“Die Tragödie des Euro” – Interview mit Philipp Bagus

19. Juli 2011, 07:19 | Kategorien: Politik, Wirtschaft | Schlagworte: , , | von Redaktion
Bild: Bagus
Redaktion

Philipp Bagus ist promovierter Ökonom und arbeitet zurzeit als Assistenzprofessor an der Universität von Madrid. Im Interview mit FreieWelt.net erklärt der Autor des Buches "Die Tragödie des Euro", wo für ihn die Hintergründe der gegenwärtigen Schuldenkrise liegen und warum er eine Reform des gesamten Geldsystems für erforderlich hält.

Sie vertreten als Ökonom den Ansatz der Österreichischen Schule der Nationalökonomie. Können Sie kurz die zentralen Aussagen dieser Position erläutern?

Im Gegensatz zum Mainstream geht es beim Österreichischen Ansatz nicht um Aggregate, mathematische Modelle und ökonometrische Studien. Vielmehr steht der kreative Mensch im Mittelpunkt. Alle ökonomischen Gesetze werden auf individuelle menschliche Handlungen zurückgeführt. Der Ansatz ist damit logisch-deduktiv. Vom Axiom des menschlichen Handelns werden universelle ökonomische Gesetze abgeleitet wie: freiwilliger Tausch begünstigt ex ante alle beteiligten Parteien, Produktion kommt vor Konsum, ein Anstieg der Geldmenge führt zu Preisen, die höher sind, als sie es ohne den Anstieg der Geldmenge gewesen wäre, etc.

Inwieweit können die Theorien der Österreichischen Schule helfen, um die aktuellen Krisen wie die Finanzkrise in den USA oder die Eurokrise zu erklären?

Die Österreichische Schule ist wohl am bekanntesten für ihre Konjunkturtheorie, die ausgezeichnet die Finanzkrise erklären kann. Um Investitionsprojekte erfolgreich zu Ende zu führen braucht es reale Ersparnisse, d.h. Ressourcen. In einer freien Wirtschaft zeigt der Zinssatz an, wie viele reale Ersparnisse vorhanden sind und wie viele Projekte unternommen werden können. Nun können Banken aber heutzutage Geld aus dem Nichts schaffen und als Kredit zu künstlich niedrigen Zinsen vergeben. Sie können Kredit vergeben, obwohl nicht gespart wurde. Wenn Unternehmen nun diese neuen Kredite nutzen und in Projekte investieren, kommt es zur Fehlabstimmung zwischen Konsumenten und Investoren. Es werden mehr und längere Projekte angegangen als mit den verfügbaren Ressourcen beendet werden können.

Früher oder später wird dies offensichtlich und es kommt zur Liquidation der Fehlinvestitionen, zur Rezession.  So lässt sich auch die Finanzkrise erklären. EZB und Federal Reserve ermöglichten durch künstlich niedrige Zinsen eine enorme Kreditexpansion und Fehlinvestitionen, z.B. im Immobiliensektor. Neu geschaffenes Geld wurde in Blasen gepumpt, obwohl die Leute nicht mehr sparten, sondern vielmehr sogar ihren Konsum erhöhten. Das Platzen der Blase und die Liquidierung von Fehlinvestitionen brachte dann die kreditgebende Finanzindustrie in Problem. Es kam zur sogenannten „Finanzkrise“. Dann sprangen Staaten in die Bresche und retteten Banken und Unternehmen. Sie subventionierten zudem Arbeitslosigkeit. Zusammen mit sinkenden Einnahmen aus den Boomindustrien kam es zu einem rasanten Anstieg der Staatsverschuldung, was letztlich die Eurokrise auslöste.

Ihr Buch, das in Kürze erscheint, trägt den Titel „Die Tragödie des Euro“. Das klingt nicht gerade zuversichtlich, worin besteht aus ihrer Sicht die Tragödie der europäischen Gemeinschaftswährung?

Der Titel lehnt sich an das Phänomen der Tragödie der Allmende an, das aus der Ökonomie bekannt ist. Ist eine Ressource öffentliches Eigentum, kommt es zur Überausbeutung. Die Gemeindewiese wird von allen Bauern genutzt. Es kommt zur Überweidung. Wenn ich nicht meine Schafe auf die Weide schicke, werden es die anderen tun. Also schicke ich sie dort hin, ohne dem Gras Zeit zu geben nachzuwachsen. Ein anderes Beispiel ist die Überfischung von öffentlichen Fischschwärmen im Ozean.
Im Eurosystem geschieht etwas Ähnliches. Alle Regierungen können Defizite fahren und diese durch die Ausgabe von Staatsanleihen bezahlen. Die Staatsanleihen können von Banken gekauft werden, und als Sicherheit für Kredite der EZB hinterlegt werden. Die Banken bekommen neue Kredite und können die Geldmenge erhöhen. Die Staatsausgaben werden so monetisiert. Die Kosten können durch die Geldmengenerhöhung und die folgenden Preisanstiege auf den Rest der Eurozone externalisiert werden.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Einführung des Euro und der hohen Verschuldung der südeuropäischen Staaten?

Ja. Der Euro wurde als politisches Projekt aufgefasst, das nicht scheitern durfte. Er brachte damit eine implizite Rettungsgarantie durch Deutschland. Dadurch sanken die Zinsen die Südeuropa zahlen musste. Außerdem wurde die EZB als Nachfolger der konservativen Bundesbank verkauft, was die Inflationserwartungen und damit die Zinsen in Südeuropa weiter fallen ließ. Die niedrigeren Zinsen erlaubten Südeuropa eine höhere Verschuldung, die zusätzlich durch die angesprochene Tragödie bei der Monetisierung der Staatsschulden angereizt wurde. Ohne Euro hätten diese Staaten niemals solche Schuldenberge anhäufen können. Sie wären vorher bankrott gegangen.

