Politik und Diplomatie

US-Politiker in China: Rhetorik der Arroganz

Wenn US-Politiker sich außenpolitisch wie Elefanten im Porzellanladen benehmen: Anstatt auf die Befindlichkeiten anderer Kulturen Rücksicht zu nehmen, wird knallhart der Weltmachtanspruch verteidigt.

Foto: Chad J. McNeeley / Chuck Hagel / flickr.com / CC BY 2.0 (Ausschnitt)
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Man muss sich einmal in die Lage der Chinesen hineinversetzen. Ihre Zivilisation fußt auf 5.000-jähriger Geschichte. Ihr historisches Selbstverständnis drückt sich bereits im Namen ihres Staates aus: Zhōngguó – Reich der Mitte. Als solches haben sie sich immer verstanden. Sie sind stolz auf ihre Kultur, ihre Sitten, ihre Traditionen, ihre Erfindungen. Sie denken in langen Zeiträumen. Heute hat China mit 1,4 Milliarden Menschen mehr Einwohner als ganz Europa und Nordamerika zusammengenommen.

Für die Chinesen war das 19. und frühe 20. Jahrhundert eine Epoche der Demütigungen: Opiumkriege, Hungersnöte, westliche Interventionen und schließlich der japanischer Überfall während des Zweiten Weltkrieges. Doch nun hat China einen beispiellosen wirtschaftlichen Aufstieg vollbracht und ist auf dem Wege, die USA als Wirtschaftsmacht einzuholen. Das Land ist wieder auf dem Kurs, dorthin zurückzugelangen, wo es über Jahrtausende seinen Platz hatte.

Wie die USA China vor den Kopf stoßen

Wie mag es vor dem Hintergrund dieses Selbstverständnisses wirken, wenn US-Präsident Barack Obama, beispielsweise bei seiner Rede beim APEC-Gipfel in Peking, und wenn Außenminister John Kerry und Vizepräsident Joe Biden bei verschiedenen Gelegenheiten immer wieder von der ausschließlichen Führungsposition der USA sprechen? Sie teilen den Chinesen wiederholt klipp und klar mit, dass die USA die Hegemonie im pazifischen Raum beanspruchen und weiterhin die Führungsrolle in der Welt wahrnehmen werden, weil angeblich sonst kein anderes Land dazu bereit wäre. Leadership – das ist das Stichwort, mit dem sich jede US-Doktrin zusammenfassen lässt.

Man mag sich über die Berater der US-Politiker wundern. Merken sie denn nicht, dass sie mit ihrer Rhetorik, mit ihren Reden und Ansprachen die Menschen in Asien und insbesondere in China vor den Kopf stoßen? Die Reaktion ist immer dieselbe: Die chinesischen Politiker und Wirtschaftsvertreter zeigen ihr versteinertes Lächeln, jenes Lächeln, das sie immer dann aufsetzen, wenn sie nicht ihr Gesicht verlieren wollen. Doch sie wissen: Die Amerikaner – die Měiguórén – sind nun mal so, wie sie sind. Wer in China einen Amerikaner karikiert, stellt einen übertrieben selbstbewussten Menschen dar, der sich nicht um Höflichkeiten und Anstandsregeln schert. Vorurteilen gibt es eben auf allen Seiten.

Amerikanischer Exzeptionalismus

Dabei handelt es sich nicht nur um Chinesen, denen das amerikanische Weltmachtgehabe unangenehm ist. Wie mögen sich die Menschen in Russland, Indien, Japan oder Brasilien fühlen, wenn sie in den Zeitungen über die US-amerikanische Außenpolitik lesen und feststellen, dass die US-Amerikaner ganz frei und offen mit Begriffen umgehen wie: »Full-Spectrum Dominance«, »Full-Spectrum Superiority«, »New World Order«, »Pax Americana«, »Unipolarity« oder »Global Hegemony«?

Die Art und Weise, wie völlig selbstverständlich ein Führungsanspruch artikuliert wird, schlägt Menschen anderer Kulturen und anderer staatlicher Traditionen buchstäblich vor den Kopf. Die unipolare Weltordnung wird diesen Staaten alternativlos aufoktroyiert.

Fast jedes Mal, wenn in den USA eine Aktualisierung der Sicherheitsdoktrin formuliert wird, ist ein universeller Sicherheits- und Kontrollanspruch für die ganze Welt impliziert. Die Probleme und Interessen der USA müssen auch die anderen Staaten sich zu ihren eigenen machen.

Man fragt sich unweigerlich: Was mag dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping durch den Kopf gehen, wenn John Kerry und Joe Biden ihm sinngemäß erklären, dass der gesamte Pazifische Ozean amerikanisches Schutz- und Interessengebiet sei? Mittlerweile sind der Pazifik und der Atlantik für die USA das, was das Mittelmeer einst für das Römische Reich war: mare nostrum – unser Meer.

Kann es angesichts dieses offenen Dominanzstrebens seitens der USA verwundern, wenn die Russische Förderation als Erbe der einstigen Supermacht Sowjetunion sich der US-amerikanischen Vorstellung einer unipolaren Weltmachtstruktur widersetzt?

Erbe der europäischen Tradition

Einst waren es die Europäischen Kolonialmächte, die die Welt unter sich aufteilten. Doch auch nach der Zeit des Kolonialismus war das Selbstverständnis der westlichen Staaten von einem arroganten Überlegenheitsgefühl geprägt.

Dieses eurozentrische Selbstverständnis ist nur teilweise überwunden. Hier und da schimmert auch in Europa die Überheblichkeit des Westens durch. Beispielsweise, wenn die Bundeskanzlerin Angela Merkel bei ihren Staatstreffen mit chinesischen Politikern die Einhaltung der Menschenrechte anmahnt.

