Buchrezension

Hilfe, unser Essen wird normiert

Vor zwei Jahren wurde Clemens G. Arvay durch sein Buch "Der große Bioschmäh" einer größeren Öffentlichkeit bekannt. Das Thema „Industrielle Landwirtschaft“ lässt den studierten Biologen und Pflanzenwissenschaftler nicht los.

Foto: Nadja Meister
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Mit „Hilfe, unser Essen wird normiert. Wie uns EU-Bürokraten und Industrie vorschreiben, was wir anbauen und essen sollen“ legt der Agrarbiologe und Sachbuchautor jetzt noch einmal nach. Was, so fragt der in Wien und Graz lebende und unterrichtende Autor, geschieht mit den nachhaltigen und sozial verträglichen Formen des Landbaus und der Lebensmittelproduktion? Sind diese überhaupt noch möglich – und was essen wir eigentlich wirklich?

Die Konsumenten bestimmen den Markt?

Geht es nach dem Agrarbiologen Clemens G. Arvay, schreiben EU-Bürokraten und Industrie den Konsumenten schon lange vor, was sie anbauen und essen sollen. Agrar-, Lebensmittel- und Handelskonzerne lieben uniformes Gemüse, uniformes Obst und uniforme Körner. Warum das so ist, weiß seit der berüchtigten Gurkennorm auch der Durchschnittskonsument: Die Vorgaben der EU zur Gurkenkrümmung sollten den internationalen Handel erleichtern. Standardisiertes Obst und Gemüse lassen sich von Maschinen einfach besser in standardisierte Schachteln verpacken. Daneben zählt auch das vermutlich nicht ganz von der Hand zu weisende Argument des Lebensmittelhandels, dass die Konsumenten ihre Lebensmittel nur dann kaufen, wenn sie kosmetisch makellos aussehen. Der Konsument kaufe, so die allgemeine Darstellung, keine spitzen Karotten, sondern nur abgerundete, keine zu dicken, keine zu dünnen und verschmäht wird die Kartoffeln, wenn sie zu groß oder zu klein oder nicht gleichmäßig rund seien. In den Einkaufswagen kommt die Designertomate: knallig rot, fest wie ein Gummiball, aber mit großer Wahrscheinlichkeit geschmacklos.

Telegene Küchenfeen „argumentieren“

Dem Agrarbiologen Clemens Arvay geht das kräftig gegen den Strich. Und nicht nur dem: Als Argumentationshilfe hat sich der Österreicher eine charmante Wienerin mit ins Boot geholt: Sarah Wiener. Die ebenso telegene wie geschäftstüchtige Küchenfee steuert ein wirklich ambitioniertes, liebenswertes Vorwort bei – das allerdings mit einem entscheidenden Nachteil behaftet ist: abgesehen davon, dass die Dame keine ausgebildete Köchin ist und auch von Landwirtschaft, Genetik und industrieller Lebensmittelerzeugung eher null Ahnung hat, scheint sie auch das Buch nicht gelesen zu haben. Ihre Kritik an der Art und Weise, wie heute und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch in Zukunft unsere Nahrungsmittel produziert werden, erschöpft sich in dem Gedanken: Früher war alles besser, hat auch besser geschmeckt – sah nur ein bisschen komischer aus. Heute ist alles gerade, uniform und schmeckt fade. Eben das ist auch der Geschmack, den der Leser bekommt, wenn zu dem Buch gegriffen wurde, um sachlich fundierte Argumente zu erfahren, die vielleicht die Menschheit an den Rand einer Nahrungsmittelkatastrophe führen könnten – und auf den ersten Seiten mit sicherlich gut gemeinter Küchenphilosophie abgespeist werden. Ausgewiesene Fachleute wären hier wohl eher am Platze gewesen. Wirklich inflationiert wird der Titel dann allerdings durch den Autor selber: in der Unterzeile wird den „EU-Bürokraten“ ein gerüttelt Maß an Verantwortung im Rahmen der Normierung unserer Nahrungsmittel unterstellt. Auf den ersten Seiten wird dann allerdings erwähnt, dass zumindest die Diskussion um die Einheitsgurke bereits seit dem Jahr 2009 vom Tisch ist. Und wer sich dann ein wenig mit weiteren Äußerungen des Autor beschäftigt, wird erstaunt zur Kenntnis nehmen müssen – Clemens Arvay will alles andere, aber niemals als ein EU-Kritiker gelten! Will der Autor nur oder kann er auch?

