Kapitalmarktexperte warnt vor den ESM

20. Februar 2012, 10:13 | Kategorien: Politik, Wirtschaft | Schlagworte: , , | von Redaktion
Foto: philipp-vorndran.myonid.de
Redaktion

Der Kapitalmarktexperte der Flossbach von Storch AG Philipp Vorndran hat im Interview mit abgeordneten-check.de die Euro-"Rettungsschirme" scharf kritisiert. Sie seien "Luftgewehre im Kampf gegen die Märkte". Außerdem sieht Vorndran die historische Idee der Europäischen Union gefährdet, da der Euro zum Spaltpilz Europas zu werden droht. Freiewelt.net dokumentiert das Interview vollständig.

Interview mit Phillip Vorndran, Kapitalmarktexperte der Flossbach von Storch AG

Sie kritisieren das Konzept „Euro=Europa=Frieden“. Warum?

Philipp Vorndran: Weil wir davon überzeugt sind, dass dieses Gleichungssystem, mit dem die Politik die Alternativlosigkeit ihres Handelns zu begründen sucht, falsch ist. Genau das Gegenteil ist der Fall, durch ein Festhalten an einer Währungsgemeinschaft von Ländern mit ganz unterschiedlichem Grundverständnis von Strukturen, Wirtschaft, Politik, Recht und Gesellschaft läuft man Gefahr auch die historische Idee der Europäischen Union zu gefährden. Der Euro, so hofften viele Politiker vor 15 Jahren, sollte die finale Klammer des europäischen Integrationsprozesses darstellen. Jetzt erleben wir das Gegenteil. Der Euro droht zum Spaltpilz Europas zu werden.

Wie stehen Sie zum neuen ESM-Vertragsentwurf?

Philipp Vorndran: Auch die Euro-Rettungsschirme EFSF bzw. dessen Nachfolger ESM werden nicht den erhofften Erfolg bringen. Die Rettungsfondsanleihen finden nicht genügend Käufer, zumindest nicht zu akzeptablen Konditionen und werden deshalb auch nicht das nötige Volumen erreichen, um den Finanzbedarf gefährdeter Euroländer zu decken. Sie sind Luftgewehre im Kampf gegen die Märkte. Auch Eurobonds mit ihren verheerenden Fehlanreizen an die Defizitländer sind keine Lösung, zumal sie erhebliche Rechtsunsicherheiten in sich bergen. Wer garantiert, dass die garantierenden Staaten ihre Garantie auch einhalten, wenn es zum Garantiefall kommt? Angesichts der zahlreichen Rechtsbrüche der Vergangenheit dürfte das Vertrauen der Investoren in solche Bonds gering und die zu zahlenden Zinsen vergleichsweise hoch sein.

Das eigentlich Groteske an allen Rettungsfazilitäten ist ihre Konstruktion, bei der einige Länder gleichzeitig Subjekt und Objekt des Rettungsmanövers sein sollen. So ist z.B. Italien mit einem (Haftungs-) Anteil an der Eurozone von ca. 18 Prozent sowohl einer der größten Retter als auch der derzeit potenziell größte Rettungsfall. Muss Italien gerettet werden, fällt es logischerweise als Retter aus. Wenn dann die verbleibenden Retter den italienischen Haftungsanteil übernehmen müssen, erhöht sich dieser entsprechend.

Schon jetzt sind mit Griechenland, Portugal und Irland 7 Prozent des Haftungskapitals ausgefallen. Käme Italien hinzu, wären es 25 Prozent. Der Anteil von Frankreich würde sich dann von 20,3 auf 27 Prozent und der Deutschlands von 27 auf 36 Prozent erhöhen. Ein Ausfall eines größeren EU-Landes würde die Last für die verbliebenen Retter immer schwerer machen. Am Ende stünde dann nur noch eine kleine Gruppe von Rettern, die das Ende des Euros besiegeln müssten, um nicht selbst unterzugehen.

Für Deutschland steht dabei weitaus mehr auf dem Spiel als es die deutsche Garantiesumme für den europäischen Rettungsschirm ESM suggeriert. Über das so genannte Target2-System hat die Deutsche Bundesbank ein Vielfaches der vom Bundestag offiziell autorisierten Haftungssumme im Feuer.

Addiert man die Target2-Forderungen, den EZB-Haftungsanteil und die Hilfskredite an Griechenland, Irland und Portugal auf, haftet Deutschland bereits jetzt für insgesamt rund 600 Mrd. Euro, was knapp ein Viertel des deutschen Bruttoinlandsprodukts entspricht.

