Die alltägliche Unbildung in Deutschland

Kürzlich war ich Gastlektorin an einer Hochschule im Norden Deutschlands, die ich aus Höflichkeit nicht näher bezeichnen will. Ein beeindruckend schöner Campus, der alle Voraussetzungen für erfolgreiches Lernen bietet, aber wie wird das von den Studenten genutzt und was kommt dabei heraus?

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Meine erste Veranstaltung war eine Abendvorlesung über Marxismus und Meinungsfreiheit. Es waren etwa 100 Zuhörer da, darunter an die zehn Antifanten, die sich in die drittletzte Reihe des Hörsaals setzten.

Der Professor, der mich eingeladen hatte, erzählte mir erst am nächsten Tag, dass es im internen Studentennetzwerk Stimmen geben haben soll, die meinten, einer Frau wir mir, die mit islamophoben Bemerkungen aufgefallen sei, dürfe man kein Podium bieten. Da meine Ankläger aber keinen einzigen Beweis boten, verebbte die Kampagne, ehe sie Fahrt aufnehmen konnte. Allerdings, nach dem Motto: „Holzauge sei wachsam“ trauten sich ein paar mutige Antifanten in die Höhle der Löwin, um zu hören, was sie sagen würde und einzuschreiten, sobald das geeignete Stichwort gefallen war. Sie rutschten zunehmend unruhiger auf ihren Stühlen hin- und her. Es ergab sich aus meinen Ausführungen über die Geschichte der Unterdrückung der Meinungsfreiheit durch die Marxisten-Leninisten einfach nicht der richtige Anhaltspunkt für einen lautstarken Protest. Ich konnte ungestört meine Vorlesung zu Ende bringen.

Als die Diskussion eröffnet wurde, stand einer auf, der offensichtlich der Sprecher der kleinen Truppe war. Er hatte ein Stück Papier in der Hand, auf das er immer wieder schaute, ohne dass ihm die gewünschte Erleuchtung kam. Er beklagte, dass ich nichts gesagt und auch keine Quellen genannt hätte. Wobei ihm eigentlich hätte klar sein müssen, dass es für ’nichts‘ auch keine Quellen geben kann. Dann bedankte er sich bei mir dafür, dass ich nichts gesagt hätte, worauf seine Kumpels klatschten und gleichzeitig aufstanden, um den Hörsaal zu verlassen. Das dauerte etwas, was mir die Gelegenheit gab, ihm eine der Quellen, die ich zitiert hatte, ans Herz zu legen. Ich hatte in der Vorlesung ausführlich über Lenins kleine Schrift „Wie soll man den Wettbewerb organisieren“ gesprochen. In diesem schmalen Heftchen mit dem harmlosen Titel, legt Lenin dar, wie man mit Andersdenkenden umgehen muss. Vom Straßenreinigen mit der Zahnbürste, ins Lager deportieren bis zum Erschießen steht da alles drin, was schon unter Lenin Praxis im Sowjetparadies war.

Nach der Vorlesung gab es eine heftige Diskussion im Studentennetzwerk. Interessanterweise lehnten die meisten Zuhörer die Aktion der Antifa ab.

Eine Folge meiner Vorlesung war, dass am nächsten Tag zu meinem Seminar über Plan- und Marktwirtschaft auch Studenten kamen, für die das keine Pflichtveranstaltung war. Aber gleich zu Beginn des Seminars war ich schockiert. Die zukünftigen Betriebswirtschaftler hatten keine Ahnung, was Planwirtschaft von Marktwirtschaft unterschied. Auf die Frage, bei welcher von den beiden Wirtschaftsweisen der Staat die Wirtschaftsleitung hat, folgte ein langes Schweigen. Schließlich hob sich eine Hand und der Student riet, dass bei der Marktwirtschaft der Staat das Sagen hätte. Erst der dritte Redner hatte etwas von der „unsichtbaren Hand“ des Marktes gehört. Wenn zukünftige Betriebswirtschaftler so völlig ahnungslos sind, was können sie dann später im Beruf leisten? Aber derartige Wissenslücken sind keineswegs nur auf Studiengänge wie BWL beschränkt. Wie ich von einem Dozenten einer bayerischen Hochschule erfahren habe, hat man dort mit vergleichbar gravierenden Defiziten z. B. in Mathematik zu kämpfen. Ein dort schon vor Jahren mit sämtlichen Studienanfängern in den Ingenieurfächern durchgeführter Test der Mathematikvorkenntnisse hatte damals ergeben, dass ein nennenswerter Teil der Erstsemester bereits mit Aufgaben auf dem Niveau der achten Klasse (Prozentrechnung, Dreisatz etc.) überfordert war.

