“Willkürliche Verbotspolitik macht aus Bürgern Untertanen”

23. September 2010, 10:02 | Kategorien: Lebenswelt | Schlagworte: | von
Redaktion

Der liberale Blogger Jan Filter engagiert sich unter anderem für eine Freigabe von Cannabis. Im Interview mit FreieWelt.net plädiert er für eine liberalere Drogenpolitik und warnt vor einer Gesundheitsdiktatur, in der der Staat seine Bürger als Untertanen behandelt und fordert mehr Ehrlichkeit beim Umgang mit diesem umstrittenen Thema.

FreieWelt.net: Cannabiskonsum begünstigt die Entwicklung von Schizophrenie und Psychosen sowie von chronischer Bronchitis und steht im Verdacht, ein erhöhtes Schlaganfallrisiko mit sich zu bringen. Vor allem aber führt der Konsum zu einer allgemeinen Antriebslosigkeit. Halten Sie es dennoch für harmlos, Herr Filter?

Jan Filter: Nein, natürlich nicht. Aber Drogen sind ja im Allgemeinen nicht unbedingt dafür bekannt, harmlos zu sein. Mögliche Gesundheitsschäden allein sind für mich allerdings noch kein Argument für ein Verbot, zumal es in einem freien Land doch erlaubt sein sollte, die eigene Gesundheit auf die Art und Weise zu ruinieren, die einem passt. Der eine schafft das mit Fussballspielen, der nächste isst viel Fett und der Dritte trinkt dafür eben Alkohol oder kifft.

FreieWelt.net: Die Aufhebung des Verbots würde aber auch dazu führen, dass Cannabis für Kinder noch leichter zugänglich wird als jetzt.

Jan Filter: Eine solche Gefahr mag bestehen, allerdings dürfte es ohne Weiteres machbar sein, Kinder auch nach einer Legalisierung zumindest vor versehentlichem Cannabis-Konsum wirksam zu schützen. Den richtigen Umgang mit und die vielfältigen Gefahren durch verschiedene Drogen lernen Kinder heute bereits in der Schule oder auch durch die Eltern. Ich denke, dass Bildung und Erziehung hier wertvollere und nachhaltigere Ergebnisse bringen und auch bringen müssen als Verbote. Denn die erzeugen ja zudem oft erst recht einen gewissen Reiz – gerade bei Kindern und Jugendlichen.

FreieWelt.net: Wer in jungen Jahren eine Sucht entwickelt, wird es später schwer haben, diese zu überwinden. Gehört es nicht gerade zum Schutz der Freiheit von Kindern und Jugendlichen sie vor diesen Süchten zu schützen?

Jan Filter: Zweifellos. Die entscheidende Frage ist, wie wir diesen Schutz organisieren. Und da bin ich dafür, Kindern und Jugendlichen vor allem das Rüstzeug mit auf den Weg zu geben, selbstständig vernünftige Entscheidungen zu treffen. Völlig drogenfrei wird diese Welt nämlich nie sein, selbst wenn Mancher das für wünschenswert halten mag. Wir können unsere Kinder nunmal nicht völlig von allen denkbaren oder undenkbaren Gefahren des Lebens isolieren. Bereiten wir sie doch stattdessen lieber anständig vor und vertrauen zur Abwechslung auch mal auf ihren durch entsprechende Aufklärung und Erziehung geschärften Verstand. Das ist ehrlicher – und wir geben ihnen damit nebenbei auch noch das Gefühl, sie ernst zu nehmen.

FreieWelt.net: Ist dennoch nicht gerade Cannabis eine bekannte Einstiegsdroge, die später zum Konsum härterer Drogen führt?

Jan Filter: Untersuchungen belegen dass, soweit ich weiss, ja. Dass das so ist dürfte aber viel damit zu tun haben, dass Cannabiskonsumenten mangels Alternative ständig mit Drogendealern zu tun bekommen, was eben den Zugang zu harten Drogen unnötig erleichtert.

FreieWelt.net: Selbst wenn man dem Einzelnen das Recht eingesteht, sich selbst zu zerstören: Unser Gesundheitssystem ist als Solidargemeinschaft organisiert, in der einer für den anderen bezahlen muss. Ist es da nicht unfair gegenüber der Gemeinschaft, sich selbst Schaden zuzufügen?

Jan Filter: Eindeutig ja. Die Frage ist nur: Muss nicht die Gesellschaft bis zu einer gewissen Größenordnung solche Unfairness ertragen, zumal doch die Solidargemeinschaft Gesundheitssystem ja keines ist, dem wir freiwillig angehören? Ich kann nur davor warnen, einer Politik das Wort zu reden, für die das Gesundheitssystem als Begründung dafür herhalten muss, wie wir zu leben haben. Denn das kann eigentlich nur den direkten Weg in eine Gesundheitsdiktatur bedeuten – in dem sich in letzter Konsequenz auch Skifahrer, Fast-Food-Liebhaber und Partylöwen für ihre Hobbys und Vorlieben werden rechtfertigen müssten. Eine Horrorvorstellung.

FreieWelt.net: Was für eine Drogenpolitik halten Sie für wünschenswert?

Jan Filter: Auf alle Fälle eine liberalere. Wichtiger wäre mir aber noch, wenn sie zunächst einmal ehrlicher würde, als sie es heute ist. Mit exakt jenen Argumenten, mit denen das Fortbestehen des Cannabisverbotes heute begründet wird, müsste die Regierung nämlich auch Alkohol und Tabak sofort verbieten. Beides macht bekanntlich stark abhängig und ruiniert die Gesundheit von Millionen Menschen. Die Grenzen zwischen legalen und illegalen Drogen sind da an manchen Stellen völlig willkürlich gezogen worden. Derartig willkürliche Verbotspolitik macht aber aus mündigen, erwachsenen Bürgern nichts weiter Untertanen in Vormundschaft. Dabei schaffen aber viele Bürger ja längst Fakten: Ich kenne zum Beispiel niemanden, der je aufs Kiffen verzichtet hätte, weil es da eben so ein Gesetz gibt. Das Cannabisverbot wird also oft schon gar nicht mehr ernst genommen, auch weil es sich nunmal seriös nicht begründen lässt. Gute Drogenpolik nimmt die Bürger ernst und tut nicht so, als wären sie verantwortungslose Kinder.

FreieWelt.net: Herr Filter, herzlichen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Fabian Heinzel

zum Interview mit Dr. Alexander Ulfig,  der im Rahmen der FreieWelt.net-Debatte zum Thema “Cannabis” für ein Fortbestehen des Cannabisverbots plädiert

http://blog.jan-filter.de/

(Foto: Jan Filter)

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