Musik hat kein Geschlecht

In dem Reclam Komponistenlexikon wird fleißig gegendert.

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Ideologien zeichnen sich durch bestimmte Merkmale aus. Eins dieser Merkmale ist die Aufteilung der Gesellschaft in zwei entgegengesetzte Gruppen. Im Nationalismus finden wir die Dichotomie zwischen den Angehörigen der eigenen Nation und den Angehörigen anderer Nationen, im Kommunismus die zwischen Arbeitern und Kapitalisten, im Rassismus die zwischen Weißen und Schwarzen. Im Feminismus herrscht die grundlegende Dichotomie zwischen Männern und Frauen.

 

Ein weiteres Merkmal der Ideologien ist deren totalitärer Charakter. Der Feminismus bezieht sich mit seinen Vorstellungen und Forderungen auf das Ganze der Gesellschaft, auf Bereiche wie Politik, Recht, Wirtschaft, Alltag, Sexualität, Wissenschaft und nicht zuletzt auf die Kunst. Man kann nicht über bildende Kunst, Literatur und Musik sprechen, ohne dass dabei gefordert wird, die Anzahl und die Bedeutung von Frauen hervorzuheben. Dabei tritt die Diskussion über die Qualität von Kunstwerken unvermeidlich in den Hintergrund. So ging es in der Ausstellung „Impressionistinnen“, die 2008 in Frankfurt am Main stattfand, in erster Linie nicht um die Qualität der dort ausgestellten Bilder, sondern darum, dass sie von Frauen gemalt wurden. In diesem Geist wurde 2009 von Melanie Unseld, Dozentin für Musik und Gender, das Reclam Komponistenlexikon herausgegeben. Der hohe Anteil der dort aufgenommenen Komponistinnen ist das Markenzeichen dieses Lexikons. Wir finden dort viele unbekannte Namen, wie z.B. Leopoldine Blahetka, Galina Iwanowna Ustwolskaja, Dora Pajecevic oder Felicitas Kukuck.

 

Es ist nichts dagegen zu sagen, dass in ein Lexikon Personen aufgenommen werden, die bislang keinen Eingang in den Kanon der Musik gefunden haben. Dadurch wird ein Lexikon informativer und gegebenenfalls interessanter. Doch sollte die Auswahl nach musikwissenschaftlichen und nicht ideologischen Kriterien erfolgen. In das Reclam Komponistenlexikon wurden jedoch viele Personen aufgrund ihres Geschlechts aufgenommen. Musikwissenschaftliche Auswahlkriterien werden dort nicht angegeben, statt dessen werden die unbekannten Komponistinnen ständig mit Superlativen wie „virtuos“, „einflussreich“ und „von größter Bedeutung“ gelobt. Außerdem fällt auf, dass einige Artikel zu relativ unbekannten Komponistinnen, wie z.B. Sofia Asgatowna Gubaidulina, Adriana Hölszky und Ethel Mary Smyth, umfangreicher sind als die zu herausragenden Komponisten, wie Pierre Boulez, Olivier Messiaen und Krzysztof Penderecki.

 

Viele der ins Lexikon aufgenommenen Frauen können nicht als anerkannte Komponistinnen bezeichnet werden. Zu wenig haben sie komponiert, zu unbedeutend ihre Kompositionen. Vielmehr handelt es sich entweder um Musik-Interpretinnen, wie z.B. Agathe Grondahl (Pianistin) und Franziska Lebrun (Sopranistin); oder um Förderer der Musik, wie Herzogin von Sachsen-Weimar Anna Amalia, Wilhelmine von Bayreuth oder Sophie Elisabeth von Braunschweig-Lüneburg. Die Letzteren haben einen wichtigen Beitrag zur Pflege und Verbreitung der Musik geleistet.

 

