Wie christlich ist die Union? – Interview mit Martin Lohmann

19. September 2009, 09:03 | Kategorien: Lebenswelt, Politik | Schlagworte: , , , | von
Redaktion FreieWelt.Net

Martin Lohmann (52) ist katholischer Publizist, Journalist und Stellvertretender Vorsitzender der Joseph-Höffner-Gesellschaft. Vor wenigen Wochen erschien sein topaktuelles Buch „Das Kreuz mit dem C. Wie christlich ist die Union?“ (Butzon & Bercker, 14,90€)

FreieWelt.net sprach mit Martin Lohmann über Kanzlerin Merkel, die Kindergartenpflicht und das hohe C der Union.

FreieWelt.net: Herr Lohmann, Sie haben ein kritisches Buch zum Umgang der CDU mit ihrem christlichen Profil geschrieben. An welchen Punkten machen Sie Ihre Kritik fest?

Martin Lohmann: An vielen. Die CDU ist zum Verwechseln ähnlich mit anderen Parteien geworden. Ob beim Lebensschutz, der embryonalen Stammzellenforschung, in der Familienpolitik oder allen anderen wichtigen Fragen des Lebens stellen sich viele Menschen zu Recht die Frage: Was unterscheidet diese Partei eigentlich noch von anderen? Wo sind die sicheren Koordinaten einer Partei geblieben, die mit ihrem C eigentlich einen klaren Mehrwert haben könnte? Es gibt keine christliche Politik, wohl aber eine Politik aus christlicher Verantwortung. Diese muss man aber erkennen können, erkennen können dürfen! Leider aber scheint man das C und seinen starken Inhalt nicht mehr richtig zu sehen. Es verblasst. Es verdurstet. Es verdunstet. Dabei schlummert in diesem vielfach unerkannten und versunkenen Schatz ein unglaublich modernes Potenzial für die Zukunft. Ich sage: Das C ist die eigentliche und einzigartige Avantgarde-Garantie. In diesem C stecken Freiheit, wirkliche Kraft und echte Qualität. Das C ist nichts Verstaubtes von gestern, sondern das Sprungbrett ins Morgen. Es darf und muss mehr sein als ein gelegentlich zur optischen Verschönerung aufgestellter Blumentopf. Vielleicht gibt es wirklich zu viel Unwissen im Blick auf das Christliche. Ich bin aber zutiefst davon überzeugt, dass es sich um der Menschen willen lohnt, Politik aus christlicher Verantwortung zu machen. Freiheit und Verantwortung brauchen die belastbare Koordinate des C. Unantastbarkeit der Menschenwürde und des Lebensrechtes, Gleichberechtigung, Gerechtigkeit – all das speist sich aus einem christlichen Profil der Freiheit. Der CDU ist zu wünschen, dass sie ihren einzigartigen Mehrwert wieder entdeckt und nicht weiter versteckt. Entdecken statt verstecken!      

FreieWelt.net: Im Parteiprogramm der CDU wird die Kindergartenpflicht gefordert. Experten sehen darin einen klaren Verstoß gegen das Elternrecht und die Autonomie familiärer Erziehung. Fügt sich dieses Detail ins Gesamtbild?

Martin Lohmann: Moment mal! Haben wir nicht im Grundgesetz einen Artikel 6, in dem die Erziehung als erste Aufgabe,  das Recht und die Pflicht der Eltern garantiert wird? Dieses Recht ist vorgegeben. Nicht die Familie ist für den Staat da, sondern der Staat hat eine Dienstfunktion für die Familie. Sollen wirklich alle Koordinaten unserer Freiheit verschoben werden? Eigentlich müsste man in der Union wissen, dass alles getan werden sollte, das Elternrecht zu stärken und Familien stark zu machen. Es darf, um das Wort eines früheren SPD-Generalsekretärs aufzugreifen, keine andere Lufthoheit über den Kinderbetten geben als die naturgegebene. Wir wissen, dass es für die Entwicklung der Kinder nichts Kostbareres und Wichtigeres gibt als Eltern, die Zeit, Zärtlichkeit, Liebe und Zuneigung für sie haben. Eine wirkliche Familienpolitik aus christlicher Verantwortung würde nicht der Betreuungspflicht hinterherlaufen, sondern alles zu tun versuchen, die Autonomie der Familie zu stützen und zu stärken. Wir haben leider einen grundsätzlichen Webfehler im Denken: Denn solange das Kind zum Objekt der Betreuung degradiert wird und nicht als Subjekt der Entfaltung erkannt werden darf, haben wir keine wirkliche Familienpolitik. Vielleicht Betreuungspolitik, ja. Oder Frauenerwerbsförderpolitik meinetwegen. Auch die ist wichtig. Aber sie ist eben keine Familienpolitik. Eine solche würde vom Kind her denken – und von der Familie, für die eine Familienpolitik dienend da sein sollte. Und nicht umgekehrt. Mütter und Väter gilt es zu stärken! Damit sie ihren Pflichten und Rechten nachkommen können als Väter und Mütter. Wir brauchen mehr Freiheit und weniger Staat, und vor allem weniger Bevormundung! Eine sozialistische Kindergartenpflicht widerspricht der christlichen Freiheit und fesselt das ursprüngliche Elternrecht. Ich hoffe sehr, dass sich die CDU nicht zum Sklaven der schleichenden Entmündigung von Familien macht, sondern innerhalb dieser Partei noch erkannt wird, wie wichtig Freiheit und Verantwortung sind. Kinder sind Personen, die ein Recht auf Heimat haben. Kinder dürfen nicht zur Verschiebemasse werden! Eigentlich bietet das C den Mut zu wirklich neuem und freiem Denken. Gerade in der Familienpolitik. Mag sein, dass es noch nur eine Vision ist: Aber ich habe schon in meinem Buch „Etikettenschwindel Familienpolitik“ ein Kinderministerium gefordert. Irgendwann werden wir uns diese mentale Horizonterweiterung aber leisten. Leisten müssen! Nichts ist wichtiger als starke Familien. Politik aus christlicher Verantwortung müsste eigentlich den Ehrgeiz haben, sich von niemandem übertreffen zu lassen bei dem Versuch, Familien Stärke, Autonomie und Freiheit zu ermöglichen.      

