Energieversorgung der Zukunft
Kernenergie – Contra und Pro

02. Juni 2010, 02:02 | Kategorien: Lebenswelt, Politik | Schlagworte: | von
Redaktion FreieWelt.Net

Der Diplom-Ingenieur Wolfgang Köhler, Koordinator für Energieversorgung in der Zukunft des BürgerKonvent hat sich mit den Für- und Widerargumenten im Hinblick auf das Thema Kernenergie auseinandergesetzt. FreieWelt.net veröffentlicht Köhlers umfassende Analyse mit freundlicher Genehmigung des Autors. 

1. Einleitung

Nach wie vor herrscht in Deutschland ein heftiger Streit darüber, welche Primär-Energieträger in der Zukunft verwendet werden sollen.

Davon unabhängig besteht jedoch die Aufgabe und Verpflichtung, unsere Bevölkerung und Industrie langfristig, ausreichend mit bezahlbarer Energie zu versorgen. Allgemein gilt, wenn zu einer Methode die Bewertungen erheblich abweichen, dann beruht dies einerseits auf kommerziellen Interessen, vorgefaßten Meinungen oder unzureichendem Wissen. Andererseits sind bez. der ,,Energieträger-Frage” die für die richtigen Entscheidungen notwendigen Erkenntnisse verfügbar!

Will man zu guten Lösungen kommen, muss die Bewertung der Energieversorgungs-Methoden endlich objektiviert werden. Unzutreffender Glaube und ideologisch bedingte Meinungen müssen der Anerkennung der Realitäten weichen, d. h. in erster Linie den physikalischen Gegebenheiten und technischen Möglichkeiten.

Mit den vorliegenden Ausführungen soll die Diskussion angeregt und damit ein Beitrag zur Lösung der Energie-Frage in unserem Lande geliefert werden

Die bisherige Behandlungsweise des Themas passt nicht in unsere demokratische Gesellschaft. Hier trifft gut ein Satz zu, den kein Geringerer als Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt in einem Vortrag äußerte: “Die Demokratie ist ohne Kompromisse nicht möglich”. Kompromisse wiederum erfordern Diskussionen!

Es ist an der Zeit die Nutzung der Kernenergie in Deutschland neu zu bewerten. Dies ist nicht pauschal möglich, wenn das Ergebnis der Realität entsprechen soll. Es muss dabei berücksichtigt werden, welches Reaktor-Prinzip und welche Reaktor-Generation man betrachtet und welche Sicherheitseinrichtungen unterstellt werden. Auch die fossilen Brennstoffe und die Erneuerbaren Energien sollten, nebenbei bemerkt, neu bewertet werden.

Wichtig ist auch, dass sich alle Seiten, um zu einer objektiven Quantifizierung zu kommen, auf die gleichen Daten einigen.

Die Probleme sollen systematisch aufgearbeitet werden.

2.1 Allgemeines

Weil die Standpunkte der Gegner und Befürworter der Kernenergie extrem divergieren, werden zum Vergleich die wichtigsten Argumente beider Seiten unmittelbar gegenüber gestellt.

2.2 Sicherheit der Kernkraftwerke

2.2.1 Betriebssicherheit

Contra 

1. Die Atomkraft ist ein unverantwortbares Risiko.

2. Atomkraftwerke sind zu störanfällig.

3. Insbesondere bei den meisten vorkommmenden Reaktoren, den Leichtwasser-Reaktoren und anderen wassergekühlten Reaktoren ist wegen der Nachzerrfallswärme ein Ausfall der Kühlung eine sehr große Gefahr. Dabei kann es zur großen Katastrophe, einem sog. Super-GAU kommen, die tausende Menschen in den Tod reißt, Städte und ganze Landdstriche fur die Ewigkeit unbewohnbar, bzw. unbenutzbar macht.

4. Jederzeit kann einer der weltweit in Betrieb befindlichen Reaktoren von Atomkraftwerken einen Unfall erleiden.

Pro

1. Es hat in rund 40 Jahren Betrieb von Kernkraftwerken in Deutschland keinen Todesfall durch radiooaktive Strahlung gegeben.