Vom Professor, der mir versicherte, die verschiedenen Wirtschaftssysteme seien selbstverständlich durchgenommen worden, hörte ich zum ersten Mal den Begriff „Bulimie-Lernen“. Es wird für die Prüfung Stoff gepaukt, um anschließend wieder vergessen zu werden. In der DDR hing überall der Seneca-Spruch: „Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir“. Das scheint sich völlig umgekehrt zu haben.

Anabel Schunke hat kürzlich in einem sehr lesenswerten Artikel darauf hingewiesen, dass Deutschlands einzigste Ressource die Bildung ist. Seit Jahren schreiben sich Politiker Bildung auf ihre Wahlkampffahnen, drücken aber in der Praxis das Bildungsniveau stetig nach unten. Es machen immer mehr Schüler Abitur, aber das Abitur ist kaum noch so viel wert wie die Zehnklassenabschlüsse vergangener Jahrzehnte. Die Regierung verweist mit arroganter Selbstgefälligkeit darauf, dass so viele Schulabgänger studierten wie nie zuvor. Nur können diese Studenten kaum noch fehlerfrei schreiben, was man nach der Reform der Reform der Rechtschreibreform aber nicht nur ihnen allein anlasten kann. Ich weigere mich auch konsequent, die Dreifachkonsonanten zu benutzen, sondern folge darin der alten Schreibweise. Die Betriebswirtschaftsstudenten, die ich kennengelernt habe, können aber auch kaum multiplizieren und schon gar keine Brüche kürzen, was mein Vater, der nur die achte Klasse gemacht hatte, problemlos beherrschte.

Der enorme Anstieg der Studentenzahlen hat auch zur Folge, dass Handwerker nicht mehr genügend Lehrlinge bekommen. In absehbarer Zeit werden gute Handwerker gesucht werden, wie Goldstaub. Unser duales Ausbildungssystem, das ausnahmsweise wirklich Weltspitze ist und erfolgreich von aufstrebenden Ländern kopiert wird, geht bei uns den Bach runter, ohne dass es einen Politiker kümmert. Auch dieses bestens bewährte Ausbildungssystem ist inzwischen längst unter Beschuss geraten. So wird z.B. in dem Projekt „BKE-Betriebliche Kompetenzen erkennen“ der Bundesarbeitsagentur zusammen mit der Bertelsmann Stiftung von deren Vordenkern (Soziologen, Anthropologen, Pädagogen etc.)die duale Ausbildung zum Auslaufmodell erklärt. Aus der zu einem erheblichen Teil auf die hohe ‚Akademiker‘-Zahl zurückzuführende beunruhigend hohe Arbeitslosenquote unter jungen Leuten in Spanien und teilweise auch in Frankreich und dem daraus resultierenden ebenfalls bereits merklichen Mangel an Arbeitskräften mit einer soliden Berufsausbildung will man hierzulande in diesen Kreisen der selbsternannten ‚Bildungsexperten‘ sicher nichts lernen.

