Lesetipp: „Auf ein Gläschen mit Helmut Schmidt“

Getürkte Interviews lesen sich besser als echte, da hat Tom Kummer Recht. Hauptsache, die Richtung stimmt:

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- Herr Schmidt, direkt gefragt: Gibt es einen Unterschied zwischen Jesus und Ihnen? Viele halten auch Sie für eine Heilsfigur.

- Ich sitze im Rollstuhl, er hängt am Kreuz.

- Jesus stand nach drei Tagen von den Toten auf.

- Ich war nie tot, das unterscheidet uns. Insgesamt ist es ein Wettbewerbsvorteil, einfach am Leben zu bleiben.

Gut gegeben, nicht wahr? Das just (im Jahre 95 n. HS, wie das Vorwort korrekt vermerkt) erschienene Buch „Auf ein Gläschen mit Helmut Schmidt – Hunderte Antworten auf brennende Fragen“* bündelt luzide Einsichten und bezaubernde Schnurren aus dem Leben des großen Flak-Experten, Flutkatastrophenbezwingers und Weltdurchblickers Helmut Sch. Wir erfahren sie durch Gespräche mit seinem Eckermann „Lorenzo di Arrabiata“, hinter dem sich die Achgut-Mitarbeiter Gideon Böss, Silvia Meixner und Alexander Wendt verbergen. Oh, dieses Projekt hätte leicht in die Hose gehen können!

Denn der Mann, von dem jeder Deutsche unbesehen eine Stange Mentholzigaretten kaufen würde, ist ja längst zum Comic auf Rädern geworden. Und wie es ausgehen kann, wenn man Realsatire noch toppen möchte, zeigten die schrecklich witzlosen Edgar Wallace-Parodien aus der „Wixxer“-Serie. Weshalb das Autoren-Trio nicht an der inhärenten Komik seiner Figur gescheitert ist? Weil sich die drei von nichts anderem leiten ließen als vom unbedingten (fast könnte man sagen, mit Blick auf Helmuts Lehr- und Wanderjahre, totalen & radikalen) Willen zum intelligenten Gaga und gescheiten Quatsch. Kein burlesker Einfall wird hier formalen Zwängen geopfert, kein noch so nahe- oder fernliegender Gag ausgesperrt. Werde mal bei den Kollegen nachfragen, was man einnehmen muss, um ein Gedichtfragment zu verfertigen, das der Rinserluise (im Buch als Schmittis ewige Stalkerin auftretend) zugeschrieben ist:

Man nennt sich weh erbebend seinen Namen

Von Englschalking bis nach Martinsried

In München tritt er vor die Handballdamen

Und präsentiert sein respektables –

Die große alte Dauerwurst aller nach Sinn hungernden Bio-Deutschen, haltbarer als Willy Brandt und Heino zusammen, sie scheint somit, neu konfiguriert und upgedatet, noch wirkungsmächtiger, noch schussechter auf als das Original. Was mich betrifft, ich liebe auch die zweite Hauptfigur des Buches. Sie wurde, ebenfalls werk- und wesensgetreu, am real existierenden Knappen des Helmut Sch. entlang modelliert, welcher als „Zeit“-Chef und Ruinator der Talkshow „3 nach 9“ einige Berühmtheit erlangt hat. Wie der servile Schmidt-Apostel manchmal auf seiner eigenen Schleimspur strauchelt, dann für einen lichten Moment tückisch aufmüpft (er weiß ja, wie grottentief sein Mentor ihn verachtet), um für die Frechheit sogleich was mit der Latte auf die Platte zu kriegen, worauf er seinen nicht vorhandenen Schwanz einrollt und Männchen macht: fein beobachtet!

Im O-Ton:

- Lieber Herr Schmidt, ein großes Ereignis steht bevor: Ihr 95. Geburtstag. Wie sollen wir ihn begehen?

- Was heißt wir? Sind Sie eingeladen?

* Lorenzo di Arrabiata: Auf ein Gläschen mit Helmut Schmidt, Knaus Verlag, München, 10 €

 

Beitrag erschien auch auf achgut.com

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