Die Mama wartet!

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Eine Nicht-Muttertagsgeschichte

Es gießt in Strömen an diesem 11. Mai 2014. Typisches Maiwetter. Unterwegs begegne ich bloß pudelnassen Vierbeinern mit ihren gut in Plastik verpackten Zweibeinern. Als Hundehalter läßt man sich durch nichts vom Morgengang abhalten. Doch heute bin ich froh, als sich die Runde dem Ende nähert. Ein Auto fährt im Schrittempo an mir vorüber, hält vor dem Nachbarhaus. Die Nachbarin ist vor zwei Wochen ins Krankenhaus eingeliefert worden.

Die Fahrertür des Volvo öffnet sich, ein beleibter Mann von etwa 45 Jahren schält sich heraus. Die hintere Autotür schlägt ebenfalls auf, ein Mädchen springt behend auf die Straße. Sie ist wunderhübsch gekleidet, das offene Haar reicht über die Schultern, eine bezaubernde Erscheinung. Eilig läuft das Kind zur Außentreppe, die zur Wohnung der Oma hinaufführt. Der Vater schleppt schnaufend seinen Bauch hinter der Siebenjährigen her.

„Guten Morgen, Harald*!“ rufe ich über den Zaun. „Wie geht es der Mutter?“

Der Angesprochene hält auf der Treppe inne und sagt: „Gut!“

„Haben die Ärzte etwas gefunden?“ will ich wissen.

Harald dreht sich auf der Treppe zu mir, sucht festen Stand und ist drauf und dran, Genaueres zu berichten. Da sehe ich, wie das Kind, das bereits einige Stufen über ihm angelangt ist, zurückhüpft, den Vater energisch an der Hand packt und ihn nach oben zerrt. Ich höre eine Stimme, deren strenger Tonfall in krassem Gegensatz zur optischen Erscheinung steht:

„Komm endlich! Die Mama wartet!“

Der Mann zuckt zusammen, wird um einige Zentimeter kleiner. Marionettengleich gehorchen seine Glieder. Er schickt mir ein hilflos entschuldigendes Grinsen herüber, denn damit ist das „Gespräch“ zu Ende – weil es das Kind so will. In diesen Zeiten sind 13 Kilogramm Lebendgewicht auf zwei dünnen Beinen in der Lage, einen Koloß von geschätzten zwei Zentnern mühelos eine Treppe hinaufzudirigieren.

Ich murmle ein Tschüß in meine Kapuze und gehe am parkenden PKW vorüber. Durch die regennasse Scheibe erblicke ich auf dem Beifahrersitz die Mama. Natürlich darf man sie nicht lange warten lassen. Schließlich ist heute Muttertag. Und überhaupt. Wer weiß, was eine wartende Mama so alles anstellen könnte, wenn sie allein im Auto sitzt. Manche Eltern haben ja nur Unfug im Kopf. Nicht auszudenken!

Vor Jahren, als ich noch schriftstellerische Ambitionen hatte, schrieb ich eine Serie von Verkehrte-Welt-Geschichten. Sie handeln von Erna und Emil und deren Eltern. Die Rollen von Kindern und Erwachsenen sind vertauscht: Obwohl die Erwachsenen nach wie vor das Geld verdienen, haben die Kinder die „Erziehungsgewalt“ und springen recht autoritär mit den Eltern um. Diese wiederum parieren widerspruchslos und reagieren kleinlaut, wenn sie ausgescholten werden. Die Szene auf der Treppe hätte gut in die Geschichtensammlung gepaßt. Allerdings mit einem winzigen, aber nicht unbedeutsamen Unterschied: sie ist nicht meiner Phantasie entsprungen.

 

*Name geändert.

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Kommentare zum Artikel

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Gravatar: MicroHirn

Liebe Frau Pfeiffer,

wie hätte ich die Ironie feststellen sollen? Sie lassen das Kind sogar wörtlich die sachliche Begründung mitteilen.
Gehorsam, Respekt, Autorität, sicher eine wichtige Diskussion mit weitreichenden gesellschaftlichen Folgen, ob Ihre geschilderte Situation dazu passt, auch weil sie sprachlich so überzeichnet wurde, bin ich im Zweifel. Aber egal, es ist Ihr 'Aufhänger' mit dem Sie ein Thema anstoßen wollten. :-)

Gravatar: Karin Pfeiffer

MicroHirn,
in aller Kürze: das mit der wartenden Mama war ironisch gemeint, Sie scheinen dies nicht bemerkt zu haben. Es störte mich , daß ein Vater sich durch die (nicht sachlich begründete) Ungeduld des Kindes in einem Gespräch unterbrechen läßt, das unbedingt hätte geführt werden sollen. Ich erinnere mich an meine Kindheit: da gab es für ungeduldiges Drängeln den deutlichen Hinweis, daß man einen Moment Geduld haben möge, bis das Erwachsenengespräch beendet sei. Und diesen Zeitpunkt bestimmten die Erwachsenen, nicht das Kind.

