US-Vizepräsident:

Wie Joe Biden die Welt sieht

Sie betonen es immer wieder: Die USA wollen globale Führungsmacht bleiben. Vizepräsident Joe Biden hat in einer Rede an der Harvard University seine Sicht auf die Lage der Welt beschrieben.

Foto: Center for American Progress Action Fund / flickr.com / CC BY-ND 2.0
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Die Vereinigten Staaten von Amerika beanspruchen die Führungsrolle in der Welt. Und sie wiederholen ihre Botschaft gebetsmühlenartig. In der Presse, im Rundfunk, im Fernsehen, im Internet, auf internationalen Kongressen, bei diplomatischen Treffen – die USA lassen keinen Zweifel daran, dass sie an ihrer unipolaren Weltordnung festhalten wollen.

Obwohl sich bereits US-Präsident Barack Obama wie ein Plattenspieler mit Sprung permanent wiederholt, schlägt nun sein Vize Joseph („Joe“) R. Biden in die gleiche Kerbe. In einer vom Teleprompter abgelesenen Rede an der John F. Kennedy School of Government der Harvard University in Cambridge / Massachusetts, zeichnete er sein persönliches Bild von der Lage der Welt. Und die zukünftige US-Elite hörte beflissen zu.

Die Rede triefte von Patriotismus und amerikanischem Exzeptionalismus. So behauptete er, der Wunsch nach Freiheit sei den Amerikanern quasi genetisch in der DNA vorgegeben. Daher könnten sie dieses Verlangen nach Freiheit auch in ihrer Politik nicht unterdrücken. Außerdem seien die USA das ideale Land, um dort zu investieren und Industrie anzusiedeln. Finanziers würden zunehmend ihre Investitionen aus China abziehen und wieder verstärkt in Amerika investieren. Und der amerikanische Arbeiter sei sowieso der produktivste der Welt.

Biden betont die transatlantische und transpazifische Hegemonie der USA

Das wichtigste, um Amerikas Position in der Welt zu festigen, sei nach Joe Biden die Stärkung der Bündnissysteme und Allianzen. Damit sprach er gezielt sowohl die NATO als auch die transpazifischen Bündnisse der USA an.

Seiner Meinung nach sei die NATO die Garantie dafür, dass die Staaten Europas ihre eigenen Wege gehen könnten, ohne von außen beeinflusst zu werden. Doch sei diese Garantie durch die russische Aggression herausgefordert worden.

Dies sei der Grund, weshalb die USA ihre NATO-Verbündeten dazu bewegt hätten, die Ukraine stärker zu unterstützen. Nach Joe Biden wird die NATO aus dieser Krise mit neuer Stärke hervorgehen.

Dann erzählte Biden, wie die USA mit Nachdruck die zögerlichen EU-Staaten dazu gedrängt haben, Sanktionen gegen Russland umzusetzen. Stolz resümiert er die bitteren Folgen für die russische Wirtschaft.

Biden warb in seiner Rede für Aufrüstung. Er betonte, wie wichtig die Aufstockung der Verteidigungsetats der NATO-Staaten sei. Ebenso sei es bedeutsam, eine gemeinsame europäische Energiestrategie zu entwickeln, damit - so behauptete Joe Biden – Russland mit seinen Energieressourcen die Europäer nicht mehr in Geiselhaft nehmen könne. In diesem Zusammenhang warb er für das Feihandelsabkommen TTIP.

Weiterhin hob Biden hervor, dass Amerika nicht nur eine transatlantische, sondern auch eine transpazifische Macht sei. Amerikas Bündnisse hätten dem pazifischen Raum Wohlstand und Sicherheit gebracht, der das Wirtschaftswunder in Asien erst ermöglicht habe. Biden erzählte, wie er in langen Gesprächen dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping versucht habe zu erklären, dass die USA auch in Zukunft die Macht des Pazifiks seien.

Im Jahr 2020 werden rund 60 Prozent der US-Flotte und US-Luftwaffe im pazifischen Raum stationiert sein. Japan würden mehr Verteidigungsmöglichkeiten eingeräumt, auf den Philippinen und in Australien würden mehr US-Truppen stationiert, und das Raketenabwehrschild gegen Nordkorea würde installiert werden.

