Wem nutzt die Früheinschulung?

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In Berlin und Brandenburg längst Realität streben immer mehr Bundesländer – u.a. Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen – an, das Einschulalter von bisher 6 auf 5 Jahre sukzessive herabzusetzen. Erst kürzlich kritisierte Bildungsministerin Annette Schavan das Einschulalter von 6 Jahren als zu spät und formulierte die Forderung nach möglichst frühzeitiger Einschulung. Schon 1997 beschloß die Kultusministerkonferenz, die vorzeitige Einschulung zu erleichtern und die Zurückstellung vom Schulbesuch zu erschweren. Kinder haben einen natürlichen Drang nach Wissen und den gelte es möglichst früh schulisch zu nutzen. Zudem würden die Kinder damit schneller einen Schulabschluß erreichen und könnten so frühzeitig in den Arbeitsmarkt einsteigen und vor allem international konkurrenzfähig sein.

In der Regel entscheidet eine schulärztliche Untersuchung, zumeist durch das Gesundheitsamt durchgeführt, ob ein Kind den Anforderungen zur Einschulung entspricht. Untersucht werden die körperliche Entwicklung, die Sprache und die kognitive Reife des Kindes. In einigen Bundesländern hat die zukünftige Schule die Option, sich nach einem Probeschultag für oder gegen die Einschulung des Kindes auszusprechen. Die Möglichkeit für die Eltern, ihr Kind zurückstellen zu lassen, gibt es in Deutschland nicht mehr, es sei denn, das Kind weist gravierende gesundheitliche oder sprachliche Defizite auf. Doch selbst in diesem Punkt setzt man eher darauf, das Problem bis zur Einschulung durch Ergo-, Logo- oder Physiotherapie zu lösen, als dem Kind mehr Zeit im Kindergarten oder daheim zu gewähren.

Dabei zeigen eine ganze Reihe verschiedener Untersuchungen zu diesem Thema, daß das frühzeitige schulische Lernen gegenüber dem außerschulischen spielerischen Erwerb von Erfahrungen und Wissen keine Vorteile bringt. In einem großangelegten Versuch in Nordrhein-Westfalen wurden zwischen 1970 und 1977 die Lernerfolge früheingeschulter Kinder mit denen der Kindergartenkinder verglichen. Die Untersuchung „Head Start“ ergab, daß es keine signifikanten Vorsprünge für Früheingeschulte gab. Ganz im Gegenteil zeigte sich ein kleiner Vorteil für die Kinder, die später eingeschult worden sind. Auch die Praxis in Berlin und Brandenburg zeigt, daß viele Kinder noch nicht reif für die Schule sind. Eltern klagen über überforderte Kinder, die in der Schule nicht mitkommen und das angesetzte Hausaufgabenpensum nicht schaffen, denen die Frühstückspause zu kurz ist und der Umgang mit Mitschülern schwer fällt. Besonders absurd wird es, wenn den Lehrern angesichts der Überforderung ihrer Schüler nichts anderes übrig bleibt, als Anträge auf sonderpädagogischen Förderbedarf und auf Übernahme durch eine Förderschule zu stellen.

Dessen ungeachtet halten die Bundesländer an der Idee der Früheinschulung fest, weil es offensichtlich gar nicht um das Kindeswohl geht. Vielmehr sieht man in der frühzeitigen Einschulung eine Möglichkeit, den Geldbeutel zu schonen. Ein möglichst früh eingeschultes Kind muß weniger lang betreut werden. Zudem ist der Betreuungsschlüssel in Schule und Hort günstiger, als in der Kita. Und noch ein zweiter Punkt dürfte eine nicht ganz unwesentliche Rolle spielen – die Schulpflicht in Deutschland macht es möglich: Je früher die Kinder eingeschult werden, desto früher sind sie in der Obhut des Staates. Bei einer verpflichtenden Vorschule bzw. einem verpflichtenden letzten Kitajahr – eine in letzter Zeit häufig formulierte Forderung –, hätte der Staat alle Kinder ab 4 Jahren unter seiner Kontrolle, ganz ohne eine allgemeine Kitapflicht.

