Ukraine-Krieg – Wurde die Schlangeninsel »erobert« oder »geräumt«?

Russland hat eine Eroberung aus den ersten Stunden des Ukraine-Kriegs freigegeben. Eine militärisch richtige Entscheidung, die Moskau nicht schönreden sollte.

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Man stelle sich vor, Hitler hätte die Kapitulation im Kessel von Stalingrad als Geste des guten Willen beschrieben – wohl jeder hätte gelacht. Oder die Aufgabe Kretas. Auch dann hätte jeder gelacht. Denn erobertes Gebiet wird niemals als Geste des guten Willen preisgegeben, sondern immer nur als Resultat eines gebrochenen Willens. Weltpolitik ist kein Kinderspielplatz.

Gestern gab das Russische Verteidigungsministerium bekannt, sich von der Schlangeninsel in einem »Akt des guten Willens« zurückgezogen zu haben. Auch darüber dürfte man in aller Welt wohl nur laut lachen. Oder um es anders zu sagen: Das Angebot eines Rückzugs aus sämtlichen besetzten Gebieten, vorausgesetzt die Ukraine stößt nicht in die geräumten Gebiete nach – das wäre eine Geste des guten Willens gewesen.

So handelt es sich um nichts weiter als das, was es ist: Ein weiterer kläglicher Rückzug aus Gebieten, die man glaubte, schnell und schmerzlos erobern zu können. Und wie schon vor Kiew und Charkiv haben die russischen Militärs die Rechnung ohne den Gegner gemacht. Denn die Schlangeninsel liegt etwa 40 Kilometer vor der ukrainischen Küste und damit in der Reichweite schwerer Artillerie, wie der ukrainische Armeechef Walerij Saluschny vermerkte. Deshalb wurde die Insel von den Russen geräumt: »weil sie dem Feuer unserer Artillerie, Raketen und Luftangriffe nicht standhalten konnten«.

Da die Russische Schwarzmeerflotte sich der ukrainischen Küste besser nicht nähert, war es eigentlich nur eine Frage der Zeit, wann die Besatzer der Insel in Schwierigkeiten geraten. Vorausgesetzt die Ukraine verfügt über entsprechende Waffensysteme. Das ist auch durch die westlichen Waffenlieferungen der Fall.

Dabei ist die Insel von strategischer Bedeutung für die Kontrolle des Seeraums zwischen Krim und Odessa. Moskau hatte die Insel mit Abwehrwaffen bestückt, um seine Flotte zu schützen. Nein, hier wurde gar nichts aus freien Stücken geräumt. Es wurde allein dem militärischen Druck nachgegeben. Das kann man Eroberung nennen – aber man muss nicht. Auch die Hauptinseln Japans wurden in diesem Sinne niemals von den US-Streitkräften erobert. Den Krieg hat Japan trotzdem verloren.

Ein Rückzug bleibt ein Rückzug und ist kein militärischer Sieg. Was nicht heißt, dass der Rückzug von der Schlangeninsel militärisch gesehen, ein Fehler ist. Wie die Rückzüge vor Kiew und Charkiw ist die Russische Militärführung immerhin so einsichtig, Gebiet aufzugeben, das man nur unter hohen Verlusten halten kann. Nicht jede Führung handelt ähnlich besonnen. Im Gegenteil, häufig werden Rückzüge erst angetreten, wenn es zu spät ist.

So handelt es sich bei der Aufgabe der Schlangeninsel, die zudem einen hohen symbolischen Wert hat, einerseits um eine weitere Niederlage des russischen Militärs. Andererseits könnte die »Geste des guten Willens« ein Hinweis sein, dass Moskau zu Verhandlungen über einen Modus Vivendi bereit ist. Nicht weil der Kreml plötzlich begonnen hat, den Freiheitswillen der Ukrainer zu achten; das ist ganz sicher nicht der Fall. Aber vielleicht beginnt man in Russland, ihn zu akzeptieren.

Auf diesem Weg könnte sich die russische Niederlage in einen ersten Schritt zu einem Waffenstillstand entwickeln. Den gibt es nur, wenn Russland erkennt, dass der blutige Preis für weitere Eroberung zu hoch ist und wenn auch die Ukraine einsieht, dass sie Ziele aufgeben muss, die zu hoch gesteckt sind und dass die freiwillige Übergabe der Krim und der beiden Ostprovinzen an Russland eingetauscht werden könnte – zum Beispiel gegen einen Beitritt zur Nato.

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