Doppel-Vortrag an Humboldt-Universität

Antisemitismus unter Jugendlichen nimmt zu

Die Ereignisse der letzten Monate haben eine Entwicklung ins Licht der Öffentlichkeit gerückt, die sich schon seit längerem abzeichnet: Antisemitismus und Islamismus nehmen in Deutschland zu.

Foto: Hendrik Wieduwilt / flickr.com / CC BY 2.0
Veröffentlicht: | Kategorien: Reportagen | Schlagworte: Ahmad Mansour, Antiisraelismus, Antijudaismus, Antisemitismus, Antizionismus, Günther Jikeli, Islamismus, Israel, Jugendliche, Muslime
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Um es gleich vorwegzunehmen: Es geht nicht um Kritik an Israels Außenpolitik. Es geht um eine umfassendere Entwicklung, bei der antijüdische Ressentiments in breiteren Bevölkerungsschichten wieder salonfähig werden. Besonders alarmierend ist hierbei die Entwicklung bei Europäern und Migranten mit islamischem Hintergrund.

»Antisemitismus und Islamismus unter Jugendlichen« war am vergangenen Freitag Thema eines Doppel-Vortrags mit anschließender Podiumsdiskussion in der Berliner Humboldt-Universität. Geladen hatte das Mideast Freedom Forum Berlin.

Vortragender war zum einen Dr. Günther Jikeli, Fellow am französischen Centre National de la Recherche Scientifique und am Moses-Mendelsohn-Zentrum der Universität Potsdam. Jikeli war 2013 mit dem Raoul Wallenberg Prize in Human Rights and Holocaust Studies ausgezeichnet worden und fungierte 2011 und 2012 als Berater der OSZE zur Bekämpfung von Antisemitismus.

Der andere Vortragende war Ahmad Mansour von der European Foundation for Democracy. Mansour ist Gruppenleiter des HEROES-Projektes in Berlin und Mitglied der deutschen Islamkonferenz. Dieses Jahr erhielt Mansour den Moses-Mendelsohn-Preis des Berliner Senats. Herr Mansour ist muslimischer Palästinenser mit israelischer Staatsbürgerschaft.

Wie lassen sich die aktuellen Tendenzen einordnen?

Antisemitismus, Antizionismus, Antiisraelismus und Antijudaismus sind allesamt schwammige Begriffe. Araber sind auch Semiten, nicht alle Israelis sind Juden, und nicht alle Juden sind Israelis. Wenn hier von Antisemitismus die Rede ist, so sind damit Entwicklungen gemeint, bei denen die Ablehnung von Menschen jüdischen Hintergrundes sich in einer unterschwelligen Ebene der Vorurteile, Ressentiments und teils unreflektierten oder irrationalen Feindschaft oder Phobie manifestiert.

Dabei verwischen sich antisemitische Vorurteile oftmals mit Verschwörungstheorien, wie etwa im rechtsnationalistischen Spektrum die Verschwörungstheorie, dass die Juden die Nationalstaaten zersetzen würden, oder im linken politischen Spektrum, dass die Juden verantwortlich für den Weltkapitalismus und Imperialismus seien. Nach einer Studie des Innenministeriums werden bis zu 20 Prozent der deutschen Bevölkerung als latent antisemitisch eingeschätzt.

Umfragen belegen jedoch, dass in Europa der wachsende Antisemitismus besonders stark in islamischen Milieus beziehungsweise bei Menschen mit Migrationshintergrund aus islamischen Ländern verbreitet ist. In Großbritannien sind dies meist Muslime aus Pakistan, Bangladesh und Indien, in Frankreich größtenteils Muslime aus dem Maghreb, also aus Ländern wie Marokko, Algerien und Tunesien, und in Deutschland hauptsächlich Muslime aus der Türkei, aber auch aus arabischen Ländern.

Gerade in Frankreich und Großbritannien lässt sich eine überproportionale Entwicklung von Gewaltakten gegenüber Juden verzeichnen. Mit Besorgnis wird registriert, dass die Solidarität der französischen Bevölkerung mit betroffenen jüdischen Gemeinden tendenziell abnimmt.

