Erdöl und Erdgas

Petrodollar-Imperium in Bedrängnis

Fossile Rohstoffe sind die Grundlage unserer Industriezivilisation. Wer sie kontrolliert, beherrscht die Welt. Die USA haben sogar ihre Währung mit dem Rohöl verknüpft. Wenn das Petrodollar-Imperium fällt, haben die USA ein Problem.

Foto: cowboybeeboop/flickr.com/CC BY-NC 2.0
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Der Puls der Zeit wird an Pipelines gemessen. Sie sind die Schlagadern der Weltwirtschaft. Wird der Hahn zugedreht, geht es geradewegs zurück ins Mittelalter. Denn alles, was unser Konsumzeitalter ausmacht, wäre ohne fossile Rohstoffe wie Kohle, Erdgas und Erdöl nicht denkbar. Sie sind die primären Energieträger unserer Zeit. Unsere Abhängigkeit ist existentiell.

Von der Ukraine, Syrien, Iran, Libyen, Afghanistan bis Venezuela: Fast alle politischen Krisen und Stellvertreterkriege des frühen 21. Jahrhunderts stehen im Zusammenhang mit dem Kampf um fossile Ressourcen und deren Handelswege. Während in den Medien das weltweite Ringen um Demokratie und Menschenrechte inszeniert wird, verhandeln in den Hinterzimmern Politiker und Konzerne die geostrategische Positionierung auf dem „Grand Chessboard“, wie es Brzezinski einst formuliert hatte. Die Kontrolle des globalen Öl- und Gashandels ist hierbei von vorrangiger Bedeutung.

Wir leben im Zeitalter der fossilen Rohstoffe

Steinzeit, Bronzezeit, Eisenzeit, Kohlenwasserstoffzeit – so würden Archäologen der Zukunft unser Zeitalter einordnen. Kohlenwasserstoffe sind insbesondere in den Rohstoffen Kohle, Erdgas und Erdöl gebunden.

Die industrielle Revolution begann mit der Dampfmaschine. Kohle war im 19. Jahrhundert der wichtigste Energieträger. Dann kamen Erdöl und Erdgas hinzu. Neue Endeckungen auf dem Gebiet der Petrochemie haben seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Industrialisierung eine neue Dimension verliehen. Kohlenwasserstoffe sind geradezu ein Zauberstoff, aus dem sich alle möglichen Kunststoffe und Brennstoffe entwickeln lassen. Sie sind die Energie und das Material unseres modernen Lebens.

Kohlenwasserstoffe aus fossilen Rohstoffen umgeben uns im Alltag

Heizöl und Ergas halten uns warm. Schiffsöl, Diesel, Kerosin und Benzin machen uns mobil. Selbst wer aufs Fahrrad umsteigt und Solarenergie nutzt, kann aus der Welt der fossilen Rohstoffe nicht aussteigen. Unser Wohlstand ist allumfassend von ihnen abhängig. Fast alle synthetischen Kunststoffe, Plastik- und Gummivarianten in unserem Alttag sind auf Kohlenwasserstoffbasis hergestellt: Acryl, PVC, HDPE, Polyethylen, Polycarbonat, Polypropylen usw.

Egal ob Kosmetik oder Pharmazie, Spielzeug oder Haushaltsgeräte, Computer oder Handy, Lebensmittelverpackungen oder Druckfarbe, Turnschuhe oder Nylonstrumpfhosen: ein Großteil unserer Alltagskonsumgüter verdanken wir der Petrochemie. Fast die gesamte technologische Entwicklung der letzten hundertfünfzig Jahre wäre ohne sie nicht vorstellbar gewesen. Auch die moderne Landwirtschaft kommt ohne sie nicht aus. Vom Kunstdünger bis zum Nahrungsmitteltransport, überall ist der Verbrauch petrochemischer Produkte involviert. Die Lebensmittelvielfalt im Supermarkt verdanken wir dem Erdöl.

Amerika hat den Dollar auf Gedeih und Verderb mit dem Rohöl verknüpft

Der Goldstandard ist seit 1973 passé. Schon 1971 hatte US-Präsident Nixon die Abkehr von der Goldkoppelung des Dollars angekündigt. Diese Ankündigung ging als Nixon-Schock in die Geschichte ein.

Seitdem ist der Dollar ans Öl gebunden. Es fing mit der OPEC an und wurde schließlich weltweiter Standard. Weil an den Börsen Rohstoffe wie Erdöl und Erdgas in der US-Währung gehandelt werden, bleibt die Dollarnachfrage auf hohem Niveau. Daher kann die „Federal Reserve“ (FED) größere Mengen an Dollarnoten in den Geldumlauf bringen, ohne dass die Inflation außer Kontrolle gerät. Verständlich, dass es Washington ungern sieht, wenn „Schurkenstaaten“ gegen den Petrodollar rebellieren.

