Auf die Perspektive kommt es an

Der Nachbar sieht mein Haus von außen. Ich sehe das meine auch, jedoch von innen. Jeder sieht mein Haus, und doch sieht jeder etwas anderes. Um die Dinge so zu sehen, wie sie sich jeweils für den anderen darbieten, gibt es ein einfaches Rezept: Man muß nur die Perspektive wechseln.

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Gegen den weitverbreiteten Leichtsinn der Wortgläubigkeit

Jedes Ding hat drei Seiten:
eine, die Du siehst,
eine, die ich sehe
und eine, die wir beide nicht sehen. 
Chinesisches Sprichwort 

„Ich liebe Hühnereier!“ Das sagt gewiß kein Huhn.
Der Mensch sagt es; er will dem Huhn die Eier rauben und diese verzehren. 
Aber nein. Der Mensch sagt das nicht. Er formuliert seine Absicht anders: „Ich liebe Hühner.“ Die Eier läßt er weg. Den Halbsatz kann auch das Huhn akzeptieren. „Der Mensch liebt uns!“ gackert es landauf, landab. Daß der Begriff „Liebe“ sich jäh ins Gegenteil verwandeln kann, bleibt unerkannt. Es kommt eben auf die Perspektive an und darauf, wer etwas sagt und mit welcher Absicht. Mit Worten läßt sich trefflich lügen! Das einzige, was uns eint, ist das gemeinsame Vokabular. Aber schon Tucholsky warnte: „Sprache ist eine Waffe. Haltet sie scharf!“ Nun sollte dem Huhn keinen Vorwurf daraus machen, daß es die listig verborgenen Botschaften nicht aus der Sprache des Menschen in die der Hühner übersetzen kann.

Wohlstand und Freiheit

„Ihr verschafft uns Wohlstand und Freiheit!“ sagen die Politiker zum Volk. Nein, halt! So sagen sie es eben nicht. Listig wie sie sind, haben sie den Satz ein klein wenig abgewandelt, so daß er auch dem Wahlvolk gefallen kann. „Wir schaffen Wohlstand und Freiheit!“ heißt es nun. Das weckt Begeisterung, gerade bei jenen, die davon weniger als nichts abkriegen sollen. Brav setzen sie das Kreuzchen auf den Papierzettel, stecken ihn durch den Schlitz in die Wahlurne und legitimieren ungewollt und ohne es zu wissen das eigene, sich ewig wiederholende Schicksal allen (Hühner)Lebens. Sie haben ihr Votum abgegeben, vermeintlich für Wohlstand und Freiheit – die eigene, wohlgemerkt! Sie wähnen sich vereint mit den Wir-Sagern, glauben, daß es nur eine einzige Perspektive gäbe, aus der man das Leben betrachten kann – die eigene nämlich.

„Wir schaffen Wohlstand und Freiheit!“ Welch ein Zukunftsversprechen! Schauen wir uns die beiden Begriffe genauer an. Wohlstand und Freiheit sind ein unzertrennliches Paar. Wohlstand kann nur in Freiheit entstehen, und Freiheit mehrt den Wohlstand. Wohlstand schützt vor Einmischung Dritter ins Privatleben und macht damit unabhängig von herrschaftlicher Willkür. Der Bürger wünscht sich das. Aber kann auch der Politiker dasselbe wollen?

Nicht alle verfolgen dasselbe Ziel

Die Perspektiven des Privatmannes und des Politikers sind unvereinbar. Sie können also nicht beide dasselbe Ziel verfolgen. Täten sie dies, würde sich sehr schnell zeigen, daß das eine nicht ohne das andere zu haben ist: Sind die Bürger wohlhabend und frei, dann können es die Politiker nicht sein. Sind die Politiker wohlhabend und frei, dann ist es der Bürger eben gerade nicht. Bürger und Politiker stehen in widersprüchlichem Verhältnis zueinander. Die einzige Quelle des Wohlstands ist wertschöpfende Arbeit, wie sie der Bürger leistet. Der Politiker lebt von den Früchten fremder Arbeit, und je mehr dieser Früchte er für sich selbst beansprucht, desto weniger bleibt dem Urheber des Wohlstands. Wenn der Politiker also verkündet, er werde mehr Wohlstand schaffen, so meint er damit nichts anderes als das: „Arbeite du, Bürger, mehr! Dann kannst du mir mehr von den Früchten deiner Arbeit abgeben, auf daß sich mein eigener Wohlstand mehre!“

