Niemand hat das Recht über lebenswert und nicht lebenswert zu entscheiden

20. Juni 2011, 08:01 | Kategorien: Lebenswelt, Politik | Schlagworte: , | von
Foto: Susanne Voß/privat
Redaktion FreieWelt.net

Susanne Voß ist Mutter von drei Kindern. Eines ihrer Kinder kam mit dem Down-Syndrom zur Welt. Im Interview mit FreieWelt.net sprach sie über ihren Alltag mit ihrem behinderten Sohn und die Folgen einer Zulassung der Präimplantationsdiagnostik für unsere Gesellschaft.

FreieWelt.net: Frau Voß, Sie sind Mutter eines Kindes mit Down-Syndrom. Wann und wie haben Sie davon erfahren?

Susanne Voß: Ich habe durch die betreuende Ärztin von der Behinderung meines Sohnes 5 Tage nach der Entbindung erfahren. Leider hatte diese Ärztin keinerlei Ahnung von der Behinderung Trisomie 21 und hat sich in den 5 Tagen die zwischen dem Ärzteverdacht und dem Ergebnis der Blutuntersuchung lagen auch diesbezüglich nicht sachkundig gemacht. Dadurch habe ich leider nur falsche Informationen, was die Behinderung meines Sohnes anbelangt, bekommen.

FreieWelt.net: Inwiefern hat sich dadurch Ihr Leben verändert?

Susanne Voß: Leider musste ich meinen Arbeitsplatz aufgeben, um mich um meinen Sohn kümmern zu können. Ich konnte mir aber glücklicherweise damals ein Homeoffice einrichten und meinen Job als Technische Zeichnerin während der Schlafzeiten meines Kindes verrichtet. Zur Zeit bin ich gerade mal wieder selbständig und habe einige ehrenamtliche Projekte. Unter anderem betreue ich die Band Curtis Lowe, die wiederum sehr oft ehrenamtlich für Menschen mit Beeinträchtigungen spielt. Daneben habe ich noch die Organisation einer Theatergruppe zu laufen. Mein Herzens-Prokjekt aber ist die “Traumdisco-Berlin” für Menschen mit Beeinträchtigungen und deren Freunde, die am 21. Oktober in Berlin-Westend ihre Tore öffnen wird. Mir ist aufgefallen, dass in dieser Zeit keine derartige Disco für unseren Sohn leicht zu erreichen ist. Also habe ich Möglichkeiten gesucht ein solches Projekt hier in der city von Berlin zu ermöglichen. Mit Hilfe einiger Freundinnen und dem Ehrenamt meines jüngeren Sohnes bei der evangelischen Gemeinde Eichenallee habe ich nun die Möglichkeit in Form der Räumlichkeiten der Teeniedisco durch die dortige Jugendarbeit und der hilfsbereiten Hände unserer Freunde gefunden. Wir freuen uns sehr darüber und danken schon hier allen Helfern und unserem Gemeindekirchenrat.

FreieWelt.net: Wie hat Ihr Umfeld auf Ihren Sohn reagiert?

Susanne Voß: Bis auf ein Bekanntenpärchen haben alle wahren Freunde und die Familie zu Benjamin gehalten, haben mitgeholfen, Fördermöglichkeiten ausfindig zu machen und Benjamins Zukunft mitzugestalten. Zum Beispiel sagte meine Mutter damals: “Dein Sohn könnte keine Arme, keine Beine oder sonstwas haben und ich würde immer stolz mit ihm spazieren gehen!”. Und eine Freundin aus Italien meinte: “Du hast ein Kind, sei froh!”. Diese Aussagen zogen sich durch alle sozialen Kontakte. Also habe ich mich sehr gebettet fühlen dürfen. Wir haben zusammen sechs Wochen gemeinsam um das nichtbehinderte Leben meines Sohnes geweint und danach sofort mit der Frühförderung begonnen. Benjamin hat zum Beispiel 20 Jahre an dem Universitätsprojekt der Professorin Rauh zum Thema “Down Syndrom” ab der sechsten Lebenswoche, neben Bobathgymnastik und anderen Therapieformen teilgenommen. Ich habe jedermann & -frau erzählt welche Behinderung mein Kind hat und habe durch meine Offenheit sehr viel positives Feedback bekommen und auch feststellen dürfen, dass fast jede Familie, ob Kind, Enkel, Neffe oder Cousin, ein ähnliches Schicksal zu tragen hat.