Libyens Angriff auf den Petrodollar: Gaddafis Gold-Dinar

Libyen hatte über Jahre Goldreserven angehäuft, um eine neue Währung auf Goldstandardbasis zu schaffen: den Gold-Dinar. 2011 hatte Muammar al-Gaddafi angekündigt, Libyens Rohöl nur noch gegen diese Währung zu verkaufen. Dann hatte er die Erdölexportländer Afrikas und der islamischen Welt dazu aufgerufen, ihm zu folgen. „Gold for Oil“, war die Devise. Sein weiteres Schicksal ist bekannt.

Saddam Husseins Abkehr vom Petrodollar

Saddam Hussein hatte 2000 angekündigt, irakisches Rohöl nicht mehr in Dollar, sondern gegen Euro zu verkaufen. Dass diese Ankündigung den Amerikanern nicht gefiel, war offensichtlich.

Dick Cheney, von 1995 bis 2000 Aufsichtsratsvorsitzender und CEO des US-Energiekonzerns Halliburton, hatte andere Pläne mit dem Irak. Unter Cheneys Zeit als CEO hatte Halliburton bereits Geschäfte mit Irak und Afghanistan gemacht. Im Geiste der neokonservativen Denkfabrik „Project for the New American Century (PNAC)“ und der „National Energy Policy Development Group (NEPDG)“ hatten die Washingtoner Falken ihr geostrategisches Schachspiel längst auf den Kampf ums mittelöstliche Rohöl fokussiert.

Dann fiel ihnen 9/11 in den Schoß. Noch im selben Jahr begann die militärische Intervention in Afghanistan. 2003 folgte der Irakkrieg. Der angebliche Kriegsgrund, Irak hätte Massenvernichtungswaffen, erwies sich als Lüge. Der irakische Erölexport wurde unmittelbar nach Besetzung der Ölfelder wieder in Petrodollar durchgeführt.

Iran und der Petrodollar

Der Iran verfügt über gigantische Erdgasfelder und über die zweitgrößten Erdölreserven der Welt. Seit 2003 macht der Iran zunehmend Anstalten, sich vom Petrodollar abzuwenden und sein Erdöl in anderen Währungen zu handeln.

Der Iran ist zu groß, um militärisch zu intervenieren. Aber er ist von US- und NATO-Truppen umzingelt. Die Sorge der USA ist Irans Atomprogramm. Ein nuklear bewaffneter Iran wäre unangreifbar und unkontrollierbar wie Nordkorea. Die Abnehmer iranischen Erdöls sind Staaten wie Südkorea, Japan und China.

China und Russland

Die russische Erdölindustrie hat lukrative Verträge mit China abgeschlossen. Das Reich der Mitte braucht Russlands Ressourcen. Dank neuer Pipelines in Zentralasien kann Russland riesige Mengen an Erdöl und Erdgas, die ursprünglich für den europäischen Markt bestimmt waren, nach China umleiten. China überholt gerade die USA in der Rolle des größten Erdölimporteurs und wird somit zum wichtigsten Handelspartner vieler Erdölexportländer.

Die westlichen Reaktionen auf die Ukraine-Krise verstärken Russlands Orientierung an den chinesischen Markt. Im Rahmen der „Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ)“ wird nicht nur die wirtschaftliche und politische Zusammenarbeit beider Staaten intensiviert, sondern auch militärisch kooperiert. Iran hat bei der SOZ Beobachterstatus.

Die chinesische Börse „Shanghai Futures Exchange“ hat derweil angekündigt, den Handel mit Erdöl-Terminkontrakten (Futures) nur noch in der Landeswährung Yuán Rénmínbì abzuwickeln. Schon 2012 hatte China erklärt, dass alle Börsen des Landes sich darauf eingestellt haben, Erdöl in auch chinesischer Währung zu handeln und nicht nur in US-Dollar. Auch Russland will den Ölhandel vom Dollar auf Rubel umstellen.

Nordamerika strebt nach „Energy Independence

In Kanada und den USA wird derzeit alles daran gesetzt, Nordamerika von Erdöl- und Erdgasimporten unabhängig zu machen und selbst Exporteur zu werden. Deshalb werden verstärkt die Ölvorkommen in Sanden und Schiefer abgebaut und Fracking (Hydraulic Fracturing) betrieben. Selbstverständlich werden diese Vorkommen in US-Dollar gehandelt.

Doch reichen diese Ambitionen nicht aus, um langfristig den Petrodollar zu sichern. Weiterhin werden amerikanische Energiekonzerne versuchen, weltweit Schürfrechte zu sichern und Absatzmärkte zu binden. Jüngster Schachzug ist das Bemühen verschiedener US-Energie-Unternehmen, in Polen und der Ukraine Erdöl und Erdgas mittels Fracking fördern zu dürfen, um somit den europäischen Energiemarkt stärker von Russland loszulösen und heim ins Petrodollarimperium zu holen. Auch die deutsche Bundesregierung hat angekündigt, sich energiepolitisch neu zu orientieren.