Viele Beobachter erwarten, dass Griechenland die Euro-Zone verlassen muss. Gibt es auch andere Staaten der EU, denen das gleiche droht?

Philipp Vorndran: Nur eine homogenere Eurozone hat noch eine Chance. Homogenität lässt sich aber nicht durch EU-Stabilitätsauflagen erzwingen, sondern bedarf eines natürlichen Konsenses. Ein Kerneuro, mit den Mitgliedsländern Deutschland, Holland, Belgien, Österreich, Finnland, der Slowakei, Luxemburg, Slowenien, Estland, ggf. noch Irland und mit etwas Wohlwollen auch Frankreich, würde – nach dem Verteilungsschlüssel der Euroländer – rund 65 Prozent der heutigen Eurozone ausmachen.

Der Kerneuroraum würde nicht nur einen großen Binnenmarkt bieten, sondern auch ein Gegengewicht zum US-Dollar darstellen. Die Schweiz und Dänemark erweitern die Eurozone durch die bereits vollzogene Kopplung ihrer Währung an den Euro, weitere Länder Skandinaviens oder Osteuropas (z.B. Tschechische Republik) könnten als Euro-Mitgliedsländer folgen. Wenn die Politik weiter versucht, die Euroländer statt den Euro zu homogenisieren, wird sie ein Europa hinterlassen, das an dem Versuch gescheitert ist, den politischen Willen dauerhaft über die ökonomische Realität zu setzen. Das Schicksal des Euros entscheidet sich nicht in Griechenland sondern in Italien.

Die Entwicklung der Eurozone ist eine Tragödie, in deren letztem Akt der politische Wille an ökonomischen und kulturellen Gesetzmäßigkeiten scheitern wird. Wann und in welcher Form die Eurozone auseinanderbrechen wird, lässt sich nicht prognostizieren und gerade deshalb muss man darauf vorbereitet sein.

Wenn es zur griechischen Staatspleite kommt, wie würde sich diese auf die deutsche Wirtschaft auswirken?

Philipp Vorndran: Wir sollten nicht vergessen, dass schon ein freiwilliger Schuldenschnitt von deutlich über 50%  einer Staatspleite schon sehr nahe kommt. Griechenland benötigt aber eine Umschuldung von 75% aus all seine ausstehenden Schulden, sonst ist nach dem Haircut vor dem Haircut.

Ökonomisch, das muss man leider so hart formulieren, ist Griechenland für die deutsche Wirtschaft nicht mehr relevant. Viele deutsche Unternehmen haben ihre Geschäftstätigkeit mit Griechenland längst eingestellt oder warten seit Jahren auf die Zahlung fälliger Rechnungen. Die meisten Banken haben ihre Griechenland-Forderungen ohnehin schon abgeschrieben oder verkauft. Kurzum: Die Auswirkungen in Griechenland wären dramatisch, für Deutschland wäre en sie überschaubar.

Glauben Sie, dass die Notenbanken die Staatsschuldenkrise mittelfristig durch den Ankauf von Staatsanleihen lösen werden?

Philipp Vorndran: Ja, es gibt einfach keine andere Wahl, als durch Gelddrucken und Inflationierung die Schuldenquote der Staaten zu senken. Das dazu notwendige Wachstum werden wir nicht bekommen, zu Sparen ist es leider zu spät und Schuldenschnitte sind nur in einigen kleinen Ländern möglich.

Als Kapitmarktexperte und Vermögensberater der Flossbach von Storch AG  verwalten Sie große private Vermögen. Was raten Sie Ihren Kunden, um ihr Vermögen in Sicherheit zu bringen?

Philipp Vorndran: Der Weg aus der Staatschuldenkrise scheint vorgezeichnet. Mit der „Abschaffung“ des Zinses für Staatsanleihen senken die Notenbanken die Finanzierungskosten der Staaten und schaffen die zum Abbau der hohen Staatsschuldenquoten erforderliche „unverzinste Inflation“. Diese im Fachjargon als Financial Repression bezeichnete Strategie bewirkt einen negativen Realzins und damit eine schleichende Teilenteignung der Sparer. Sie erhöht allerdings auch die Attraktivität anderer Anlageformen wie Aktien, Immobilien und nicht zuletzt Gold. Selbst mit Anleihen lässt sich noch Geld verdienen, wenn die Renditen im Vergleich zur Bonität attraktiv genug sind.

Die einzig erfolgversprechende Weise dies zu tun, ist eine ausgewogene Diversifikation des Vermögens nach Anlageklassen und Währungen.

 

abgeordneten-check.de

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