Der diskrete Charme der Integration

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Wir waren schon fast mit den Dim Sum-Ladungen durch, als sich bei unserem langjährigen, superauthentisch kochenden Lieblingschinesen nahe dem Hamburger Hauptbahnhof ein junger Mann mit ziemlich dunkler Hautfarbe an ein Tischchen neben uns setzte. Er hatte eine Broschüre dabei, in die er sich vertiefte. Ein Handy besaß er möglicherweise auch, aber wir wurden es nicht gewahr.

 

Mit dem Chinesen* verhält es sich so: 80 bis 95 Prozent der Gäste, je nach Tages- oder Nachtzeit, heißen definitiv nicht Kalle oder Maik. Multikulturelle Kundschaft, das wäre untertrieben. Klammersprache ist Deutsch. Die Betreiber und/oder Kellner, die dort offenbar irgendwie angekettet leben (komm’ wann du willst, immer dieselben Gesichter), sprechen rudimentär, aber was die Speisen betrifft, durchaus angemessen Deutsch. Und zwar mit diesem chinösen Akzent, den die Deutschen, die dort einkehren, zauberhaft finden.

Englisch ist nicht so das Ding der Wirtsleute. Weil aber viele der Gäste aus krass unterschiedlichen Weltregionen stammen, hat das wunderbare Lokal vor einigen Jahren eine Point-it-Speisekarte eingeführt. Man sieht die Dim Sum-Leckereien auf Fotos, darunter eine Zahl. So kann jeder das Gewünschte bestellen.

Die Bestellung des jungen Schwarzen verlief etwas schwierig. Er wollte genau wissen, welches Dim Sum-Gericht scharf sei und wenn ja, wie scharf denn? Die Fragen stellte er auf Deutsch. Aber in was für einem Deutsch? Wenn ich so Französisch spräche wie dieser Typ Deutsch, würde ich vielleicht öfter nach Frankreich fahren.

Nun sind die meisten Dim Sum-Speisen nicht besonders scharf. Kann man vielleicht nicht wissen, wenn man aus Haiti kommt. Aber unser Tischnachbar war vorsichtig: „In Haiti essen wir zwar auch scharf, ist aber nicht immer dasselbe mit der Schärfe.“ Dann lachte er, wie Leute mit ziemlich dunkler Hautfarbe lachen. Und ging wieder in seine Broschüre.

Ich habe da mal kurz reingelinst. Der Titel hieß: „So bewerbe ich mich richtig.“

Bonne chance.

*Sorry. Bin natürlich nicht so blöd, die Adresse meines Superchinesen zu verraten. Der Laden brummt all the time. Und wenn ich mal komme, möchte ich bitte die Chance auf ein Plätzchen haben.

Beitrag erschien zuerst auf: achgut.com

 

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