Fast man die Aussagen von Joe Biden zusammen, dann sind dies kristallklare Signale an Moskau und Peking, dass die USA die Hegemonialmacht im gesamten atlantischen und pazifischen Raum für sich beanspruchen. Damit stellt sich unweigerlich die Frage: Wie würden die USA reagieren, wenn China und Russland solche geostrategischen Entwürfe vorlegten?

Biden kritisiert Türkei und Golfstaaten – rudert nach Protest jedoch zurück

In seiner Rede warf er der Türkei sowie den Golfstaaten Saudi-Arabien, Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten vor, die Terroristengruppen in Syrien wahllos unterstützt zu haben – mit mehren hundert Millionen Dollar und zehntausenden Tonnen an Waffen. Der Türkei und den arabischen Staaten sei es egal gewesen, ob sie damit auch Terrororganisationen wie Al-Nusra, Al-Qaida und andere radikale Dschihadisten aus aller Welt unterstützten. Ihnen sei es primär um die Bekämpfung Assads gegangen und um einen Stellvertreterkrieg („Proxy War“) zwischen Sunniten und Schiiten.

Prompt meldeten sich die Scheichs aus den Vereinigten Arabischen Emiraten und der türkische Präsident Erdogan zu Wort und widersprachen Bidens Aussagen. Erdogan behauptet, die Extremisten in Syrien niemals unterstützt und dies auch niemals geäußert zu haben. Nach der Beritcherstattung von CNN hat sich Biden mittlerweile bei den orientalischen Machthabern für seine Aussagen entschuldigt.

Die Fragen, mit denen die Zuschauer allein gelassen werden: Wie sieht es mit inoffiziellen Unterstützungen der Terrororganisationen aus? Wenn die Gelder und Waffen weder aus den USA, der Türkei oder den Golfstaaten gekommen sein sollen, woher kamen sie dann?  Immerhin bestätigte selbst CNN: „Privat zumindest geben Offizielle zu, dass zwar Biden undiplomatisch war, er aber nicht ganz falsch lag. Quellen belegen, dass konkurrierende Agendas unter den Alliierten in der Region es zugelassen haben, dass Geld und Waffen in die Hände von Extremisten gelangten.“

Weiterhin hat Biden in seiner Havard-Rede davon gesprochen, die Türkei hätte die Grenzen durchlässig gehalten, so dass es freiwilligen Dschihadisten möglich gewesen war, über die Türkei nach Syrien zu gelangen, um sich dort den Terrortruppen des „Islamischen Staates“ (IS) anzuschließen.

Joe Bidens Rede war eine Steilvorlage für den russischen Propaganda-Sender Russia Today (RT), der in seiner gewohnt ironischen Art den Vizepräsidenten beim Wort nahm. RT erinnerte daran, dass auch die USA noch vor kurzer Zeit darauf fokussiert waren, Rebellengruppen in Syrien in ihrem Kampf gegen Assad zu unterstützen.

Nach Ansicht der ehemaligen britischen MI5-Agentin Annie Machon, versuchen die USA sich vom Chaos zu distanzieren, das durch ihre wahllose Unterstützung der Anti-Assad-Rebellen entstanden sei. Sie verweist auf das russische Pipeline-Projekt, das durch Syrien führte. Es sei in britischem und amerikanischem Interesse gewesen, die Region zu destabilisieren. Nach Annie Machon waren die USA und Großbritannien daran interessiert, das mit Russland verbündete Assad-Regime zu stürzen, um Russlands Interessen in der Region zu durchkreuzen.

Biden vergleicht US-Saudi-Zusammenarbeit mit dem Bündnis von Alliierten und Stalin

Auf die Frage eines Studenten, wie es sein könne, dass einerseits die Frage der Menschenrechte die US-Außenpolitik beeinflusse, doch andererseits die USA mit Ländern wie Saudi-Arabien und Katar kooperieren, in denen Menschen enthauptet und Gastarbeiter wie Sklaven behandelt werden, gab Biden eine außergewöhnliche Antwort.

Biden betonte, die USA hätten ihren arabischen Verbündeten klipp und klar gemacht, dass man mit der Lage der Menschenrechte in diesen Ländern nicht einverstanden sei. Dann zog Biden einen Vergleich mit dem Zweiten Weltkrieg. Obwohl die USA damals gewusst hatten, dass Josef Stalin ein grausamer Diktator ist, kämpfte man mit ihm gemeinsam gegen Nazi-Deutschland.