2. Das bedeutet, dass die Schutzziele erreicht wurden.

3. Die Kernkraftwerke in Deutschland sind sicher!

4. Für den Fall, dass ein System ausfällt, sind Ersatz-Systeme vorhanden, z. B. mehrfach installierte und räumlich getrennte Kühlung oder Notstromversorgung.

 
5. Es gibt keine Notwendigkeit die deutschen, die sichersten Kern-Kraftwerke der Welt, früher abzuschalten. Ein Weiterbetrieb ist sicherheitsstechnisch unbedenklich.

Anm.: Die Abkürzung GAU bedeutet bereits größter anzunehmender Unfall.

Aspekte speziell bez. Kernkraftwerk Biblis B

Contra (von IPPNW) 

1. Das Atomkraftwerk hat mehr als 150
 Konstruktionsfehler und Sicherheitsmängel.

Anm.: Es wurden 6 mögliche Unfälle  angeführt, bei denen ein Super-GAU auftreten kann.

2. Die Wasservorratsbehälter (Druckspeicher); aus denen bei einem Leck im Reaktor-Kühlkreislauf Wasser automatisch eingespeist wird, sind zu klein, um die Kühlung des Reaktorkernes nach Abschaltung sicherzustellen.

 3. Von einem schweren Atomunfall in Biblis B werden viele Millionen Menschen betroffen im Rhein-Main-Gebiet, in ganz Deutschland und in Europa. 

4. Es kann jederzeit zu einer Atomkatastrophe kommen 

Pro (von RWE)

1. Es gibt immer wieder Versuche, die Öffentlichkeit mit falschen Behauptungen und Schlussfolgerungen zu täuschen und das Kemkraftwerk Biblis B erneut in Misskredit zu bringen. In Ermangelung echter  Argumente werden alte und längst  eindeutig widerlegte Behauptungen wiederholt und neue diffuse Vorwürfe erhoben.  Alle Vorwürfe wurden vollständig untersucht.

Ergebnis: Es bestehen keine Auslegungs- und Sicherheitsdefizite. Das bescheinigen national und international renommierte Fachleute in ihren Untersuchungen. 

 2. Die Wirksamkeit des Druckspeichersystems wurde mehrfach in Analysen bestätigt. Zwei der vier Druckspeicher reichen aus, um die Kernkühlung sicherzustellen.

Anm.: Kernkraftwerk Biblis B besitzt einen typischen großen Druckwasserreaktor, Leistung 1.300 Megawatt, Stromerzeugung seit 1977.

2.2.2 Äußere Sicherheit

Contra

1.  Früheres Argument:

Atomenergie führt zum Polizeitstaat.  Anm.: Bezieht sich auf das Vorgehen der Polizei gegen gewaltanwendende Demonstranten.

2.  Zu einer Zeit, in der sich Gewalt privatisiert und Terror globalisiert, ist Atomenergie ein lebensgefährlicher Leichtsinn.

3. Terroristen könnten Zugang zu bombenfähigem Material oder sogar eine Atom-Sprengladung in die Hände bekommen.

Pro

1.Beim Argument “Polizeistaat” wird Ursache und Wirkung vertauscht.

2.Die Proliferation (Weiterverbreitung von waffentauglichem Plutoonium) ist in Deutschland aufgrund der Kontrollen und der Technik keine Gefahr.
3.Terroristen, die nach Kernsprengsätzen streben, würden es höchstwahrscheinlich in Pakistan versuchen.
4.Bisher hat noch kein Staat die Kontrolle über Kernwaffen an andere abgegeben.

Aspekte speziell bez. Kernkraftwerk Biblis B

Contra (von IPPNW)

1. Biblis B ist gegen Absturz von schweren Militärflugzeugen und Passagierflugzeugen nicht geschützt.

2. Es ist gegen Erdbeben völlig unzureichend geschützt. Ein Erdstoß kann schon morgen zur Atomkatastrophe führen.

3. Ein Blitzschlag kann zum Super-GAU führen. Der elektrische Schutz der Stromversorgung des Kraftwerkes ist unzureichend. Die Leittechnik ist durch Überspannung gefährdet. 

Pro (von RWE)

1. Biblis B hat gegen Flugzeugabsturz ein Reaktor-(Schutz-) Gebäude aus Stahlbeton mit einer Dicke von 1.000 mm. In einigem Abstand von der Gebäudewand befindet sich zusätzlich der Sicherheitsbehälter aus 30 mm Stahl.

