Katholische Kirche

Mit »Missverständnissen« ins Papstamt

Eine Biografie Papst Franziskus‘ legt den Verdacht nahe, dass es bei seiner Wahl nicht mit rechten Dingen zugegangen ist. Haben über eine Milliarde Katholiken ein Oberhaupt, das nicht legal im Amt ist?

Foto: Vyacheslav Argenberg / flickr.com / CC BY 2.0
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Als Papst Benedikt XVI. verkündete, er wolle auf sein Amt verzichten, weil er nicht mehr in der Lage sei, »in angemessener Weise den Petrusdienst auszuüben«, stand nicht nur die katholische Welt Kopf. Zuletzt war 1294 Coelestin V. freiwillig aus dem Amt geschieden, später waren 1414–1418 auf dem Konzil von Konstanz gleich drei Päpste abgesetzt worden. Der Rücktritt war darüber hinaus sensationell, weil Benedikts Amtsvorgänger Johannes Paul II. sein Sterben öffentlich inszeniert und damit den Eindruck gefestigt hatte, dass ein Papst den Vatikan nur mit den Füßen voran verlässt, also tot.

Kaum minder überraschend war aber auch die Wahl von Benedikts Nachfolger, des Argentiniers Jorge Mario Bergoglio, ein Mitglied des Jesuitenordens und Bischof von Buenos Aires. Auch hier wurde mit verschiedenen Traditionen gebrochen: Er kam nicht aus Italien – was bis zur Wahl Karol Józef Wojtyła quasi Einstellungsvoraussetzung für diesen Posten war – und auch nicht aus Europa. Zudem war er der erste Jesuit, der in dieses Amt gewählt wurde – eigentlich eine logische Unmöglichkeit, weil sich der Gründer des Jesuitenorden in den treuen Dienst des Papstes gestellt hatte und nun Bergoglio als Jesuit sich als Papst sozusagen selber unterstand.

Besonders überraschen musste allerdings ein Umstand: dass Bergoglio wie aus dem Nichts auftauchte. Kein Beobachter hatte ihn je für »papabile« gehalten, ja, die meisten kannten ihn nicht einmal. Viel größere Chancen räumten die Vaticanisti den Kardinälen Angelo Scola (Italien) und Marc Ouellet (Kanada) ein, wenn sie das Ergebnis nicht ohnehin als völlig offen einschätzten. Doch dann erhielt im fünften Wahlgang dieser bescheidene Mann die Mehrheit der Stimmen des Konklaves und wurde das Oberhaupt von über einer Milliarde Katholiken. Inzwischen ist allerdings auch ein böser Verdacht aufgetaucht: Bei der Wahl Bergoglios könnte es nicht immer mit rechten Dingen zugegangen sein.

Die Enthüllung, die keine sein soll

In seiner jüngst erschienen Biografie des amtierenden Papstes behauptet der britische Journalist Austen Ivereigh, dass die Papstwahl von einer Gruppe von Unterstützern Bergoglios beeinflusst wurde. Damit hätten sie die Scharte von 2005 wieder wettmachen wollen – und das erfolgreich –, als sie Bergoglio schon einmal ins Amt hatten hieven wollen. Doch 2005 waren sie noch unterlegen gewesen; die Kardinäle gaben dem als konservativ angesehenen Joseph Ratzinger den Vorzug. 2013 seien sie mit ihrer heimlichen, weil nach kanonischem Recht verbotenen Werbung allerdings erfolgreich gewesen. Bergoglio habe von den Bemühungen der reformorientierten Kardinäle gewusst, sei allerdings in die Kampagne nicht eingebunden gewesen.