In dem Lexikon lassen sich viele feministische Gemeinplätze erkennen. Der erste heißt: Männer haben die Komponistinnen unterdrückt und ihre Entwicklung behindert. So erfahren wir über Rebecca Clare: „Die patriarchale Familienstruktur mit körperlichen Züchtigungen und offen ausgelebten Affären des Vaters nahm Einfluss auf ihre Ausbildung“. Francesca Caccini hatte mit Vorurteilen gegenüber Frauen zu kämpfen. In einem Stück stilisierte sie sich „zur in den Himmel auffahrenden Jungfrau“, „sie beugt so einer Sexualisierung und der Anschuldigung, sie sei geltungssüchtig, vor“. Für Kaija Saariaho war es offenbar eine Zumutung, am IRCAM (Institut de Recherche et Coordination Acoustique/Misique) mit Männern zusammenzuarbeiten: „u.a. musste sie während ihrer Arbeit am IRCAM die Kommunikation mit ihren männlichen Computerassistenten diplomatisch pflegen, um ihre Kompositions-Konzepte durchsetzen zu können.“ Und über Germaine Tailleferre heißt es ganz am Anfang des Artikels: „T.s Mutter, die unter ihrem zu Gewalttätigkeit neigenden Ehemann litt, war eine begeisterte Musikliebhaberin und förderte die künstlerische Begabung ihrer 5 Kinder.“ Trotz des Widerstands des Vaters studierte Tailleferre am Konservatorium. Doch ihr Martyrium ging weiter. Sie heiratete den Karrikaturisten Ralph Barton. „Die Eifersucht Bartons auf den beruflichen Erfolg seiner Frau belastete die Ehe schwer.“ Sie komponierte gegen den Widerstand ihres Mannes weiter. Die Ehe wurde geschieden. Doch sie heiratete wieder. Aber auch diese Ehe ging in die Brüche usw.

 

In diesem Artikel zeigt sich auch eine andere Tendenz des Lexikons: Die Biographie nimmt einen wesentlich größeren Raum als die Musik ein. Bei Tailleferre ist das Verhältnis 80% zu 20%. Schade, denn gerne würde man mehr über ihre Kompositionsweise, die Struktur ihrer Werke und ihren Einfluss auf die Musik erfahren.

 

Ein weiterer feministischer Topos wird in vielen Artikeln sichtbar: Sobald eine Komponistin heiratet, verschwindet ihre Kreativität. Sobald sie sich scheiden lässt, kehrt sie wieder zurück, wie z.B. bei Ruth Crawford Seeger. Verheiratetsein und Komponieren vertragen sich offenbar nicht. Mit einem gewissen Stolz wird sehr oft behauptet: „Die Komponistin X war/blieb unverheiratet“. Dass es auf der anderen Seite doch viele Komponistinnen gab, die verheiratet waren, Kinder hatten und trotzdem viel komponierten, passt nicht so ganz ins feministische Frauenbild.

 

Während Männer die Komponistinnen oft behindern, unterstützen und beflügeln Frauen die Komponisten. Josepha Auernhammer half Mozart bei der Drucklegung seiner Werke, Griegs Ehefrau Nina Hagerup regte sein Liedschaffen an und Alma Schindler inspirierte Mahler. Dahinter verbirgt sich die Vorstellung, dass große Männer ohne ihre Frauen nicht das geschafft hätten, was sie geschafft haben (auf den umgekehrten Schluss, dass diese Männer ohne ihre Frauen vielleicht noch größere Leistungen vollbracht hätten, kommt niemand).

 

Viele Komponistinnen-Artikel enden mit dem Satz: „Eine wissenschaftliche Würdigung ihres kompositorischen Schaffens steht noch aus“, was offensichtlich die Forderung nach weiteren Stellen und Geldern für den Schwerpunkt „Frauen/Gender und Musik“ nach sich ziehen soll. Denn Ideologien sind mehr als rein intellektuelle Systeme. Sie möchten nicht nur die Deutungshoheit über bestimmte Themen erlangen und die Geschichte der Kultur, hier die Geschichte der Musik, neu schreiben. Sie streben auch danach, Kontrolle über Ressourcen zu erlangen und Institutionen zu etablieren. Das Reclam Komponistenlexikon hat einen Beitrag dazu geleistet.

 

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Kommentare zum Artikel

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Gravatar: Cash

Treffend beschrieben. Ist mir an anderer Stelle auch schon aufgefallen.

Gravatar: Franklin

Ein sehr wohltuender Artikel! Die primitive und dumme Frauentags-Propaganda, die heute wieder in den Medien grassiert, ist nicht mehr zu ertragen: Frauen sind benachteiligt, Frauen sind gleichzeitig aber die besseren Menschen.
Da tut es richtig gut, zur Abwechslung einmal einen wirklich intelligenten Beitrag wie diesen zu lesen.

Gravatar: ajki

Es ist schon traurig, inzwischen bin ich dazu gekommen folgende Logik anzuwenden, wenn ich etwas über Wissenschaft und Technik herausfinden will: Wenn Frauen dabei sind, oder "besonders gewürdigt" werden, dann ist es Stuss. Vor allem Heutzutage wo anscheinend nur das Kriterium Frau reicht um besonders phänomenal zu sein.

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