2. Bei der Auslegung sind Auswirkungen von starken, extrem unwahrscheinlichen Erdbeben berücksichtigt worden. Die Anlage ist selbst gegen schwerste Erdbeben gerüstet.

3. Es sind umfangreiche Blitzschutzeinrichtungen gemäß dem neuesten Stand der Technik vorhanden.  Es finden zahlreiche wiederkehrende Prüfungen statt, mit denen die Wirksamkeit der Blitzschutzeinrichtungen immer wieder nachgewiesen wird.

2.3 Wirtschaftlichkeit der Kernenergie

Contra

1. Atomstrom ist zu teuer.

2. Die angegebenen Kosten sind viel zu niedrig. Es werden die Kosten für Forschung und Entwicklung sowie Milliarden für die Entsorgung nicht mit berechnet.

3. Für Forschung auf dem Gebiet der Atomenergie wurden 40 Milliarden Euro in Deutschland ausgegeben.
4. Bei Stromkunden schlägt nicht der Herstellungspreis sondern der Marktpreis (7 bis 8 Cent/kWh)zu Buche.

Pro

1.  Kernkraftwerke erzeugen Elektrizität mit am preiswertesten.

2.  Die deutschen Reaktoren basieren auf Lizenzen von den USA, nicht auf Forschung in Deutschland.

3. Die Kosten für Stilllegung und Endlagerung sind in den Stromkosten enthalten.

4. Die abgeschriebenen Kernkraftwerke produzieren den Strom für 2 cent/kWh.

5. Kernkraftwerke leisten einen erheblichen Beitrag zur Strompreissdämpfung.

6. Bei Laufzeitverlängerung sind die Elektrizitäts-Versorgungsunternehhmen bereit, die Hälfte der zusätzlichen Gewinne an einen Fond für gemeinnützige Aufgaben abzuführen.
 

7. Ein großes Kernkraftwerk wie Biblis A erwirtschaftet ca. 1 Mio. € Gewinn pro Tag.

2.4 Notwendigkeit der Kernenergie

Contra

1. Mit der durch Windkraft erzeugten Strommenge könnten weitere Atomkraftwerke ersetzt werden.

2.  Das Atomkraftwerk Biblis A war 2007 nicht in Betrieb, ohne dass irgendwo die Lichter ausgingen.  Das zeigt: Dieses Atomkraftwerk ist überflüssig.

3. Die Atomenergie ist eine für die Menschheit fast bedeutungslose und überflüssige Energiequelle.

4. Es ist mit einem weiteren Rückgang der weltweiten Nutzung der Atomenergie zu rechnen.

Contra

1. Windkraft ist aufgrund ihrer Unstetigkeit als Ersatz der Kernenergie ungeeignet.

2. Etwa die Hälfte des Strombedarfs rund-um-die-Uhr (Grundlast) wird durch Kernkraftwerke abgedeckt. Sie ist das Rückgrat der Stromversorgung in Deutschland.
.
3. Den wachsenden Energiehunger in der Welt zu stillen, wird langfristig ohne Kernenergie nicht möglich sein.

2.5 Versorgung mit Uran

Contra

1.  Der Vorrat an Uran ist in ca. 30 Jahren erschöpft.

2. Es ist daher auch nicht sinnvoll gewaltige Mittel in eine Technologie ohne Zukunft zu investieren.

Pro

1. Uran steht noch mindestens für 200 Jahre durch Bergbau zur Verfügung.

2. Ab 300 $/kg Uran (heute niedrige 80 $/kg Uran) lohnt sich Gewinnung aus Meerwasser. Reichweite von Uran damit Jahrtausende.

3. Durch Schnelle Brüter und Thorium Reichweite von Kernbrennstoffen nochmals viele Jahrtausende.

2.6 Endlagerung hochradioaktiver Abfälle

Contra

1. Das größte Problem bez. der Atomenergie ist die Lagerung radioaktiver Abfälle.

2. Die Endlagerung hochradioaktiver Abfälle ist bis heute nicht gelöst.

3. Hunderttausende von Jahren müssen vergehen, bevor die Radioaktivität von Plutonium auf ein nicht mehr gesundheits-gefährliches Maß zurück gegangen ist.

