Interview mit Peter Seifert

»Walter Linse hat sich für Recht und Gerechtigkeit eingesetzt«

War das prominente Stasi-Opfer Walter Linse ein Nazi? Im Gegenteil, sagt Peter Seifert aus Ohio (USA) im Interview mit FreieWelt.net. Er hat im Rahmen seiner Möglichkeiten Widerstand geleistet.

Foto: privat
Veröffentlicht: | Kategorien: Interviews, Interviews - Empfohlen | Schlagworte: Alfred Ascher, Arisierung, Brüssel, Chemnitz, Commerzbank, Diktatur, FDJ, Horst Lantzsch, Kommunismus, Mitglied, NSDAP, Nationalsozialismus, Walter Linse
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FreieWelt.net: In welchem verwandtschaftlichen Verhältnis stehen Sie zu Walter Linse?

Peter Seifert: Walter Linse ist im Jahr 1942 mein Onkel geworden, als er die Schwester meiner Mutter Ilse Seifert geheiratet hat. Linses Frau ist Helga, eine geborene Heymann. Ich war als kleiner Junge bei der Hochzeit selbst dabei.

FreieWelt.net: Haben Sie aus Ihrer Jugend weitere Erinnerungen an Ihren Onkel?

Peter Seifert: Er war mir immer gegenwärtig, und ich habe ihn und Tante Helga in meiner Heimatstadt Chemnitz, in West-Berlin und später in Bonn besucht. Das Gemälde von unserem Ahnen, das Sie hinter mir sehen, hing in ihrer Wohnung.

FreieWelt.net: Was war er für ein Typ?

Peter Seifert: Für mich war er ein lieber, freundlicher Mann. In unserer Familie stand er in einem ungeheuer hohen Ruf für sein Gedächtnis und seine Intelligenz.

FreieWelt.net: Walter Linse ist am 8. Juli 1952 in West-Berlin von Agenten der Stasi entführt, nach Moskau gebracht und dort 1953 hingerichtet worden. Was ist in den Wochen und Monaten vor dem Verbrechen geschehen?

Peter Seifert: Im Jahr 1951, also ein Jahr vor der Verschleppung, war ich für ein paar Tage in West-Berlin und habe die Linses besucht. Damals hat mir Tante Helga im Vertrauen erzählt, Onkel Walter sei gewarnt worden, dass er durch seine Arbeit im Untersuchungsausschuss freiheitlicher Juristen in Gefahr sei und dass ihm Schutz angeboten worden sei. Doch er habe abgelehnt, weil er nicht in Furcht leben wollte.

FreieWelt.net: Warum wurde er bedroht?

Peter Seifert: Weil er Unternehmen, die in der DDR ihren Sitz haben, mit Rat geholfen hat, Enteignungen und andere Repressalien zu verhindern.

FreieWelt.net: Erinnern Sie sich noch an den Tag, als Sie die Nachricht von der Entführung erhalten haben?

Peter Seifert: Ich war 16 Jahre alt und besuchte ein Internat in Thüringen. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich Sommerferien und war deshalb in Chemnitz und in Stollberg in Sachsen. Dort habe ich erfahren, dass er verschleppt worden war und dass es deshalb in Berlin großen Aufruhr gab. Doch in unserer Familie haben wir darüber nicht gesprochen, weil wir fürchteten, dass das Konsequenzen für uns haben könnte.

FreieWelt.net: Auch wenn es keine Konsequenzen gab, sind Sie dennoch aus der DDR geflohen. Wann war das und wie kam es zu diesem Entschluss?

Peter Seifert: Als Internatsschüler und FDJ-Mitglied musste ich überall mitmachen: demonstrieren für den Frieden, singen für die Kurgäste, Plakate malen und dergleichen mehr. Das hat mir alles nicht gefallen, weil die FDJ zu große Ähnlichkeiten mit der Hitlerjugend hatte. Für mich waren das nur andere Farben. Ich habe deshalb 1952 das Internat verlassen und bin in Chemnitz weiter zu Schule gegangen, bis zum Abitur.

