Interview mit Lena Kürschner

»Den ›schweigenden Familien‹ eine Stimme geben«

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In einem offenen Brief hat sich Lena Kürschner - Vorstandsmitglied eines Ortsverbandes der GRÜNEN und Mandatsträgerin im Stadtrat – ihren Frust über die Familienpolitik ihrer Partei von der Seele geschrieben. Im Interview mit FreieWelt.net erzählt sie, wie es dazu kam, von den Reaktionen und warum sie bei den Grünen geblieben ist. 

FreieWelt.net: Frau Kürschner, Sie haben sich mit einem offenen Brief an ihren Bundes- und Landesvorstand gewandt, in dem Sie mit der Familienpolitik ihrer eigenen Partei hart ins Gericht gehen. Was hat Sie zu diesem Schritt bewogen?

Lena Kürschner: Ich war so wütend, dass ich einfach meinen Mund nicht mehr halten konnte. Aber der übliche Weg über die Parteigremien war zu zeitaufwendig für mich.

Ich weiß, dass es viele Menschen gibt, die genauso denken wie ich. Wenn man aber 24 Stunden am Tag für ein kleines Kind zuständig ist oder arbeitet und die „Freizeit“ mit seinem Kind verbringt, bleibt keine Zeit und Energie sich politisch einzumischen. Einige wenige bringen diese Energie auf und meinen das Schweigen der anderen würde Zustimmung bedeuten. Hört man aber beim Kinderturnen, auf dem Spielplatz oder in Mütterzentren einmal genau hin, ist das Gegenteil der Fall.

Man mag mir vorwerfen, dass ich nicht den „üblichen Weg“ über die Parteigremien genommen habe, aber ich stecke genau in diesem Dilemma, dass mir auf Grund meiner Familiensituation für diesen mühsamen Weg einfach die Zeit und Energie fehlt. Ich wollte aber dennoch irgendwie den „schweigenden Familien“ eine Stimme geben, und mir ist kein anderer Weg eingefallen. So einen Brief kann man auch nachts schreiben, wenn die Kinder schlafen.

Öffentlich gemacht habe ich den Brief deshalb, weil mir die Diskussion über die Parteigrenzen hinweg wichtig ist, da sich die meisten anderen Parteien ganz ähnlich geäußert haben. Hätte ich ihn nur innerparteilich verschickt, wäre es zu leicht gewesen, ihn in der Versenkung verschwinden zu lassen.

Außerdem habe ich festgestellt, dass viele, die meine Einstellung zur einseitigen Krippenpolitik teilen, glauben, sie stünden allein auf weiter Flur, weil in den Medien fast ausschließlich den Befürwortern der Fremdbetreuung der Rücken gestärkt wird. Ich hoffe, dass mein offener Brief dazu beträgt, diese Menschen zu ermutigen, die Stimme zu erheben, damit sie ernsthaft wahrgenommen werden.

FreieWelt.net: Die Grünen orientieren sich in ihrem Wahlprogramm am Leitbild (!) vollzeitnaher Teilzeitbeschäftigung, sie fordern die Abschaffung des Betreuungsgeldes und des Ehegattensplittings, ganztätige Kinderbetreuung und den flächendeckenden Ausbau von Ganztagsschulen - Frau Kürschner, sind Sie nicht schlichtweg in der falschen Partei?

Lena Kürschner: Diese Frage höre ich in der Tat öfter. Nun decken sich die Grundgedanken der Grünen - Nachhaltigkeit, Gleichberechtigung, Toleranz und Gerechtigkeit -durchaus mit meinen Ansichten. Ich bemerke aber zunehmend, dass sich die Grünen immer weiter von ihrem Anspruch entfernen, die natürlichen Grundlagen menschlichen Lebens zu schützen, zu denen meiner Ansicht eben auch die elementaren Bedürfnisse des heranwachsenden Naturwesens „Mensch“ gehören. Das scheint innerhalb der Partei kaum einer zu merken, vielleicht auch, weil jede Art von Hochachtung vor Müttern durch die unselige deutsche Geschichte in Verruf geraten ist. Es wird aber allerhöchste Zeit, die derzeitige Politik an den großen Worten von Toleranz, Gerechtigkeit und Naturschutz zu messen, die Ohren zu spitzen, was die Bevölkerung darunter versteht, und die Politik danach neu auszurichten. Ich war tatsächlich schon kurz davor, aus den Grünen auszutreten, aber eines unserer Ortsverbandsmitglieder hat es mir erfolgreich wieder ausgeredet. Und er hat ja recht, wenn man etwas verändern will, muss man es von innen heraus tun. Und welche Partei, die irgendeine Chance hat in die Parlamente einzuziehen, verbindet den Nachhaltigkeits- und Ökologie-Gedanken mit einer kinder- und familienorientierten Familienpolitik? Wenn man es so will, wäre ich in keiner Partei richtig, aber das politische Engagement deshalb vollständig einzustellen wäre wohl der gänzlich falsche Weg.