4. Es gibt begründete Zweifel, ob der Salzstock in Gorleben langfristige Sicherheitskriterien erfüllen wird.

5.  Atommüll-Lager können schon sehr zeitnah zu einer ernsthaften Bedrohung werden.

Pro

1. Die Endlagerung hochradioaktiver  Abfälle ist ein politisches und kein technisches Problem. Sie wurde mindestens 10 Jahre verzögert.

2. Plutonium sollte nicht endgelagert, sondern als Kernbrennstoff verwendet werden

3. Die Bundesregierung verhängte 2000 ein Moratorium, d. h. eine Aussetzung, für 10 Jahre zur Klärung Standort unabhängiger Fragen.

4.Diese Fragen sind seit 2005 abgearbeitet. Ergebnis: Es spricht nichts gegen den Salzstock Gorleben als langfristig sicheres Endlager.

5. Die Bundesregierung ist jetzt in der Pflicht, die zügige Inbetriebbnahme des Endlagers sicher zu stellen.

2.7 Klimaschutz

Contra

1.  Atomstrom ist nicht klimaschonend.

2. Dem Klimaschutz käme daher eine längere Laufzeit nicht zu gute.

3. Ob die deutschen Klimaschutzziele erreicht werden, hängt weniger von den Laufzeiten der Reaktoren ab, als vielmehr davon, wie effizient Energie in Zukunft genutzt wird.

Pro

1. Kernkraftwerke vermeiden einen Ausstoß von 150 Mio. t C02/Jahr. Das ist annähernd so viel, wie durch den Straßenverkehr freigesetzt wird.

2. Ohne Kernkraftwerke wäre die C02-Emission in Deutschland 18 % höher.

3. Kerntechnik in der Welt

Kein Land außer Deutschland hat z. Zt. einen Atomausstieg beschlossen.
Nach der Entwicklung im letzten Jahrzehnt zu urteilen, ist es sehr unwahrscheinlich, dass wir die Nutzung der Kernenergie in einem anderen Land wesentlich beeinflussen können. Die Argumente, die in Deutschland gegen die Kerntechnik vorgebracht wurden, waren für das Ausland offensichtlich nicht überzeugend.

Weltweit sind im Ausland z. Zt. 422 Kernkraftwerke in Betrieb, davon 180 im übrigen Europa (in 17 Ländern) und 104 in den USA.

Der Anteil der Kernenergie an der weltweiten Stromerzeugung beträgt derzeit 17 %. Die Forschung und Entwicklung bez. der Kernreaktoren erzielte in den letzten beiden Jahrzehnten große Fortschritte. Insbesondere wurde auch die Sicherheitstechnik weiter erheblich verbessert.

Aus diesen und anderen Gründen erfolgte weltweit eine Änderung der Einstellung gegenüber der Kernenergie.

Selbst führende internationale Umwelt-Aktivisten plädieren inzwischen für die Kern-Technik als sauberste und klimafreundlichste aller alternativen Energien.

Es sind mindestens 42 Kernkraftwerke in 14 Ländern im Bau. Zahlreiche sind in der Planungsphase oder geplant.

Das bedeutet, dass in allen großen Industrieländern (außer in Deutschland) und in allen Schwellenländern von großer Bedeutung Kernkraftwerke im Bau und / oder geplant sind.

Die nächste Generation von Kernkraftwerken wird von dem “Generation IV InterNational Forum” (GIF) unter Führung der USA entwickelt. Mitgliedsländer sind Frankreich, Japan, Großbritannien , Kanada, Brasilien, Argentinien, Russland, China, Südkorea, Südafrika und die Schweiz sowie Euratom. Es handelt sich dabei um 6 verschiedene Reaktor-Konzepte, darunter 3 schnelle Brutreaktoren mit verschiedenen Kühlmitteln, 2 Heißdampf-Reaktoren mit verschiedener Konstruktion und ein Höchsttemperaturreaktor. Ab 2015 sollen die neuen Kernkraftwerks-Typen von den Partnerländern erprobt werden.

Die Internationale Energie-Agentur schätzt, dass bis 2050 weltweit 1.300 neue Kern-Kraftwerke nötig sind.

