Licht aus, Bücher raus. Vom Lesen ohne Atomstrom

In Hamburg, Boomtown an der Elbe, wird auch viel zur Förderung des Frohsinns unternommen. Nicht nur im Schmidt-Theater, dem bei Schwulen und Heteros populären Jux-Etablissement auf der Reeperbahn, durch das Fernsehen bundesweit bekannt geworden mit der „Schmidt Mitternachtsshow“.

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Lacher Nummer eins: Theater-Gründer und Schwulen-Ikone Corny Littmann, zeitweilig Vereinspräsident des an der Elbe vergötterten Zweitligisten FC St. Pauli, wollte im Rahmen einer Veranstaltungsreihe mit dem ulkigen Titel „Lesen ohne Atomstrom“ passenderweise das Lied „Irrenanstalt“ vortragen. Es stammt aus der Feder seines einstigen, früh verstorbenen Kumpels Rio Reiser.

Die zu hundert Prozent atomstromfreie Reihe (ebenso atomfrei wie eine Fahrt mit der Deutschen Bahn, sofern der Reisende über eine Bahncard verfügt) ist eine Gegenveranstaltung zu den „Vattenfall-Lesetagen“. Diese werden seit 15 Jahren von der deutschen Tochter des schwedischen Energiekonzerns Vattenfall mitfinanziert, der sie vom Vattenfall-Vorgänger geerbt hatte, den Hamburgischen Electrizitäts-Werken. Autoren wie Bodo Kirchhoff, Maxim Biller, Arno Geiger, Harald Martenstein und Michael Jürgs lasen da schon aus ihren Werken, so wie ungezählte andere. Als „Greenwashing“ beschimpfen das die Atomkraftgegner. Für sie sind die vortragenden Autoren so was wie Söldner der mörderischen Atomindustrie.

Nach ihrem unverhofften Glücksfall Fukushima sah die Anti-AKW-Front der Hansestadt endlich die Chance, dem vom Publikum geschätzten Vattenfall-Event kräftig einen überzubraten. Zwar ist Vattenfall in Deutschland nach dem Atomausstieg nur noch an einem einzigen Strom liefernden AKW - Brokdorf - zu 20 Prozent beteiligt. Doch die Großfirma, die auch profitable Müllverbrennungsanlagenunterhält, stellt mit ihrem miserablen Pannen- und Kommunikationsmanagment für Anhänger der Ökoreligion, Windradenthusiasten und Kapitalismusbasher den perfekten Luzifer dar. Als profitgierige, multinational operierende, ein schwer durchschaubares Netzwerk von Beteiligungen unterhaltende Umweltpottsau sui generis.

Zudem - und das ist der stärkste Vattenfall-Stachel im Fleisch der Grünen - baut der Konzern in Hamburg-Moorburg ein riesiges, ultramodernes Steinkohlekraftwerk, das mit einer jährlichen Produktion von 11 Milliarden Kilowattstunden den größten Teil des Strombedarfs der Industriemetropole decken könnte. Die Lobby des ökoindustriellen Komplexes versucht diese fast betriebsbereite Anlage seit langem mit allen Tricks zu torpedieren. Denn sobald sie am Netz ist, wird sie qua Existenz permanent demonstrieren, wie teuer, unzuverlässig und landschaftsverschandelnd die Wind- und Solarstromerzeugung ausfällt.

Zurück zu Corny, dem alten Buddy des Ton Steine Scherben-Sängers Rio R. Bei der Gegenveranstaltung zu den Vattenfall-Lesungen wollte auch der Kiez-Unternehmer („im Herzen bin ich Sozialist“) gern mittun. Den Irrenanstalts-Song, so war es vorgesehen, sollte er in der „Roten Flora“ im Hamburger Schanzenviertel zum Besten geben, wo es jeden Mai und auch mal zwischendurch zu saftigen Krawallen und herz- und gliederwärmenden Brandstiftungen kommt. Die Flora ist heute, was die mit Senatsgeldern längst pazifizierte Häuserzeile an der Hafenstraße in den 1980ern war: Wohlfühl- und Rückzugsraum für Linksradikale, autonome Chaoten und Penner. Die Polizei traut sich fast nie hinein, obwohl es genug Anlässe gäbe.