Antisemitismus in islamischen Milieus

Anhand von Umfragen und Statistiken erklärte Jikeli die gesellschaftliche Einbettung des Antisemitismus insbesondere unter Muslimen in Europa aber auch in den islamischen Staaten.

Innerhalb der EU leben rund 15 bis 20 Millionen Muslime. In den meisten europäischen Ländern sind sie als Migrationsgruppen sozial benachteiligt. Das betrifft die Wohnverhältnisse, die berufliche Integration, die Bildungs- und Ausbildungssituation.

Antisemitismus unter Jugendlichen in Deutschland

Nach Jikeli hat der Antisemitismus unter Jugendlichen besonders irrationale Züge angenommen. Die Ressentiments seien kaum rational begründbar. Jedenfalls sei er nicht allein auf Auswirkungen des Nahostkonfliktes reduzierbar, auch wenn dieser stark emotionalisierend wirke.

Vielmehr sei es eine Mischung aus unterschiedlichen Einflussfaktoren, die den Nährboden für ein antisemitisches Grunddenken bereiten. Dazu gehören der familiäre Einfluss, die ethnische Identität, verschiedene Medien, antijüdische Verschwörungstheorien sowie vor allem spezielle Auslegungen des islamischen Glaubens und der Einfluss bestimmter islamisch-fundamentalistischer Organisationen.

Auf den deutschen Schulhöfen sei es mittlerweile besonders unter türkischen und arabischen Schülern gebräuchlich geworden, das Wort »Jude« als Schimpfwort zu benutzen. Das Adjektiv »jüdisch« habe mittlerweile eine allgemeine negative Bedeutung erlangt. Ein Stift, der nicht schreibt, ein Handy, das nicht funktioniert, würde zunehmend als »jüdisch« bezeichnet werden. Dass der Begriff »Jude« negativ konnotiert werde, sei in bestimmten muslimischen Jugendmilieus »Common Sense« geworden.

Identitätsprobleme und Orientierungslosigkeit

Ahmad Mansour beschäftigt sich vor Ort mit Jugendlichen in Berlin. Seiner Erfahrung nach sind die meisten Jugendlichen über die wirklichen Verhältnisse im Nahen Osten schlecht informiert. Jedenfalls seien bei den meisten Jugendlichen andere Gründe für ihre Ressentiments und Vorurteile vorrangig als Kritik an der Nahostpolitik.

In der individualistischen, westlichen Gesellschaft würden insbesondere Jugendliche mit Migrationshintergrund ein stärkeres Bedürfnis nach Identität und Orientierung äußern. Schuld sei unter anderem eine mangelnde Integration in die deutsche Gesellschaft. Stattdessen suchen sich die Jugendlichen alternative Ideale und Orientierungen. Da sie weder in der Moschee ihrer Eltern noch in der deutschen Gesellschaft die Antworten auf ihre Fragen finden, suchen sie verstärkt im Internet und in alternativen sozialen Netzwerken. Dort werden die Jugendlichen leichte Opfer radikaler Fundamentalisten.

Mansour verweist auf den starken Glauben an das Konzept von Himmel und Hölle im Islam, so wie es einstmals auch im Christentum verankert war. Gegenübergestellt werden die Hoffnungen auf das Paradies mit den Ängsten vor der Hölle. Radikale muslimische Gruppen, die darauf aus seien, Kämpfer für den Dschihad, den »Heiligen Krieg« zu rekrutieren, spielen geschickt mit diesen Hoffnungen und Ängsten.

Je weniger aufgeklärt und je orientierungsloser die Jugendlichen seien, desto anfälliger seien sie für radikale Rhetorik und absurde Verschwörungstheorien. Im schlimmsten Fall lassen sich diese Jugendlichen für den Dschihad gewinnen und ziehen nach Syrien oder in den Irak, um sich den radikalen Kämpfern des IS oder Al-Qaida anzuschließen.