Vom Konsortium AREV A (Frankreich) und Siemens wurde der European Pressure water Reactor (EPR) entwickelt, der erste Druckwasserreaktor-Typ der 3. Generation. Er weist eine erhöhte Leistung gegenüber den bisher größten Reaktoren auf und stellt einen weiteren erheblichen Fortschritt in der Sicherheitstechnik dar.

Er besitzt folgende Sicherheitseinrichtungen:

• Doppel-Containment (Schutzgebäude) mit Ringraumabsaugung

• Vierfache Redundanz der Sicherheitssysteme mit Unterbringung in räumlich getrennten Gebäuden

• Wärme-Abfuhrsystem für das Containment

• Corecatcher (Kern-Fänger) unter dem Reaktordruckbehälter, Kernschmelze-Ausbreitungsfläche und Flutbecken.

Er ist nach dem in Frankreich, Deutschland und USA geltenden Regeln genehmigungsfähig und kann damit weltweit angeboten werden. Das Entwicklungs-Potential der Kerntechnik ist sehr groß.

Anmerkungen:

1.  Großbritannien strebt einen Anteil von 40 % Kernkraft an. Dazu sind 20 neue KKW nötig.

2. Die Regierung der USA ist der Meinung, dass 130 neue KKW erforderlich sind.

3. Iran will Kernkraftwerke mit ZUS. 20.000 Megawatt bis 2020 bauen.

4. Italien will künftig 25 % seines Stromes mit Kernkraft erzeugen.

5. Weltweit sind ca. 250 Projekte in Planung.

4. Abschließende Bemerkungen

Die Argumente der Gegner und Befürworter der Kernenergie liegen nicht nur sehr weit auseinander, sondern sagen teilweise das Entgegengesetzte aus. Es gibt jedoch nur eine Wirklichkeit. Wenn der Leser das so auf sich wirken lässt, könnte er den Eindruck gewinnen, dass völlig unterschiedliche Techniken beurteilt werden. Es fällt auch auf, dass die Argumentationsweisen beider Seiten sehr unterschiedlich sind. Möge jeder sich zu den verschiedenen Aspekten zunächst seine eigene Meinung bilden.

In Zukunft kommt es jedoch darauf an, Anstrengungen zu unternehmen, um die Energie-Frage einer Lösung, die einen Kompromiss oder besser Konsens beinhaltet, näher zu bringen.

Es wird für den Teilbereich Strom-Versorgung die Erarbeitung eines detaillierten Elektrizitäts-Konzeptes für Deutschland vorgeschlagen. Ein solches Konzept sollte nicht nur Grundsätze und Zielwerte enthalten. Es müsste zunächst der voraussichtliche Bedarf für die nächsten, z. B. 15 Jahre abgeschätzt werden. Die in Betrieb befindlichen Kraftwerke und ihre wahrscheinliche Betriebsdauer müssten erfasst werden. Darauf aufbauend sollte dann die Ermittlung der zu bauenden Kraftwerke bezüglich ihrer Leistung und des Datums der Betriebsbereitschaft als Orientierung und Leitfaden erfolgen. Ein solches Konzept sollte jährlich aktualisiert werden.

Wenn wir in Deutschland das Richtige zur richtigen Zeit tun, dann erscheint es möglich, die Versorgung unserer Bevölkerung mit Elektrizität auch mittel- und langfristig zu gewährleisten.

Anlage A

Wichtige Daten

Um das Ausgeführte noch treffender einschätzen und beurteilen zu können, sind nachstehend einige mit dem Thema zusammenhängende, sehr wichtige Daten aufgeführt:

1. Die Weltbevölkerung beträgt z. Zt. 6,5 Milliarden Menschen. Davon sind ca. 5,5 Milliarden den Schwellen- und Entwicklungsländern zuzurechnen. All diese Völker streben letztendlich den Lebensstandard und damit den Energie-Bedarf wie in den Industrie-Nationen an.

2. Bis zum Jahr 2030 muss mit einer Weltbevölkerung von 9 Milliarden ausgegangen werden.

3. Nach einer Studie von SHELL ist bez. des Primär-Energieverbrauches der Welt im Jahr 2030 mit bis zu einer Verdoppelung (entspr. ca. 850 Trillionen Joule) zu rechnen.