Unter dem Deckmantel der Chancengleichheit wird den Eltern mehr und mehr die Verantwortung für ihre Kinder entzogen. Nicht sie läßt man die Schulreife ihrer Kinder einschätzen, sondern eine halbstündige Untersuchung entscheidet darüber, ob und wann ein Kind eingeschult werden soll. Sukzessive wird die Zeit, die die Eltern ohne Fremdbestimmung und –einwirkung mit ihren Kindern verbringen können, verkürzt. Noch hat der Staat die Hand nicht an der Wiege, am Dreirad ist sie aber schon sehr nah dran.

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Kommentare zum Artikel

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Gravatar: Felix Jonczyk

Ein Schelm, wer Böses dabei denkt:

Wer früher eingeschult wird, ist auch früher mit der Ausbildung fertig. Das klingt erstmal gut.

Bei genauem Hinsehen stellt man fest, daß damit auch ein Jahr Kindergeld weniger gezahlt werden muss und das "Kind" ein Jahr früher ins erwerbsleben eintritt als fleissiger Steuer- und Beitragszahler. Wenn man diesen Effekt ausrechnet, wird einem schwindelig.

Das Gleiche gilt auch für die Verkürzung des Gymnasiums durch G8. Im Idealfall (Früheinschulung + G8) spart der Staat 2 Jahre Kindergeld und hat 2 Jahre früher einen Steuerzahler.

Gravatar: Freigeist

@Waltraud Lang
Hallo,
im Artikel kommt zweimal das Wort Seele vor.
Seele ist ein Begriff aus all den Religionen auf dieser kleinen Erde. Was halten Sie von dem Begriff "Persönlichkeitsentwicklung" und lassen "Seele" beim Pfarrer, Popen, Mullah, Schamanen, Medizinmann etc. verortet?
Grüße
Freigeist

Gravatar: Freigeist

Hallo,
heute habe ich mir das Buch "Wie Kinder heute lernen" gekauft. Der Autor ist Neurobiologe.
Mal sehen, was ich an Neuigkeiten erfahren kann.
Bin gespannt.
Grüße
Freigeist

Gravatar: spyboy

also erlich mal, das is ja wie in der ehemaligen, bloß unter staatskontrolle die Kinders!

Gravatar: Lars-Michael Lehmann

Es wäre vielleicht eine vernünftige Überlegung die Kinder eben individuell im alter von 6,7,8 Jahren ein zu schulen. Denn jedes Kind entwickelt sich anders.

Außerdem sollte man auch einmal die Kinder, Kinder sein lassen. Obwohl Früh-kindliche Bildung im vernünftigen Maße sicherlich wichtig ist.

Gravatar: Franz Josef Neffe

Wenn unsere Schule nicht das exakte Gegenteil von dem wäre, was das Wort Schule bedeutet, könnte es durchaus interessant sein, keine wie auch immer künstlichen Grenzen zwischen "Schule" und Kind zu ziehen. SCHOLAE war ja bei den alten Griechen ein Freuraum, den man beansprichte, um wieder zu sich selbst zu finden und mit sich selbst eins zu werden.
Zu einer Unterrichtsvollzugsanstalt braucht es Grenzen schon aus Gründen des Selbstschutzes. Wenn wir Kinder einschulen, dann machen wir sie zum OBJEKT der Ein- und Beschulung. Objekte wachsen nicht als Persönlichkeit. Es ist höchst auffällig, dass wir es heute bei allen Problemen gleich welcher Art fast immer mit gravierenden Persönlichkeitsschwächen und - mängeln zu tun haben.
Wenn ich experimentell als Ich-kann-Schule-Lehrer die T alente der Persönlichkeit stärke, WÄCHST auch das Interesse an geistiger und seelischer Entfaltung - unabhängig von (Einschulungs-)Alter. Folglich sehe ich in der früheren Einschulung nur eine Verschärfung eines bereits grundgelegten Fehlers. Statt sich also um das frühere Lernen von Kindern Sorgen zu machen, sollten lieber die Erwachsenen endlich zu lernen anfangen.
Ich grüße freundlich.
Franz Josef Neffe

Gravatar: Freigeist

Hallo,
nur wenn man die Inhalte kennt, kann man eine Betrachtung darüber anstellen, wem was von Vorteil ist. Da in fast allen Ländern dieser Erdenwelt mit Erziehung experimentiert wird, können Vergleiche leicht angestellt werden, sofern man dies überhaupt will. Die Autorin des Artikels sollte dies tun und könnte so über die Inhalte allen Scharlatanen die Maske von Gesicht nehmen.
Grüße
Freigeist

Gravatar: alfred

dass man sich Sozialisten heranziehen wolle, gebe ich zu bedenken, dass das in der "DDR" auch nicht gelungen ist. Warum hätten sonst 1989 so viele raus wollen?!