Landwirte in der Klemme

Clemes Arvay macht sich auch sonst keine Freunde: In erster Linie sind wir Konsumenten nämlich selber schuld: Die Käufer bestimmen schließlich den Markt. Und so lange wir das billige, gerade und satt farbige Gemüse wollen, wird der Handel gezwungen, so seine These, vor allem auf Einheitsware zurück zu greifen. Damit bleibe auch den Produzenten kaum etwas anderes übrig, als solche Produkte zu herzustellen. Weiter wird moniert, dass bis zu 50 Prozent der Erzeugnisse aussortiert würden, weil sie die kosmetischen Ansprüche der Konsumenten nicht erfüllen würden: gekrümmte Gurken, zu große Zwiebeln, zu kleine Äpfel, Birnen, die nicht der Normskala für die Schalenfärbung entsprechen. Alleine aufgrund dieser Tatsache würden sich Landwirte, die an Industrie und Großhandel liefern, regelrecht dazu genötigt sehen, auf die sogenannten Hybridsorten zurückzugreifen, damit die Ausschüsse nicht allzu hoch ausfallen. Das führt für Arvay dann gleich zum Kern des Problems: dem Saatgut.

Inzucht und Ertrag

Da Karotten, Gurken und Bohnen die Vorliebe besitzen, sich zu krümmen oder zu verbiegen, liege es nahe, durch entsprechende Züchtungen der Natur Einhalt zu gebieten. Um standardisiertes Gemüse zu produzieren, braucht es das passende standardisierte Saatgut. Die sogenannten Hybridsamen, entstehen im Labor. Aus Inzuchtlinien wählt der Züchter über Generationen hinweg jene aus, bei denen gewünschte Eigenschaften wie Größe, Form, Farbe und besondere Widerstandsfähigkeit möglichst deutlich zutage treten. Kreuzt der Züchter zwei dieser Inzuchtlinien, erhält er in der nächsten Pflanzengeneration Hybridsaatgut. Aus diesem wachsen dann die Hochleistungspflanzen mit einheitlichem Aussehen und gleichen Eigenschaften, vor allem aber mit hohem Ertrag. So weit so gut. Die ganze Sache hat allerdings einen entscheidenden Haken: Die positiven Eigenschaften gelten nur für die Erstaussaat. Man kann also nicht einfach die Samen dieser Pflanzen entnehmen und weiter verpflanzen. Allerdings ergibt diese Landwirtschaft möglichst wenig Ausschuss, möglichst brav gewachsene Pflanzen.

Gesamtpaket Saat/Pestizid

Der Agrarbiologe Arvay sieht dann als das nächste Problem: Moderne Industriesorten seien ertragreich und lukrativ, benötigen aber zum Wachsen Pestizide von Agrochemiekonzernen. Heutzutage würden die Konzerne nach dem Konzept vorgehen, Gesamtpakete zu verkaufen: einerseits Pestizide gegen Schädlinge und gleich dazu ein bestimmtes Saatgut, das besonders gut damit zurechtkomme. Für die Konzerne eine komfortable Situation.

Die Überzeugung des Autors: die klein strukturierte Landwirtschaft kommen hierbei unter die Räder, weil sie durch den Druck der Großen nicht mehr mithalten könnten. Vor allem ortet er aber ein ökologisches Problem: „Seit 8.000 Jahren entwickeln sich die Kulturpflanzen unter Menschenhand weiter, passen sich an geänderte Klimabedingungen, verschiedene Standorte und die Bedürfnisse des Menschen an. Dadurch ist eine unsagbare Vielfalt mit einem unglaublichen ökologischen Wert entstanden. Was Arten und Sorten ausmacht, ist die Fähigkeit, ihre Gene weiterzugeben und sich an geänderte Bedingungen anzupassen. Durch den Totalumstieg auf die sogenannte Hybridtechnologie reißt die Entwicklung ab.“