In diesem Zusammenhang verwies Biden auf die Eigeninteressen der Staaten. Das Eigeninteresse der USA hatte bereits Zbigniew Brzezinski – der jetzige Berater von Obama und Biden – vor zwanzig Jahren deutlich gemacht: Es geht um die amerikanische Vorherrschaft in der Welt.

 

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Kommentare zum Artikel

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Gravatar: p.feldmann

In Bezug auf die USA und ihr Selbstbild darf man an die treffende Analyse Sloterdijks in Nietzsches 5.Evangelium erinnern: er bezeichnet dort die USA als das "größte Selbstlobkollektiv der Menschheitsgeschichte". Damit ist implizit gesagt, dass die USA eines sicher nicht besitzen: sie haben keine kritische Vernunft, sondern nur eine technische Vernunft. Und das wiederum entlarvt schon theoretisch den ewigen amerikanischen Missbrauch des Freiheitsbegriffes (praktisch kann sich jeder anhand von Guantanamo etc. selbst ein Bild machen von der Haltlosigkeit und totalitären Gefährlichkeit einer derart unkritischen Freiheits-Rede): Freiheit ohne kritische Vernunft ist nur ein Propagandabegriff.

Gravatar: kein Freund der USA

Wie kann ein Land wie die USA, mit all seinen Defiziten in jedem nur denkbaren Bereich eine
Führungsrolle in dieser Welt, die ohne die USA eine wesentlich bessere Welt wäre, beanspruchen? De facto hat sie diese Führungsrolle, aber worauf gründet sich diese
Position. Jedes Land, so auch die BRD, weiß, was es bedeutet, sich dieser Militärmacht,
denn nichts anderes ist es, was dieses Land zu bieten hat, entgegenzustellen oder auch nur infrage zu stellen. Unsere BRD-Vasallenregierungen haben sich doch alle ihre Knie schon wundgescheuert vor lauter katzbuckliger Ehrerbietung über Jahrzehnte hinweg.
Auf all die bisher von mir noch nicht angesprochenen Defizite in diesem "Land der unbegrenzten Möglichkeiten" an dieser Stelle einzugehen, verbietet sich von selbst, wenn ich nicht meine ganze Bibliothek zu diesem Thema und alle mir zur Verfügung stehenden Quellenangaben in diesem Kommentar veröffentlichen will.
Zu einem weltweiten Führungsanspruch dürfte in einem humanistischen Weltbild auch
ein Minimum an ethischen und moralischen Zielvorstellungen gehören, bei denen US-He-
gemonialbestrebungen und die beabsichtigte Versklavung der Restwelt keinen Platz
haben dürften. Wer so offen wie die USA die Kriegstreiberei auf seine Fahnen geschrieben
hat, sollte es zumindest vermeiden zu behaupten, er sei ein Vorkämpfer für eine "Freie
Welt". Diese USA verbindet sich notfalls mit dem Teufel, wenn dabei ein paar Dollar zu
verdienen sind.

Gravatar: keinUntertan

Vasallentum und Freundschaft sind verschiedene Dinge. Ob Merkel den Unterschied versteht?

Gravatar: Elmar Oberdörffer

Wer die USA zum Freund hat, braucht keine Feinde mehr.
"Seiner Meinung nach sei die NATO die Garantie dafür, dass die Staaten Europas ihre eigenen Wege gehen könnten, ohne von außen beeinflusst zu werden. Doch sei diese Garantie durch die russische Aggression herausgefordert worden."
Daß die Staaten Europas am Gängelband der USA hängen, ist keine Beeinflussung von außen?
"Dann erzählte Biden, wie die USA mit Nachdruck die zögerlichen EU-Staaten dazu gedrängt haben, Sanktionen gegen Russland umzusetzen. Stolz resümiert er die bitteren Folgen für die russische Wirtschaft."
Auch keine Beeinflussung von außen. Die bitteren Folgen für die europäische Wirtschaft erwähnt er nicht. Sein Geschwätz vom Freiheitsdrang der Amerikaner ist der reinste Hohn. Wenn die Amerikaner frei wären, würden sie sich die ständige und lückenlose Überwachung durch die NSA und andere Geheimdienste nicht gefallen lassen. Aber vielleicht halten sie sich für frei, weil sie Schußwaffen tragen dürfen.

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