“Druck auch auf Palästinenser” – Interview mit Aaron Sagui

16. Dezember 2009, 09:22 | Kategorien: Lebenswelt, Politik | Schlagworte: , | von
Redaktion

Immer wieder gerät Israel ins Blickfeld der internationalen Medien.  FreieWelt.net sprach jetzt mit dem Pressesprecher der Botschaft des Staates Israel in Berlin, Aaron Sagui, über die Beziehungen zwischen Israel, Deutschland und der EU, die Konflikte zwischen Israel und den Palästinensern und Israel und dem Iran und über oft vergessene Aspekte der israelischen Kultur.

FreieWelt.net: Israel und die Bundesrepublik Deutschland pflegen intensive Beziehungen miteinander, gleichzeitig ist Deutschland aber im Rahmen der bilateralen Hilfe auch der größte Geldgeber für die palästinensischen Autonomiegebiete unter den EU-Staaten.  Kann Deutschland wirklich sowohl mit den Israelis als auch mit den Palästinensern gute Beziehungen pflegen?

Aaron Sagui: Die exzellenten Beziehungen zwischen Deutschland und Israel sollten meiner Ansicht nach die Entwicklung der Beziehungen zwischen Deutschland und den Palästinensern nicht im Geringsten verhindern. Ganz im Gegenteil: Israel bestärkt Deutschland darin, den Palästinensern und ihrer moderaten Führung beim Aufbau einer Infrastruktur in den palästinensischen Autonomiegebieten zu helfen, damit diese schließlich zu einem demokratischen und friedvollen palästinensischen Staat werden können.

FreieWelt.net: Wie schätzen Sie die Gefahr ein, dass das Geld, das aus Deutschland und anderen Staaten in die palästinensischen Gebiete fließt, letzten Endes Terroristen zu Gute kommt?

Aaron Sagui: Die Gefahr besteht in der Tat. In der Vergangenheit hat die EU Milliarden von Euro an die Palästinenser überwiesen – sicherlich mit guten Absichten, doch leider ohne ausreichende Kontrollen. Am Ende sind diese Gelder, die zum Aufbau einer besseren Zukunft für die Palästinenser gedacht waren, auf privaten Konten in der Schweiz und in Paris aufgetaucht. Wir können und dürfen uns diese Experimente heute nicht mehr leisten. Deshalb bitten wir dringend darum, aufzupassen, dass die EU-Gelder nicht in die falschen Hände geraten, sondern an vertrauenswürdige Leute – und die gibt es – , die sie zugunsten ihres eigenen Volkes und für den Frieden in der ganzen Region sinnvoll einsetzen werden.

FreieWelt.net: Welche Rolle sollten Deutschland und die EU Ihrer Ansicht nach bei der Suche nach einer Lösung für den Nahost-Konflikt spielen?

Aaron Sagui: Bisher hat die EU vor allem Druck auf Israel ausgeübt und Forderungen an Israel gestellt. Wir in Israel haben das Gefühl, dass innerhalb der EU oftmals vergessen wird, dass es für den Prozess hilfreich sein kann, Druck auf beide Verhandlungsparteien – auch auf die Palästinenser – auszuüben, nicht nur auf eine Seite.

Ministerpräsident Benjamin Netanyahu hat sich öffentlich zur Zwei-Staaten-Lösung bekannt und er hat die Siedlungsaktivitäten für elf Monate eingefroren. Wenn die EU im Nahen Osten wirklich helfen möchte, muss sie die Palästinenser überzeugen, an den Verhandlungstisch zurückzukehren und Druck auf sie ausüben, damit sie elementare Forderungen erfüllen:    

Die Anerkennung des Staates Israel als jüdischen Staat.
Die Anerkennung des Friedensvertrags als Endpunkt des Konflikts oder, anders formuliert, als Ende aller Forderungen. Dies ist der Schlüssel zum Frieden.

FreieWelt.net: Mit Sorge betrachtet die Weltöffentlichkeit auch den schwelenden Konflikt zwischen Israel und dem Iran.  Wie schätzen Sie die Lage ein, wie wollen Sie Frieden mit dem Iran erreichen und sind die Palästinenser in diesem Zusammenhang relevant?

Aaron Sagui: Das Atomprogramm im Iran bedroht alle Staaten im Nahen Osten und womöglich  bald auch alle Länder der Welt. Ein atomar bewaffneter Iran torpediert jeden Friedensprozess in der Region. Ein atomar bewaffneter Iran fördert zudem die Radikalen in der Region: das derzeitige diktatorische Regime im Iran und die Terrororganisationen Hisbollah und Hamas. Es besteht die Gefahr eines atomaren Rüstungswettlaufs im Nahen Osten, denn ein atomar bewaffneter Iran wird Ägypten, die Türkei und Saudi-Arabien dazu bringen, nach Atomwaffen zu streben. Weiterhin ist der Iran dabei, Trägerraketensysteme zu entwickeln, die auch Europa erreichen können.

Wer jetzt noch Zweifel an der wahren Natur des iranischen Regimes hat, braucht nur zu beobachten, mit welcher Brutalität das Regime die Opposition im Land unterdrückt und die Jugend bedroht, die einen Wandel herbeiführen will. All dies verstärkt den Eindruck, dass dringendes Handeln erforderlich ist. Es muss im Interesse aller Länder und Völker der Region sein, eine Atommacht Iran zu verhindern.   

FreieWelt.net: Ist Israel bei der Suche nach Lösungen für die Konflikte, an denen es beteiligt ist, bereit, auch eigene Fehler einzugestehen und zu korrigieren?

Aaron Sagui: Natürlich. Glücklicherweise sind wir ein demokratischer Staat. Alle vier Jahre finden Wahlen statt, bei denen die Politiker für ihre Fehler abgestraft und die Karten neu gemischt werden. Selbstverständlich machen wir Fehler, doch wir geben sie auch zu, sprechen über sie, machen sie öffentlich und versuchen, sie nicht zu wiederholen und aus ihnen zu lernen. Das ist der elementare Unterschied zwischen uns und unseren Nachbarn.

FreieWelt.net: Welchen Aspekten der israelischen Politik und der israelischen Kultur würden Sie mehr internationale Aufmerksamkeit wünschen?

Aaron Sagui:  Mehr Aufmerksamkeit verdienen zweifellos die hervorragend entwickelte israelische High-Tech-Industrie sowie beispielsweise israelische technologische Entwicklungen in den Bereichen Medizin, Sonnenenergie oder Klimaschutz. Das Besondere an der Kulturszene in Israel ist der Synergieeffekt, der durch die verschiedenen ethnischen Einflüsse entsteht und der der Gesellschaft eine faszinierende Dynamik verleiht. Auch kulinarisch hat Israel sich in den vergangenen Jahren enorm weiterentwickelt. Es lohnt sich, einen Blick auf die Gastronomieszene oder die Weinindustrie des Landes zu werfen. Von der Vielfalt und Schönheit der Landschaft will ich hier gar nicht anfangen zu schwärmen, doch jeder Deutsche, der aus Israel zurückkehrt, erzählt mir, wie sehr er seinen Aufenthalt genossen hat und wie sicher er sich gefühlt hat. All dies geht oft im politischen Getöse unter. Und das ist schade.

Das Interview führte Fabian Heinzel

(FreieWelt.net hat auch die Generaldelegation Palästinas in der Bundesrepublik Deutschland um ein entsprechendes Interview gebeten.  Leider war die palästinensische Seite dazu nicht bereit.)

(Foto: Dieter Schütz/pixelio.de)

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