Klaus-Dieter Jany: Deutschland verliert ohne Grüne Gentechnik

31. März 2010, 07:47 | Kategorien: Lebenswelt, Politik | Schlagworte: | von
Redaktion

Grüne Gentechnik bringt ökonomische und ökologische Vorteile - Deutschland ist derzeit noch Spitze in der Forschung, wird aber ohne den Einsatz und die Förderung der Techniken die Wertschöpfung ans Ausland verlieren und so quasi Entwicklungshilfe für Amerika und China leisten.  Das ist der Standpunkt des ersten Vorsitzenden des Wissenschaftlerkreises Grüne Gentechnik, Professor Klaus-Dieter Jany.  Im Interview mit FreieWelt.net erläutert er seine Einschätzung von Chancen und Risiken der Grünen Gentechnik und plädiert für einen offenen und sachgerechten Umgang mit dem Thema.

FreieWelt.net: Könnten Sie den wissenschaftsunkundigen Lesern kurz erläutern, was Grüne Gentechnik eigentlich ist?

Klaus-Dieter Jany: Mit gentechnischen Methoden können Gene in der belebten Umwelt identifiziert und charakterisiert sowie zielgerichtet und präzise in andere Organismen auch über Artgrenzen hinweg transferiert werden. Dies bedeutet, dass diese für den Organismus neuen Gene funktionsfähig in das Erbgut eingebaut wurde und von Generation zu Generation weitergegeben wird.

Bis Mitte der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts unterschied man bei den Anwendungen der Gentechnik zwischen roter und grüner Gentechnik. Die rote Gentechnik bezog / bezieht sich auf Anwendungen im medizinischen Bereich (z.B. Produktion von humanen Insulin mit Hilfe gentechnisch veränderter Mikroorganismen) und die Grüne Gentechnik beinhaltete alle Anwendungen im Agrar- und Lebensmittelbereich (z.B. herbizid-tolerante Pflanzen oder Gewinnung von Hilfs- und Zusatzstoffen mit gentechnisch veränderten Mikroorganismen).

Heute bezieht sich der Begriff „Grüne Gentechnik“ ausschließlich auf gentechnische Veränderungen von Pflanzen für landwirtschaftliche Zwecke. Inzwischen gibt es für Anwendungen der Gentechnik eine ganze Farbpalette: Für die fermentative Gewinnung von Stoffen mit gentechnisch veränderten Organismen, sei es aus den Bereichen der Medizin oder der Lebensmittel wurde der Bereich „Weiße Gentechnik“ geprägt, während für Anwendungen im marinen Sektor der Begriff „Blaue Gentechnik“ sowie im Umwelt- und Entsorgungsbereich die Bezeichnung „Graue Gentechnik“ etabliert haben. Insgesamt gesehen, sind wir heute im täglichen Leben bewusst oder unbewusst bereits ständig mit der Gentechnik in Kontakt. Auch bei Lebensmitteln nehmen wir ständig mit Produkte aus der Gentechnik aus gentechnisch veränderten Mikroorganismen auf. Eine Ausnahme machen, insbesondere in Deutschland, Erzeugnisse aus gentechnisch veränderten Pflanzen, eben aus der Grüne Gentechnik.

FreieWelt.net: Wo vor allem Sehen Sie den Nutzen der Grünen Gentechnik?

Klaus-Dieter Jany: Keine neue Technik kann bei ihrer Einführung für alle am Markt beteiligten Gruppen gleichzeitig einen Nutzen erbringen.  Gegenwärtig haben – mit den zugelassenen Pflanzen – vornehmlich Saatguterzeuger und Landwirte einen Nutzen. Saatguterzeuger eröffnen sich mit den Pflanzen mit den neuen Merkmalen Märkte und Absatzmöglichkeiten. Landwirte wiederum haben den Vorteil, dass sie mit weniger Zeitaufwand, weniger Dünger und weniger Pflanzenschutzmitteln ihre Ernteerträge stabilisieren und dadurch wirtschaftliche Vorteile erlangen. Sicherlich erbringt die Grüne Gentechnik durch den verringerten Einsatz auch Vorteile für die Ökologie und in Zukunft auch bei der Verwendung trockenresistenter Pflanzen größte Einsparungen bei der Bewässerung der Felder.

FreieWelt.net: Anhänger der ökologischen Landwirtschaft befürchten eine Vermischung ihrer Produkte mit transgenen Pflanzen. Wie wollen Sie so eine Vermischung vermeiden?

Klaus-Dieter Jany: Bei einem großflächigen Anbau von transgenen Pflanzen, wobei aus vom Auskreuzungsverhalten abhängt, wird sich der vollständige Ausschluss nicht vermeiden lassen. Aber bereits heute werden Spuren bis zu 0,9% toleriert. Wie überall im Leben müssen auch hier Kompromisse eingegangen werden und Absicherung dieses Schwellenwertes von 0,9% wäre ein solcher. Wer allerdings kompromisslos auf eine vollständigen Ausschluss beharrt, wird über kurz oder lang „verlieren“. Der reine Fundamentalismus hat noch nie zur langfristigen-nachhaltigen Durchsetzung von Zielen geführt.

Gentechnik und ökologischer Landbau sind aus wissenschaftlicher Sicht nicht grundsätzlich unvereinbar, heute verhindern weltanschauliche Ansichten und gesetzliche Vorgaben ein Zusammenwirken.  Es wäre wünschenswert mit den besten verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnissen neues Saatgut auch für den ökologischen Landbau zur Lösung von Problemen (z.B. Virusresistenz, Vermeidung von Kupferspritzmitteln) zu entwickeln.