Achse-Mitarbeiterin Antje Sievers war kürzlich mal dort: „Das autonome besetzte Kulturzentrum Rote Flora ist eine teilweise verbrannte, verkommene, versiffte Bauruine. Im ehemaligen, nun verschlossenen Portalbereich liegen schimmlige Matratzen, auf denen Obdachlose, Alkoholiker und Fixer lagern. Drinnen ist es von oben bis unten mit Farbe voll gesprüht. Es ist saukalt und dreckig, schlecht belüftet und ungemütlich.“

Doch Cornys Opferangebot, in einem derartigen Saustall aufzutreten, wurde ihm schlecht gedankt. Weil der inzwischen wohlhabende Littmann auf dem Kiez unternehmerisch tätig ist (macht auch in Immobilien), erteilte ihm das Plenum der Flora Auftrittsverbot. Er wirke auf St. Pauli als ein führender „Gentrifizierer“ und sei daher in der Flora unerwünscht. So kann es Leuten gehen, die auf zwei Schultern tragen wollen, am liebsten auf drei.

Corny erwischte die Abfuhr kalt, ausgerechnet im sozialistischen Kuba. Wo er sich bei 30 Grad im Schatten wahrscheinlich über die Fortschritte der Homoehe im Schwulenparadies der Castro-Brüder informieren wollte. Erbost ließ der Herzenssozialist von dort verlauten, das Auftrittsverbot erinnere ihn an ein „Herrschaftsinstrument der Nazis“.

Kleiner haben sie’s nicht in diesen Kreisen.

Immerhin hatte Hamburg ordentlich was zu lachen. Lacher zwo: vor ein paar Tagen berichtete die “dümmste Zeitung der westlichen Welt“ (Hermann Gremliza über die „Hamburger Morgenpost“) großaufgeregt über einen „Riesenzoff um Vattenfall-Lesetage“. Deren Kuratorin Barbara Heine habe die Organisatoren der Gegenveranstaltung als „Bündnis aus autonomen Aktivisten, Öko-Saft-Produzenten und Fernsehpromis“ verunglimpft.

Ferner seien in E-Mails an Personen, die ohne Atomstrom lesen wollten, der Hintergrund der Anti-Vattenfall-Initiative mit Begriffen wie „linksradikal“, „Steinewerfer“ und „vom Verfassungsschutz beobachtet“ illustriert worden. Auch habe die Kultursenatorin der Hansestadt gegen die atomfreie Lesetage-Konkurrenz Stellung bezogen. Was die Politikerin ebenso bestreitet wie eine Zeugin, welche dafür ins Spiel gebracht worden war. Im Umfeld der Zänkereien versuchten die oppositionellen Grünen und Linken ihr eigenes Süppchen zu kochen, gegen Vattenfall und die in Hamburg allein regierende SPD gleichermaßen. Kurz, alles ein Riesenkuddelmuddel, und alles schwer zum Piepen.

„Wir werden verleumdet und beschimpft“, wetterte der von den Atomstromfreien zu Hilfe gerufene Salonhumanist Roger Willemsen. Auch der Hochtöner ist natürlich mit von der Partie wider den teuflischen Atomstrom. Wie die anderen, niemanden krass überraschenden Mitstreiter der Gegenveranstaltung. Etwa Günter Grass, Ben Becker, Joachim Król, Iris Berben, Elke Heidenreich, Jean Ziegler, Jakob Augstein, Wolfgang Niedecken und Hannes Jaenicke.