4. In der Welt werden ca. 14 % der verbrauchten Primär-Energie in Elektrizität umgewandelt.

5. Von der Internationalen Energie Agentur wird prognostiziert, dass sich der Elektrizitäts- Verbrauch bis zum Jahr 2030 um ca. 77 % erhöhen wird.

6. Deutschland hat einen Anteil an der weltweiten Elektrizitäts-Erzeugung von 3,7%.

7. In Deutschland sind z. Zt. 17 Kernkraftwerke für die Elektrizitäts-Versorgung mit einer Gesamtleistung von 21.336 Mega-Watt in Betrieb.

8. Bis 2021 soll aufgrund des beschlossenen “Atomausstiegs” das letzte der deutschen Kernkraftwerke den Betrieb einstellen.

Anlage B

Erklärungen zu den deutschen Kernkraftwerken

Die Reaktoren der deutschen in Betrieb befindlichen Kernkraftwerke sind Leichtwasser-Reaktoren. Bezüglich ihrer Bauart haben 11 Anlagen Druckwasserreaktoren und 6 Siedewasserreaktoren. Von diesen Kernkraftwerken sind 13 groß (1.225 bis 1.475 Megawatt) und 4 von mittlerer Leistung (806 bis 926 Megawatt).

Der wesentliche Unterschied zwischen Druckwasser- und Siedewasserreaktoren besteht darin, dass Druckwasser-Reaktoren einen als Wärmetauscher arbeitenden Dampferzeuger außerhalb des Druckbehälters besitzen und so die Turbine in einem Sekundär-Kreislauf arbeitet.

Im Hinblick auf die Sicherheit haben Leichtwasserreaktoren den Vorteil, dass bei Ihnen eine negative Reaktivitäts-Rückwirkung auftritt. Dies bedeutet, dass bei einer geringen Übertemperatur die Moderierung durch vermehrte Dampfblasen abnimmt, was wiederum durch weniger Kernspaltungen zu einem Temperaturrückgang fuhrt. Einfach ausgedrückt, die Reaktoren können nicht “durchgehen”.

Es tritt eine Nachverfallswärme auf, d.h. nach Abschalten des Reaktors geht die Wärmewicklung nicht sofort auf Null zurück. Beim hypothetischen Bruch einer Kühlmittelleitung würde durch Notkühlsysteme dafür gesorgt, dass ein Schmelzen des Reaktors verhindert wird. Die deutschen Reaktoren haben folgende besondere Sicherheitseinrichtungen:

• Einen Sicherheitsbehälter

• Ein Reaktor -( schutz- )Gebäude

• Notkühlsysteme (4-fach redundant und diversitär)

• Gefilterte Druckentlastung für den Sicherheitsbehälter u.a.

Die Reaktor-(schutz-)Gebäude haben oben die Form einer Halbkugel. Das bewirkt bekanntlich eine sehr hohe Festigkeit. Diese Form ist sehr günstig gegen Flugzeugabsturz. Die Masse eines Flugzeuges spielt dabei eine eher untergeordnete Rolle, gegenüber der Geschwindigkeit, da die Wellen der Stahltriebwerke bei einem Aufprall sich ähnlich wie Geschosse verhalten. Beim Auftreffen in einem spitzen Winkel tritt ein Abgleiten auf

Durch Vernebelungs-Einrichtungen wird die Treffwahrscheinlichkeit erheblich reduziert.

Im Kernkraftwerk Brokdorfkonnte 2006 und 2007 durch Erhöhung der thermischen Reaktorleistung und Austausch von Leitschaufeln der Hochdruck-Turbine die elektrische Leistung um 40 Megawatt gesteigert werden.

Die deutschen Kernkraftwerke zählen zu den zuverlässigsten und produktivsten in der Welt. Jedes Jahr sind mehrere von ihnen unter den ersten 10 in der Welt mit der höchsten Stromerzeugung. Im Jahr 2007 waren 6 deutsche Kernkraftwerke dabei.

