Afghanistan – ein Trauerspiel?

21. Mai 2010, 02:24 | Kategorien: Lebenswelt, Politik | Schlagworte: | von
Fabian Heinzel

„ Der Schnee leis stäubend vom Himmel fällt,
Ein Reiter vor Dschellalabad hält,
„Wer da!“ – „„Ein britischer Reitersmann,
Bringe Botschaft aus Afghanistan.“

(aus: Theodor Fontane, „Das Trauerspiel von Afghanistan“)

Knut Teske ist nicht zu Pferd gekommen, sondern mit dem Flugzeug. Aber auch er bringt Botschaft aus Afghanistan.  Dreimal war der Journalist

 

 im Unruhestand, ehemaliger Leiter der Axel-Springer-Akademie, in den vergangenen zehn Jahren in jenem Land, zu dessen Lage in Deutschland mittlerweile jeder eine Meinung hat, das jedoch kaum jemand aus eigener Anschauung kennt.

Die Meinung, die er sich vor Ort gebildet hat, hat Knut Teske jetzt im Rahmen eines Vortrags beim Feldmark Forum Berlin Kund getan.  Sie weicht ab von der, die man in Deutschland in den Talkshows, an den Stammtischen, auf den Straßen hört.  Denn Teske warnt davor, die Bedeutung des Konflikts zu unterschätzen.  Ihn zu betrachten wie jener Bürger, den Johann Wolfgang Goethe in seinem Faust einst sagen ließ:

„ Nichts Bessers weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen,
Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei,
Wenn hinten, weit, in der Türkei,
Die Völker aufeinander schlagen.
Man steht am Fenster, trinkt sein Gläschen aus
Und sieht den Fluss hinab die bunten Schiffe gleiten;
Dann kehrt man abends froh nach Haus,
Und segnet Fried’ und Friedenszeiten.“

Es gehe um die Auseinandersetzung der westlichen Welt mit dem Islamismus, betont Teske.  Zurzeit hat unser Planet 6,7 Milliarden Einwohner.  Wenn man diese Zahl auf 100 herunterrechnen würde, wären 61 davon Asiaten, ein Großteil moslemisch.  Bei einer linearen Bevölkerungsentwicklung wären es im Jahr 2050 11,9 Milliarden Einwohner.    Auf 100 heruntergerechnet betrüge der asiatische Anteil dann 81.  Ca. 4,5 Milliarden Moslems werden zu dieser Weltbevölkerung gehören.  Nur ein winziger Prozentsatz von diesen Milliarden muss islamistisch sein, um riesige Probleme zu verursachen.   

Teske ist daher nicht der Ansicht, dass uns Afghanistan nichts angehe, er will nicht, dass die Soldaten der Bundeswehr lieber heute als morgen in den Schwarzwald, die Pfalz oder die Eifel zurückkehren.  Dennoch sieht er sie in einem Dilemma:

„Sie sollen einen Krieg gewinnen helfen, denn sie nicht führen dürfen“

Die Soldaten dürfen niemanden angreifen, sie dürfen noch nicht einmal Taliban festnehmen.  Das einzige, was sie dürfen, ist zurückschießen, wenn auf sie geschossen wird.  Wenn jemand sie fragt, was sie in Afghanistan machen, antwortet der Eine „Ich mache das Essen.“, ein Anderer „Ich putze die Autos.“, und noch ein Anderer „Ich gebe Spritzen aus“.  Daran, den Krieg zu gewinnen, denkt keiner.  Weil alle wissen, dass er so, wie er geführt wird, nicht zu gewinnen ist. 

Weil die Soldaten selbst nicht an die Methoden glauben, die ihnen die Politik vorgibt.  Sogar die Schnelle Eingreiftruppe, die Quick Reaction Force (QRF) braucht in der Regel eine Woche, um ihr Ziel zu erreichen: Die Logistik muss organisiert werden, die Straßen und Wege müssen nach Minen abgesucht werden und Luftunterstützung muss zur Verfügung stehen, damit sich der Tross dann mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 15 Kilometern pro Stunde in Bewegung setzen kann.

Als Teske einen Oberst der QRF fragt, wie sich die Soldaten verhalten, wenn sie zum Beispiel wissen, dass in einer Hütte zehn Taliban sitzen, die Angriffspläne aushecken, schildert der Oberst ihm das Szenario.  Zunächst umstellen die Soldaten die Hütte und lesen von einem Zettel die Worte ab „Sie sind umstellt.  Bitte nehmen Sie die Hände hoch und kommen Sie raus.“  Ob es den Europäern dabei gelingt, die Worte so auszusprechen, dass die Taliban sie verstehen, ist ungewiss.  Teske weiß aus eigener Erfahrung, dass er nicht einmal seinen eigenen Namen versteht, wenn ein Afghane ihn ausspricht. 

