“Der Kampf gegen die äußerste Einsamkeit” – Interview mit Pater Jean-Marie Porté von Point-Coeur

09. Dezember 2010, 12:23 | Kategorien: Lebenswelt | Schlagworte: | von
Père Thierry de Roucy, Gründer von Points-Coeur, mit dem Maler Jean Miotte in seinem provenzalischen Atelier. Pignans, Novenber 2009
Redaktion FreieWelt.net

"Die Points-Coeur Häuser wollen kleine, auf der ganzen Welt verstreute Heime sein, einfache Zufluchtsstätten der Liebe und Zärtlichkeit, wo jedes Kind geliebt, empfangen, angehört, respektiert wird; kurz wo es mit einem liebenden Blick angenommen wird", so steht es in der Charta der Hilfsorganisation Points-Coeur, die 1990 durch die Initiative von Père Thierry de Roucy in Frankreich gegründet wurde. FreieWelt.net sprach mit Pater Jean-Marie Porté, der für das Haus in Berlin zuständig ist, über das Wesen und den Auftrag der Organisation, das Problem der Einsamkeit und die Bedeutung der Kunst.   

FreieWelt.net: Was ist „Points-Coeur“?

Porté: Points-Coeur ist eine Hilfsorganisation, die 1990 in Frankreich geboren wurde, deren erste Einsatzorte die Elendsviertel von Argentinien und Brasilien warden, und die mittlerweile in 22 Ländern tätig ist.  Unser Schwerpunkt ist die Errichtung von Häusern, die Zufluchtsstätte für jeden einsamen Menschen sind, insbesondere für Kinder, die auf der Straße leben oder Schwierigkeiten zu Hause haben.  In diesen Häusern soll jeder Mensch die Möglichkeit haben, geliebt, angehört und respektiert zu werden. Unsere Türen stehen jedem offen.  Unser Gründer, der Priester Thierry de Roucy, war tief bewegt vom Leid der Kinder in den Elendsvierteln, da sie als die Schwächsten der Gesellschaft keine Möglichkeit hatten, sich zu verteidigen.  Die die Gewalt um sie herum ertragen müssen, ohne sich wehren zu können.   

FreieWelt.net: Point-Coeur gehört zur katholischen Kirche?

Porté: Ja, wir wurden im Jahr 2000 kirchlich anerkannt.   Wir sind eine kirchliche Bewegung, aber gleichzeitig fast überall wo wir sind als privater Verein anerkannt.  Unser Ursprung ist der Freiwilligendienst, aber mit der Zeit hat es sich so entwickelt, dass wir auch eine Laiengemeinschaft für geweihte Laien, eine Priestergemeinschaft und eine Familiengemeinschaft gegründet haben.  Unsere Häuser werden jedoch weiterhin von Freiwilligen betreut, nicht von Angehörigen der Amtskirche.  Auch steht dieser Freiwilligendienst Menschen aller Glaubensrichtungen offen.  Deutsche Staatsangehörige, die bei uns Freiwilligendienst leisten, können ihn sich auch als Zivildienst anerkennen lassen.   

FreieWelt.net: Ist der Zivildienst die wesentliche Motivation, sich freiwillig zu melden?

Porté: Nein, bei uns beteiligen sich europäische Jugendliche aus allen möglichen Ländern, die den Wunsch haben, anderen etwas geben zu können.  Viele suchen eine ganze Weile, bis sie ein für sie passendes Angebot gefunden haben.  Viele sind auch nicht wirklich jugendlich, sondern schon Anfang oder Mitte 20, manche gehen zum Beispiel nach ihrem Studium in eins unserer Häuser.  Voraussetzung ist, dass sie psychisch stabil und in körperlich in der Lage sind, mit den teils recht harten Bedingungen in den Elendsvierteln umzugehen, und sich den vereinsamten Menschen und Kindern selbstlos hinzugeben.

FreieWelt.net: Diese Bedingungen sind, wie schon erwähnt, oft von Gewalt gekennzeichnet.  Ist die Sicherheit der Freiwilligen gewährleistet?

Porté: Bisher haben wir das Glück gehabt, das nie was passiert ist.  Auch haben wir die Erfahrung gemacht, dass, da wir auf einer Basis der Freundschaft arbeiten, die Einwohner der Elendsviertel uns verteidigen.  Wir sind in ihre Gemeinschaft integriert und sie begegnen uns mit sehr großem Respekt.  In Kolumbien, Haiti und Libanon mussten wir leider unsere Häuser wieder schließen, weil es in der Tat zu gefährlich wurde – wir wollen, dass unseren Freiwilligen doch die Sicherheitsgrundbedingungen gewährleistet sind.

FreieWelt.net: Spielt es dabei eine Rolle, ob es sich um christlich geprägte Länder handelt?