Mansour beklagt, dass der Aufklärungsunterricht zum Thema Antisemitismus und Holocaust in Deutschland primär an deutsche Kinder gerichtet sei. Muslimische Kinder mit Migrationshintergrund würden sich nicht angesprochen fühlen und würden auch nicht in den Aufklärungsunterricht adäquat einbezogen werden. Das sei ein fataler Fehler.

Um dem wachsenden Antisemitismus in Deutschland entgegenzuwirken, braucht man mehr interkulturelle Kommunikation, Aufklärung, Sozialarbeit, Jugendarbeit und höhere Sensibilität in den Medien. Wenn sich Juden, Christen und Muslime häufiger begegnen und miteinander offen diskutieren würden, könnten sich viele Vorurteile von selbst auflösen.

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Kommentare zum Artikel

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Gravatar: Karin Weber

Wie das klingt ".. auf deutschen Schulhöfen". Ja, aber es sind keine deutschen Jugendlichen! Ich lehne es ab, dass wir mit Problemen stigmatisiert werden, die eine Folge dieser Zuwanderung sind. Dafür kann man die deutschen Bürger nicht verantwortlich machen. Auch muss man da nicht mit der Toleranzkeule auf uns Deutsche einprügeln, aber eines ist sicher, die, die das betrifft, die wird man nicht ansprechen und erreichen. Insofern bleibt das Problem ungelöst und wird sich weiterhin verschärfen.

Vielleicht geht Herr Michel Friedmann vor Ort in die Problemschulen, klärt auf und wirbt für Toleranz? Er ist doch sonst so eloquent und wenn er gegen die AFD unsubstantiiert ätzen kann, dann lässt er doch keine Gelegenheit aus. Das wäre doch jetzt mal für ihn eine richtige Aufgabe.

Gravatar: Burger

Die Situation ist verständlich, wenn man das rechtwidrige Treiben der Israelis im Gaza-Ghetto in Betracht zieht.
Bitte nicht die Augen verschließen... vor diesem Unrecht, das dort geschieht.

Gravatar: Klartexter

Die Suche nach den Antworten über den wachsenden Antisemitismus enden in der Regel in der Formulierung von Ausreden und Beschwichtigungen. So richtig von den Ursachen des neuen Antisemitismus in Europa zu sprechen, traut man sich politisch korrekt nicht. Dabei geht es nicht nur um Antisemitismus, sondern auch um Christenhass und noch mehr. Es geht aber mit System, nämlich erst die Juden, dann die Anderen in Europa. Das Buch oder die Schrift, wo alles detailiert aufgeschrieben ist, wie mit an Gott Andersdenkenden zu verfahren ist, wird in Deutschland kostenlos von Salafisten verteilt. Das hat natürlich alles nichts mit dem Islam zu tun, natürlich nicht und auch nicht mit der Kompatibilität mit dem GG. Islam hat auch nichts damit zu tun was der IS in Syrien, dem Irak und andere Gruppen in anderen Staaten an Grausamkeiten verüben. "Innerhalb der EU leben rund 15 bis 20 Millionen Muslime. In den meisten europäischen Ländern sind sie als Migrationsgruppen sozial benachteiligt. Das betrifft die Wohnverhältnisse, die berufliche Integration, die Bildungs- und Ausbildungssituation. ", steht im Artikel als eine Entschuldigung für den Antisemitismus. Da stellt sich zuerst die Frage, von welchem europäischen Volk wurden denn die muslimischen Migranten in diesen Massen von 15 bis 20 Millionen gerufen. Von welchem Volk? Müssen nicht alle Völker die mit Migranten "bereichert" wurden im Gegenzug Einbusen hinnehmen. Von Dankbarkeit der Muslime ist keine Spur zu sehen, bis auf ganz, ganz wenige Ausnahmen, welche selbst vor dem Islam und die islamische Ideologie, Antisemitismus und das islamische Weltherrschaftsbestreben warnen. In der islamischen Ideologie ist kein Platz für Andersdenkende, schon gar nicht für Juden und Christen. Ach ja, in den arabischen Ländern wären die Jugendlichen schlecht informiert. Da sollten doch die Aufklärer mal nach Saudi Arabien oder die Emirate mit der Thora odedr Bibel einreisen. Mal sehen, ob sie mit dem Kopf auf dem Hals zurück kommen.