»Sie hatten ihre Lektion von 2005 gelernt«, schreibt Ivereigh. »Zuerst versicherten sie sich der Zustimmung Bergoglios. Als sie ihn fragten, ob er gewillt sei [sich wählen zu lassen], sagte er, dass er glaube, dass in dieser Zeit der Krise der Kirche kein Kardinal ablehnen dürfe, wenn er gefragt werde.« Offensichtlich war den Beteiligten bewusst, dass sie bei ihrem Vorhaben gewisse Risiken eingingen. »Murphy-O’Connor ermahnte ihn vielsagend, ›vorsichtig zu sein‹ und dass er jetzt an der Reihe sei; er erhielt zur Antwort: ›capisco‹ – ›ich verstehe‹.« Dann machten sich an die Arbeit. Bei Ivereigh liest sich das so: Sie »veranstalteten Abendessen für Kardinäle, um ihren Kandidaten zu bewerben. Sie argumentierten dabei, dass sein Alter – 76 – nicht länger als ein Hindernis angesehen werden sollte, da Päpste auch zurücktreten können. Die Dynamik eines Konklave hatten sie 2005 beobachten können; sie wussten, dass die Stimmen denen zufliegen, die am offensivsten auf die Kardinäle zugehen (im Orig.: who made a strong showing out oft he gate).«

Hat eine Kampagne des »Teams Bergoglio«, wie dessen Unterstützer genannt werden, zur Folge gehabt, dass ein den – im eigenen Verständnis – Reformern genehmer Kandidat ins Papstamt gewählt wird? In Ivereighs Schilderung der Ereignisse vor dem Konklave taucht Bergoglio nur als Randfigur auf, als einer, der etwas nicht wissen soll und auch nicht wissen will. Es sind Kardinäle – genannt werden Cormac Murphy-O’Connor, Walter Kasper, Gottfried Daneels und Karl Lehmann – , die die Wahl des Argentiniers betreiben – doch die dementieren bereits, dass es Absprachen oder Werbungsversuche gegeben habe. So ließ Murphy-O’Connor durch seine Mitarbeiterin Maggie Doherty mitteilen, »dass er in den Tagen vor dem Konklave nicht an damaligen Kardinal Bergoglio herangetreten ist und dass, soweit ihm bekannt, auch kein anderer Kardinal seine Zustimmung erbeten hat für eine Kandidatur bei der Papstwahl.«

Verbotene Kampagne oder zulässiger Gedankenaustausch?

Die Publikation Ivereighs hat in der katholischen Welt für Aufmerksamkeit und Beunruhigung gesorgt. Folgt man nämlich seiner Darstellung, dann wurde auf den beiden Wahlversammlungen von 2005 und 2013 ein Machtkampf ausgetragen zwischen einem »progressiven« und einem »konservativen« Flügel innerhalb des Kardinalskollegiums. Die einen – für die der Name Walter Kasper stehen mag – wollen die Lehre der modernen Welt anpassen und beispielsweise die Bedeutung des Ehesakramentes relativieren. Die anderen wollen, dass die Kirche weiterhin der Fels in der Brandung des Relativismus bleibt, weil die Wahrheit ewig ist und lediglich immer wieder neu freigelegt werden muss. Für diese Richtung stand und steht etwa Altpapst Benedikt XVI. 2005 war die eine Strömung siegreich aus der Konklave hervorgegangen, 2013 die andere.

Was dafür spricht, dass Ivereighs Darstellung der Wahrheit zumindest sehr nahekommt, ist die Existenz eines »verbotenen Tagebuchs«, das ein anonym gebliebener Teilnehmer geführt hat. Demzufolge war schon 2005 der Kampf zwischen den beiden Lagern voll entbrannt, die Bemühungen der »progressiven« Kardinäle – genannt werden schon 2011 Carlo Maria Martini (Mailand) Godfried Danneels (Brüssel-Mecheln) und Karl Lehmann (Mainz) – um Unterstützung Bergoglios voll entbrannt. Ihr Ziel war es zu verhindern, dass Ratzinger die notwendige Zweidrittelmehrheit verfehlt, um ihn zu einem Verzicht zu bewegen; dieser erwartete Akt der Bescheidenheit hätte dann die Aufstellung eines so genannten Kompromisskandidaten nahegelegt. Bergoglio wäre dann zwar auch nicht unbedingt gewählt, aber Ratzingers Wahl verhindert worden. Doch die Rechnung ging nicht auf: Ratzinger zog sich nicht zurück, sondern Bergoglio.

