DDR hat Biermann nichts gesagt, ob die Bundestagsabgeordeten dann auch wie die dummen applaudiert hätten?
Er hätte noch die Chefin der Linken ansprechen müssen wo die zum Mauerfall war und fast hätter er gespuckt..................

Der Biermann ist bei mir unten durch seit er den Irakkrieg des Bush befürwortet hatte............

Gravatar: Monika

Wer so viel erlebt hat, wie Frau Lengsfeld, kann auch einiges zur Politik der Linken sagen. Sie hat am eigenen Leib erfahren müssen, was es bedeutet bespitzelt zu werden, im Gefängnis zu sitzen und dann außer Landes geschickt zu werden.
Wenn einer die Linken beurteilen kann, dann Frau Lengsfeld!
Sie hat einen klaren Blick auf die Verhältnisse in Thüringen.
Ich hoffe immer noch, dass sich vielleicht einige SPD-Mitglieder finden, die bei der Abstimmung "Nein" zu diesem ganzen links-links-grünem Vorhaben sagen.

Gravatar: Jörg Plath

Danke, Vera! Eine starke und unerschrockene Stimme für die Opfer des Regimes, die Klartext redet. Und: Auch hier haben sich wohl irgendwelche linken Schmierfinken im Kommentarforum eingefunden. Das Phänomen hat selbst der Spiegel auf seiner Seite öffentlich gemacht.

Gravatar: Panewalk

Naja, Frau Lengsfeld glaubt alles zu wissen. Lassen wir sie in ihrem Glauben

Gravatar: Hanns-Jürgen Bendrin

Diese Frau Lengsfeld hat anscheinend gar keine Ahnung was sie da von sich gibt,schwurbelt nur nach was man ihr von welcher Seite auch immer vorgibt. Mit keinem Wort der Zusammenschluß von von WASG und PDS in Erwähnung. Mit keinem Wort die Erwähnung wer sich das Vwermögen der ehemaligen SED reingetan hat,nämlich die OST FDP und die Ost CDU,also ist dieses in die heutige CDU und FDP eingeflossen. Darüber spricht aber komischer Weise kein Mensch,auch nicht diese komische Frau Lengsfeld. Kann sie nicht,will sie nicht oder...darf sie nicht?

Gravatar: Lutz 9

Hundertprozent Zustimmung. Frau Lengsfeld ist verblendet und ungerecht.

Gravatar: Roman Bodurka

Sehr geehrte Frau Lengsfeld,

wieder einmal treten Sie als moralisches Gewissen an die Öffentlichkeit um Ihre eigene, auf irrigen Annahmen beruhende Kritik in die Welt zu setzen.

Ob das "Trojanische Pferd" durch einen Politiker der Linken oder den anderen Parteien verkörpert wird ist unter Wissenden völlig unerheblich, zumal es die Machtbessenen Parteien und ihren obrigkeitshörigen Mitgliedern sind, die ich als "Parasiten" im "Termitenbau in Gestalt der Bundesrepublik Deutschland" bezeichne.

Es wäre nicht nur ein Schlag ins Gesicht (...)wäre das ein Schlag ins Gesicht der friedlichen Revolution von 1989 in der DDR,..." wie Sie sagen, sondern schon seit nunmehr 65 Jahren ist es als ein Schlag ins Gesicht des Bonner Grundgesetzes zu bezeichnen, das die Parteien auch noch mit ihren Füßen traktieren.

Gründe
Die Grundrechtepartei hat seit August 2010 mit ihren meinungsfreien wissenschaftlichen Expertisen nachgewiesen, dass seit 65 Jahren alles andere als das Bonner Grundgesetz als ranghöchste Rechtsnorm der Bundesrepublik Deutschland geübte Praxis ist. Klammheimlich wird bis heute verfassungswidrig die NS-Rechtsordnung auf der Basis purifiziertem nationalsozialistischen Rechts in der Bundesrepublik Deutschland von solchen Menschen praktiziert (Quelle: u. a. Laage, C., Die Auseinandersetzung um den Begriff des gesetzlichen Unrechts nach 1945, in: Redaktion Kritische Justiz (Hg.), Die juristische Aufarbeitung des Unrechts-Staats, Baden-Baden 1998, S. 265-297.), die nicht wirklich an der Umsetzung und Anwendung der ranghöchsten Rechtsnorm der Bundesrepublik Deutschland in Gestalt des Bonner Grundgesetzes interessiert sind. Dieses verfassungswidrige hoheitliche Handeln nennen die bundesdeutschen Täter “rechtsstaatliches” Handeln. Eine Diktatur wie das NS-Terrorregime trägt komischerweise auch das Prädikat “Rechtsstaat” oder man schaut sich rückblickend die Deutsche Demokratische Republik an, die ebenfalls für sich das Prädikat “Rechtsstaat” in Anspruch genommen hat.

Wenn ihresgleichen noch ein Gewissen hat, dann frage ich mich wie es sein kann, daß dies in Parlamenten ungehört an der Tür verraten wird.

Gravatar: ich

Mein Gott, jedes Jahr wird die Längsfeld abgedrehter. Wer "Familien stärken" will, ist also NPD-nah. Fragen Sie doch mal Frau Wollenberger über ihre DDR-Vergangenheit, als sie Kommilitonen gemaßregelt hat, wenn diese nicht zu 100 Prozent auf SED-Linie waren.

Gravatar: Klartexter

Frau Lengsfeld, nun ziehen sie mal die Bremse an. Was hat Bodo Ramelow mit der friedlichen Revolution zu tun. Er ist ein gestandener Gewerkschafter aus dem Westen und gehört also von Geburt an zu den Guten. Was meinen Sie mit friedlicher Revolution. Nur weil keine Schüsse gefallen sind. Die Einverleibung der DDR war keine große Tat, sondern geschah aufgrund des Verrats von Gorbatschow an der DDR und ihrer Werte. Die Masse der Punkte die von der Linken fordert werden, könnte ich sogar als Altliberaler unterschreiben. Ich habe mir einen Wahlkampfauftritt von Gregor Gysi angehört und was er gesagt hat, dass stimmt sogar. 24 Jahre nach der so genannten Wiedervereinigung gibt es immer noch Deutsche erster Klasse und Deutsche zweiter Klasse. Das beginnt z. B. mit der Mütterrente, wo eine westdeutsche Mutter mehr Rentenpunkte erhält als eine ostdeutsche Mutter. So zu sagen haben Westkinder einen höheren Wert. Mich erschreckt kein Kommunismus in diesem Land mehr, weil er vielfach harmloser für die Menschen ist, als die mit aller Gewalt importierte Ideologie des Islam. Und Frau Lengsfeld, haben Sie sich mal die Fernsehauftritte der noch amtierenden Ministerpräsidentin gesehen. Was die sagt ist weniger als nichts. Außerdem muss man bei dieser Schwarz-Roten Regierungskoalition an die nicht wenigen Skandale um Minister und sonst was denken. Selbst die mit der Mehrheit von CDU und SPD gefassten Beschlüsse zur Bildung etc. hat sie und ihre SPD Gegenkandidatin vergessen, woran sie aber von Uwe Barth von der FDP im MDR-Fernsehen erinnert wurde. Thüringen braucht den Wechsel und zwar jetzt und mit der FDP und der AfD im Landtag und ohne Frau Lieberknecht als Ministerpräsidentin.

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