FreieWelt.net: Auch gesundheitliche Risiken, wie beispielsweise die Produktion bisher unbekannter Allergene, werden befürchtet. Wo sehen Sie die größten Risiken der Grünen Gentechnik?

Klaus-Dieter Jany: Keine der ständig heraufbeschworenen Risiken aus dem Verzehr von Produkten aus gentechnisch veränderten Pflanzen, konnten bislang tatsächlich beobachtet oder gar wissenschaftlich nachgewiesen werden. Mit den auf dem Markt befindlichen transgenen Pflanzen bzw. den daraus hergestellten Lebensmittelhaben sich neue allergene Risiken ergeben. Vielmehr ist zu befürchten, dass gerade bei neu aus fremden Kulturkreisen auf den Markt kommenden Pflanzen allergene Gefährdungen ergeben können.

Ebenso konnte noch nie der horizontale Gentransfer von Antibiotika-Resistenzgene in transgenen Pflanzen durch den Verzehr der Pflanze über unsere Darmbakterien auf den Menschen oder direkt auf  den Menschen festgestellt werden. Ein Transfer ist aus biologischen Gründen durchaus möglich, aber hierfür müssen sehr vielen biologische Vorgänge / Faktoren gleichzeitig aktiv auftreten. Dies ist aber mehr als unwahrscheinlich und die Gefährdung durch diesen horizontalen Gentransfer kann als sehr gering eingeschätzt werden. 
Nach meiner Auffassung sind die Risiken für Mensch und Umwelt durch transgene Pflanzen bei einem sachgerechten Umgang grundsätzlich nicht anders einzuschätzen als bei konventionellen Pflanzen. Echte Risiken aus der Grünen Gentechnik können sich vielmehr im ökonomischen Bereich ergeben. Hierbei sehe ich zwei Hauptprobleme:

1.die Konzentration der Saatgutunternehmen und die daraus entstehende Monopolisierung der Saatguterzeugung und der Lebensmittelrohstoffe.

2.Der Verzicht der Grünen Gentechnik in Deutschland und das Ausklinken aus Forschung und Anwendung. Ein ähnliche Entwicklung hatten wir bereits bei der roten Gentechnik Ende Anfang der Neunziger Jahre im letzten Jahrhundert in Deutschland. Forschung und Unternehmen sind ins Ausland abgewandert. Die Produkte wurden im Ausland produziert (siehe Insulin) und dann nach Deutschland importiert. Die Wertschöpfung lag im Ausland!

Noch ist Deutschland in der Forschung mit an der Weltspitze, aber die Weiterentwicklung zu marktfreien Produkten erfolgt im Ausland. Wieder verliert Deutschland damit die Wertschöpfung! Deutschland leistet hier quasi Entwicklungshilfe für Amerika und China.

FreieWelt.net: Zudem wird den Konzernen, die 75% aller Patente im Bereich der grünen Biotechnologie halten, vorgeworfen, Landwirte in Abhängigkeit von ihren Produkten zu treiben.

Klaus-Dieter Jany: Der Anbau von transgenen Pflanzen erfolgt freiwillig, kein Landwirt wird dazu gezwungen. Trotz Patentlage und Technologieabgabe nimmt dennoch weltweit, mit Ausnahme in Europa, der Anbau transgener Pflanzen ständig zu. Offensichtlich versprechen sich Landwirte ökonomische Vorteile durch den Anbau transgener Pflanzen und dies nicht nur in den industrialisierten Ländern sondern gerade in Schwellen- und Entwicklungsländern.

Mit der Einführung von Hochleistungs- und Hybridsaatgut sind Landwirte, wiederum aus wirtschaftlchen Überlegungen immer mehr vom Nachbau des Erntegutes abgekommen und erheben jedes Jahr neues Saatgut. So erfolgt für Mais in Deutschland quasi kein Nachbau mehr, jedes Jahr wird neues Hybridsaatgut eingekauft. Hier stellt sich dann auch die Frage ob Landwirte bereits abhängig vom Saatguterzeuger sind?   

FreieWelt.net: Welchen Umgang mit dem Thema „Grüne Gentechnik“ würden Sie sich von der Politik wünschen?

Klaus-Dieter Jany: Die Politik sollte offen und sachgerecht mit dem Thema „Grüne Gentechnik“ umgehen und sich hier nicht nur von wahltaktischen Überlegungen leiten lassen. Die Politik hat hinreichend gute Rahmenbedingungen und Gesetze zur Forschung, Zulassung und Kommerzialisierung gentechnisch veränderter Pflanzen geschaffen. Die Gesetze und Rahmenbedingungen sollten eigentlich einen sicheren Umgang mit transgenen Pflanzen ermöglichen und Forschungseinrichtungen, Saatgutunternehmen sowie (Lebensmittel-) Unternehmen Planungssicherheit geben. Allerdings ist dies gerade in Deutschland nicht gegeben. Politische und weltanschauliche Überlegungen werden in den Vordergrund gestellt und wissenschaftliche Erkenntnisse von der Politik weitgehend negiert oder überhaupt nicht beachtet. Die Politik sollte unbedingt wieder die wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Sicherheit und Ökonomie transgener Pflanzen in ihre Entscheidungen verstärkt mit einbeziehen.

Das Interview führte Fabian Heinzel

zum Wissenschaftlerkreis Grüne Gentechnik

zum Interview mit Dr. Steffi Ober, die im Rahmen der FreieWelt.net-Debatte einen gentechnikkritischeren Standpunkt vertritt

(Foto: Klaus-Dieter Jany)

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