Vom Strompreis

Die Energiepreise sinken. Nicht, seit die FDP wieder an der Macht ist, auch nicht, seit Strom gelb ist oder seit sich Autofahrern der Eindruck aufdrängt, Niedersachsen wäre mehr Windpark

Veröffentlicht: | Kategorien: Blogs, Blogs - Politik, Blogs - Wirtschaft | Schlagworte: Allgemein, Wirtschaftspolitik
von

 als Bundesland. Sie sinken seit Jahrhunderten. Der Zoologe Matt Ridley gibt in seinem brillanten Vortrag „When ideas have sex“ ein anschauliches Beispiel, das diese Entwicklung illustriert: Um den Preis für eine Stunde Leselicht bezahlen zu können, muss ein durchschnittlich verdienender Brite heutzutage etwa eine halbe Sekunde arbeiten. 1950 wären dafür acht Sekunden Arbeit vonnöten gewesen, 1880 fünfzehn Minuten und um 1800 hätte ein Arbeiter sechs Stunden seiner Zeit investieren müssen, um sich eine Kerze zu leisten, die eine Stunde gebrannt hätte. Für Deutschland kommt eine Studie der Hochschule Rottenburg, die die Entwicklung der Strompreise von 1950 bis heute betrachtet, zum dem Schluss, dass die inflationsbereinigten Strompreise in den 1950er und 60er Jahren kontinuierlich gefallen sind. Danach seien die Preise konstant geblieben oder gefallen – bis zum Jahr 2000.

Seit 2000 aber steigen die Strompreise schneller als die Einkommen derjenigen, die sie bezahlen müssen. Zu einem gewissen Grad ist die Entwicklung dieser Preise von den Weltmarktpreisen für Primärenergieträger wie Öl, Gas oder Kohle abhängig, doch der staatliche Einfluss ist nicht zu unterschätzen: In Deutschland kommen ca. 45 % des Strompreises für Haushaltskunden durch Steuern, Abgaben und Umlagen zustande. Im Zusammenhang mit der geplanten Energiewende werden die Verbraucher darüber hinaus immer wieder auf Preissteigerungen eingeschworen.

Die Verfügbarkeit erschwinglicher Energie ist aber weit mehr als eine Annehmlichkeit beim fernsehen oder Playstation spielen. Sie ist neben der Verfügbarkeit von Wissen und der Möglichkeit, Ideen auszutauschen, der entscheidende Motor des Fortschritts. Was allein Kühl- und Gefrierschränke, wie sie in Industrienationen auch noch in den bescheidensten Haushalten zu finden sind, zur Verbesserung der Ernährung der Menschheit beigetragen haben, lässt sich kaum in Zahlen, oder Worte fassen. Ähnliches gilt für Fließbänder, elektrisches Licht und Computer. Ohne Erfindungen wie diese, die nur mit ausreichend verfügbarer und bezahlbarer Energie denkbar sind, gäbe es zum Beispiel keine modernen Krankenhäuser, keine Supermärkte und keine Flughäfen in ihrer heutigen Form. Diese Liste ließe sich noch sehr weit fortsetzen und die Konsequenzen wären ausgesprochen drastischer Natur. Durch das Fehlen einer auf die jetzige Form der Energienutzung aufgebaute Infrastruktur würde beispielsweise eine Missernte in einer bestimmten Region eine Hungersnot auslösen – so wie es in früheren Jahrhunderten normal war.

Das völlige Verschwinden dieser Infrastruktur mag zwar nicht sehr wahrscheinlich sein, doch so wie die fallenden Energiepreise der Vergangenheit Innovation und Fortschritt erleichtert haben, ist die Annahme eines Rückschritts durch steigende Energiepreise absolut plausibel. Da sie zwangsläufig auch eine Verteuerung der Produktions-, Transport- und Lagerkosten bedeuten, ziehen sie eine Verteuerung sämtlicher Produkte und damit eine Absenkung des Wohlstandsniveaus nach sich. Sinkender Wohlstand bedeutet wiederum, dass mit einer sinkenden Lebenserwartung zu rechnen ist, da medizinische und Versorgung mit Nahrungsmitteln sich verschlechtern, dass sich  Sozialsysteme nicht länger aufrecht erhalten lassen und dass eine weitere Abwanderung gut ausgebildeter Fachkräfte zu erwarten ist. Um den Zustand der Umwelt ist ebenfalls zu fürchten – so würde in Mitteleuropa derzeit kaum jemand auf die Idee kommen, einen Wald abzuholzen, um heizen und kochen zu können, dort, wo es keine bezahlbaren Alternativen gibt, ist dieses Verhalten gängige Praxis. Kurz gesagt: Wohlstand schafft Wohlstand, Armut schafft Armut. Es bleibt daher zu hoffen, dass bei energiepolitischen Entscheidungen nicht aus dem Blick gerät, wie weitreichend der Strompreis in seiner Bedeutung ist.       

ebenfalls erschienen auf "kingofblog.de"
 

Weiterführende Links     

Matt Ridley: When ideas have sex: www.youtube.com/watch

Entwicklung der Strompreise im Verhältnis zur Kaufkraft und Abhängigkeit der Strompreise von den Primärenergiekosten im Untersuchungszeitraum 1950 bis heute: www.lukas-emele.de/cms/wp-content/uploads/2009/05/Projekt1.pdf

de.wikipedia.org/wiki/Strompreis

Kommentare zum Artikel

Gravatar: Freigeist

@Meier
Wenn Sie billigen Atomstrom wollen, so richten Sie mal gleich das Geld her, für die Atom-Müll-Entsorgung für eine halbe Ewigkeit.

Gravatar: Auch wer

@Freigeist:
Sie wissen aber schon, wer die Kosten für die Abfallentsorgung und Endlagerung trägt, oder? Falls nein, sage ich es ihnen gerne: Es sind die Betreiberkonzerne.

Gravatar: Freigeist

Und wer zahlt die Sanierung des Lagers, genannt Asse?

Gravatar: Meier

@ Angstgeist

Wie wär` s mit `nem Bettlaken versehen, Huhuhu intonierend, zu schreiben?
Gespenst zu spielen, aus Lust, kann auch sehr entlarvend sein, finden Sie nicht auch?

Gravatar: Auch wer

@Freigeist:
Die Asse war ein Forschungsprojekt des Bundes, niemals ein Endlager, auch wenn es als solches (aus Forschungsgründen) genutzt wurde.

Schreibe einen Kommentar


(erforderlich)

Spruch des Tages

In Frankreich studiert man die Menschen, in Deutschland die Bücher.Madame de Staël

Kategorien

Zum Anfang