Danach wurde ich, fast unerwartet, zum Studium an der TH Dresden zugelassen. Bald forderten mich dort Gruppenleiter auf, in SED und GST einzutreten. Doch ich zögerte. Da drohten sie, dass ich mich wohl erst einmal in der Industrie bewähren müsste – was für mich Arbeiten bei der Wismut, also im Uranbergbau, hieß. Ich habe mich deshalb mit meinen Eltern besprochen und bin, da sie einverstanden waren, im Juni 1955 nach West-Berlin geflohen.

FreieWelt.net: Sie waren dann im Aufnahmelager Marienfelde und sind nach Westdeutschland gegangen, wo Sie weiterstudiert haben. Über eine Station in der Schweiz sind in die USA gelangt. Sie haben aber erst vor kurzem damit begonnen, die Geschichte Walter Linses zu erforschen. Was war der Auslöser?

Peter Seifert: Um das Jahr 2003 herum erfuhr ich, dass Linse vom Föderverein der Gedenkstätte Hohenschönhausen als ein Opfer des Kommunismus geehrt werden sollte. Sie wollten einen Preis nach ihm benennen. Doch 2007 erschien eine Biografie über Linse, in der auch seine Vergangenheit in der Nazi-Zeit besprochen wurde, als er für die Industrie- und Handelskammer in die »Arisierung« jüdischer Betriebe verwickelt war. Das hat mich, der ich fast nichts vom früheren Leben Linses gewusst hatte, natürlich sehr erschüttert.

FreieWelt.net: Zu diesem Zeitpunkt gab es schon eine öffentliche Kontroverse um die Ehrung Walter Linses. Hat die Sie bei Ihrem Entschluss beeinflusst, sich näher mit seiner Vergangenheit in der NS-Zeit zu beschäftigen?

Peter Seifert: Nach meiner Erinnerung entstand diese Kontroverse erst ein bisschen später, nach der Publikation der Biografie, als eine gewisse Gruppe verlangt hat, dass der Preis umbenannt werden soll. Angeregt durch das Buch habe ich begonnen, eigene Forschungen anzustellen. Da ich in Ohio wohne, konnte ich leicht nach Washington, DC, fahren und dort in den National Archives nach neuem Material suchen. Außerdem begab ich mich auf die Suche nach Nachkommen von jüdischen Geschäftsleuten, die direkt mit Linse zu tun gehabt hatten. Dieser Aufgabe habe ich mich in den letzten sechs, sieben Jahren mit ganzer Kraft gewidmet.

FreieWelt.net: Und jetzt verteidigen Sie Walter Linse gegenüber dem Vorwurf, ein Nazi gewesen zu sein. Doch die Akten im Chemnitzer Staatsarchiv zeigen doch, dass er bei der »Arisierung« eine nicht unwichtige Rolle spielte!

Peter Seifert: Ich habe mir rund zwanzig solcher Fälle und andere Dokumente angesehen. Darin finde ich sehr viele Anzeichen dafür, dass Linse versucht hat, jüdische Eigentümer von Betrieben fair zu kompensieren oder anderweitig zu schützen.

Einem Nazi-Opfer zur Flucht verholfen

FreieWelt.net: Betrachten wir Ihre Indizien im Einzelnen. Zunächst ist da das Zeugnis eines deutschen Emigranten. Um was ging es?

Peter Seifert: Einer der Fälle war die Familie Ascher aus Chemnitz. Diese Familie ist nach Manchester in New Hampshire ausgewandert. Das klingt leicht – war es aber nicht. Es war eine Flucht vor der Katastrophe.

Ascher hatte am Markt in Chemnitz ein Schuhgeschäft eröffnet, das in der Pogromnacht 1938 vollkommen zertrümmert worden ist. Am nächsten Morgen wurde Ascher gefangen genommen und zusammen mit rund 200 anderen Juden ins KZ Buchenwald deportiert. Frau Ascher kam verzweifelt in die IHK, weil Linse dort das so genannte Judenreferat leitete. Linse hat die Gestapo angerufen und irgendwie erreicht, dass Ascher freigelassen wurde. Ascher kehrte nach Chemnitz zurück und beschloss, sich nach dieser Erfahrung entweder das Leben zu nehmen oder auszuwandern. Mit seiner Frau ist er im März oder April 1939 nach Belgien entkommen.

