Buchtip: Der Mephisto der Weltpolitik

Es gibt vermutlich derzeit nicht all zu viele Menschen auf diesem Planeten, die imstande sind, bei Bedarf in der Buchhandlung ihres Vertrauens einen knapp 300 Seiten langen Nachruf auf sich selbst erwerben zu können.

Veröffentlicht: | Kategorien: Blogs, Blogs - Empfohlen, Blogs - Politik, Blogs - Politik - Empfohlen, Blogs - Wirtschaft, Blogs - Wirtschaft - Empfohlen | Schlagworte:
von

Henry Kissinger, 93, Außenminister der USA von 1973 bis 1977 (und sowohl vorher als auch danach einer der wichtigsten Außenpolitiker Washingtons), kann sich seit Kurzem dieses zweifelhafte Vergnügen gönnen, wenn er mag. Der New Yorker Historiker Greg Grandin hat sein jüngstes Buch „Kissingers langer Schatten“ nämlich in der seltsamen, nicht eben übertrieben geschmackvollen Form eines Nachrufes – im ersten Kapitel – auf einen Lebenden verfasst.
Kein anderer hat die Außenpolitik der Vereinigten Staaten derart stark geprägt wie der in Deutschland geborene Kissinger, der dank seines prägnanten Äußeren (Hornbrille!), seines charakteristischen bayerisch-amerikanischen Akzentes und seiner geistigen Schärfe heute schon fast zur Ikone der Popkultur geworden ist. Selbst Hillary Clinton, demokratische Kandidatin für die Präsidentschaft, sucht nach eigenem Bekunden gern und oft den Rat jenes Kissinger, gegen dessen Vietnam-Politik sie als Studentin auf die Straße gegangen ist. Und: Kein anderer US-Außenpolitiker der Nachkriegszeit polarisiert wie er.

Lang ist die Liste der Katastrophen, die Historiker Grandin ihm vorwirft: „Die illegale Bombardierung von Laos und Kambodscha im Vietnamkrieg, Mitverantwortung für die Genozide in Kambodscha, Ost-Timor und Bangladesch, die Schaffung des politischen Islam in Afghanistan, um das Land zu destabilisieren, die Unterstützung der Wahhabiten in Saudi-Arabien, die Finanzierung und Ausrüstung südamerikanischer Despoten wie Pinochet, die Millionen ihrer Bürger am gewissen hatten,…“ All das, so Grandin, sei direkte Folge von Kissingers Außenpolitik gewesen.

Diesem langen Sündenregister stehen freilich Erfolge gegenüber, die auch der Autor, der Kissinger unter dem Strich wohl eher für einen politischen Verbrecher hält, nicht bestreitet: die Aussöhnung mit dem kommunistischen China, der Interessenausgleich mit der Sowjetunion und die damit verbundenen Abrüstungsabkommen etwa. Auch das gehört zu Kissingers Bilanz; immerhin ist der Mann Träger des Friedensnobelpreises (für die Beendigung jenes Vietnamkrieges, der laut Grandin dank Kissinger freilich um mindestens fünf Jahre länger als nötig gedauert hat).

Zweifellos war und ist Kissinger der König der „Realpolitik“, also einer Außenpolitik, die sich wenig von sogenannter Moral, stark hingegen von den Notwendigkeiten leiten lässt. Sein zentrales Credo: „Die USA haben keine Freunde, die USA haben Interessen“.

Interessant und zum Verständnis Kissingers hilfreich ist der ausführliche Verweis des Autors auf die bis jetzt weitgehend unbekannte Bachelorarbeit des späteren US-Außenministers, die seine starke Sympathie für Oswald Spengler („Der Untergang des Abendlandes“), aber auch für den Historiker Arnold Toynbee belegt. In gewisser Form, schreibt Grandin, könne man Kissinger gar als „radikalen Linken“ beschreiben. Wichtig sei in dessen Philosophie nicht die Wirklichkeit, wie man sie vorfindet, sondern jene, die man mittels der Politik erzeugt; und sei es mit dem Mittel des Krieges.

Der Herr der Kriege?

Hier findet sich der zentrale Vorwurf Grandins an Kissinger: Dass er die „Kissingerisierung“ der US-Außenpolitik, die bis heute anhalte, zu verantworten haben, also eine Kette von Kriegen, Militärinterventionen und anderen Formen gewaltsamer Eingriffe irgendwo in der Welt, bis hin zu Herrn Obamas Drohnenkriegen. Vor allem die „Neocons“ rund um die beiden Präsidenten der Bush-Familie sind für ihn Erben dieses „Kissingerismus“, indem sie die USA in die Kriege in Afghanistan und im Irak geführt haben.

Soweit könnte man Grandin ja noch folgen, grotesk hingegen ist seine milieubedingt unwuchtige Bewertung der Gegner Amerikas. Dass Nordvietnam eine grausame kommunistische Diktatur war, hunderttausende Menschen am Gewissen hatte, blendet er ebenso aus wie den Unrechtscharakter des Saddam-Regimes, und macht stattdessen ganz pauschal die USA (Kissingers langer Schatten eben!) für das bluttriefende Chaos im Nahen Osten verantwortlich, was schlicht und ergreifend Unsinn ist. Damit prädestiniert sich Grandin vielleicht als potenzieller Außenminister unter einem allfälligen Präsidenten Bernie Sanders (der ja ganz ähnliche Ansichten vertritt) – der Qualität seines ansonsten lesenswerten Buches dient das nicht eben. (WZ)

Information

Kissingers langer Schatten – Amerikas umstrittenster Staatsmann und sein Erbe
Greg Grandin, Verlag C.H.Beck, 296 Seiten, 24,95 Euro

Beitrag zuerst erschienen auf ortneronline.at

Für die Inhalte der Blogs und Kolumnen sind die jeweiligen Blogger verantwortlich. Die Beiträge der Blogger und Gastautoren geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion oder des Herausgebers wieder.

Ihnen hat der Artikel gefallen? Bitte
unterstützen Sie mit einer Spende unsere
unabhängige Berichterstattung.

Kommentare zum Artikel

Bitte beachten Sie beim Verfassen eines Kommentars die Regeln höflicher Kommunikation.

Keine Kommentare

Schreibe einen Kommentar


(erforderlich)

Zum Anfang