Interview mit Prof. Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz

23. Juni 2009, 01:40 | Kategorien: Lebenswelt | Schlagworte: , | von
Christoph Kramer

Vom 20. bis 24. Mai findet in Marburg der 6. Internationale Kongress für Psychotherapie und Seelsorge statt. Das Thema der Tagung lautet „Identität – der rote Faden in meinem Leben“.

FreieWelt.net sprach mit Professorin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz, die auf der Tagung den Eröffnungsvortrag zum Thema „Sich finden und sich verlassen. Vorsicht vor dem nur identischen Ich“ halten wird.

FreieWelt.net: Frau Professorin, können Sie bitte kurz schildern, was aus religionsphilosophischer Sicht überhaupt unter dem Begriff Identität zu verstehen ist?

Prof. Gerl-Falkovitz: Identität kann eventuell auch zur Falle werden: „Ich bin nun mal so.“ Auf diesen Punkt werde ich in meinem Eröffnungsvortrag zur Konferenz einen besonderen Akzent legen. Gefahren liegen darin, in einmal gegebenen oder aus Trägheit übernommenen Bedingungen zu verharren und nicht mehr oder zu wenig zuzulassen, dass das Leben, die Selbstbildung und religiös gesehen auch die Gnade gewaltige Veränderungen und Überraschungen hervorbringen kann. „Werde, der du bist“, heißt die alte Formel. Identität meint also ein wunderbares Werden und keinen Kokon.

FreieWelt.net: Sie zeichnen also ein eher negatives Bild von Identität?

Prof. Gerl-Falkovitz: Nein, ein mehrdeutiges! Ich will aufzeigen, dass im Begriff der Identität neben einer notwendigen Stabilität auch die Möglichkeit der Verhärtung mitschwingt. Bei Augustinus läßt sich gut studieren, welche Gefahren auch aus einer „Fixierung im Ich“ erwachsen können. Er spricht vom notwendigen „Auszug aus sich selbst“ – wohin? Natürlich zu einem ungeahnt schöpferischen Grund, dem göttlichen Du. Dieser läßt sich in vielerlei Begegnungen und Anforderungen des Lebens freilegen.

Umgekehrt geht es im eigenen Lebensentwurf auch nicht um hektisches Tun, das sich jeden Tag neu zu irgendetwas Neuem entschließen muß. Es kann nicht um ein unentwegtes „Sich-selbst-Entwerfen“ gehen, das führt zur Horizontlosigkeit. Es gibt ja „unerschöpfliche Gaben“, die grundsätzlich zu einem dazugehören, der Partner, die Kinder. Diese „Gaben“ haben den Charakter des Unerschöpflichen und gleichzeitig Stabilen, das den Menschen immer wieder neu beglücken kann. Von Martin Buber stammt der Satz: „Am Du gewinnt sich das Ich“. Am „Es“ gewinnt es sich nicht.

FreieWelt.net: Kaum ein Teilbereich der menschlichen Identität wurde in den letzten Jahren so intensiv diskutiert wie seine Geschlechtsidentität. Welche Position würden Sie dazu aus religionsphilosophischer Perspektive formulieren?

Prof. Gerl-Falkovitz: Zunächst ein statistisches Faktum: Nur bei einem verschwindend geringen Anteil an der Gesamtbevölkerung kann man von biologischer Nicht-Festlegung sprechen. Der Genotyp, also die genetische Grundausstattung, stellt sich bei der überwältigenden Mehrheit der Menschen eindeutig dar. Aber geschlechtliche Identität kann nicht einfach auf biologische Fakten reduziert werden. So spielt auch die soziale Prägung eine Rolle, die Kultur, vor allem auch die soziale Umgebung, und zwar nicht nur die Eltern, sondern gerade auch die Gleichaltrigen. Im Phänotyp, in der Erscheinung, der Kleidung, im „Ausdruck“ sind die Geschlechtsidentitäten daher variabel. Das sind „weiche“ Faktoren.

Meine Haltung zur Genderdiskussion ist daher ambivalent. Zum einen ist es unbestreitbar, daß es nicht-biologische Prägungen der Geschlechtsidentität gibt. Diese können aber nicht als reiner Selbstentwurf begriffen werden, als ob Geschlecht gar nicht vorgegeben sei und sich der Mensch seine Geschlechtsidentität auf einer tabula rasa freihändig konstruiere.

Bei Helmuth Plessner finden wir die schöne Unterscheidung zwischen Körper und Leib. Diese Unterscheidung wird uns durch die deutsche Sprache wunderbar erleichtert, denn im Englischen oder Französischen gibt es kein richtiges Äquivalent zum deutschen Begriff „Leib“. Im Gegensatz zum rein materiellen, „toten“ Körper (engl.: body; frz.: le corps); den ich kultivieren und prägen, sozusagen „schnitzen“ kann, hat der „Leib“ von sich aus eine Aussage, er ist „lebendig“ und kein verfügbares Material. So wie der Leib ist auch das mit ihm verbundene Geschlecht eine „Gabe“, der Leib spricht sich in seinem Geschlecht selbst als Mann oder Frau aus – mit Folgen für Seele und Geist.

