13. August: Wie der Mauerbau den Blick auf den Sozialismus verstellt

Die Berliner Mauer hat über die Jahre eine seltsame Geschichte bestimmt.

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Zwei Arten von Gedenktagen gibt es in Deutschland: Die, die man pflegt; und die, die man lieber in den hinteren Teil der Erinnerung schiebt. Der 13.August 1961 gehört zur zweiten Art. An jenem Tag, einem Sonntag, wurde quer durch Berlin und um Westberlin herum eine Mauer gebaut. Heute jährt sich dieser Tag zum 59.Mal.

Einige Politiker erledigen artig ihre Aufgabe, sich dieses Tags zu erinnern. Sie sprechen von der schrecklichen Teilung der Stadt; sie verweisen auf die 283 an der Mauer Ermordeten. Aber in ihren Herzen haben die Gedenkredner diese Untaten längst weit von sich geschoben. Sie gehören, will es scheinen, in eine andere Zeit. In eine Zeit, als man noch wusste, was Sozialismus bedeutet.

Anders ist schwer zu erklären, dass einige eine Zusammenarbeit mit den ideologischen Erben jener Sozialisten für durchführbar halten und andere durch ihre Politik dafür sorgen, dass ein Mann der Ex-PDS zum Ministerpräsident eines Bundeslands wiedergewählt werden kann. Diese Politiker haben die Morde an der Mauer vergessen; zumindest spielen sie keine wesentliche Rolle für sie und ihr politisches Handeln. Damit aber vergehen sich diese Politiker an den Opfern der Mauer..

Allerdings macht der Mauerbau es auch einfach, den wahren Charakter des Sozialismus übersehen zu wollen. Denn wie man es dreht: Verglichen mit dem ersten sozialistischen Staat auf deutschem Boden, dem National-Sozialismus, ist der zweite, die DDR, eigentlich relativ harmlos; eine schnöde Diktatur, wie sie es immer schon gab und immer noch gibt; aber eben keine mit Hekatomben von Toten wie unter den National-Sozialisten. Das Dritte Reich ist ein Schandfleck in der deutschen Geschichte, die DDR dagegen ein Schmutzfleck.

Daher gilt es, am 13.August nicht nur an die Maueropfer zu denken. Um die geht es auch. Aber durch diesen Tag hindurch muss der Blick auf Mauer und Stacheldraht fallen, denn sie stehen für den Sozialismus und seine Geschichte und seinen wahren Charakter: Er ist ein mörderisches Gefängnis.

Als es die Mauer noch gab, hat das jede Fahrt mit der S-Bahn über die Mauer bestätigt: Aus den rot-beigen Wagen konnte der Fahrgast aus dem geöffneten Fenster auf Zäune, Schussanlagen und Minenfelder blicken. Da gab es keinerlei Zweifel; oder wie ein Italiener mir damals sagte: »Es ist wie ein KZ.« Und ein Staat., der seine Bürger auf diese Art einpfercht, der kann kein guter Staat sein.

Und noch aus einem anderen Grund wird durch die Mauer der Blick auf den Charakter des Sozialismus verhindert; gerade heute, am Gedenktag für ihren Bau. Denn der 13.August scheint einen Anfangspunkt zu markieren, weil der Bau der Mauer ein Skandalon war. Alle Welt schaute an jenem Sonntag und in den folgenden Jahren auf Berlin – und deshalb schaut heute kaum mehr jemand auf die Jahrzehnte Sozialismus davor. Und so macht sie, die Mauer, die anderen Opfer vergessen: Die Leichenberge in der ›Lubjanka‹, die Todeslager in Kolyma, den Massenmord durch Arbeit am ›Weißmeerkanal‹, schließlich den ›Holodomor‹, den Völkermord durch Hunger an den Ukrainern. 

Politiker der Linken, also Sozialdemokraten, Grünen und vor allem Mitglieder und Unterstützer der Ex-SED, verstehen es, diese Bedeutung der Mauer für ihre Zwecke zu nutzen. Sie verweisen auf ihre Gedenken an die Opfer von Mauer und Stacheldraht; aber tatsächlich verweisen sie auf die Mauer, um nicht auf die sozialistischen Großverbrechen verweisen zu müssen. Denn schon ein kurzer Blick auf die Todeszahlen beweist: Die Massenmorde der National-Sozialisten sind als Verbrechen Teil der mörderischen Geschichte der Zeit nach der Französischen Revolution.