Es heißt sehr oft, Deutschland würde vom Euro am stärksten profitieren. Hilft der Euro nicht der Exportwirtschaft und erhöht damit unseren Wohlstand?

Dieses Argument ist absurd. Ohne Euro, so heißt es, würden andere Länder ihre Währung abwerten und deutschen Exporteuren schaden. Der Euro ist schwächer als es die DM wäre. Dass eine schwache Währung ihren Benutzern zum Vorteil gereichen soll, ist natürlich Unsinn.  Je stärker eine Währung, desto reicher sind die Leute, welche die Währung halten. Sie können billiger im Ausland Waren oder Häuser kaufen oder auch Urlaub machen.

Generell machen Exporte alleine nicht glücklich. Das kann man sich einfach veranschaulichen, wenn man das Argument auf ein Individuum herunter bricht. Wenn ich meinen Laptop verkaufe, „exportiere“ ich Waren in den Rest der Welt. Wenn ich arbeite, exportiere ich Dienstleistungen. Lasse ich mir die Haare schneiden, importiere ich Dienstleistungen.  Kaufe ich Wurst und Käse, importiere ich Waren. Was ist nun das angenehmere? Nur exportieren oder nur importieren? Ich würde nur importieren, wenn ich könnte. Südeuropa hat tendenziell genau das gemacht. Südeuropa hat einen Importüberschuss. Deutschland einen Exportüberschuss. Das Deutschland insgesamt vom Euro profitiert ist also Unsinn. Richtig ist, dass Großexporteure profitieren. Aber nicht Ottonormalbürger, der in Italien Urlaub macht, Apfelsinen aus Spanien konsumiert und Benzin aus dem Nahen Osten importiert. 

Kann der sogenannte Rettungsschirm Griechenland und die anderen Staaten von der Staatspleite bewahren? Welche Folgen hätte die Einrichtung einer dauernden Transferunion?

Das Problem des Rettungsschirms ist, dass er die Anreize der Politiker senkt, die Defizite zu senken und Strukturreformen anzugehen. In allen europäischen Staaten wachsen die Staatsschulden. In Griechenland wachsen sie sogar schneller als noch vor einem Jahr. Nur die Errichtung einer Transferunion scheint Griechenland und andere von einer Staatspleite noch bewahren zu können. Der Anreiz einer Transferunion ist auf Kosten anderer zu leben. Wir können uns dann auf dauerhafte Transfers von Nord nach Süd einrichten. Irgendwann wird dann auch der Norden seine Sparanstrengungen einstellen.

Wie kommen die europäischen Staaten aus der Schuldenkrise wieder heraus? Sollten Griechenland und andere Staaten die Eurozone verlassen und umschulden?

Griechenland und andere Staaten sollten vor allem liberalisieren. Steuern senken, Staatsausgaben radikal zurückfahren, Defizit eliminieren, Staatsbetriebe, Inseln, Monumente privatisieren, Gewerkschaftsprivilegien zerschlagen, und deregulieren. Dazu könnte auch noch ein Schuldenschnitt kommen. Außerdem müsste das Bankensystem reformiert werden. Dann müsste Griechenland auch nicht die Eurozone verlassen. Das Land könnte aber die Situation nutzen, um auch eine Geldreform voranzutreiben und beispielsweise eine goldgedeckte Drachme einzuführen.

Viele Menschen fürchten um Ihre Ersparnisse. Wie real ist die Gefahr einer Inflation? Gibt es für die Bürger überhaupt noch die Möglichkeit sich vor einer möglichen Geldentwertung zu schützen?

Die Gefahr ist sehr real. Die immer noch wachsenden Staatsschulden werden durch neue Geldproduktion finanziert. Die Anreize zu weiteren Schulden bleiben bestehen. Die Geldnutzer verlieren daher immer mehr Vertrauen in den Euro. Dieser Prozess kann sich jederzeit beschleunigen. Der wirksamste Schutz sind günstige Realwerte.

Welche Maßnahmen schlagen Sie vor, um solche Krisen in der Zukunft zu vermeiden?

Eine Reform des Geldsystems. Beispielsweise die Einführung eines vollgedeckten Goldstandards. Dann kann man kein neues Geld mehr drucken, um Staatsausgaben zu finanzieren. Dem Staat werden goldene Ketten angelegt. Er kann keine Schuldenberge mehr auftürmen.

Sie sprechen in Ihrem Buch zwei Konzeptionen für Europa an. Welche sind das und was ist Ihre Idealvorstellung einer europäischen Integration?

Es gibt die sozialistische und die liberale Konzeption. Die liberale wünscht sich ein Europa ohne Grenzen. Freien Verkehr von Waren, Dienstleistungen, Kapital, Menschen und Ideen. Kooperation in Freundschaft und Harmonie. Im Gegensatz dazu zielt die sozialistische Konzeption auf einen europäischen Superstaat ab. Brüssel reguliert und besteuert ganz Europa. Unglücklicherweise hat der Euro eine Tendenz zur Zentralisierung und hin zum europäischen Zentralstaat ausgelöst. Dies ist vielleicht die traurigste Tragödie des Euro.

Herzlichen Dank für dieses Interview!

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