FreieWelt.net: Ihre Vorstellungen von einer guten Familienpolitik umzusetzen, würde ein 180°-Wendung ihrer Partei bedeuten. Wie wollen Sie das bewerkstelligen?

Lena Kürschner: Halt, falsch! Keine 180°, nur 90°! Ich will ja nicht diejenigen, die sich für eine möglichst lückenlose Berufstätigkeit als Mütter oder Väter entscheiden, in ihren Möglichkeiten beschneiden. Ich will nur, dass diejenigen, die das nicht wollen, wahr- und ernst genommen werden.

Im Übrigen habe ich über konkrete Schritte noch nicht nachgedacht. Erstmal wollte ich meiner angestauten Wut Luft machen und die Partei darauf aufmerksam machen, dass sie sich in ihrer eigenen Ideologie verstrickt und nicht mehr wahrnimmt, was für Vorstellungen die Menschen, die sie überzeugen wollen, eigentlich haben. Viele gute Ideen der grünen Partei scheitern daran, dass sich die Wähler vom Grundsatz her nicht ernst genommen fühlen und entsprechend andere Parteien wählen.

Ich hoffe, dass sich auch die, die bisher schweigen, immer mehr zu Wort melden, auch und vor allem Parteimitglieder. Und ich hoffe auch, dass die Politik lernt, die wissenschaftlichen Erkenntnisse der Entwicklungspsychologie, die ja immer mehr werden, nicht zu ignorieren, sondern in alle Überlegungen mit einzubeziehen. Alle wissen, dass es mehr Stärke erfordert Fehler einzugestehen, als auf früheren Einschätzungen zu beharren. Das gilt insbesondere für die Politik und ich denke, dass die Grünen diese Stärke zeigen können.

FreieWelt.net: Welche Reaktionen haben Sie auf Ihren Brief, der derzeit im Internet die Runde macht, erhalten?

Lena Kürschner: Es gibt viele Kommentare auf den Internetseiten, die den Brief veröffentlicht haben, ich habe Mails und Briefe erhalten. Die beiden häufigsten Sätze sind: „Danke, Sie sprechen mir aus der Seele!“ und „Genau aus diesen Gründen wähle ich nicht mehr Grün“.

FreieWelt.net: Und aus Ihrer Partei – gibt es Gleichgesinnte?

Lena Kürschner: Ja, aber ich weiß nicht wie viele. Die allererste Reaktion kam von einem Grünen Mitglied der LAG Kinder, Jugend und Familie, in der ich Mitglied bin. Er schrieb „Daumen hoch, Du hast die Sache auf den Punkt gebracht“. Die zweite Reaktion kam allerdings auch von dort, sie wollte am liebsten verhindern, dass „solche Papiere“ über den Verteiler geschickt werden.

FreieWelt.net: Kurz vor der Bundestagswahl gerieten die Grünen in der Pädophilie-Debatte zunehmend unter Druck. Davon schreiben Sie in Ihrem Brief nichts. Aber hat nicht auch diese Debatte bzw. die mangelnde Bereitschaft Ihrer Partei hier echte Konsequenzen zu ziehen, das Wahlergebnis Ihrer Partei beeinflußt?

Lena Kürschner: Die von mir genannten Gründe sind mit Sicherheit nicht die einzigen, die zu diesem Abschneiden geführt haben. An den Reaktionen merkt man aber, dass ich offenbar einen wichtigen Punkt getroffenen habe. Die Aufarbeitung der damaligen pädophilen Strömungen ist ein wichtiger Schritt, hat aber nichts mit der derzeitigen Familienpolitik zu tun und findet deshalb auch keinen Eingang in meine Betrachtungen, die sich mit der heutigen Situation auseinandersetzen.