Alle großen Kulturen haben jahrtausendelang weitgehend übereinstimmend das soziale Geschlecht aus der biologischen Vorgabe heraus kulturell bestimmt und auch weiterentwickelt. Ein „Funktionstausch“ zwischen Mann und Frau ist erst seit dem 19./20. Jahrhundert in der westlichen Kultur möglich geworden. Zum einen waren jetzt die technischen Voraussetzungen dazu vorhanden: Es kam nicht mehr einfach auf (männliche) Körperkraft an. Eine wesentliche Ursache ist aber auch die im jüdisch-christlichen Kulturraum entstandene Vorstellung von der gleichen Würde aller Menschen. Den Vorrang der Menschlichkeit vor der Geschlechtlichkeit zu behaupten, hat im gemeinsamen „Ebenbild“ (Gen 1, 28) seine religiöse Wurzel. Das meint allerdings nicht die „Abschaffung“ von Frau und Mann, sondern ihre „Menschwerdung“. Ohne den biblischen Impuls gäbe es keine Freiheitsbewegungen, auch wenn sie heute weithin atheistisch beansprucht werden. Der Historiker Toynbee sprach von den „herausgerissenen Blättern“, die ihre Herkunft aus „dem Buch“ nicht mehr kennen. So verliert auch das Geschlecht seinen Charakter als „Gabe“ und wird zur „Habe“, über die ich scheinbar autonom verfüge.

FreieWelt.net: Welche Grundlinien für Therapie und Seelsorge lassen sich aus diesen Einsichten ableiten?

Prof. Gerl-Falkovitz: Zunächst ist festzuhalten, dass Seelsorge und Therapie nicht dasselbe sind. Allerdings haben beide Richtungen eine „analoge Struktur“. Grundsätzlich gilt es da einzugreifen, wo es Leid gibt, vor allem subjektiv empfundenes Leid. Leid ist dabei nicht gleichzusetzen mit Krankheit; dies ist nur eine einzige Form unter vielerlei Leiden. Sowohl (verengte) Identität als auch (haltlose) Nicht-Identität können zu inneren Konflikten führen.

Identität ist nicht unbedingt als Rettungsanker anzusehen. Es gibt zu enge Identitäten, die verhindern, daß Menschen ihre Möglichkeiten entfalten. Viele Menschen bleiben schlicht auf einer Stufe ihrer Entwicklung „stecken“. Auch dort kann Therapie ansetzen, um Potenziale hervorzuholen. Es geht also immer um eine Gratwanderung: nicht zusätzliches Leid zu verursachen, aber auch die falsche Behaglichkeit, das „dumpfe Stubenglück“ zu vermeiden.

FreieWelt.net: Im Vorfeld des Marburger Kongresses für Psychotherapie und Seelsorge ist jetzt eine erregte Diskussion aufgeflammt. Homosexuellenverbände haben einer Reihe von Referenten vorgeworfen, das „Umpolen“ von Homosexuellen anzustreben und „Homophobie“ zu verbreiten. Die Verbände fordern – unterstützt von Politikern – die Kongressveranstalter auf, die Referenten wieder auszuladen. Die Stadt Marburg solle im Falle der Nichtbefolgung dieser Aufforderung dem Kongress die Räume kündigen. Welche Position haben Sie zu den Vorwürfen und zu den Forderungen an Kongressveranstalter und Stadt?

Prof. Gerl-Falkovitz: Die Vorwürfe sind schon deshalb nicht gedeckt, weil sich der Kongress insgesamt nicht mit Homosexualität beschäftigt. Ein Bekannter von mir sagte neulich, er müsse sich jetzt wohl ein neues Grundgesetz kaufen, da offenbar das Grundrecht über Meinungs- und Redefreiheit geändert worden sei.

FreieWelt.net: Sie sind Mitglied im wissenschaftlichen Beirat der Offensive Junger Christen (OJC); einer ökumenischen Kommunität unter dem Dach der Evangelischen Kirche Deutschlands. Die Kommunität setzt sich nach Selbstauskunft „offensiv für eine Erneuerung in Kirche und Gesellschaft“ ein. Wie beurteilen Sie die bisherige Arbeit der Kommunität und welche Funktion kommt in diesem Zusammenhang dem wissenschaftlichen Beirat zu?

Prof. Gerl-Falkovitz: Die Kommunität leistet gute Arbeit in sehr unterschiedlichen Bereichen. Neben der Kinder- und Jugendarbeit und der Paarberatung sind vor allem die vielfältigen internationalen Austauschbeziehungen vor allem nach Ost- und Westeuropa und in den Nahen Osten von Bedeutung. Die Kommunität pflegt etwa Austauschprogramme mit traumatisierten israelischen und palästinensischen Jugendlichen.

Wichtig dabei ist, daß das Christentum ausdrücklich nicht in einer konfessionell eingeschränkten Bedeutung verstanden wird. Christentum ist über Freiheit definiert, auch über die Freiheit in Bezug auf Andersdenkende und Andersgläubige. Der Wissenschaftliche Beirat wacht über die Seriosität der Bemühungen der Kommunität und ist auch als Vorsorge gegen die Gefahren des Fundamentalismus und der Kleinkariertheit gedacht. Die OJC geht offen auf Juden, Moslems und Atheisten zu und versucht auf menschlicher Basis über alte Verfeindungen hinweg zu kommen. Sie versucht am neuen Europa mitzubauen und einer humanen Form des Miteinanders auf der ganzen Welt zuzuarbeiten. Wer das in seiner ganzen Bandbreite sehen will, braucht nur in die Zeitschrift „Salzkorn“ hineinzuschauen.

Die Internetseite von Prof. Gerl-Falkovitz

an der TU Dresden

 

Foto: Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz

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