Jetzt fragt sich nur, ob die letzte Wahl überhaupt gültig ist, denn wenn sich erhärten lässt, was Ivereigh schreibt, dann wurde gegen das Kirchenrecht verstoßen. Artikel 81 der Apostolischen Konstitution Johannes Pauls II. »Universi Dominici Gregis« über Papstwahlen besagt nämlich, dass sich die »wahlberechtigten Kardinäle … jeder Form von Verhandlungen, Verträgen, Versprechen oder sonstiger Verpflichtungen jeder Art enthalten« müssen, »die sie binden können, einem oder einigen die Stimme zu geben oder zu verweigern.« Als Bestrafung bei Verstoß droht die Exkommunikation. Muss die Wahl deshalb für ungültig erklärt werden? Haben die Katholiken also überhaupt einen rechtmäßigen Papst? Oder handelte es sich bei den Abendessen des »Teams Bergoglio« um einen ausdrücklich zulässigen »Gedankenaustausch über die Wahl«?

Der Vorgang ist unklar, der Schaden, den angerichtet hat, ist schon jetzt groß. Autor Ivereigh, der als Fan des amtierenden Papstes bekannt ist, hat mit Sicherheit bereut, die die Aufregung verursachenden Passagen überhaupt geschrieben zu haben. Und er rudert auch schon zurück: Er bedauere, dass es durch seine Wortwahl zu »Missverständnissen« gekommen sei. In der nächsten Auflage seines Buches werde die Passage umformuliert. Sie solle dann lauten: »In Übereinstimmung mit den Regeln für eine Konklave fragten sie Bergoglio nicht, ob er bereit sei zu kandidieren. Sondern sie glaubten, dass diese Zeit der Kirchenkrise es für ihn schwer machen würde, das Papstamt abzulehnen, wenn er gewählt wird.« Dass Gespräche geführt worden sind, bestreitet er nicht, denn das sei doch normal, beschwichtigt er, und habe es auch vor der 2005er-Wahl gegeben.

Ein illegitimer Papst?

Für den Autor ist damit die Angelegenheit erledigt. Er gilt als Freund von Franziskus und hat kein Interesse, ihm zu schaden. Auch seinen Ruf als Journalist sieht er durch die Korrektur wiederhergestellt. Dennoch bleiben Zweifel. Da ist nämlich zum Beispiel auch Murphy-O’Connors Bericht von einem Empfang in der Segnungshalle (Hall of Benedictions) zwei Tage nach der Wahl Bergoglios. »Wir sind einer nach dem anderen hingegangen«, berichtete er im September 2013. »Er grüßte mich sehr herzlich. Er sagte soetwas wie: ›Es ist dein Fehler. Was hast du mir angetan?‹« Man kann diese Begrüßung für unverfänglich halten, für eine Form des Dankes für die allgemeine Unterstützung eines Freundes, Mitstreiters und Weggefährten. Vor dem Hintergrund des Ivereighschen Buches erhält sie aber auch eine zweite Bedeutungsebene: Hier spricht jemand seinen Dank für die erfolgreiche Kampagne zur Wahl ins Papstamt aus.

Wenn das wahr wäre, wäre in der katholischen Kirche wohl der Teufel los. Dass die Vaticanisti in heller Aufregung sind, ist vor diesem Hintergrund kein Wunder. Wenn die Vermutung, dass der Papst illegal ins Amt gekommen ist, unwahr ist und alles nicht so schlimm wie es aussieht, dann könnte man immerhin noch davon sprechen, dass kleine Unterteufel ihr böses Spiel getrieben hat. Fragt sich bloß, wer in dieser Causa welche Rolle einnimmt.

 

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Kommentare zum Artikel

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Gravatar: Lisje Türelüre aus der Klappergasse.

Hm. Das kann ich nicht ganz nachvollziehen.
Sie zitieren Art 81 wie folgt: "daß sich die wahlberechtigten Kardinäle....jeder Form von Verhandlungen.....usw...enthalten müssen, die sie binden können..."
Wieso ist jemand "gebunden", der an einem Abendessen teilnimmt, bei dem ein Kandidat vorgestellt und über ihn gesprochen wird?

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