Die Frage nach dem Warum , ist die wichtigste aller Fragen. Ich vermute, daß genügend Informationen aus den damals nicht sozialistisch eingestellten westlichen Ländern in die DDR gelangten. Heute ist das schwieriger in gesamt Deutschland. Die Mainstream-Medien sind alle gleich manipulativ geschaltet. Der Durchschnittsbürger ist nur schwer in der Lage sich qualitativ hochwertige Informationen selber zu beschaffen, wie sie von dieser Webseite, oder der Jungen-Freiheit bereitgestellt werden. Die Gründe hierzu sind jedoch ausnahmslos in der persönlichen Faulheit des Einzelnen zu suchen.

Gravatar: Freigeist

Hallo,
was steht hinter dem Begriff - Einschulung?
Es kommt auf die Lerninhalte an. Während man in einigen Ländern von Einschulung spricht, kann es sein, dass es in einem anderen Land erst Vorschulerziehung genannt wird. Diese "Begriffsverwirrung" ist tückisch. Kann sie gewollt sein?
Grüße
Freigeist

Gravatar: Gebhard Ruf

Die Angst vieler Eltern, das Kind könnte überfordert werden, ist oft übertrieben. (Von der ersten Volksschulklasse bis zum Abi 1962 war ich der jüngste.) Zum Argument, dass man sich Sozialisten heranziehen wolle, gebe ich zu bedenken, dass das in der "DDR" auch nicht gelungen ist. Warum hätten sonst 1989 so viele raus wollen?!

Gravatar: alfred

Ich wollte mit meinem Beitrag in erster Linie aufzeigen, daß es bei der Vorverlegung des Einschulalters weniger um das Kindeswohl als vielmehr um staatliche Intervention bei Erziehung etc. geht. Aber um dennoch ein Beispiel zu nennen: Pisa-Vorzeigeland Finnland schult seine Kinder mit 7 Jahren ein.



Ich denke eher an eine ganz andere Investition, nämlich in die Investition an linientreue zukünftige Verteidiger des Sozialismus.

Gravatar: Freigeist

Hallo,
zu Finnland: Also Einschulung mit 7. Und wie nennt sich die Erziehung, die der Staat bietet vor dem 7. Schuljahr? Verpflichtung??
Grüße
Freigeist

Gravatar: Frank

Die staatliche Intervention bei der Erziehung? Wo soll die denn stattfinden? Ich habe nicht den Eindruck, dass unsere Kinder in Kitas und Schulen wirklich "erzogen" werden. Da findet eher zu wenig Vermittlung von Werten und Verhaltensweisen statt. Dennoch habe ich auch meine Probleme mit der Fremdbestimmung meines Kindes. Wann es denn eingeschult wird, möchte ich als Vater doch gerne selbst bestimmen. Und 5 ist schon arg früh, man sollte den Kindern dieses 1 Jahr Freiheit schon noch gönnen. Ich bin mit 6 eingeschult worden und ich kann von mir heute (33) ganz klar sagen, mit 7 wär für mich damals besser gewesen. Ich hätte dieses 1 Jahr Reifung noch gebraucht!

Gravatar: Kerstin Schneider

Ich wollte mit meinem Beitrag in erster Linie aufzeigen, daß es bei der Vorverlegung des Einschulalters weniger um das Kindeswohl als vielmehr um staatliche Intervention bei Erziehung etc. geht. Aber um dennoch ein Beispiel zu nennen: Pisa-Vorzeigeland Finnland schult seine Kinder mit 7 Jahren ein.

Gravatar: Freigeist

Hallo,
bei diesem Artikel fehlt mir der Vergleich mit anderen Ländern. Was wird wo besser gemacht und wie?
Grüße
Freigeist

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