Gravatar: MicroHirn

Hallo geli,

das Eltern keine Autorität mehr gegenüber ihren Kindern haben bleibt ja unbenommen und wird sicherlich auch in der Öffentlichkeit bemerkt. Ob man dies jedoch symptomatisch an diesem Beispiel festmachen kann, bei dem eine Tochter den Vater an die wartende Mutter erinnert, glaube ich nicht. Es zeigt eher einen offenen, nicht-repressiven Umgang miteinander, bei dem auch die Tochter Verantwortung übernimmt. Die Interpretation einer 'Tyrannei' ist wohl eher dem Gefühl geschuldet, zurückgewiesen worden zu sein, denn die Belange des kleinen Mädchen waren keineswegs egoistischer Natur, sondern orientierten sich an dem Wohl der Mama und dem familiären Zeitmanagement.

Gravatar: geli

Haben Sie noch nie beobachten können, dass Kinder heute oft das Sagen haben und die Eltern nach ihrer Pfeife tanzen?
Nicht umsonst ist das Buch "Warum unsere Kinder Tyrannen werden" zu einem Bestseller geworden.

Gravatar: MicroHirn

Lieber Dickbrettbohrer,

nur geht es nicht um die Motive der Nachbarin, sondern um die Motive des Mannes.
War ihm das Drängeln des Kindes vielleicht willkommen und er hat sich nicht lange bitten lassen oder hat ihn das Kind tatsächlich entmündigt? Eine entschuldigende Gesichtsmimik sagt darüber nicht wirklich etwas aus, denn wir haben gelernt, unsere wahren Motive auch zu verschleiern. Ich denke einfach, dies Beispiel ist schwieriger zu interpretieren und die eigentliche Thematik, nämlich das Eltern sich von Kindern Vorschriften machen lassen, spiegelt sich hier nur sehr unzureichend.

Gravatar: dickbrettbohrer

Microhirn,
es gibt unterschiedliche Motive, nach dem Befinden von Menschen zu fragen. Der Fragenden kann von bloßer Sensationsgier bewegt sein oder aber von tief empfundener Anteilnahme. "Neugier" liegt beidem zugrunde, denn wenn ich nichts Neues erfahren will, dann frage ich auch nicht.
Wenn ich persönlich krank wäre, wäre ich sehr gekränkt, wenn niemand nach meinem Befinden fragen würde. Was soll also das Schubladendenken in diesem Fall. Könnte es nicht so sein, daß die Nachbarin gefühlsmäßig Anteil nimmt und wissen möchte, ob ein Besuch im Krankenhaus sinnvoll ist? Dazu muss sie nun einmal fragen und - neugierig sein, oder etwa nicht?

Gravatar: MIcroHirn

Vielleicht war Papi auch ganz froh der 'neugierigen' Nachbarin nicht alles brühwarm berichten zu müssen. ;-)

Ach, es gäbe noch weitere Gesichtspunkte, aber dieses Motiv sollte reichen, um das 'Versagen' des Mannes vor der 'Tyrannei' des Kindes, hinterfragbar erscheinen zu lassen. :-)

Gravatar: Bakelari

Ja, ja die Mama wartet.
was ist aber
wenn diese Mama 92 Jahre alt ist und immer noch mehr (er)wartet?
wenn diese Mama tagtäglich versorgt werden muss und immer noch die Königin spielt?
wenn diese Mama sich nicht vorstellen kann, wie es in ihren "Kindern" vorgeht?
wenn diese Mama angebrüllt werden muss, weil sie ihre Hörgeräte nicht anzieht?
wenn, ja wenn.....
dann musst du sie noch ganz doll lieb haben, oder?

Gravatar: Jana

Sie sagen es: "Die Rollen von Kindern und Erwachsenen sind vertauscht". Und das ist weniger für die Erwachsenen als für die Kinder sehr betrüblich.
Aber wundern Sie sich nicht, wenn Bert. E. Wilhelm darin humanen Fortschritt sieht und ein besseres Verständnis für die Kinder als in früheren, ach so strengen Zeiten.

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