FreieWelt.net: Mit der sog. Präimplantationsdiagnostik (PID); über deren gesetzliche Regelung der Bundestag in wenigen Wochen abstimmen wird, können Embryonen noch vor der Einpflanzung in den Mutterleib auf mögliche Gendefekte hin untersucht werden. Welche Haltung haben Sie zur PID?

Susanne Voß: Ich bin der Meinung, dass das Zeugen im Reagenzglas schon ein ziemlich starker Eingriff in die Natur ist und wir genug elternlose Kinder auf unserer Welt haben, die sich über ein Zuhause bei kinderlos gebliebenen Paaren freuen würden. Klar ist, dass ein Leben mit einem behinderten Kind anders verläuft als normalerweise gewünscht. Aber wer nimmt sich das Recht heraus über lebenswert und nicht lebenswert zu entscheiden? Die Eltern sind trotz PID vor einer Behinderung Ihres Kindes nicht geschützt. Sauerstoffmangel während der Geburt, frühkindlicher Autismus und vieles mehr kann damit nicht ausgeschlossen werden!

FreieWelt.net: Welche Auswirkungen auf die Gesellschaft befürchten Sie von einer (eingeschränkten) Zulassung der PID?

Susanne Voß: Ich befürchte die weitere Selektion behinderter Menschen. Von Menschen, die wegen eines fehlenden Arms nicht auf die Welt kommen dürfen oder von Menschen mit Down-Syndrom, die noch bis kurz vor der Geburt getötet werden, weil sie der Gesellschaft “auf der Tasche liegen” und nicht auf dem 1. Arbeitsmarkt untergebracht werden können. Zudem befürchte ich, dass das Ungleichgewicht der Menschheit immer größer werden würde. Inklusion und Integration von der Babykrippe an würden sicherlich in der heutigen und zukünftigen Jugend die Demut und den Respekt vor dem Anderen oder Andersartigen einbringen, die zunehmend in Respektlosigkeit, Brutalität und Kriminalität verschwinden.

FreieWelt.net: Was erhoffen, was erwarten Sie sich diesbezüglich von der Politik?

Susanne Voß: Ich erhoffe mir von der Politik, dass sie sich die Mühe macht mit der Basis zu kommunizieren, sich über die Zusammenhänge des AUSSORTIERENS bewusster zu werden! Um was geht es denn? Was kostet die Gesellschaft mehr? Menschen mit Beeinträchtigungen, die uns auf die kleinen Dinge des Lebens hinweisen, die keine Ansprüche an Luxus stellen, die uns liebenswert auf den Boden der Tatsachen zurückholen. Oder eine Generation, die sich verweigert und den Respekt gegenüber einer gewissen Ordnung verliert.
Ich erhoffe mir die gänzliche Umsetzung der Eingliederung von Kindern mit Beeinträchtigungen egal in welcher Ausprägung, ohne Selektion, in die Gesellschaft. Und das fängt eigentlich schon bei der Zeugung an! Das Frauen bis zur 12ten Schwangerschaftswoche entscheiden können, ob sie die Schwangerschaft unterbrechen wollen, das finde ich in der heutigen Zeit als selbstverständlich. Aber eine Selektion im Glas durchzuführen, für werdende Eltern die sich dringlichst ein Kind wünschen, empfinde ich als Eingriff in die Natur. Zum Plus gehört Minus, zum Ying gehört Yang und zu einer Gesellschaft gehören Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen!

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Kerstin Schneider

Zur Initiative “PID stoppen – Selektion verhindern” auf AbgeordnetenCheck.de

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