FreieWelt.net: Welchen Anteil hat die Parteivorsitzende Angela Merkel an der Vernachlässigung des Christlichen, speziell auch des Katholischen in der CDU?

Martin Lohmann: Sie gilt als angelernte Christdemokratin. Es steht anderen und auch mir nicht zu, über ihre Christlichkeit zu urteilen. Sie ist Pastorentochter und Physikerin. Und sie ist eine Politikerin mit exzellentem Machtinstinkt. Ob sie das Christliche der Partei, der sie vorsteht, wirklich verinnerlicht hat und mit dem Kern der Union eng verbunden ist, kann wohl niemand sagen. Nicht nur ich würde gerne wissen: Was bedeutet ihr tatsächlich das C? Wie belastbar ist in ihrem ureigensten Koordinatensystem das C-Profil? Bisweilen kann man, um auf den zweiten Teil ihrer Frage zu kommen, schon den Eindruck haben, dass der Pastorentochter das Katholische etwas suspekt ist. Schade eigentlich, dass sie offenbar Angst vor einem Arbeitskreis katholischer Christen in der Union hat. Der katholische Adenauer hatte das umgekehrt vor einem Evangelischen Arbeitskreis nicht. Den gibt es seit Jahrzehnten. Merkel war da mal Vorsitzende. Und wo bitteschön ist die ökumenische Ergänzung heute? Die CDU ist seit Jahren weiß Gott nicht mehr vom rheinischen Katholizismus dominiert – was ja damals der Anlass für den EAK war. Ich bin davon überzeugt, dass Frau Merkel die Chance zum Erkenntniszuwachs nicht ungenutzt lassen wird und irgendwann – vielleicht noch als evangelische Vorsitzende der CDU – ein souveränes Signal setzen wird. Es besteht wahrlich kein Grund, Angst vor einem klaren Profil zu haben. Es besteht kein Grund, sich vor engagierten weltoffenen und toleranten katholischen Christen zu fürchten. Es gibt keinen Grund für eine C-Phobie! Gut, dass es eine gleichsam offizielle Plattform für politisch engagierte Protestanten in der Union gibt. Besser, wenn es bald eine entsprechende partnerschaftliche Ergänzung, also ein gleichberechtigtes Forum für politisch engagierte Katholiken geben wird. Denn das C hat viel zu bieten. Ob mit und ohne Merkel sollte die CDU dies ruhig erkennen.

FreieWelt.net: Was müsste geschehen, um die CDU für Katholiken und andere Christen wieder attraktiver zu machen?

Martin Lohmann: Vielleicht durch ein solches Signal. Vielleicht dadurch, dass sich katholische Christen klarer und hörbarer zu Wort melden. Vielleicht dadurch, dass Katholiken die Union unterwandern. Man sollte nicht mit Austritt drohen, sondern scharenweise eintreten in eine Partei, die das C im Namen hat und bei der man durch die Mitglieder und die handelnden Personen hören und sehen kann, dass Christen sehr viel anzubieten haben für eine zukunftssichere Politik mit Humanität und Qualität. Jammern alleine reicht nun wirklich nicht. Mitmachen! Mitmachen! Mitmachen! Einmischen! Einmischen! Einmischen! Wenn C-Profile in der Union verschwunden sind, dann braucht die Union vor allem kluge, tolerante und einsatzbereite C-Köpfe. 

FreieWelt.net: Welches Verhalten empfehlen Sie den Christen in Deutschland bei der Bundestagswahl am 27. September?

Martin Lohmann: Klug und wohlüberlegt zu wählen. Ich kenne viele, die nicht wählen gehen wollen, weil sie zu wenig Profil erkennen. Das aber wäre unklug, weil es die Ränder stärkt und jenen in die Hand spielt, die von Freiheit und Demokratie nichts verstehen. Andere gehen wählen, und um ganz sicher nicht als Nichtwähler gewertet zu werden, machen sie den Wahlzettel ungültig. Auch das ist ein legitimer Protest und sicherlich verständlich. Aber besser ist es, diejenigen Kandidaten zu stärken, die authentisch und christlich sind. Gleichwohl weiß ich, dass wegen all dem Gesagten es diesmal sehr schwer bis für viele auch unmöglich erscheint, klug und wohlüberlegt zu wählen. Ich verstehe die Ratlosigkeit. Meine auch mich nicht zufriedenstellende Botschaft lautet: Wählen Sie bitte gewissenhaft!

Foto: Heike Lohmann

Das Interview führte Christoph Kramer

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