Und so können sie, wie etwa die Führung der SPD, heute »den Sozialismus« wieder als wünschbare Zukunft in den Medien preisen. So können sie wieder von Enteignungen reden und Politiker der Ex-SED sogar darüber witzeln, die Reichen erschießen zu wollen. So können linke Politiker sich in Talk-Shows räkeln und über die guten Ziele ihrer sozialistischen Visionen schwadronieren, ohne dass auch nur einer im Studio auf den verbrecherischen Charakter ihrer Ausführungen verwiese. Noch immer suchen offenbar einige nach dem, was man, ohne alle Ironie, einmal ›Sozialismus mit menschlichem Antlitz‹ genannt hat. Der Sozialismus ist wieder ›in‹.

Doch wer betonen muss, dass er menschlich aussehen kann, hat sehr viel Unmenschlichkeit zu verbergen. Daran sollte der Mauerbau erinnern.

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Kommentare zum Artikel

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Gravatar: Blindleistungsträger

ZITAT: "So können linke Politiker sich in Talk-Shows räkeln und über die guten Ziele ihrer sozialistischen Visionen schwadronieren, ohne dass auch nur einer im Studio auf den verbrecherischen Charakter ihrer Ausführungen verwiese."

Naja, das liegt aber doch vor allem daran, dass man alle potenziellen Kritiker von vorherein ausschließt und mundtot macht. Man kann unwidersprochen alles sagen, wenn man Gegenrednern jede Chance verbaut.

Gravatar: Blindleistungsträger

ZITAT: "Sie gehören, will es scheinen, in eine andere Zeit. In eine Zeit, als man noch wusste, was Sozialismus bedeutet."

Meiner Ansicht nach gehören sie eher zu dem Menschenschlag, der selber jetzt gerade über die Notwendigkeit der Errichtung von Mauern aller Art nachdenkt. So einer kann unmöglich die negativen Aspekte der DDR-Mauer glaubwürdig betonen.

Gravatar: Gerhard Fenner

Zumindest hat der Bau der Berliner Mauer im Jahre 1961 den klaren Blick der Revolte-Studenten von 1968 so versperrt, dass sie mit "Hồ Chí Minh-Rufen" und "Mao-Bibel" in West-Berlin und anderswo gegen die USA und die bestehende, westliche Gesellschaftsordnung demonstrierten und randalierten. Dieser Blick wurde so furchtbar getrübt, dass heutige und künftige Generationen von Führungskräften für Jahrzehnte keine klare Sicht mehr auf die Zukunft haben.

Gravatar: Ekkehardt Fritz Beyer

... Und noch aus einem anderen Grund wird durch die Mauer der Blick auf den Charakter des Sozialismus verhindert; gerade heute, am Gedenktag für ihren Bau. Denn der 13.August scheint einen Anfangspunkt zu markieren, weil der Bau der Mauer ein Skandalon war. Alle Welt schaute an jenem Sonntag und in den folgenden Jahren auf Berlin – und deshalb schaut heute kaum mehr jemand auf die Jahrzehnte Sozialismus davor.“ ...

Könnte das auch daran liegen, dass
„der stille Sozialismus der Angela Merkel“ https://www.welt.de/debatte/kommentare/article118903576/Der-stille-Sozialismus-der-Angela-Merkel.html
in deren Augen schon derartige Konturen annimmt, dass sie ihn in einst gekannter Intensität auch im aus ihrer Sicht ´vereinten` Deutschland schon in Kürze wieder ´vollends` ausleben zu können glaubt???

Gravatar: Gerhard Fenner

"Die Massenmorde der National-Sozialisten sind als Verbrechen Teil der mörderischen Geschichte der Zeit nach der Französischen Revolution."

Es wäre ganz erhellend, einmal zu Untersuchen, welche Ideologie mehr Opfer verursacht hat.

Was es das Christentum?
War es die bürgerlich-liberale Revolution?
War es der stalinistische Kommunismus?
Waren es Faschismus und Nationalsozialismus?
Oder werden es Klima-, Gender-, und Corona-Ideologie sein?

Gravatar: Jürgen kurt wenzel

Es sind die Fehler der Friedfertigen ,Gerechtigkeit erst im Himmelreich zu erwarten !
Die Ungläubigen Sünder ,die zu Lebzeiten mit dem Fallbeil ,dem Schießbefehl , Mauer und Stacheldraht in Sünde und Verderbnis Macht aus üben ,bändigt nur das Schwert !!

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