Christian Lindner hat im Wahlkampf immer wieder verkündet, dass seine Partei das weltbeste Bildungssystem wolle. Angeblich sollen sich die Jamaika-Unterhändler in diesem Punkt schon einig sein. Ich wette, dass diese Einigung nicht vorsieht, dass der erzwungene Sexualunterricht für Grundschüler durch ordentlichen Rechenunterricht ersetzt wird und dass nicht der himmelschreiende Mißstand abgestellt wird, dass die Schüler am Ende der ersten Klasse immer noch nicht richtig lesen und schreiben können, eine Fähigkeit, die sie erst am Ende der Grundschule beherrschen, wenn überhaupt. Immer wieder liest man Meldungen, dass den Studenten zwar eingehämmert wird, dass der politisch-korrekte Wortschatz eine unverzichtbare Voraussetzung für das Studium sei, aber ihre Unfähigkeit, Vorlesungen mitzuschreiben und Berichte zu verfassen, spielt keine Rolle.

Angeblich soll ja „längeres gemeinsames Lernen“ an einer Gemeinschaftsschule das Beste für unseren Nachwuchs sein. Warum aber bringen Politiker ihre eigenen Kinder nicht in solchen Schulen unter, sondern bevorzugen Privatschulen, die noch nach den „alten“ Methoden unterrichten? Weil sie das, was sie anderen diktieren, selbst nicht glauben! Je ungebildeter die normale Bevölkerung ist, desto leichter kann sie von den gebildeten „Eliten“ gelenkt werden.

Die systematische Senkung des Bildungsniveaus und das Einladen von Hunderttausenden von Analphabeten ist eine der perfidesten Methoden zur Machterhaltung.

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Kommentare zum Artikel

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Gravatar: Markus Evers

Sehr geehrte Frau Lengsfeld,
Ihr zweitletzter Satz sagt alles! Diese Methode ist in den USA schon lange Zeit eingeführt und schwappt nun seit einigen Jahren nach Europa rüber, wie auch eine ganze Reihe anderer unnötiger Dinge (McDonalds etc.).

Gravatar: Unmensch

Beim "gemeinsamen Lernen" geht es doch nur um's "Gemeinsam sein". Hauptsache *alle* sitzen im gleichen Raum, alles weitere ist irrelevant. Deshalb können die Schüler immer weniger, deshalb kommen immer mehr an die Uni. Es werden letztlich alle gleich schlecht sein, weil dies das kommunistische Endziel ist.

Gravatar: smart

Handwerker...

"In absehbarer Zeit werden gute Handwerker gesucht werden, wie Goldstaub." Diese Zeit ist bereits gekommen. Hier in Oberbayern müssen Sie Handwerkern den roten Teppich auslegen, damit sie kommen - einige tun es dann immer noch nicht. Trotz Riesen-Nachfrage will keiner mehr Handwerker werden, obwohl der berühmte goldene Boden vorhanden ist. Statt dessen wirft dieses System Massen an unbrauchbaren Schwätzern aus, die Thomas P.M Barnetts Ziel der Mächtigen dieser Welt, "IQ unter 90 - zum Denken zu blöd, zum Arbeiten reicht's" bestens erfüllen. Es ist eben alles so gewollt...

Gravatar: Werner N.

Da hatten Sie aber Glück, werte Frau Lengsfeld. Gewöhnlich würgen ASTA und Uni–Leitungen solche Vorträge im Vorfeld wegen zu befürchtender Proteste ab.

Der Öffentlichkeit und Opposition entging, dass Politiker die Bevölkerung auch hier seit Jahrzehnten! täuschen. Ständig reden alle von einer besseren Ausbildung; tatsächlich konditionieren sie diese eben so lange systematisch herab, wie PISA–Schock und dessen neuerliche Verschlechterung zeigen. Bisher unbemerkt blieb ebenfalls die subversive Rolle der Gewerkschaften. Mit Billigung der etablierten Parteien mobbten sie über Personalräte und ASTA systematisch kompetente Lehrkräfte und Professoren bis hin zur Existenzvernichtung, um Konkurrenten für ihre kleinkarierten und inkompetenten Mitglieder auszuschalten und diese an Direktorenposten zu hieven. Längst nehmen viele von ihnen Führungspositionen ein. Hinzu kam das ebenso unbemerkte inflationäre Besetzen von Lehrstühlen nach Parteibuch vor Qualifikation, vor allem in Städten und Ländern mit rot / grüner Regierung. All das führte zum beklagten Schmalspur–Studium, zur weitgehenden Ausmerzung der dualen Ausbildung, dem einstigen Glanzstück bundesdeutscher Ausbildung usw. Diese, auch durch den Lissabon–Vertrag (2009) beabsichtigte Schwächung heimischer Wirtschaft, müsste rückgängig gemacht werden. Wegen der Versäumnisse eine kaum mehr zu bewältigende Herkules–Aufgabe.