In unserem Streben nach Sicherheit, Wohlstand und Freiheit sind wir Menschen einander gleich. Was uns unterscheidet, ist die persönliche Wahl der Mittel zur Verwirklichung dieses Ziels. Die Untertanen wählen das ökonomische Mittel – also das, was wir Erwerbsarbeit nennen. Die Machthaber und ihre Vertreter benutzen das politische Mittel, die Ausbeutung fremder Arbeitskraft für die persönlichen Zwecke. Was beide Parteien eint, ist lediglich das Streben nach Wohlstand und Freiheit – und diesem Streben geben sie – das ist die wahre Tragik – mit denselben rhetorischen Mitteln Ausdruck. Damit beginnt das Spiel der Täuschung, dem wir erliegen. Zu spät bemerken wir, daß wir darin nicht das handelnde Subjekt verkörpern, sondern als rechtloses Objekt der Verwirklichung fremder Träume dienen. Der vermeintliche Politikkumpel entpuppt sich als kühl berechnender Geschäftsmann, dem die positive Wirtschaftsbilanz alles gilt. Wer wollte ihm das vorwerfen? Aus seiner Perspektive handelt er rational. Zuweilen mag er sich sehr darüber wundern, wie bereitwillig ihm Volk auf den Leim geht.

Politiker sind nicht dumm

Das Urteil der Wähler über die Gewählten ist vernichtend. Allerorten empörtes Gegacker über politische Fehlentscheidungen. „Politiker sind dumm!“ Ich befürchte, es ist gerade anders herum. Wer meint, Politiker seien dumm, hat vom Wesen der Politik nichts verstanden. Was dem Einzelnen und dem Gemeinwesen durchaus zum Schaden gereichen mag – aus der Perspektive der Politik gilt es auf kurz oder lang ausnahmslos als Erfolg.

Der Bürger wünscht für sich und seine Nachkommen Planungssicherheit. Er hofft, daß seine Arbeit Früchte trage und der Wert seiner bescheidenen Ersparnisse erhalten bleibe. Der einzelne Politiker mag zwar glauben, daß auch er dasselbe Ziel verfolge. Wenn jedoch in Zeiten der wirtschaftlichen Krise Einbußen seines Einkommens drohen, wird das der Politiker erfolgreich zu verhindern wissen. Im Brustton der Überzeugung ruft er aus: „Laßt uns gemeinsam Wohlstand schaffen!“ Gemeinsam? Das Hühnerhofschicksal wird dem Normalbürger wohl nicht erspart bleiben, wenn er solche Botschaften wörtlich nimmt und sie aus der eigenen Perspektive heraus beurteilt. Das ist ganz einfach dumm.

Wovon Politiker leben

Politiker bauen keine Kartoffeln an. Sie nähen keine Kleider und klopfen keine Erze aus der Erde. Sie heilen und versorgen keine kranken Menschen. Sie verdienen ihren Lebensunterhalt mit Hilfe des Fiskus – einer Institution, deren einziger Zweck es ist, dem Kartoffelbauern, dem Handwerker, dem Bergmann, dem Arzt und allen anderen Erwerbstätigen einen Teil ihres Arbeitseinkommens abzunehmen – unter Androhung von Gewalt. Dieser unerfreuliche Umstand darf keinesfalls an die Oberfläche des allgemeinen Bewußtseins steigen (übrigens auch nicht bei den Nutznießern des Systems. Wer könnte schon mit vollem Bewußtsein den Gedanken ertragen, daß er als parasitäres Element nichts zum Gemeinwesen beiträgt). Dazu bedient man sich in allen Staaten seit je her der Sophistik. Die einseitigen ökonomischen Beziehungen werden in reziproke verwandelt und mit emotional aufgefüllten Floskeln angereichert: Liebe, soziale Fürsorge, Brüderlichkeit, Wohlstand, Freiheit, und so fort! Musik in den Ohren von Menschen und Hühnern! (Wobei die Frage ist, ob Hühner überhaupt Ohren haben. Darauf soll es aber nicht ankommen.)

