Nahostkrise

Vereinigung aller Kurden im Kampf gegen IS?

Hunderttausende Kurden sind auf der Flucht. Nun will die PKK den syrischen Kurden zur Hilfe kommen. Gleichzeitig will der Westen die kurdischen Peschmerga aufrüsten. Der Türkei passt beides nicht.

Foto: jan Sefti/flickr.ocm/CC BY-SA 2.0
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Hunderttausende Kurden in Syrien und im Irak sind auf der Flucht vor den radikal-muslimischen Dschihadisten des IS („Islamischer Staat“). Sie fliehen entweder über die nördliche Grenze in die Türkei oder in die sicheren kurdischen Autonomiegebiete des nordöstlichen Irak. Die dortigen Kämpfer der irakisch-kurdischen Peschmerga hatten sich bereits mehrfach heftige Gefechte mit den IS-Terroristen geliefert. Immerhin konnten die Kurden Angriffe der IS-Milizen auf Kirkuk und Mossul abwehren.

Als Reaktion auf die massenhaften Flüchtlingsströme syrischer Kurden während der letzten Tage hat nun die in der Türkei agierende Rebellenorganisation der marxistischen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) zum Kampf gegen den IS und zur Solidarität mit den Kurden Syriens ausgerufen. Die PKK will im Verbund mit der syrisch-kurdischen PYD und den verschiedenen kurdischen Bürgerwehren die radikalen Dschihadisten zurückdrängen.

Einige NATO-Staaten – unter anderem auch Deutschland – wollen die Kurden mit Waffen unterstützen. Von Gewehren bis Panzerabwehrraketen sollen die Kurden mit Altbeständen der Bundeswehr ausgerüstet werden. Die Kurden freuen sich, denn sie sind den IS-Truppen an Bewaffnung noch unterlegen. Hauptsächlich sollen die Waffen in Erbil, der Hauptstadt des kurdischen Autonomiegebietes im Nordostirak, an die Peschmerga ausgeteilt werden. Gleichzeitig startete der Westen seine Luftunterstützung. Französische Flugzeuge operieren im Irak, US-amerikanische sowohl im Irak als auch in Syrien gegen Stellungen des IS und anderer Terroristengruppen.

Der Türkei sind die ganzen Entwicklungen unangenehm, denn sie befürchtet zum einen, dass die kurdischen Peschmerga die Waffen an die PKK weitergeben könnten, zum anderen beobachtet man in Ankara mit Sorge die kurdischen Flüchtlingsströme.

Im Nahen und Mittleren Osten leben rund 35 Millionen Kurden

Kaum eine Nationalität im Nahen und Mittleren Osten wird so unterschätzt wie die Kurden. In den einzelnen Staaten gelten sie als Minderheiten. Doch zusammengenommen zählen sie mehr als 35 Millionen. Davon leben etwa 2-3 Millionen im Norden Syriens, rund 6-7 Millionen im Nordosten des Irak, etwa 7-8 Millionen im Nordwesten des Iran und 11-15 Millionen im Südosten der Türkei. In der weltweiten Diaspora leben weitere 2-3 Millionen Kurden, davon mindestens 800.000 in Deutschland. Im Nahen Osten sind sie nach den Türken, Arabern und Persern die zahlenmäßig stärkste Bevölkerungsgruppe.

Würden die Kurden einen eigenen Staat bekommen, so würde dieser Teile der nordmesopotamischen Ebene, einen Großteil Südostanatoliens und den Nordteil des iranischen Zagrosgebirges umfassen. Im Herzen ihres Staates hätten die Kurden die reichen Ölquellen von Kirkuk. Ein solcher Staat wäre nicht nur lebensfähig – er wäre eine lokale Macht.

Doch die Idee des „freien Kurdistan“ hat vier unerbittliche Gegner: Syrien, Türkei, Irak und Iran. Denn diese Staaten müssten beträchtliche Gebiete ihres Staatsterritoriums abgeben. Das werden sie niemals tun.

Daher betrachten sie das wirtschaftliche Aufblühen des erdölreichen autonomen Kurdengebietes im Nordirak mit Argwohn. Sie fürchten, dass die Autonomieregion Vorbild für ähnliche Abspaltungsprozesse in anderen Staaten zur Folge haben könnte.

Zweifelhafte Rolle der Türkei

Die kurdische PKK ist seit Jahrzehnten im Visier der türkischen Regierung. Die Türkei bekämpft alle nationalistischen und freiheitlichen Bewegungen der Kurden. Die Abtrennung der kurdischen Gebiete im Südosten Anatoliens kommt für die türkische Regierung unter keinen Umständen in Betracht.

Ebenso steht die Türkei seit langem der syrischen Regierung gegnerisch gegenüber. Das war unter dem alten Präsidenten Hafiz al-Assad so und hat sich unter dessen Sohn Baschar al-Assad nicht geändert. Es gab viele Gründe für gegenseitiges Misstrauen. Da war der Streit ums Wasser des Euphrat, diverse Grenzstreitigkeiten, die türkische Unterstützung der Sunniten in der Levante und im Irak sowie das Ringen um Einfluss in der Region.

