“Stuttgart 21 wird Stadt und Land voranbringen” – Interview mit Rudolf Weeber

26. Oktober 2010, 10:45 | Kategorien: Politik, Wirtschaft | Schlagworte: , | von
Foto: Rudolf Weeber
Redaktion

Der Bau des unterirdischen Bahnhofs "Stuttgart 21" hat nicht nur Gegner.  Aus Sicht von Rudolf Weeber von der Initiative "Stuttgart21 - Ja bitte!" spricht vieles für die Realisierung dieses Projekts gegen das derzeit so vehement protestiert wird.  Im Interview mit FreieWelt.net erläutert Weeber, wie Stadt und Land von Stuttgart 21 profitieren könnten und wieso er einen "Kopfbahnhof 21" für keine sinnvolle Alternative hält. 

FreieWelt.net: Die Proteste gegen Stuttgart 21, also die Umwandlung des jetzigen Kopfbahnhofs von Stuttgart in einen unterirdischen Durchgangsbahnhof sind von in Deutschland selten gesehener Heftigkeit. Wie erklären Sie sich diese heftigen Proteste?

Rudolf Weeber: Zunächst einmal wird in Deutschland gegen fast jedes großes Infrastrukturprojekt heftig protestiert, etwa bei den Flughäfen in München und Frankfurt, der ICE-Strecke Stuttgart-Mannheim oder der
Landesmesse Stuttgart. Dass die Proteste bei Stuttgart 21 besonders heftig ausfallen, könnte auch an einer generellen Unzufriedenheit mit Politik und Wirtschaft liegen – das in der Finanzkrise verspielte Vertrauen ist noch lange nicht zurückgewonnen. Insgesamt gibt es eine komplexe Mischung aus allgemeiner Unzufriedenheit, Kritik und Stimmungsmache. Nicht zuletzt ist in Baden-Württemberg bereits Wahlkampf.

FreieWelt.net: Und was hat Sie dazu bewogen, eine Initiative zu gründen, die sich für Stuttgart 21 einsetzt?

Rudolf Weeber: Als wir vor zwei Jahren mit unserer Webseite http://www.stuttgart21-ja-bitte.de begonnen haben, hatten die Projektträger das Feld der öffentlichen Meinung komplett den Stuttgart21-Gegnern überlassen. Uns war es wichtig, aus Bürgersicht darzustellen, wie sehr Stuttgart 21 und die Strecke nach Ulm Stadt und Land voranbringen werden. Es geht schließlich nicht nur darum, dass der Bahnhof tiefergelegt wird. Die Gleise, die Stuttgart heute zerschneiden, machen Platz für Park, Wohnen und Arbeiten, der Süden von Stuttgart mit Flughafen und Messe wird an Regional- und Fernverkehr angebunden und die Region wächst durch ein besseres Verkehrsangebot zusammen. Nachdem sich gerade junge Menschen in erster Linie über das Internet informieren, haben wir uns dazu entschieden, eine Webseite zu starten, die all diese Argumente sachlich darlegt.

FreieWelt.net: Dennoch sind die Gegner von Stuttgart 21 anscheinend offene Türen eingerannt, sonst hätten sie nicht so viele Menschen mobilisieren können. Ist es da nicht offensichtlich, dass der Bürgerwillen bei der Planung von Stuttgart 21 übergangen worden ist?

Rudolf Weeber: Die Bürgerinnen und Bürger sind nicht übergangen worden. Während der Planung und dann der Planfeststellung hatten die Bürger und Bürgerinnen reichlich Recht und Möglichkeiten, sich zu informieren und Einwände vorzubringen. Das ist tausendfach geschehen. Auf Grund von Klagen gegen die Planfeststellung ist von mehreren Gerichten bestätigt worden, dass die Ziele von Stuttgart 21 legitim sind und dass niemand Alternativen vorgelegt hat, die diese Ziele besser oder mit weniger Eingriffen erreichen kann. Zu guter Letzt war Stuttgart 21 auch Thema bei allen Wahlen der letzten zehn Jahre in Stuttgart und Baden-Württemberg. Stets haben die Parteien, die sich für Stuttgart 21 ausgesprochen haben, eine klare Mehrheit bekommen.