Aber wer ist Wir? Und was heißt eigentlich verleumdet? Wer nicht vor der Roten Flora als Veranstaltungsplatz von Literaturveranstaltungen zurückschreckt, dem darf man wohl unterstellen, vor Krawallbrüdern, Linksradikalen, Steinewerfern und Schlimmeren nicht allzu viel Berührungsangst zu haben. Dass Polizei und Verfassungsschutz das Treiben rund um die Flora im Auge haben, ist selbstverständlich für die meisten Hamburger. Jedenfalls, wenn sie über die Flora informiert sind und ihre Autos gelegentlich an Hamburgs Straßen parken.

Der Autor Michael Jürgs, kein Herzenssozialist, aber ein Linksliberaler alter Schule, liest für manche in der Hansestadt auf der falschen Seite, nämlich bei Vattenfall. Und zwar seit vielen Jahren, ohne deshalb ein Atomkraftfan geworden zu sein. Ungeachtet der Tatsache, dass die Veranstaltung bei manchen Stützen der politisch-korrekten Gesellschaft in Verschiss geraten ist (der NDR stieg nach Fukushima aus einer Kooperation aus, das Kulturzentrum Kampnagel machte seine städtisch subventionierten Tore für die Lesetage dicht), tritt Jürgs weiterhin im gewohnten Umfeld auf. Dieses Jahr mit einer Biografie über eine herbschöne Spionagelady („Codename Hélène. Churchills Geheimagentin Nancy Wake und ihr Kampf gegen die Gestapo in Frankreich“).

Da der Mann etwas stur ist (flog 1990 beim „Stern“ als Chefredakteur raus, weil er sich der allgemeinen Vereinigungsbesoffenheit nicht anschließen mochte), und weil er mit dem Wort Greenwashing partout nichts anfangen kann, verteidigt er seinen Leseeinsatz auch noch: „Das sind doch alles Debatten des vorigen Jahrhunderts. Man kann froh sein, dass überhaupt noch jemand Lesetage finanziert und nicht bloß Daddelplaymobilcontests. Soll doch Vattenfall seine Veranstaltungen durchziehen und die anderen ihre eigenen. Niemand stellt Bedingungen, niemand zensiert irgendwas und Vattenfall zahlt stillschweigend. Was zum Teufel spricht dagegen?“

Nichts, natürlich. Und alles, selbstredend. Nichts, wenn es einem um Literatur geht, um Autoren, die ein Publikum finden wollen in einer Stadt, die ansonsten nicht gerade ein Nabel der Bücherwelt ist; um Verlage, die sich präsentieren wollen, um Buchhandlungen, deren Überleben auch von solchen Veranstaltungen abhängt.

Alles dagegen ist falsch an den Lesetagen aus der Sicht eines simplen Anti-AKW-Aktivisten. Einfach, weil Vattenfall drüber steht.

Literatur? Braucht er jetzt nicht so. Der gemeine AAA hat mit dem „Kleinen GAU-Ratgeber“ von Greenpeace allemal genug zum Schmökern in den Pausen, die zwischen den Besteigungen von Kühltürmen und dem Entrollen von Transparenten anfallen. Und irgendwo liegt bestimmt auch noch ein Exemplar von Gudrun Pausewangs „Die Wolke“ rum.

In den nächsten Tagen geben beide Veranstaltungen noch mal Stoff. Mit und ohne Atom. Hinweis: wer bei den „erneuerbaren Lesetagen“ (offizieller Untertitel von „Lesen ohne Atomstrom“) vorbeischauen möchte, jeweils ab 19.00 Uhr: bitte vorsichtshalber mit Kerzen eindecken. Eine Taschenlampe tut’s auch.www.lesen-ohne-atomstrom.de www.vattenfall.de/de/vattenfall-lesetage/programm-tickets-vattenfall-lesetage-2013.htmwww.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/beleidigte_floristin 

Beitrag erschein zuerst auf: achgut.com 

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Kommentare zum Artikel

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Gravatar: Fauna

Ah, so sieht also ein virtueller Stammtisch aus

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