DDR – Kein Unrechtsstaat? – Siegmar Fausts Geschichte

01. August 2009, 10:10 | Kategorien: Lebenswelt, Politik | Schlagworte: , | von
Fabian Heinzel

„Den Transportarbeiter Faust , Siegmar, geb. am 12.12.1944 in Dohnat, klage ich an, mehrfach handelnd die politischen und ideologischen Grundlagen unseres Arbeiter- und Bauern-Staates durch staatsfeindliche Hetze angegriffen zu haben.“

In Einzelhaft

Diese Anklage aus dem Jahr 1974 verdankte Siegmar Faust einer Schrift, in der er die DDR als „Monopolbürokratenstaat, der von militaristisch-stalinistischen Kräften regiert werde“, bezeichnet hatte. 33 Monate seines Lebens hat er in den Haftanstalten des selbsternannten Arbeiter- und Bauern-Staates verbracht. 742 Tage Einzelhaft, 401 Tage in einer feuchten Kellerzelle. Kein Fenster, bloß Glasbausteine. „Sie können sich nicht vorstellen, was es bedeutet über einen so langen Zeitraum keinen Menschen außer dem Wärter zu sehen. Keinen anderen Häftling, niemanden“, sagt Faust.

Von den Bedingungen der „Isolationsfolter“ der RAF, in der Plattenspieler, Bibliothek, Teeküche und täglicher Zusammenschluss inklusive waren, konnte er nur träumen. Dennoch stellt er klar, „Meine Haftbedingungen waren so, dass man sie überleben konnte“.

Heute führt Faust Besuchergruppen durch die Gedenkstätte Hohenschönhausen, die einst ein Stasi-Gefängnis war. Daher weiß er, dass selbst das in der DDR nicht zu jeder Zeit eine Selbstverständlichkeit war.

Kaum zumutbare Verhältnisse

1976 überprüfte die Stasi ihrerseits die Räumlichkeiten der Strafvollzugsanstalt Cottbus, in der Faust inhaftiert war und stellte folgendes fest:
„Diese im Kellergeschoss befindlichen Verwahrräume sind 4,40 m lang, 2,10 m breit und 2,40 hoch. Zum Schutze der Strafvollzugs-Angehörigen vor Angriffen durch Strafgefangene sind diese durch ein verschließbares Zwischengitter nochmals unterteilt.
Der bauliche Gesamtzustand dieser Räume ist mäßig, die Licht- und Belüftungsverhältnisse liegen an der Grenze des Zumutbaren. Das sich 1,60 m des Raumes unter der Erdoberfläche befinden, ist es zum Teil feucht in diesen Räumen.“

Wieso hatte er sich gegen den Staat, der derart drastisch reagierte, aufgelehnt? „Ich war kein politischer Gegner, bloß ein Abweichler, ein Dissident. Ich wollte andere Literatur lesen und vielleicht mal Jeans tragen“, erzählt Faust. Bereits 1966 hatte er seinen damaligen Studienplatz an der Universität Leipzig wegen „Disziplinlosigkeit und politischer Unzuverlässigkeit“ verloren, weil er eine Vorlesung mit unzensierter Lyrik organisiert hatte.

Er wollte seine Meinung frei äußern, seine Ansichten verteidigen. Und forderte auch als Häftling von dem Staat, der ein Rechtsstaat sein wollte, einen Anwalt. Der heute aus US-Filmen bekannte Satz „Sie haben das Recht auf einen Anwalt“ war jedoch eher nicht das Erste, was Stasi-Agenten bei der Verhaftung von Dissidenten einfiel. „Einen Anwalt bekommen Sie, wenn das Ermittlungsverfahren abgeschlossen ist“, wurde dem Gefangenen Siegmar Faust mitgeteilt. Als es dann soweit war, kannte er keinen. In der gesamten DDR gab es gerade einmal 600 zugelassene Anwälte. 12 davon waren für den Bereich der Stadt Leipzig zuständig. Vollkommen willkürlich wählte er den mit dem schönsten Namen aus: Dr. Kirchberg.

Als er seinen Anwalt nach neun Monaten Inhaftierung erstmals sehen und sprechen durfte, teilte Kirchberg seinem Mandaten mit, dass er bezüglich des Strafverfahrens zu diesem Zeitpunkt nichts für ihn tun könne, aber bereit sei, seine Scheidung schon einmal in die Wege zu leiten. In der Ehe kriselte es und die Stasi wollte klare Verhältnisse. Dennoch sollte sich die zufällige Wahl des Anwalts, der das Parteiabzeichen der SED trug, sich später als Glücksfall für Faust erweisen. Denn Dr. Kirchberg war der Unterhändler des “Menschengroßhändlers” Dr. Wolfgang Vogel, wie Wolf Biermann ihn stets nannte.

Freigekauft

Vogel organisierte seinerseits für die DDR den Häftlingsfreikauf, in dessen Rahmen sich die Bundesrepublik den Freikauf von 33.755 Häftlingen zwischen 1962 und 1989 insgesamt 3,5 Milliarden Mark (West) kosten ließ. So kam es, dass auch Siegmar Faust 1976 in den Westen gehen konnte. Für wieviel Geld weiß er nicht.