Moderierung:

Abbremsen der bei der Kernspaltung entstehenden schnellen Neutronen auf niedrige Geschwindigkeit (Thermische Energie) mit einer hierfür besonders geeigneten Substanz, z. B. Wasser oder Graphit, zur Erhöhung der Spaltungsrate bei Uran  235 und Plutonium 239.

redundant:  gleichartige Ersatzsysteme vorhanden

 diversitär: nach unterschiedlichem Prinzip arbeitende Ersatzsysteme

Anlage C

Erklärungen zum Unfall von Tschernobyl

Der Reaktor-Unfall von Block 4 in Tschernobyl (frühere Sowjetunion) wird oft als Beispiel für die Gefährlichkeit der Kernkraftwerke angeführt. Meist werden die wichtigen Merkmale und Aspekte jedoch nicht genannt, so dass eine zutreffende Einschätzung nicht möglich ist. Zunächst zur baulichen Seite:

Die Bauweise des Unglücks-Reaktors ist mit der der deutschen Leichtwasserreaktoren (siehe Anlage B) in keiner Weise vergleichbar. Der Reaktor von Tschernobyl diente primär der Erzeugung von Plutonium für Kernwaffen. Er war ein Siedewasser-Reaktor als Druckröhren-Reaktor konstruiert worden, um einzelne Brennelemente bei Erreichen der optimalen Isotopen-Zusammensetzung des Plutoniums entnehmen zu können, ohne den Reaktor abschalten zu müssen. Der Reaktor-Kern war mehr als 10-mal größer als bei deutschen Siedewasser-Reaktoren. Die Folge war eine schwierige Regelbarkeit und eine Neigung zu instabilem Verhalten. Der Reaktor wurde wegen der größeren Neutronen-Ausbeute mit Graphit moderiert. Er hatte deswegen jedoch anders als die deutschen Leichtwasserreaktoren eine positive Reaktivitäts-Rückwirkung. Diese Eigenschaften spielten bez. des Zustandekommens des Unfalles mit eine entscheidende Rolle.

Dazu kommt, dass besondere Sicherheitseinrichtungen wie bei deutschen Reaktoren Fehlten, z. B.:

• kein Sicherheitsbehälter

• kein Reaktor-(Schutz- )Gebäude

• keine gefilterte Druckentlastung rur den Sicherheitsbehälter

Der Unfall ereignete sich bei einem Sicherheits-Experiment. Der Ablauf war eine Mischung von menschlichem und technischem Versagen, wobei ein gravierender Konstruktions-Fehler eine entscheidende Rolle spielte.

Zu Beginn des Experimentes hatte man den automatischen Havarie-Schutz (Notabschaltung); der die Katastrophe verhindert hätte, abgeschaltet.

Der damalige Betriebsleiter sagte in einem Fernseh-Interview: ,,Ein wesentlicher Grund für den Unfall waren die damaligen Verhältnisse in der Sowjetunion. Es durfte nur Erfolge geben und unter gar keinen Umständen Misserfolge. So versuchte die Bedienungsmannschaft verzweifelt, den Reaktor wieder unter Kontrolle zu bringen, bis die Explosion eintrat. Ein solcher Unfall kann sich in der westlichen Welt schon aus diesem Grunde nicht ereignen.”

Schließlich muss noch erwähnt werden, dass es in der Sowjetunion keine nennenswerte Vorsorge zur Bekämpfung von Folgen nuklearer Unfälle gab. So wurde ungeschütztes Personal in höchsten Strahlenfeldern zur Sicherung und zum Aufräumen eingesetzt. Mehrere ferngesteuerte Manipulator-Fahrzeuge wurden von der Bundesrepublik Deutschland und anderen westlichen Ländern zur Verfügung gestellt, die später zum Einsatz kamen. Die Zahl der Opfer hätte auf einen kleinen Bruchteil begrenzt werden können, wenn auch die Evakuierung der Bevölkerung aus stärker kontaminierten Gebieten nicht verzögert und unvollständig durchgeführt worden wäre.

Quellen

- Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit

- Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit

- Forschungszentrum Karlsruhe

- Vereinigung internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW).

- Internationale Energie Agentur

- Deutsches Atomforum

- Informationskreis Kernenergie

- Zeitschrift Atomwirtschaft

- Rheinisch- Westfälische Elektrizitätswerke (R WE)

- Royal Dutch Shell

u. a.m.

www.buergerkonvent.de

(Bild: geralt/photoopia.com)

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