FreieWelt.net: Die Aschers sind 1940 nach Amerika weitergereist. Von was haben sie bis dahin gelebt?

Peter Seifert: Eine gute Frage, denn sie durften nur 10 Mark pro Person mitnehmen. Auf einem Sperrkonto in Chemnitz befanden sich allerdings noch 600 Mark aus der Auflösung ihres Geschäfts. Um dieses Geld freizumachen, wandten sich  Aschers nach ihrer Flucht an Linse. Sie schrieben ihm aus Brüssel, dass dieses Geld für den Lebensunterhalt von Herrn Aschers Eltern dringend nötig sei. Linse konnte hier zwar nicht selbst entscheiden, weil das Gewerbeamt zuständig war. Doch er befürwortete den Antrag (zahlbar auch in Raten), und daraufhin wurde das Geld freigegeben.

Dann schrieb Linse einen Brief an Alfred Ascher, in dem er darauf aufmerksam machte, dass es Schwierigkeiten gebe, das Geld den Eltern zukommen zu lassen. Deshalb werde das Geld zu Herrn Aschers Gunsten an die Commerzbank überwiesen. Aus anderer Quelle lernte ich, zu meinem großen Erstaunen, dass Aschers Vater schon 1926 gestorben war und die Mutter im Oktober 1938. Das heißt, dass das Geld an bereits verstorbene Menschen ausgezahlt werden sollte – was natürlich unmöglich war.

FreieWelt.net: Und Sie glauben, dass das eine Verschwörung zwischen den Aschers und Linse war.

Peter Seifert: Das war auf jeden Fall eine recht gefährliche Verschwörung zwischen Linse, Ascher und jemanden im Gewerbeamt, gegen das Nazi-Regime. Offenbar nachprüfbare Daten wurden verschwiegen. Dass Linse über diesen Umstand bescheid gewusst hat, ist aus dem Brief deutlich zu erkennen. Natürlich konnte er nicht offen darüber schreiben, denn wenn das herausgekommen wäre, wäre er aus der IHK hinausgeflogen, oder schlimmer.

FreieWelt.net: Die Geschichte klingt zu schön, um wahr zu sein.

Peter Seifert: Mit Verlaub, nach meinem Urteil ist diese Aktion sehr gut Schritt für Schritt belegt. Sie entkräftet auch den Gedanken, Linse habe seine Anti-Nazi-Gesinnung nur vorgeheuchelt, damit er Juden still zur Flucht überreden konnte. Die Aktion begann erst nach der schon erfolgten Flucht.

Ein weiteres Indiz liefert Aschers Jugendfreund, ein gewisser Horst Lantzsch. Horst ist 1951, also nach dem Krieg, aus der DDR geflohen und dann in die USA ausgewandert. Dort hat er in den ersten Jahren bei seinem Freund Alfred und dessen Frau gewohnt.

FreieWelt.net: Aber während des Krieges ist Lantzsch in Chemnitz geblieben. Hat er Ascher bei der Flucht geholfen?

Peter Seifert: Ja, in einem Interview für eine amerikanische Zeitung aus dem Jahr 1978 hat Lantzsch erzählt, dass er Aschers an die Grenze gebracht und ihnen so bei der Flucht nach Belgien geholfen hat. Der Reporter der amerikanischen Zeitung hat noch einmal bei Frau Ascher nachgefragt, und sie hat die Geschichte bestätigt. Später ist Lantzsch ein sehr erfolgreicher Autohändler geworden.

Der entscheidende Satz von Lantzsch stammt aber aus dem Jahr 1952, also dem Jahr, als Lantzsch noch bei Aschers gewohnt hat. Dort haben die beiden von Linses Entführung gehört, und als Lantzsch danach an Adenauer einen Brief schrieb, hat er den Bundeskanzler gebeten, sich für die Freilassung Linses einzusetzen, weil Linse maßgeblich dazu beigetragen habe, dass sein Freund Ascher aus dem KZ entlassen wurde. Ein Mann mit einem so guten Charakter, also Linse, schrieb Lantzsch, sollte nicht in einem Gefängnis sitzen.