FreieWelt.net: Frau Kürschner, ich danke Ihnen für das Gespräch!

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Kommentare zum Artikel

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Gravatar: Karin Weber

Ich glaube, es ist ein Trugschluss, eine Partei von Innen heraus verändern zu können. Frau Kürschner ist noch zu jung, um ggf. Erfahrungen mit der Ex-SED und den LINKEN (ehemals PDS) haben zu können. Aus meiner Sicht macht den gleichen Denkfehler der Herr Schäffler von der FDP. In solchen Parteien gibt es zuviele Ideologen und Profiteure, die gar kein Interesse daran haben, solange es ihnen gut geht, auch etwas abzuändern. So wie die FDP jetzt den WählerTurbo zu spüren bekommen hat, muss sie umdenken, sonst löst sich selbst der Ramschstatus noch auf.

Was die Familienproblematik betrifft, sobin ich überzeugt davon, dass auch diese Regierung wieder nur Worthülsen streut, so sie überhaupt Interesse hat. Frau Schröder hat nicht grundlos die Koffer gepackt und sie hat Recht mit ihrer Argumentation.

Dazu mal ein schönes Zitat:

>> Wenn es überhaupt noch ein Lebensmodell gibt, das unserer gegenwärtigen Führungsschicht echte Angst einjagt, dann ist das die wirtschaftlich unabhängige, gebildete, kinderreiche, christlich orientierte Großfamilie, die ihre Kinder selbst erzieht und sich in keiner Weise von Staat und Medien hineinreden und bevormunden läßt. <<
(Jörg Schönbohm, Generalleutnant a. D.)

Genau das von Herrn Schönbohm angeführte Familienmodell wird in der Lebenswirklichkeit durch alle Altlastenparteien zerstört. Familienpolitik bedarf keinerlei Förderung, man muss die Familien nur in Ruhe lassen und nicht ständig per staatlichem Eingriff in sie hineinpfuschen. Das es Fälle gibt, wo externe Hilfe notwendig wird, stelle ich nicht in Abrede. Aber es ist Realität, dass das Private nicht mehr privat ist und die Familie verstaatlicht wurde, weil der Staat eben meint, überall hineindirigieren zu müssen.

Generell stellt sich sowieso die Frage, was die Politik unter dem Begriff "Familie" versteht. Das mündige Volk scheint diesbezüglich andere Auffassungen zu haben.

Gravatar: Crono

Mein größter Wunsch: eine Selbstauflösung der überflüssigen "Grünen"-Partei und danach eine richtige, öffentliche, schonungslose, historische Aufarbeitung über ihre Geschichte und denen Akteuren(inen)!!.

Gravatar: Johannes Klinkmüller

Die wichtigste Formulierung, liebe Frau Kürschner, ist für mich, wenn Sie davon sprechen, dass es darum geht, die natürlichen Grundlagen menschlichen Lebens zu schützen.
Eine Super-Formulierung :-)
So wahr !!

Ich finde es klasse, dass Sie mit Ihrer Stimme vielen Stimmen Bahn gebrochen haben. Dass Sie die Kraft aufgebracht haben für Ihren Brief. Dass Sie tolerant sind und andere Meinungen und Ansichten zulassen und dennoch für Ihre kämpfen.

Machen Sie so weiter!
Liebe Grüße!

Gravatar: Klaus Kolbe

„… wenn man etwas verändern will, muss man es von innen heraus tun.“

Bei der Publizierung Ihrer Gedanken, Frau Kürschner sind Sie aber wohlweislich den umgekehrten Weg gegangen.

„Ich will nur, dass diejenigen, die das nicht wollen, wahr- und ernst genommen werden.“

Nur wahr- und ernstnehmen reicht aber nicht.

„... die Partei darauf aufmerksam machen, dass sie sich in ihrer eigenen Ideologie verstrickt.“

Diese Partei braucht sich nicht zu >verstricken> Wenn es überhaupt noch ein Lebensmodell gibt, das unserer gegenwärtigen Führungsschicht echte Angst einjagt, dann ist das die wirtschaftlich unabhängige, gebildete, kinderreiche, christlich orientierte Großfamilie, die ihre Kinder selbst erzieht und sich in keiner Weise von Staat und Medien hineinreden und bevormunden läßt. <<
(Jörg Schönbohm, Generalleutnant a. D.)
Diesem Zitat von Jörg Schönbohm, das Frau Weber dankenswerterweise gebracht hat, kann man nur voll und ganz zustimmen.