Ziel ist das Schleifen der letzten Bastionen des "Bildungsbürgertums". Mit dem Abitur, Doktor und Professor „für Alle“ befindet es sich in fortgeschrittenem Zustand. Derartiges Gleichmachen ist nur mit Dekadenz möglich und die Titel sind dann auch nichts mehr wert.

Gravatar: karl

"Je ungebildeter die normale Bevölkerung ist, desto leichter kann sie von den gebildeten „Eliten“ gelenkt werden."
irgendetwas Lernen?? wenn das Hirn doch auf dem SCHMARTFON gespeichert ist?? nee oder.
dieses ungebildete Muster setzt sich schon seit Jahren fort denn:
"Die systematische Senkung des Bildungsniveaus und das Einladen von Hunderttausenden von Analphabeten ist eine der perfidesten Methoden zur Machterhaltung."
genau so isses.........

Gravatar: Peter der Kleine

Sehr geehrte Frau Lengsfeld, wie Recht Sie doch haben!
Eben bin ich, 73 und 9-klassige Volksschule, mit der Korrektur eines Aufsatzes fertig, den ein fünfzigjähriger Ingenieur an ein breites Publikum schrieb. Grammatik und Rechtschreibung entsprachen etwa der 4. Klasse meiner Volksschule. Während meiner Dienstzeit hatte ich das Unglück, als "einer mit Deutschkenntnissen" zu gelten, was mir die zweifelhafte Ehre einbrachte, den Schriftverkehr des Höheren Dienstes zu prüfen, bevor dieser in die Öffentlichkeit entlassen werden durfte.
Der Absturz der Allgemeinbildung bei Akademikern auf Kreuzworträtselniveau, den ich seit 25 Jahren erlebe, verdanken wir einer beispiellosen politischen Leistung aller Parteien.

Gravatar: Mirumir

Lenins Schrift "Wie soll man den Wettbewerb organisieren" wurde zu Lenins Lebzeiten nie veröffentlicht. Lenin wird seine Gründe gehabt haben, es handelt sich also quasi um einen Entwurf. Erstveröffentlichung in der "Prawda" 1929 unter Stalin! Vom "Straßenreinigen mit der Zahnbürste" steht da übrigens auch nichts drin. Bitte seriös bleiben!

Gravatar: Manfred Bürkle

Sehr gehrte Frau Lengsfeld,
dies ist eine hervorragende Bestandsaufnahme, der nichts hinzuzufügen ist.
Allerdings möchte ich zu Ihrer "Verweigerungs-Haltung", Dreifachkonsonanten zu schreiben, Einspruch erheben.
Grundsätzlich teile ich Ihre Kritik an der Rechtschreibreform. Es ist nicht alles gut, jedoch hat sich die deutsche Rechtschreibung über Jahrhunderte immer wieder geändert oder angpasst. Lesen Sie doch einmal einen Originaltext von Luther. Die bemängelte Schreibung von Dreifach-Konsonanten kann ich nicht verstehen, denn diese ist eine Vereinfachung der vorher geltenden Regel, die allerdings vielen - und scheinbar auch Ihnen - nicht geläufig war: Die Zweifach-Schreibweise galt nur, wenn ein Vokal folgte (a,e,i,o,u), zum Beispiel "Schiffahrt". Folgte kein Vokal, musste man mit Dreifach-Konsonanten schreiben, zum Beispiel "Sauerstoffflasche" - das war kein "kann, sondern ein "muss".

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