Wer errechnet eigentlich die Inflation?

10. Januar 2012, 09:23 | Kategorien: Politik, Wirtschaft | Schlagworte: , | von Redaktion
Foto: Gerd Altmann, pixelio
Jonas Lengsfeld

Der Verbraucherpreisindex, aus dessen Änderung sich die offizielle Inflationsrate bestimmt,  wird in Deutschland durch das Statistische Bundesamt ermittelt. In dem Gesetz über die Statistik für Bundeszwecke ist zu lesen: „Das Statistische Bundesamt ist eine selbständige Bundesoberbehörde“. Jedoch ist diese „Selbständigkeit“ kritisch zu hinterfragen.

„Der Präsident des Statistischen Bundesamtes wird vom Bundespräsidenten auf Vorschlag der Bundesregierung ernannt.“ Darüberhinaus hat die Behörde einen Beirat, der sie in „Grundsatzfragen“ berät. Dieser setzt sich zu einem Drittel aus Vertretern von Wirtschaft und Gewerkschaften und zu zwei Dritteln aus Ministerien und anderen behördlichen Institutionen zusammen.  In dem 63 Mitglieder zählenden Beirat finden sich lediglich vier Vertreter der Wissenschaft. Dabei ist es in erster Line eine wissenschaftliche Aufgabe, Statistiken wie etwa den Verbraucherpreisindex  zu ermitteln.

Angesichts dieser Zusammensetzung ist klar: Das Statistische Bundesamt ist zumindest im Hinblick auf seine Leitung ein politisches Gremium und keine wissenschaftliche Institution. Wohin eine solche Vermischung von Politik und Forschung führen kann, zeigt die massive Schönung der amerikanischen Inflation durch die FED (Federal Reserve).

Diese bedient sich einer Reihe von Rechentricks, um den amerikanischen Geldwert-Verlust, also die Inflation, geringer erscheinen zu lassen. Der renommierte US-Ökonom John Williams veröffentlicht die ungeschönte Inflation in den Staaten, ohne die seit 1992 schrittweise eingeführten Rechentricks. Er kommt dabei zu dem Ergebnis, dass diese nicht bei den durchschnittlich ausgewiesenen drei, sondern bei sechs Prozent im Jahr liegt. Wenn BIP und Wirtschaftswachstum ermittelt werden, wird die Inflation aus dem Ergebnissen heraus gerechnet. Ist der veranschlagte Geldwert-Verlust zu gering, kann eine tatsächliche Rezession als leichter Aufschwung erscheinen. Finanzexperten gehen daher davon aus, dass der US-Wirtschaftswachstum während der letzten zwei Jahrzehnte  nur die Hälfte dessen betrug, was die FED suggerierte.

Folker Hellmeyer, Chefanalyst der Bremer Landesbank und ARD-Wirtschaftskommentator, sieht ähnliche Tendenzen in der EU: „Grundsätzlich gibt es von Seiten der Politik seit Jahrzehnten den Versuch, Wirtschaftsdaten so zu beeinflussen, dass Wiederwahlen nicht gefährdet sind. Im Vergleich zu den Amerikanern sind wir Europäer hier erst Grundschüler und noch keine Akademiker“. Jedoch werde auch in Europa bereits das Prinzip der Hedonik angewendet. Die Hedonik ist ein umstrittenes Rechenkonzept um Qualitätsveränderungen (wie sie etwa im EDV- Bereich auftreten) zu berücksichtigen. Damit kann  je nach Gewichtung der zu errechnende Verbraucherpreisindex massiv verändert werden.

Entscheidender Faktor für die Preisentwicklung ist die Geldmenge. Wächst diese, verliert das Geld an Wert und die Preise steigen. Wirtschaftsanalysten erwarten, dass die Europäische Zentralbank (EZB) im Zuge der Eurokrise im nie dagewesenen Umfang marode Staatsanleihen von Pleitestaaten wie Griechenland und Italien aufkaufen wird. Diese werden dann mit frischgedrucktem Geld bezahlt. Es bleibt abzuwarten, ob das Statistische Bundesamt seine Berechnungsmethoden für den Verbraucherpreisindex daher bald „reformiert“.

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