Daher hat die türkische Regierung lange Zeit beide Augen zugedrückt, wenn die terroristischen IS-Milizen und andere Dschihadisten aus Syrien in den türkischen Grenzgebieten ein heimliches Rückzugsgebiet gefunden haben. Erst auf internationalen Druck sowie nach der Eskalation der IS-Gräuel hat die Türkei nachgegeben. Nun zeigt sie zaghafte Anstalten der Kooperation im Kampf gegen den IS.

Die lange Grenze zwischen der Türkei und Syrien macht die aktive Mithilfe der türkischen Regierung beim Kampf gegen die Dschihadisten unverzichtbar. Deshalb drängen fast alle am Kampf beteiligten Staaten auf ein größeres Engagement der Türkei. Doch Ankara zögert.

Als kürzlich kurdische Flüchtlinge über die Grenze in die Türkei vordrangen, kam es zu Auseinandersetzungen mit türkischen Grenzpolizisten. Nach türkischen Angaben wollten die Grenzpolizisten jedoch lediglich den umgekehrten Weg kurdischer Kämpfer nach Syrien verhindern. Viele junge Kurden aus der Türkei wollen dem Aufruf der PKK folgen und den Flüchtlingen in Syrien helfen. In Istanbul haben bereits mehr als 10.000 Kurden demonstriert. Hunderte sind auf dem Weg nach Syrien. Doch die türkischen Behörden erlauben keine Ausreise.

Massenflucht bei Ain al-Arab

Die syrische Grenzstadt Ain al-Arab, von den Kurden Kubane genannt, ist von IS-Truppen eingekesselt. Die Stadt hat etwa 50.000 Einwohner. Allerdings sollen sich wegen der Flüchtlingsströme im Kessel zurzeit mehrere hunderttausend Menschen befinden. Sie hoffen auf eine Flucht in die Türkei, während die IS-Milizen immer näher rücken. Die Terroristen erobern in der Umgebung von Ain al-Arab ein Dorf nach dem anderen und massakrieren die Bewohner.

Die Türkei wäre der ideale NATO-Partner, um die bedrängten Kurden in Ain al-Arab aus der Falle zu holen. Doch sie tut es nicht. Denn die Türkei sitzt selber in der Falle, und zwar der Falle ihrer eigenen fehlgeschlagenen Politik und Diplomatie.

Als Möchtegernführungsmacht des sunnitischen Islam und des Nahen Ostens hat die Türkei unter Präsident Erdogan lange auf die Entmachtung Assads in Syrien gehofft. Doch nicht nur die Türkei, auch Saudi-Arabein, Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate spielten lange Zeit eine undurchsichtige Rolle in diesem doppelten Spiel. Denn offen bleibt die Frage, wer den „Islamischen Staat“ finanziell unterstützt hat. Der Verdacht fiel immer wieder auf Geldquellen aus den Golfstaaten.

Doch nun haben die Golfstaaten auf offizieller Ebene ihre Bereitschaft gezeigt, gemeinsam mit den USA und ihren Verbündeten gegen den IS vorzugehen. Grund dürfte auch die Erklärung des IS sein, nicht nur Gebiete in Syrien und Irak zu beanspruchen, sondern die ganze sunnitische Welt, ja gar auf Mekka marschieren zu wollen.

Daher haben die Terroristen ihren Namen von ISIS („Islamischer Staat im Irak und Syrien“) bzw. ISIL („Islamischer Staat im Irak und der Levante“) in IS („Islamischer Staat“) umgewandelt, um ihren universalen Machtanspruch auf die gesamte islamische Welt hervorzuheben. Es wird befürchtet, dass der IS unter den sunnitischen Muslimen weltweit Sympathisanten hat. Der IS rekrutiert aus Kämpfer aus allen Ländern, auch aus Deutschland.

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Kommentare zum Artikel

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Gravatar: Karl Letis

Die Kurden hätten längst ihr eigenes Land bekommen müssen.

Wiedermal ist die NATO (siehe Türkei) die Ursache dafür, dass Menschen in Unfreiheit leben müssen.

Gravatar: Lars

Seit Jahrzehnten werden die Kurden von irgendwelchen Despoten unterdrückt, wenn sich dagegen zu Wehr setzen werden sie als Terroristen kriminalisiert. Das die Staaten in den Kurden Menschenrechte mit Füßen getreten werden spielt seltsamer weise keine Rolle. Die Jahrzehnte währende Anti-Kurden Lobby der Türkei hat es geschafft die Kurden auf der ganzen Welt als gefährliches Übel darzustellen. Dabei sind es die Kurden die sich nun den international unterstützten Islamisten entgegenstellen. Wir sollten den Interessen der Despoten Staaten im mittleren Osten keine Aufmerksamkeit schenken und die Kurden endlich unterstützen.

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