Wenn die Taliban also nicht herauskommen, rufen die Bundeswehrsoldaten bei den afghanischen Sicherheitsorganen an und warten.  Wenn sie herauskommen, warten sie auch:  Denn an diesem Punkt stellt sich erneut das Problem, dass die Soldaten niemanden festnehmen dürfen.  Sie müssen warten, bis die verständigten afghanischen Polizisten oder Soldaten eintreffen.  Die lassen sich oft Zeit.  Manchmal tagelang.  Manchmal kommen sie überhaupt nicht.  Den Bundeswehrsoldaten ist es schon passiert, dass sie nach vier Tagen des Wartens unverrichteter Dinge wieder abziehen mussten.

Nicht das einzige Fall, für den den Soldaten Regeln auferlegt worden sind, die es für sie unmöglich machen, den Krieg zu gewinnen.  So dürfen Fahrzeuge nicht benutzt werden, wenn ihnen die deutsche TÜV-Marke fehlt, immer wieder fallen Flüge aus, weil laut deutschen Anordnungen in Afghanistan nur auf Sicht geflogen werden darf – oder sie müssen wegen einer Wolke über Kunduz abgebrochen werden.  Die Amerikaner und Briten hindert das nicht, bei fast jedem Wind und Wetter zu fliegen. 

„Wir blamieren uns vor den Amerikanern zu Tode“, hat Teske besonders die Unteroffiziere immer wieder sagen gehört.  

Auch die Afghanen selbst sind nicht immer von den Deutschen beeindruckt.  So wirkt es befremdlich, wenn die Soldaten, die sie vor den Taliban beschützen sollen, in den Graben springen, wenn ein weißer Toyota Corolla im Gelände an ihnen vorbeifährt.  Diese Autos sind in Afghanistan verhältnismäßig preisgünstig und werden daher für Selbstmordattentate verwendet – im Gelände gibt es keine einfache Möglichkeit, sie zu stoppen. 

Afghanistan ist nicht berechenbar.  Während Teskes Aufenthalt wurden zwei schwedische Soldaten und ein afghanischer Dolmetscher erschossen.  Von einem afghanischen Polizisten an einer afghanischen Polizeistation, die Teske kurz vorher noch selbst besucht hatte.  

Trotzdem bleibt Teske dabei:  Ein Abzug wäre fatal.  Auch von den Soldaten wollen längst nicht alle abziehen.  Sie wollen etwas leisten, wollen etwas erreichen und wollen, dass die Politik ihnen die Möglichkeit dazu gibt. 

Zurzeit sind selbst die Möglichkeiten des Zurückschießens für sie eingeschränkt.  Mörserbeschuss etwa lässt sich zwar elektronisch genau orten, darf jedoch nicht beantwortet werden – Zivilisten könnten zu Schaden kommen.  Nur: Situationen, in denen keine Zivilisten zu Schaden kommen könnten, gibt es in Afghanistan nicht.  Und: Vor Ort muss schnell entschieden werden.

Oberst Klein

Oberst Klein war einer, der schnell entscheiden musste, als er den Luftangriff auf die beiden von Aufständischen entführten Tanklastwagen befahl, bei dem nach unterschiedlichen Schätzungen zwischen 90 und 145 Menschen ums Leben kamen.  Eine Entscheidung, die in Deutschland heftig kritisiert worden ist.  In Afghanistan hat der Bürgermeister des betroffenen Ortes eine Ehrenerklärung für Oberst Klein und sein schnelles Handeln abgegeben.  Ebendieser Bürgermeister hatte kurz zuvor noch davor gewarnt, sich in die Nähe der Tanklastzüge zu begeben.  Denn jeder weiß, dass gestohlene Tanklastzüge in Afghanistan nicht zur Bedienung von Shell-Stationen gedacht sind.

Mit der Ehrenerklärung für einen westlichen Soldaten ist der Bürgermeister ein enormes Risiko eingegangen.  Denn in den Augen der Taliban ist jeder ein Verräter, der in irgendeiner Weise mit dem Westen zusammenarbeitet.  Nicht einmal die Übersetzer trauen sich noch nach Hause, weil sie dort ihres Lebens nicht sicher sind.  Es ist schon vorgekommen, dass Söhne den eigenen Vater getötet haben, weil er für sie ein Verräter war.  

Erinnerung an Saigon

Sollten die Deutschen und ihre Verbündeten in fünf Jahren abziehen, wird es noch schlimmer werden.  Als 1975 die letzten Amerikaner Saigon verließen, klammerten sich zurückgelassene Vietnamesen an die US-Hubschrauber.  Sie wussten, was ihnen blühte.  Tausende wurden ermordet.  Erst als die Amerikaner weg waren, ging das Massensterben los.

Teske ist überzeugt: Nach einem Abzug gibt es in Afghanistan eine „Nacht der langen Messer“, die die Geschehnisse in Vietnam noch in den Schatten stellen wird.

