Erdölpreis und Rubelabwertung

Ölpreis: Wie lange hält Russland durch?

Der Ölpreis ist auf Talfahrt. Für Ölexporteure wie Russland ist das ein Problem. Wenn das Land zusätzlich Anteile am Gasmarkt verliert, hat dies Folgen. Der Rubel ist bereits im Sinkflug.

Foto: Tyler Castner / KOMUnews / flickr.com / CC BY 2.0
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Der Ölpreis sinkt und sinkt. Derzeit liegt er bei rund 80 US-Dollar pro Fass / Barrel (159 l). Gründe hierfür gibt es viele. Die Wirtschaft wächst in vielen Ländern nicht so schnell wie erwartet. Die Industrieproduktion wächst ebenfalls weniger zügig. Außerdem wird weltweit Energie gespart. Motoren werden effizienter. Alternative Energien werden genutzt.

Die Krisen im Nahen und Mittleren Osten ändern an der Situation kaum etwas. Die Ölquellen im Irak und die wenigen in Syrien werden zum Teil illegal von den Anhängern des »Islamischen Staates« ausgebeutet und auf dem Schwarzmarkt verkauft. In allen anderen Staaten der Region gibt es keine politischen oder krisenbedingten Beschränkungen der Ölförderung, im Gegenteil.

Ein wichtiger Faktor ist Anstieg der nordamerikanischen Ölförderung, besonders durch den Abbau der Ölsande, aber auch durch Fracking, das nicht nur für die Erdgasförderung, sondern auch zum Erreichen eingeschlossener Ölvorkommen angewandt wird.

Russlands Exportwirtschaft basiert auf den Verkauf von Rohstoffen. Erdöl und Erdgas sind an ganz vorderer Stelle. Ein niedriger Erdölpreis ist daher für die russische Wirtschaft extrem schädlich. Hinzu kommen die seitens des Westens verhängten Wirtschaftssanktionen und das schrittweise Abbrechen des europäischen Gasmarktes.

Der riesige chinesische Markt soll als Ersatz herhalten. Doch zum einen wächst die chinesische Industrieproduktion und somit ihr Energiehunger geringer als erhofft und erwartet. Zum anderen müssen erst noch die Pipelinenetze erweitert und ausgebaut werden, um den Export nach Ostasien ebenso ökonomisch gestalten zu können wie die Belieferung des europäischen Marktes.

Russland braucht westliche Devisen für den Import wichtiger Waren

In einem Interview mit der Zeitung Die Welt kommentierte der Starinvestor und Russlandkenner Bill Browder die aktuelle Lage Russlands folgendermaßen:

»Wenn der [Ölpreis] auf dem heutigen Niveau von rund 80 Dollar bleibt, gebe ich Russland noch zwei Jahre. Sollte der Preis für das Fass auf 60 Dollar fallen, ist das Land in einem Jahr am Boden. Bei 100 Dollar könnte Russland noch längere Zeit so weitermachen.«

Seine Begründung: »Russland ist auf Gedeih und Verderb aufs Öl angewiesen. Die Wirtschaft bringt einfach keine anderen großen Produkte hervor. Rund drei Viertel der russischen Exporte hängen direkt oder indirekt am Ölpreis. Dazu kommen noch ein paar andere Rohstoffe wie Erze und Metalle, um deren Preis es derzeit ebenfalls nicht gut bestellt ist.«

Inzwischen vermeldete die Deutsche Welle starke Abwertungen des russischen Rubel. Dies hat Auswirkungen auf den Lebensstandard vieler Russen. Denn viele Gebrauchsgüter des alltäglichen Lebens werden importiert, sei es aus dem Westen oder aus Ostasien. Je tiefer der Wert des Rubels fällt, desto teurer werden die Produkte für die russischen Konsumenten.

Ölpreis als Waffe gegen Russland?

Wie unter anderem der Nachrichtensender n-tv berichtete, vermutet Wladimir Putin hinter dem Ölpreis-Rückgang eine »gezielte politische Einflussnahme«. Er sagte: »In manchen Krisenmomenten wächst der Eindruck, dass die Politik bei der Preisgestaltung für Energieressourcen die führenden Rolle spielt.« In diesem Zusammenhang wird in den russischen Medien über einen saudi-arabisch-US-amerikanischen Komplott spekuliert.

Bereits im Oktober berichtete die FAZ, dass die russische Führung die Vereinigten Staaten von Amerika beschuldigt, den Ölpreis künstlich nach unten zu drücken, um Russland in den Bankrott zu treiben. Dies sei bereits in den 1980er Jahren Teil der Strategie gewesen, die Sowjetunion zu Fall zu bringen.

Der CDU-Politiker Willy Wimmer äußerte sich in einem Interview mit FreieWelt.net auf die Frage, ob die aktuelle Ölpreisentwicklung auch politische Hintergründe habe, die Russland treffen sollen, folgendermaßen:

»Das wird offen eingeräumt, und eine TV-Sendung nach der anderen beschäftigt sich mit dieser Frage. Wenn man – siehe Yukos – schon nicht die Kontrolle über die russischen Bodenschätze erhält, dann muss man Russland eben in die ›bedingungslose Kapitulation‹ zwingen, um dieses Ziel zu erreichen. Madeleine Albright hat es auf den Punkt gebracht: Wir wollen die Kontrolle über das russische Öl.«

Immerhin: Einige OPEC-Länder, allen voran die US-Verbündeten Saudi-Arabien und Kuwait, kurbeln seit diesem Sommer die Produktion an, und das, obwohl für diese Länder eigentlich ein hoher Ölpreis wirtschaftlich von Vorteil ist. Damit tun sie nicht nur dasselbe, was sie am Vorabend der Sowjetunion getan haben, sondern auch im Vorfeld der irakischen Besetzung von Kuwait und dem anschließenden Golfkrieg der USA gegen Saddam Hussein.