Porté: Nicht unbedingt.  Überall wo wir sind wissen die Menschen, dass es sich bei Point-Coeur um eine christliche Organisation handelt.  Aber unsere Freiwilligen schließen Freundschaft mit Angehörigen aller Religionen.  So haben wir beispielsweise auch im teils muslimisch geprägten Senegal und in Thailand Häuser.  Es kommt zum Beispiel vor, dass in Thailand buddhistische Kinder stundenlang vor den Heiligen sitzen, weil auch sie manchmal ein Bedürfnis nach Stille und Gebet haben. Die Liebe kennt keine Grenzen, die unsere Freiwilligen in der stillen Anbetung schöpfen, und in ihren Alltagsbegegnungen mit ihren Nachbarn und Freunden teilen.

FreieWelt.net: Wie sieht das Engagement von Point-Coeur in Deutschland aus?

Porté: In Deutschland unterscheidet sich unsere Arbeit eigentlich nur äußerlich von der in den lateinamerikanischen oder asiatischen Elendsvierteln. Die Situation der Menschen ist zwar eine ganz andere , es gibt hier natürlich sehr viel weniger Straßenkinder, aber das Grundproblem ist auch hier die Einsamkeit – Einsamkeit von wohlstandsverwahrlosten Menschen, von älteren Menschen, von Jugendlichen, die durch ihre schwere Familiengeschichte oder die allgemeine geistliche Verwirrung der Zeit sich abgegrenzt fühlen.  Wir gehen überall dort hin, wo das Leiden ist.  Spirituell gesehen gleicht unser Dienst dem Dienst Mariens am Kreuze.

In Frankreich leiden vier Millionen Menschen an „äußerster Einsamkeit“, das heißt, sie haben weniger als drei menschliche Kontakte im Jahr.  Die Ursachen hierfür sind verschieden, sehr oft liegt der Grund allerdings in einem Bruch in der Familie, Ehescheidung, Tod oder Arbeitslosigkeit spielen häufig eine Rolle.  Ich habe einmal einen Obdachlosen in einer Suppenküche gefragt, warum die Leute dort nicht miteinander sprechen.  Er antwortete mir, sie hätten alle soviel an ihrem eigenen Leiden zu tragen, dass sie nicht auch noch das der anderen mittragen wollen.  Der Spruch „geteiltes Leid ist halbes Leid“ ist aus unserer Kultur verschwunden.  Ich glaube, dass dies auch mit dem Verschwinden des Kreuzes zusammenhängt.  Das Kreuz ist ein Symbol dafür, dass Christus das Leid und die Sünden der anderen auf sich nimmt, um sie von ihrem Leiden zu erlösen.  Die Vorstellung das es eine Erlösung sein kann, das Leid eines anderen zu tragen ist etwa, was Point-Coeur den Menschen wieder näher bringen möchte.  Dabei hat auch die Kunst eine wichtige Funktion.  

FreieWelt.net: Inwiefern?

Porté: Gerade in Berlin ist die Zusammenarbeit mit Künstlern ein sehr wichtiger Aspekt unserer Arbeit.  Wir haben in Berlin Filmabende, Künstlerabende, Atelierbesuche und ähnliches.  Ein Künstler kann helfen, die Einsamkeit anderer Menschen lindern, zum Beispiel wenn sie zusammenkommen, um seine Bilder anzusehen oder seine Lieder zu singen. Der Künstler schafft durch sein Werk eine viel tiefere Begegnungsebene, als es die allgemeine „Smalltalk-begegnung“ erlaubt – er öffnet durch seine Kunst einen neuen Raum, wo der Mensch aufatmen kann. Dabei nehmen die Künstler oft für sich selbst Armut und Einsamkeit in Kauf.  Die Kunst ist nach der Spiritualität die höchste Antwort auf die Einsamkeit.  Viele Künstler leben wie Mönche, um ihrer Kunst nachgehen zu können.  Denken Sie nur an Vincent van Gogh, für seine Werke werden heute viele Millionen bezahlt, aber zu seinen Lebzeiten hat er kein einziges Bild verkauft, und die höchsten psychischen Belastungen ertragen müssen.  In Berlin kenne ich viele Künstler, die zwei Nebenjobs haben, und wenn sie abends – oder eher früh morgens -  nach Hause kommen, weiter an ihren Bildern arbeiten.  Auch sie tragen ein Stück der Einsamkeit der anderen.  So wie ja auch unsere Freiwilligen vieles in Kauf nehmen.  In Berlin arbeiten wir zum Beispiel alle noch in anderen Jobs.

FreieWelt.net: Bekommt Point-Coeurs kein Geld von der Kirche?

Porté: Wir finanzieren uns hauptsächlich über privaten Spenden. Einige spezifische Projekten im Ausland haben wir von kirchlichen Institutionen finanziert bekommen, z.B. von Adveniat, Missio, oder den Sternsingern. Für unser eigenes Leben in Berlin sorgen wir selber, indem wir alle arbeiten. Ich bekomme auch kein Priestergehalt, sondern arbeite nebenher als Übersetzer. 
Wer sich also für unseren Freiwilligendienst oder unsere Veranstaltungen interessiert oder uns unterstützen möchte, ist herzlich eingeladen unsere Internetseite (oder unser Haus) zu besuchen:  http://www.offenesherzberlin.blogspot.com/

FreieWelt.net: Herzlichen Dank für dieses Interview!  

Das Interview führte Fabian Heinzel 

www.offenesherz.de

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