PID ist ethisch nicht vertretbar – Interview mit Hans-Josef Fell

16. Mai 2011, 09:56 | Kategorien: Lebenswelt, Politik | Schlagworte: , | von
Foto: Hans-Josef Fell
Redaktion FreieWelt.net

In wenigen Wochen wird der Deutsche Bundestag darüber entscheiden, ob eine Präimplantationsdiagnostik (PID) an Embryonen in Deutschland künftig möglich sein wird oder nicht. FreieWelt.net sprach mit dem bayerischen Bundestagsabgeordneten der Bündnis90/Die Grünen, Hans-Josef Fell, der für ein Verbot der PID eintritt, über die Gründe für seine Ablehnung der PID, Alternativen für betroffene Paare und die Auswirkungen einer PID-Zulassung auf Menschen mit Behinderung.

FreieWelt.net: Sehr geehrter Herr Fell, Sie unterstützen den von Ihrer Parteikollegin Katrin Göring-Eckardt mit initiierten Gesetzesentwurf, der ein vollständiges Verbot der Präimplantationsdiagnostik (PID) vorsieht. Wie sind Sie zu dieser Entscheidung gekommen?

Hans-Josef Fell: Als früher für die Forschungspolitik zuständiger Abgeordneter habe ich mich intensiv mit ähnlichen ethischen Fragen, z.B. über die Forschung an embryonalen Stammzellen, auseinandergesetzt. Ich bin dabei zur Erkenntnis gelangt, dass nicht alles was technologisch und biologisch machbar ist, auch notwendig oder ethisch vertretbar ist. Dies gilt auch für PID.

FreieWelt.net: Häufig wird von den Befürwortern einer Zulassung der PID argumentiert, die PID könne betroffenen Eltern viel Leid ersparen. Wie beurteilen Sie diesen Aspekt?

Hans-Josef Fell: Das gilt nur für Eltern, die sich einen Embryo implantieren lassen wollen. Die Möglichkeit einer Adoption kann Leid von bereits geborenen Kindern verhindern, PID kann das nicht.

FreieWelt.net: Aber ist der Wunsch von Eltern nicht mehr als verständlich, alles medizinisch Mögliche zu unternehmen, um ein gesundes Kind zu bekommen?

Hans-Josef Fell: Als Vater von drei Kindern weiß ich, wie hoch das Elternglück über leibliche Kinder sein kann. Ich kann also den Wunsch nachvollziehen. Für Paare die aber auf natürlichem Wege keine leiblichen Kinder zeugen können, gibt es weitere Möglichkeiten, wie zum Beispiel der Weg der Adoption. Weltweit und in Deutschland gibt es viele Kinder die ohne Eltern aufwachsen müssen.

FreieWelt.net: In vielen anderen europäischen Ländern besteht unter bestimmten Voraussetzungen bereits seit längerem die Möglichkeit einer Präimplantationsdiagnostik. Lässt sich angesichts dessen diese Entwicklung in Deutschland überhaupt aufhalten?

Hans-Josef Fell: Natürlich kann die Praxis in anderen Ländern dazu führen, dass ein PID-Verbot in Deutschland umgangen wird. Ich trage aber als Abgeordneter Verantwortung für die deutsche Gesellschaft. Sollten wir anfangen, unsere ethischen Maßstäbe an den Ländern mit den liberalsten Regelungen auszurichten, kann das zu einem Ethik-Dumping führen.

FreieWelt.net: Welche Auswirkungen auf unsere Gesellschaft befürchten Sie, sollte die PID per Gesetz zugelassen werden?

Hans-Josef Fell: Es wäre eine weiterer Schritt hin zur Unterscheidung zwischen lebenswürdigem und lebensunwürdigem Leben. Nur sehr selten liegt die Ursache für ein behindertes Kind in einer fehlenden PID. Trotzdem kann die Zulassung der PID dazu führen, dass die Akzeptanz gegenüber behinderten Leben weiter sinkt, so nach dem Motto: Man hätte den Embryo ja vorher mal untersuchen lassen können.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Kerstin Schneider

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