Das Fundament der Macht

Das Fundament der Macht bildet die Definitionshoheit über Begriffe. Nicht dem Volk wird Wohlstand und Freiheit versprochen – die Politikerkaste beansprucht – bewußt oder unbewußt – dieses Recht ausschließlich für sich selbst. Die ungeheuerlichsten Lasten, die schmerzhaftesten Freiheitsbeschränkungen, all das wird vom Volk mit erstaunlicher Gelassenheit getragen.

„Die Menschen lieben uns!“ freut sich das Huhn. Es kratzt, scharrt und legt lebenslang so unverdrossen wie vergeblich Ei für Ei. Die jähe Erkenntnis und das große Erschrecken kommen erst im letzten Moment, wenn sich das Schlachtmesser über den ausgemergelten Körper senkt.

„Wir leben im besten Staat aller Zeiten!“ jubelt das Volk. Das Heer der Untertanen malocht bis zur physischen und geistigen Erschöpfung, glaubt es doch an das Versprechen des Wohlstands – für sich selbst. Von diesem Glauben bringt den braven Bürger auch die Realität nicht ab, die ihm das Gegenteil zeigen müßte: atemlos ist er damit beschäftigt, die immer drückender werdende Abgabenlast zu tragen, welche ihm die vermeintlich wohlwollend gesonnenen Politiker auferlegen.

Die von Eroberern heimgesuchten Eingeborenen gaben einst ihr wertvolles Land hin im Tausch gegen eine Handvoll glitzernder, aber wertloser Glasperlen. Es besteht kein Anlaß, uns den „naiven“ Eingeborenen Nordamerikas intellektuell überlegen zu fühlen. Wir tauschen unsere Arbeitskraft und Lebenszeit, Gesundheit und Wohlergehen, leibliche Kinder und persönliche Freiheit gegen einen Haufen zerknitterter, bunt bedruckter Papierfetzen ein. Das halten wir für „Wohlstand“ und „Freiheit“. Wir kennen es nicht anders. Es ist unsere Sicht der Dinge. Und wir glauben, es sei die einzig mögliche.

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Kommentare zum Artikel

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Gravatar: familienwehr

...und zur Festigung des demokratischen Raub- und Schmarotzersystems bedarf es allgemeiner Unbildung. Je einfältiger und orientierungsloser der demokratisierte Untertan, desto leichter ist er zu manipilieren.
Das sozialistische Bildungssystem dieses sich in kultureller Auflösung befindlichen Staates wird deshalb bewusst und mit Zwang an den Einfältigen, Angepassten und Faulen ausgerichtet und nicht an den Begabten und Besten.
In einem demokratischen Staat final durchmanipulierter Halbgebildeter zweifeln dann selbst die Gescheiten an ihrem Verstand. Der Sozialismus als zwangsläufige Folge der Demokratie ist eine teuflische und destruktive Seuche des Geistes. Parteien-Demokratie bedeutet seit der Antike stets den Sturz in den Abgrund der Barbarei und die Vernichtung von Hochkulturen.
Hier ist ausdrücklich der wegen seiner Liberalität und Rechtssicherheit wirtschaftlich, wissenschaftlich und kulturell hochentwickeltste Staat des 19.Jahrhunderts zu nennen - das streng marktwirtschaftliche Preußen - welches erst von sogenannten Demokraten/Sozialisten (rote, braune) zerstört und dann als drohende Konkurrenz von ausländischen Mächten vernichtet werden konnte.
Soll die Chance für die Vernunft schon wieder nur im desatrösen Scheitern des Sozialismus liegen?

Gravatar: Elmar Oberdörffer

Sehr treffend gesagt! Man lese dazu auch das Buch von Hans-Hermann Hoppe: Demokratie - der Gott, der keiner ist.

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