Gravatar: Lutz

Jedes Jahr steigt die Zahl der Muslime in Deutschland um ca. 250.000 Menschen an. Nach heutigen, äußerst zuverlässigen Daten, werden wir im jahre 2030 insgesamt 8 Mio Muslime bei uns haben.
In Österreich war die FPÖ -sie wird eher rechts von der AfD verortet - landesweit schon bei ca. 30% und stellte in manchen Bundesländern sogar den Landeshauptmann. Frage: hat es in der Zuwanderungspolitik i r g e n d e t w a s gebracht?
Keiner wird in Deutschland seine Reputation dauerhaft auf's Spiel setzen. In zwei Jahren ist Bernd Lucke - wahrscheinlich - leider fertig. Schon wird er persönlich und beruflich massiv diskreditiert. Kein Mensch hat übermenschliche Kräfte. Nach wie vor wählen 80% der Deutschen keine Alternative. Parallelgesellschaften werden nicht wahrgenommen, weil sie wirklich parallel zur einheimischen Bevölkerung herlaufen. Sie brauchen auch keine Mehrheit, da die Zeit für sie läuft. Einheimische müssen arbeiten und immer mehr Steuern bezahlen. Kinder bringen die Zuwanderer mit und werden schon dafür sorgen, dass sie ihre Rechte durchsetzen. Die deutsche Jugend wird - zurecht - nicht den Bachelor oder Master machen, um anschließend auf der Straße "deutsche" Interessen durchzusetzen, zumal selbst bei besten Leistungen nur befristete und prekäre Arbeitsplätze angeboten werden. In Wahrheit dürften zusätzlich jährlich 300.000 bis 400.000 Menschen illegal oder legal nach Deutschland kommen. Schon wer bestens deutsch spricht und gut ausgebildet ist, muss in Deutschland kämpfen, um solche Arbeitsplätze zu bekommen, mit denen er wenigstens zwei Kinder wird ernähren können.
So wird man sehen, was kommt. Der Antisemitismus eskaliert schon jetzt. Eines ist zwischenzeitlich aber auch klar: Zufälle oder Verschwörungstheorien sind das keine mehr. Die charakteristischen Züge einer regelrechten Landnahme sind in Teiletappen schon längst abgeschlossen. In vielen Gegenden wird die Lage schon jetzt äußerst angespannt. Unsere Politiker haben Angst. Man sieht dies bei den libanesischen Arabern in manchen Großstädten. Sogar hartgesonnene deutsche Rocker sagen bereits, dass die arabischen Rocker stärker und jünger sind und kaum belangt werden.

Früher hatte ich etwa vor Wolfgang Schäuble eine richtige Hochachtung. Heute könnte man wirklich meinen, dass er fremdgesteuert ist. Das ist definitiv nicht mehr der Schäuble von früher. Viele in unserer Bekanntschaft rätseln herum, was da wohl schiefgelaufen ist...

Gravatar: Alexander Scheiner, Israel

Burger, Ihr Kommentar ist falsch. Es gibt kein Ghetto in Gaza und die Israelis sind nicht umtriebig in Gaza. Sie sind offenbar falsch informiert oder schliessen die Augen vor den Tatsachen.
Es sind die Terrororganisationen Hamas, PLO und Fatah die ihren eigenen Leuten Unrecht antun.
Zudem, der deutsche und der islamische Judenhass hat nichts mit Juden zu tun. Den gäbe es auch ohne Juden und ohne Israel.

Gravatar: Jürgen Zumpe

"... die Israelis sind nicht umtriebig in Gaza. "

Aha, die Bilder in den Medien wurden also in den Hollywood-Studios gedreht? Ab welcher Kernladungszahl fängt denn bei Ihnen diese sogenannte "Umtriebigkeit" an?

Wissen Sie, die Israelis haben mit den Amerikanern ein Alleinstellungsmerkmal: Die gezielte Tötung. Die Amerikaner töten mittlerweile schon auf Verdacht.

Das ist nicht gut.

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