Wie sollen Chinesen das verstehen? Das klitzekleine Deutschland, das jüngst erst den wilhelminischen Imperialismus, das Dritte Reich und die DDR überwunden hat, stellt sich nun als Vorzeigenation hin, die andere Länder zu ermahnen hat? Und das uralte Reich der Mitte, in dem die Menschen ihr Sozialverhalten nach den alten Regeln des Konfuzius ausrichten, soll sich in punkto Persönlichkeitsrechte belehren lassen? Und was die Kritik an der kommunistischen Partei angeht, kamen Karl Marx und Friedrich Engels, die in China trotz allem immer noch höchstgeschätzt sind, nicht aus Deutschland?

Und all diese Kritik, obwohl es in China gerade in jeder Hinsicht bergauf geht, der Maoismus überwunden ist, die Trümmer der Kulturrevolution aufgeräumt sind und mittlerweile mehrere Hundertmillionen Chinesen sich einen annähernd westlichen Lebensstandard erarbeitet haben?

Chinesen fühlen sich missverstanden

Jeder, der China ausgiebig bereist hat, wird feststellen, wie stolz viele Chinesen auf ihr Land und das bisher Erreichte sind. Für die Chinesen der älteren Generation ist vor allem das Wirtschaftswunder der letzten drei Jahrzehnte ein Grund, froh zu sein. Denn sie haben noch den Hunger und die bittere Armut kennen gelernt. Allein während des so genannten »Großen Sprungs nach vorn«, in den Jahren 1958 bis 1962, waren 20 bis 40 Millionen Menschen verhungert.

Und heute? Immer mehr Chinesen können sich eine geräumige Wohnung leisten, einen Fernseher, einen Computer, sogar ein Auto. Reisen ins Ausland sind möglich. Mittlerweile sind die Chinesen Reiseweltmeister geworden, in absoluten Zahlen natürlich. Das wäre noch vor drei Jahrzehnten undenkbar gewesen.

In den Großstädten schießen die Wolkenkratzer wie Pilze aus dem Boden. Und das nicht nur in Shanghai. In China gibt es eine ganze Heerschar von Millionenstädten mit imposanter Skyline. Die gewaltige Binnenmetropole Chóngqìng am Jangtsekiang-Fluss sieht mittlerweile aus wie Manhattan und ist auf dem besten Wege, Shanghai und Hongkong als Wirtschaftsmotor Konkurrenz zu machen.

Dementsprechend enttäuscht sind die Chinesen, wenn ihr Streben und Wirken, ihr Erfolg und Aufbau nicht gewürdigt werden. Sie wundern sich, dass im westlichen Fernsehen immer nur von Studentenunruhen und von Unterdrückung berichtet wird. Das ist nicht das, was die meisten Chinesen in ihrem Alltag empfinden. Sie sehen, dass es bergauf geht.

Es ist so, als würde im chinesischen Fernsehen nur von den Mai-Demonstrationen in Berlin berichtet werden, mit dem Kommentar, dass die deutsche Bevölkerung unzufrieden sei und bald eine Revolution drohe. Was würden Deutsche denken, wenn sie von Chinesen gefragt würden, ob in Deutschland die Menschenrechte eingehalten werden, weil man im Fernsehen nur Demonstranten und Unzufriedene sehe?

Was ist so schlimm an einem polyzentrischen Weltbild?

Die BRICS-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika) streben offen nach einer polyzentrischen, einer mulipolaren Welt. Sie wollen nicht nur mitreden, sondern auch mitbestimmen. Und sie wünschen sich, dass die Welt nicht nur an westlichen Maßstäben gemessen wird.

Es ist für viele Menschen in China schlicht unverständlich, warum die USA und ihre westeuropäischen Verbündeten die Bewertungskriterien diktieren, nach denen sich die Gesellschaften und Staaten der Erde zu richten haben. Sie wollen nicht nur mitspielen, sondern auch bei der Gestaltung der Spielregeln ein Wörtchen mitreden wollen. Wer kann es ihnen verdenken?

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Kommentare zum Artikel

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Gravatar: Bakelari

Sehr gut recherchiert, sehr einfühlsamer Artikel. Danke

Gravatar: Picard

Und darüberhinaus scheinen die Amis unter GEDÄCHTNISSCHWUND zu leiden.Man fragt sich,ob die Ursachen im hohen Fleischkonsum ,Coca Cola gesöffs und anderer Fettbomben hat.2 drittel der Amis sind zu dick.Kugelrund und Kugeldumm`. Ihre Ausgaben für den MILIÄRISCH-INDUSRIELLEN komplex betragen 700 Milliarden Dollar Jährlich,werden in diesem komischen Land Millionen US-Bürger von LEBENSMITTEL CARDS abhängig .Millionen leben an der Armutsgrenze oder darunter und es werden Jährlich mehr.Eine Schande ohnegleichen, und dies in einem sogenannt sich "christlich" nennenden Land.Es ist auch ausserordentlich befremdlich,dass diese Nation,in der es viele UFO-Sichtungen und auch Begegnungen der dritten Art gegeben hat,sich die Amis immer noch so überheblich als Krone der Schöpfung verstehen.Alles TATSACHEN WERDEN UNER DEN ISCH GEWISCHT,SO AUCH DIE BERÜHNTE REDE UND WARNUNG vom Präsidenten D.Eisenhauer vor dem Militürisch Industriellen Moloch als Gefahr für die Demokratie,FRIEDEN und Freiheit.

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