Als alles beschlossen war, wurden die Projektträger aber bei der Kommunikation müde und konzentrierten sich nur auf die fachlichen und organisatorischen Fragen. Bei so langen Planungsverfahren darf man mit der Information nicht nachlassen – auch die nachkommenden Leute, die sich vorher nicht interessiert haben oder noch zu jung waren, müssen einbezogen werden. Viel zu wenig wurde hinterher noch deutlich gemacht, wie viel es durch Stuttgart21 zu gewinnen gibt, auch weil man fälschlicherweise meinte, die Realisierung dauert noch und es würde reichen, die weiteren Planungen der Parkgestaltung, der Neubauareale und der Zugfahrpläne zu diskutieren, wenn dies nach 2015 konkret ansteht.

FreieWelt.net: Auch sind einige Menschen bei den Protesten schwer verletzt worden. Bringt das Vorgehen der Polizei nicht erst recht viele Menschen gegen das Projekt auf?

Rudolf Weeber: Es war ein großer Fehler der Polizei, die Baufläche im Schlossgarten ausgerechnet an dem Tag zu räumen, an dem anderen Ortes in der Innenstadt eine Schülerdemo stattfand. Man macht es sich andererseits aber zu einfach, wenn man nur Polizei und Politik die Schuld gibt. Ein kleiner Teil der Gegner hat auf die Eskalation hingearbeitet. Beispielsweise wurde auf der Webseite der Parkschützer schon vorher das Anketten an Bäume und das Blockieren der Polizei angekündigt und Trainings angeboten. “Bei Abriss Aufstand” lautete der Slogan.

FreieWelt.net: Wie stehen Sie zu der vorgeschlagenen Alternative „Kopfbahnhof 21“?

Rudolf Weeber: “Kopfbahnhof 21″ ist keine brauchbare Alternative zu Stuttgart 21. Die ICE-Züge Richtung Ulm müssten dann durch das dicht besiedelte Neckar- und Filstal donnern – in manchen Varianten zwölf Meter hoch aufgeständert. Die betroffenen Gemeinden haben jetzt schon erbitterten Widerstand angekündigt. Die Zerschneidung der Stuttgarter Innenstadt bliebe bestehen, und der kleine Teil der Flächen die dennoch frei würden, wären durch noch mehr Zuglärm als heute belastet. Es müssten weitere Gleise durch die grüne Lunge Stuttgarts gelegt werden – wie das ohne Bäumefällen gehen soll, hat noch niemand erklärt. K21 wäre vermutlich noch nicht einmal wesentlich billiger, da im Gegensatz zu Stuttgart 21 nicht getrennt zur aktuellen Infrastruktur, sondern komplett im laufenden Betrieb der Kopfbahnhof aufwändig saniert werden müsste. Das würde auch viel mehr Störungen des laufenden Bahnbetriebs verursachen. Kopfbahnhof 21 ist daher zu recht in allen Parlamenten, bei der Planfeststellung und vor Gericht unterlegen.

FreieWelt.net: Wie sehen die Aktionen Ihrer Initiative konkret aus?

Rudolf Weeber: Wir sind ein sehr kleines Team und beschränken uns daher auf die Betreuung der Webseite.

FreieWelt.net: Werden Sie sich noch weiter engagieren, wenn Stuttgart 21 wie geplant gebaut wird?

Rudolf Weeber: Auch während der Bauzeit wird es sicher noch Bedarf für sachliche Informationen rund um das Projekt geben, so dass wir noch einige Zeit weitermachen. Hoffentlich werden die Projektträger aber jetzt mit der öffentlichen Information und Diskussion nicht mehr so schlafen, wie sie das in den letzten Jahren gemacht haben.

FreieWelt.net: Herr Weeber, herzlichen Dank für dieses Interview!

http://www.stuttgart21-ja-bitte.de/

Das Interview führte Fabian Heinzel

 

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