Analphabetismus, Drogenkonsum, Bestechlichkeit  

Bis 2014 oder 2015 wird es nicht machbar sein, die afghanischen Polizisten und Soldaten so weit zu bringen, dass sie selbst für Sicherheit sorgen.  Die wenigsten von ihnen können lesen und schreiben, Drogenkonsum ist eine Selbstverständlichkeit und in Bezug auf die Annahme von Bestechungsgeldern fehlt jegliches Unrechtsbewusstsein.  Eine echte Demokratisierung des Landes ist für die Landbevölkerung ein Wunsch des Westens, von dem die meisten Afghanen nicht den Ansatz einer Vorstellung haben.  
       
Verlockend ist für die Freiwilligen bei Armee und Polizei vor allem der relativ hohe Sold.  Dass sie ernsthaft gegen fanatische Gotteskrieger kämpfen, ist eher nicht zu erwarten.  Gotteskrieger, die ihre Botschaften inzwischen via Laptop und Internet auf der ganzen Welt verbreiten, die Geld aus dem Drogenhandel gewinnen und die mit dem afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet ein riesiges Rückzugsgebiet verfügen, in das keine Staatsmacht eindringen kann.

Der Weg zur Weltherrschaft? 

Und für die ein Sieg in Afghanistan nur ein erster Schritt auf dem Weg zur Weltherrschaft wäre.  In jedem moslemisch geprägten Land existieren islamistische Gruppierungen.  Im Internet streiten sich die Angehörigen dieser Gruppierungen mittlerweile darüber, ob Bin Laden mit seinem Angriff auf die USA überzogen hat.  Ob es nicht zu früh war, den ganz großen Feind zu attackieren.  Ob nicht erst moslemisch geprägte Länder wie die Türkei und Ägypten, dann ehemals moslemische wie Spanien unter Kontrolle gebracht hätten werden sollen.   Das langfristige Ziel der Weltherrschaft ist dagegen kein Streitpunkt.

Doch neben dem religiösen gibt es auch ein starkes ethnisches Element in Afghanistan.  Es gibt Paschtunen, Tadschiken und eine Vielzahl anderer Stämme. 

Chance auf Stabilität

Wer auf lange Sicht für ein einigermaßen stabiles Gleichgewicht in Afghanistan sorgen will, muss die ethnische Komponente berücksichtigen. Muss die Stämme und ihre Wünsche in seine Pläne einbeziehen. Und er braucht nicht nur Geld und Soldaten, sondern auch viel Zeit. Mindestens 30 Jahre, so Teske.  Denn eine ganze Generation muss zunächst in Kooperation mit dem Westen aufwachsen.  Eine ganze Generation, die bereit ist, dem Westen zu vertrauen und die Schul- und Berufsausbildungen genossen hat.
Bis es soweit ist, muss jeder, dem mit dem Westen kooperiert, beschützt werden.   

Zudem muss eine echte Wirtschaft entstehen.  Derzeit ist Diebstahl an der Tagesordnung:  Was den afghanischen Polizisten und Soldaten zur Verfügung gestellt wird, verschwindet und wird verhökert: Waffen, Fahrzeuge, Plasmafernseher.  An der Spitze sieht es nicht besser aus:  Acht Milliarden, die Präsident Karsai bekommen hat, sind ohne jeden Nachweis abhanden gekommen. 

Trotzdem sieht Teske unter der Voraussetzung eines langen, schwierigen und glaubwürdigen Engagements des Westens eine Chance auf Besserung.
Den Glauben an gemäßigte Taliban hält er allerdings für einen Irrglauben.  „Ein gemäßigter Taliban müsste beschützt werden wie der amerikanische Präsident.“  Die Lösung könne nicht in Beschönigungen bestehen.  Im Moment sind es gerade die Radikalen, die auf dem Vormarsch sind.  Einer der Zuhörer im Publikum ist in den 1970er Jahren noch alleine mit dem Motorrad durch Afghanistan gereist.  Heute völlig undenkbar. 

Die Gegenwart ist gefährlich und die Zukunft ungewiss.  Noch immer liegen in Afghanistan überall an den Straßenrändern die Wracks der Panzer und Hubschrauber der in den 1980er Jahren hier gescheiterten Sowjetarmee.  Der Mythos der Unbesiegbarkeit rankt sich um Afghanistan.  Geprägt auch von den Erfahrungen der Briten im 19. Jahrhundert:

     “Die hören sollen, sie hören nicht mehr,
Vernichtet ist das ganze Heer,
Mit dreizehntausend der Zug begann,
Einer kam heim aus Afghanistan.”

(aus: Theodor Fontane, „Das Trauerspiel von Afghanistan“)

feldmark-berlin.de

(Foto: Axel Schmidt/ddp)

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