In der „bunten Welt West-Berlin“ zerbrach das erlernte Weltbild des Siegmar Faust, der sich in seiner Jugend selbst als Marxist verstand, dann endgültig. Im Westen machten mehr Arbeiterkinder das Abitur als in der DDR, es gab Schulbuchfreiheit, Zeitungen aller Art und einen für ihn vorher nie dagewesenen Überfluss. „Damals dachte ich, wenn Marx aufwacht, denkt er, seine Theorie ist in Westberlin aufgegangen.“

Ein Bild aus dieser Zeit hat sich besonders in seinem Gedächtnis eingeprägt: Mit Helmen und Schildern ausgerüstete Polizisten auf dem Kurfürstendamm. Sie schützten eine kommunistische Demonstration vor dem Zorn der Bevölkerung. Die Kommunisten hatten ihre Demo ordnungsgemäß angemeldet und konnten deshalb mitten im Berufsverkehr eine Hauptverkehrsader blockieren. „Die verhasste Polizei schützt die roten Fahnenträger – ich habe nur gestaunt“.

Kiffen und Phrasen dreschen

Doch links galt im Westen als progressiv, und Faust, der schon in der DDR Untergrundliteratur geschrieben hatte, wollte ein Künstler sein. Daher bewegte er sich zunächst in der Kreuzberger Subkultur, aber schon bald fühlte er sich dort unwohl. „Was die zusammenhielt, was war das? Kiffen und das Phrasen dreschen!“. Er hatte eine Mangelgesellschaft erlebt und konnte mit Söhnchen aus wohlhabenden Kreisen, die angesichts des schier unermesslichen Warenangebots „Konsumterror“ schrien, wenig anfangen.

Faust verglich alles und nichts schien ihm im Osten besser gewesen zu sein. Selbst die Brötchen schmeckten in der Bundesrepublik frischer und die billigen Mieten auf der anderen Seite der Mauer durchschaute er als heimliche Enteignung, die eine Verwahrlosung der Städte mit sich brachte. Nur auf die Menschen will er nichts kommen lassen. „Ich habe die meisten Menschen trotzdem geliebt“, sagt er nach wie vor.

Abschied vom Marxismus

Mit dem Marxismus hatte er jedoch nach kurzer Zeit abgeschlossen. „Sie brauchen sich nur die Massenmörder des 20. Jahrhunderts ansehen – außer den Jungtürken und Hitler praktisch alle anderen Marxisten“. Faust ist kein Vertreter des berühmten Satzes „Eine gute Idee – schlecht umgesetzt“. „Wenn man Marx liest, ist alles auf Terror aus. Marx hasste diejenigen, die wirklich etwas für die Arbeiter erreichten. Er wollte keine Reformen. Er wollte um jeden Preis die Revolution – mit Gewalt“. Siegmar Faust hat absolut nichts mehr übrig für den Mann, der in seinen Abituraufsatz sechs Mal das Wort „vernichten“ einbaute.

In der Welt des Bürgertums angekommen, gelang es ihm, als Schriftsteller und Vortragsredner Fuß zu fassen. Dabei floss und fließt auch sein eigener Erfahrungsschatz immer wieder in seine Texte mit ein. Der Kommunismus und dessen Überwindung bleiben für ihn wichtige Themen. Bis zum heutigen Tag gehört Faust zum Vorstand der „Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft“ (UOKG). Und so ist auch der von ihm am meisten bewunderte Autor einer, dessen Name auf ewig mit den Verbrechen des Kommunismus verbunden sein wird: Alexander Solschenizyn, der  „Das Archipel Gulag“ schrieb.

Der Fall „Margot Pietzner“

Durch seinen Einsatz für Opfer der Kommunisten kam Faust in den 1990er Jahren in Kontakt zu Margot Pietzner. Pietzner war in der Schlussphase des Zweiten Weltkriegs von der SS dienstverpflichtet worden und als Aufseherin von Zwangsarbeiterinnen eingesetzt worden, bei denen es sich teilweise um KZ-Häftlinge gehandelt hatte. Die sowjetische Besatzungsmacht hatte sie deswegen 1946 zu 25 Jahren Haft verurteilt und nach 10 Jahren begnadigt.

Pietzner, die nie im BDM oder in der NSDAP gewesen war, wurde als Opfer des Stalinismus anerkannt und erhielt für die Haftzeit eine Entschädigung in Höhe von 64.350 Mark. Davon wollte sie Faust 7000 Mark schenken, weil er ihr einen Rechtsanwalt vermittelt hatte. Faust lehnte das Geld mehrfach ab, nahm es aber nach mehrmaligen Drängen schließlich an, um es den ehemaligen politischen gefangenen Frauen von Hoheneck zu übergeben.
Rechtlich gab es an dem Fall nichts auszusetzen, doch für Faust hatte er Konsequenzen. Ein in der taz erschiener Artikel eines bis dato nie als Journalisten in Erscheinung getreten Peter Schreier, der bis zum Ende der DDR in der Volksarmee gedient hatte, zog ein gewaltiges Medienecho nach sich. Nur durch Glück überlebten Faust und seine damalige Lebensgefährtin einen Brandanschlag auf ihre Wohnung.

Mehr Medienaufmerksamkeit würde er sich eher für die Opfer der DDR wünschen. Wenn er daran denkt, dass ehemalige Gefangene ihre Bedürftigkeit nachweisen müssen, um eine schmale Opferrente zu erhalten, während für Stasi-Angehörige, die von der Volkskammer der DDR beschlossenen Kürzungen ihrer Rentenbezüge unter dem Grundsatz „Rentenrecht darf kein Strafrecht sein“ wieder rückgängig gemacht wurden, und Nachzahlungen in Millionenhöhe flossen, wird er wütend.
Wütend wird er auch, wenn er Demonstranten sieht, die eine Krise immer noch mit Marx überwinden wollen. Für Deutschlands Zukunft wünscht er sich etwas anderes: „Wir müssen uns auf die Werte der Demokratie und unserer christlichen Tradition besinnen“.

(Foto: Siegmar Faust)

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