Auch Cronos Ausführungen würde ich unterstreichen.

Vielleicht merken Sie ja eines Tages selbst, Frau Kürschner, welch gravierendem Trugbild Sie hinsichtlich der Grünen aufgesessen sind.
Schade aber um jeden, der sich mit solch einer lobenswerten Einstellung wie Sie, Frau Kürschner, zur Familie, und damit zu seinen Kindern, immer noch in den Dienst dieser „Melonen“-Partei (außen grün, innen rot) stellt.

Gravatar: wetterhahn

Guter Kommentar, dem ich uneingeschränkt zustimme. Danke!

Gravatar: Monika Goldsche

Liebe Frau Kürschner,
Sie sind eine Vollblutpolitikerin! Danke, dass Sie sich klar und unmissverständlich für den Schutz der Familien ausgesprochen haben. Ich bin gespannt, ob Ihre Partei mit Unverständnis oder Einsicht reagieren wird. Die Grünen stufte ich bisher als familienfeindlich ein. Ich würde mich freuen, wenn Ihr offener Brief ein Umdenken hervorrufen würde.
Bleiben Sie bitte weiterhin so stark.
Mit herzlichen Grüßen

Gravatar: Otto Spahn

Endlich mal eine klare Sprache zur Familienpolitik der Grünen. Gebgen Sie im Kampf für die Familie z.B. Sachen Betreuungsgeld auf gar keinen Fall nach.
Im Gegenteil: Betreuung heißt : pflegen, wickeln, waschen, kleiden etc. Also harte Arbeit, wenn es sein muss Tag und Nacht, sonntags und feiertags.
Wenn die SPD den Mindestlohn einführen will, dann sollte dieser Mindestlohn zumindest ein Maßstab für die Arbeit der Betreuung von Kleinkindern sein.
Ich wünsche Ihnen einen starken Willen und gutes Durchsetzungsvermögen bis hin zum Verlassen der Grünen, wenn es denn notwendig sein sollte.

Mit herzlichen Grüßen

Ihr

Otto Spahn

Gravatar: Gertrud Martin

Die Schönbohm'sche Aussage ist zwar richtig, aber doch sehr exclusiv. Eine Familienpolitik, die der Tatsache Rechnung tragen soll, dass heute in jeder Folgegeneration ein Drittel der gebärfähigen Frauen fehlt, kann nicht allein auf ein Elterngeld setzen, das bevorzugt erste und dann meist einzige Kinder von Bestverdienern fördetrt oder auf die frühestmögliche außerfamiliäre Kinderbetreuung um Eltern freizustellen für die Erwerbsarbeit. Eine wirkliche Familienpolitik muss auch der gesellschaftserhaltenden Relevanz der elterlichen Erziehungsarbeit gerecht werden, indem diese arbeit nicht nur in Sonntagsreden sondern auch finanziell einer Erwerbsarbeit gleichgestellt wird. Ich stimme deshalb der Anregung von Herrn Spahn zu: Ein Mindestlohn von 8.50 € für einen Achtstundentag an 5 Tagen pro Woche macht monatlich 1360 € Erziehungslohn. Nacht- und Bereitschaftsdienst nicht gerechnet. Gerne könnte man noch auf 160 € davon verzichten, um auf die ca. 1200 € zu kommen, die die öffentliche Hand für jeden Krippenplatz monatlich investiert. Gleiches Recht für alle?

Gravatar: Bärbel Fischer

Liebe Frau Kürschner,

Ihr mutiger Brief und dieses Interview sind seltene Dokumente von Aufrichtigkeit. Wenn Sie sich wieder mal fragen, ob Ihre Partei die richtige ist - ich könnte Ihnen die ÖDP empfehlen. Sie sieht Nachhaltigkeit in Umwelt und Familie als Ihr Hauptziel ( www.oedp.de) Viele verantwortungsbewusste Menschen engagieren sich dort . Da wären Sie am richtigen Platz!

Gravatar: Johannes Resch

Frau Kürschner wird die Politik der Grünen nicht ändern können. Wenn sie aber durch ihren Brief bewirkt hat, dass zumindest 5 oder 10% der Parteimitglieder über die Widersprüche in der Ideologie der Grünen nachzudenken beginnen, war ihre Aktion ein großer Erfolg.

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