Gefährlicher Dreiklang im Koordinatensystem: Gaspreis, Ölpreis, Rubelwert

Die Sanktionen gegen Russland in Kombination mit der europäischen Bemühung, sich vom russischen Erdgas unabhängiger zu machen, sowie die zeitlich korrelierende, vermutlich auch kausal bedinge Abwertung des Rubels – all das ist eine brandgefährliche Mischung für die russische Wirtschaft.

US-Präsident Barack Obama meinte vor einigen Monaten, dass Russland für seine Ukraine- und Krimpolitik einen Preis zahlen müsse. Ist dies nun der Preis, den Russland zahlen muss?

Mittlerweile bedroht der freie Fall des Ölpreises jedoch auch die US-Ölindustrie. Denn wenn die arabischen Ölstaaten ihre Produktion im Übermaß ankurbeln und der Preis weiter fällt, dann lohnt sich für viele US-Firmen das Fracking und der Abbau der Ölsande nicht mehr. Es wäre schlicht nicht mehr rentabel.

Was ist zu erwarten? Der Mittlere Osten spielt die Schlüsselrolle!

Wenn man – spekulativer Weise – annimmt, vereinte politische Kräfte gegen Russland stünden hinter der Ölpreisentwicklung, dann wäre zu erwarten, dass der Ölpreis hoch genug bleiben wird, um die US-Ölproduktion wirtschaftlich zu halten, aber niedrig genug bleiben wird, um Russland zu schaden.

Solle dies tatsächlich über einen längeren Zeitraum so geschehen, dann kann man tatsächlich von einer Wiederholung der Geschichte sprechen. Das Petrodollar-Bündnis zwischen den USA und den Golfstaaten hätte dann wieder einmal seine Macht bewiesen.

Es könnte aber auch ein ganz anderer Konflikt dahinter stehen, dem Russland nur als Kollateralschaden zum Opfer fällt.

Denn, obwohl die USA und die Golfstaaten in vielen Bereichen als Verbündete agieren, so ist den Ölscheichs dennoch der Fracking-Boom in den USA ein Dorn im Auge. Sie befürchten den Verlust von Marktanteilen. Denn immerhin strebt Nordamerika nach »Energy Independence«, wie es die eigene Werbung lauthals herausposaunt.

Doch ob die vielen kleinen und mittleren nordamerikanischen Fracking-Unternehmen ihr Werk gewinnbringend fortführen können, hängt auch von der Ölpreisentwicklung ab. Hier sind die arabischen Ölproduzenten klar im Vorteil. Nirgendwo sprudelt das Öl kostengünstiger aus dem Boden als auf der arabischen Halbinsel.

Mittlerweile wird sogar vor offen vor Fracking-Anleihen gewarnt. Denn wenn Länder wie Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Katar und Kuwait weiterhin ihre Produktion erhöhen und der Ölpreis weiter fällt, dann ist nicht nur Russlands Exportwirtschaft bedroht, sondern auch der gesamte Fracking- und Ölsand-Boom in den USA und Kanada. Wenn dieser Boom einbricht, droht der nächste Börsencrash.

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Kommentare zum Artikel

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Gravatar: Shania

Wenn ich mir die Preise an den Tankstellen ansehe, kann ich von einem auf Talfahrt befindlichen Ölpreis nichts bis gar nichts sehen!
Warum werden die sinkenden Preise nicht an die Verbraucher weitergegeben?
Wer füllt sich damit die Taschen?

Gravatar: Gerd Müller

Wie man heute vernehmen konnte, will China seinen Energiebedarf nunmehr auch aus bis zu 20% nicht fossilen Brennstoffen decken.
Sprich u.a. aus GAS und Öl.
Wo wird das wohl so schnell herkommen ?!

Zu Russland und Warenkäufen sollte man bedenken, daß außer in den paar großen Städten in Russland keineswegs alle Läden mit westlichen Waren in Hülle und Fülle ausgestattet sind.
Wenn da etwas weniger eingekauft wird, bekommt das der große Teil des Landes gar nicht mit !!
Was die Industrie angeht, ist es bestimmt etwas schwerlicher geworden, aber die Industrie findet wie immer und überall Mittel und Wege über andere Länder zu importieren.

Gravatar: MAX

Es geht um die Kapitulation Russlands,
diesem Ziel werden alle eigenen Nachteile in Kauf genommen.
Saud-Arabien und Kuweit sind militärisch von den USA abhängig
und werden genau das machen , was die US-Regierung befiehlt.
Auch der Rubel wird nach unten manipuliert und das ist das
richtige Gemisch für die US/NATO.

Gravatar: Wolgast

"Wenn dieser Boom einbricht, droht der nächste Börsencrash."

Es droht dann nicht nur der nächste Börsencrash, sondern per Dominoeffekt auch der nächste Finanz- und Bankencrash.

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