 

 

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Kommentare zum Artikel

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Gravatar: Klaus Kolbe

Zu diesem Thema lese man das Buch des texanischen Autors F. William Engdahl:

Titel:
Mit der Ölwaffe zur Weltmacht

Über den Inhalt:

Die aufregende Geschichte des Erdöls, das in der Hand kalt kalkulierender Strategen zur Waffe um die Weltherrschaft wurde

Dieses Buch verfolgt einen manchmal fast unsichtbaren Faden, eine rote Linie der Ölgeopolitik, der Militär- und Finanzmacht, die mehr als ein Jahrhundert lang ein Hauptfaktor für die Entscheidungen von Regierungen, Terroristen und ganzen Ländergruppen gewesen ist. Nichts hat die Geschichte der letzten hundert Jahre so geprägt wie der Kampf um die Kontrolle der Weltölreserven. William Engdahls Betrachtungen bieten dem Leser einen beeindruckenden Blick hinter die Kulissen der Weltpolitik.
Er beleuchtet die wahren Hintergründe von Kriegen und Wirtschaftskrisen, von Attentaten und Mordanschlägen. Er geht ausführlich auf Schlüsselindividuen und -institutionen wie etwa David Rockefeller, Henry Kissinger, Zbigniew Brzezinski, Winston Churchill, den Council on Foreign Relations, die Bilderberger, die Trilaterale Kommission und deren tatsächlichen Machteinfluß ein – mehr als jedes andere gegenwärtig erhältliche Werk zu diesem Thema.

Gravatar: Lutz Wendorff

Als Physiker bin ich ueberzeugt, dass wir die Abhaengigkeit von Kohle und Oel weitgehend hinter uns lassen koennten, leider gibt es seit ueber 30 Jahren praktisch hier kein R&D wegen des Atomgesetzes, letztlich wegen der Gruenen Wohlstandvernichter. Genau hier lag bei vielen Physikern eine grosse Motivation an der Entwicklung der modernen Kernkraftwerke, z.B. bei Alvin Weinberg. In Deutschland gibt es hier den Dual Fluid Reaktor, der Strom fuer 2 Cent/kWh machen kann und ausserdem preiswert Ersatztreibstoffe fuer Verbrennungsmotoren. Gut moeglich, dass einige Kriege und kriegsaehnliche Vorgaenge nicht passiert waeren, wenn wir weniger abhaengig waeren von den klassischen Energietraegern. Man muss sich klar sein, es werden taeglich etwa 85 Millionen Barrel Rohoel auf der Wert verbraucht, das sind bei 100 $/Barrel 8,5 Milliarden $ taeglich. Es ist eine relativ kleine Gruppe, die profitiert. Wenn durch Klimapanik der Preis um 12$ gehoben wird, verdient die Gruppe jeden Tag eine ganze Milliarde mehr.
(Anm. d. Red.: gekürzt)

Gravatar: Florian Hohenwarter

Ausgezeichneter Artikel!!

So etwas sollte man mal im Spiegel, der FAZ oder in einem der anderen Schmierblätter zu lesen bekommen. Aber unsere Medien müllen uns immer mit Begriffen wie Humanitäre Krise, Menschenrechte und Diktator zu, dabei geht es immer um Machteinfluss, Rohstoffe, Pipelines und so weiter.
Wie sagte schon Egon Bahr:
“In der internationalen Politik geht es nie um Demokratie oder Menschenrechte. Es geht um die Interessen von Staaten. Merken Sie sich das, egal, was man Ihnen im Geschichtsunterricht erzählt.”

Hier noch ein interessantes Interview mit Dr. Daniele Ganser, Friedensforscher aus der Schweiz zum Thema Rohstoffe:
http://www.youtube.com/watch?v=Jyj-ofBUILw
http://www.youtube.com/watch?v=rh6ESH9tDgU

Gravatar: FDominicus

Ich hoffe, es ist bald vorbei mit dem Dollar. Aber das wäre ja zu schön um wahr zu sein. Der Betrug geht so tief und weit, da kann man als "Demokratie" überhaupt nicht nein sagen....

Gravatar: Karin Weber

Nun wissen wir die Politik von Obama und Merkel genauer einzuordnen. Menschen spielen denen scheinbar eine nur untergeordnete Rolle.

Der Kampf um Ressourcen jedweder Art, von Kind bis zum Öl, hat längst begonnen. Die Instrumente derer sich die politische Klasse zur Erlangung dieser Ressourcen bedient sind noch unterschiedlich, aber bald wird man die Hüllen fallenlassen.

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