FreieWelt.net: Und was hat Ascher gesagt?

Peter Seifert: Auch Alfred Ascher hat im Jahr 1963 für eine amerikanische Zeitung aus Anlass der Vergrößerung seines Haushaltswarengeschäftes ein Interview gegeben. Darin beschreibt er seine schrecklichen Erfahrungen in Buchenwald, seine Befreiung und seine Begegnung mit Linse. In diesem Interview sagt Ascher: »Zum Glück war Linse ein überzeugter Anti-Nazi.« – »Fortunately, Linse was an awowed Anti-Nazi.«

Nie Mitglied der NSDAP gewesen

FreieWelt.net: Bleibt aber noch der Vorwurf, Linse sei Mitglied der NSDAP gewesen. Immerhin ist im Bundesarchiv seine Mitgliedskarte aufgetaucht.

Peter Seifert: Diese Karte wird gelegentlich als Mitgliedskarte für Linse bezeichnet. Aber ich habe von einem Historiker des Bundesarchivs gelernt, dass es sich hier nicht um eine Mitgliedskarte, sondern um eine Gau-Karteikarte handelt. Letztere wurden aufgrund schriftlicher Anträge ausgefertigt, weshalb man davon ausgehen muss, dass ein unterschriebener Antrag Linses auf NSDAP-Mitgliedschaft vorlag. Die Gau-Karteikarte beweist jedoch nicht, dass Linse auch Mitglied war, denn die Mitgliedschaft begann mit der Aushändigung der Mitgliedskarte oder des Parteibuches an den Antragsteller und nicht voher. Das kann man auch bei Wikipedia nachlesen.

Genau darauf hat Linse selbst nach dem Krieg hingewiesen, als er erklärte, dass er nie Mitglied der NSDAP geworden sei. Er sagte, dass er auf Druck seines Vorgesetzten einen Antrag gestellt habe, wobei es aber geblieben sei, denn er habe es immer vermeiden können, das Parteibuch oder die Mitgliedskarte ausgehändigt zu bekommen. Somit sei er niemals NSDAP-Mitglied geworden.

Es war für mich erstaunlich, dass ich als Nicht-Historiker von drei verschiedenen Quellen genau dieselben Schritte gelernt habe, die zum Beginn der Mitgliedschaft führen. Die ist Linse aber nicht gegangen – er war also kein Mitglied, konnte aber, wenn befragt, wahrheitsgemäß antworten: »Ja, ich habe einen Antrag gestellt.«

FreieWelt.net: Das heißt also, dass zwei zentrale Vorwürfe von interessierter Seite an Linse nicht stichhaltig sind. Erstens gibt es ziemlich gute Beweise, dass er Juden bei der Flucht aus Deutschland geholfen hat, zweitens dass er kein Mitglied der NSDAP war. Wie sollten wir also Linses gedenken?

Peter Seifert: Ich hatte mir am Beginn meiner Recherchen nicht vorgenommen, Linse zu entlasten, sondern ich wollte die Wahrheit über sein Handeln in der Nazizeit finden. Aber die obigen und andere Beweise haben mich überzeugt. Für mich ist er jetzt ein Mann, der sich tapfer und in Gefahr für Recht, Gerechtigkeit und Menschenrechte eingesetzt hat, sowohl in der Nazi- als auch in der kommunistischen Diktatur. Da war kein Gesinnungswandel nötig, denn er war immer ein guter und aufrechter Mensch, vor und nach 1945.

FreieWelt.net: Die Berliner Gerichtsstraße, in der Linse gewohnt hat, ist nach der Entführung in Walter-Linse-Straße umbenannt worden. Brauchen wir eine Walter-Linse-Straße in Chemnitz?

Peter Seifert: Eine sehr gute Idee. Ich hoffe, dass dieses sachliche Interview die Herzen derer stärkt, die das Gute in Walter Linse sehen. Er und auch Deutschland verdienen diese Ehre.

FreieWelt.net: Vielen Dank für das Gespräch.

Peter Seifert hat zu dem Fall eine Dokumentation erstellt, die im Internet abrufbar ist.

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