EU-Richtlinien lassen Kulturgut „Pflanze“ vernichten

Nun mag der eine oder andere einwenden, dass der Produzent dennoch eine Wahl habe. Ein Argument, das Arvay nicht gelten lässt. Der Preisdruck mache das Wirtschaften mit weniger ertragreichen Sorten für die Bauern fast unmöglich. Ein Viertel teurer müssten die Tomaten sein, damit sich die Bewirtschaftung mit sogenannten erbreinen Sorten finanziell rechne.  Glaubt man Arvay, ist es heute gar nicht mehr so einfach, an solches Saatgut zu kommen: „Wenn Sie heute den Saatgutmarkt ansehen, finden Sie praktisch nur noch industrielles Designersaatgut.“ Das wiederum hat auch damit zu tun, dass laut EU-Richtlinie maximal zehn Prozent des Saatguts einer bestimmten Pflanzenart im Umlauf sein dürfen, das nicht von der EU zugelassen ist. Zugelassen seien in der Regel die Hybridsorten, so Arvay: „Samenfeste oder alte Sorten kommen oft nicht durch das Zulassungsverfahren und landen auf der sogenannten Erhaltungsliste.“

Und dann wird der Autor doch noch zum EU-Kritiker: „Ich möchte, dass die EU ihre Verantwortung für eine nachhaltige Ernährungspolitik wahrnimmt, sodass sich Menschen auch in Zukunft noch ernähren können, und dass die EU ihre Kriterien für die Zulassung von Sorten überdenkt. Ich möchte, dass mehr getan wird, um Erhaltungszüchtern und Bauern ihre wertvolle Arbeit zu erleichtern. Eine Deckelung, wie viel nichtregistriertes Saatgut in Umlauf kommen darf, sollte meiner Ansicht nach komplett wegfallen, oder man muss sie zumindest deutlich dehnen.“

Landwirte tappen in die eigene Falle

Gut, so könnte man meinen, wir essen also schon seit Jahrzehnten Pflanzen, die aus Designersaatgut gezogen wurden. Und natürlich die damit gefütterten Tiere. Ob das nun gesund oder ungesund ist, sei dahin gestellt. Selbstverständlich wäre es schön gewesen, wenn wir Konsumenten gewusst hätten, dass auch Ökogemüse aus Saatgut wächst, dass so „öko“ nicht ist. Sicherlich ist es auch unschön, dass die Bauern in ihren eigenen Fallen getappt sind und nun zwar Bilderbuch-Pflanzen ernten können, die sich auch prima verkaufen lassen – nun aber jährlich neues Saatgut bei den „bösen“ Konzernen kaufen müssen.

Emotionale Rationalität, die zwar viel Gefühl und liebenswerte (Öko)Landwirte zu Wort kommen lässt – belastbare Zahlen und seriöse Quellen oder fehlen allerdings.

Skandal Genbanken – 75 Mio. Euro für die Saatgutkonzerne

Was ebenfalls ein echter Skandal ist: Um den Verlust vieler Sorten und die negative Folgen für die Nahrungssicherheit auszuschließen, werden, so der allgemeine Kenntnisstand, gigantische Bunkerbauten genutzt – um eben jene Samen und genetischen Informationen aufzubewahren, die heute nicht genutzt werden. Man weiß ja nie – so wohl das Motto. Das Problem: Ein Märchen! Angeblich sei durch Samenbanken das Weiterbestehen nicht genutzter Sorten gesichert. Falls uns eines Tages Hungerkatastrophen drohen, weil wieder einmal ganze Populationen irgendeiner hochgezüchteten Grundnahrungspflanze von einer Seuche dahingerafft werden, holen wir einfach die Samen der wertvollen, vergessenen Sorten aus den Bunkern und greifen wieder auf sie zurück. Stimmt allerdings nicht: Solche Genbanken sind nach Aussage des Autors gar nicht dazu geeignet, die Vernichtung des Menschheitserbes „Kulturpflanzenvielfalt“ zu verhindern. Eine Genbank ist nach den Recherchen eine Einrichtung, in der genetische Ressourcen aufbewahrt werden. Es handelt sich um eine Art „Genarchiv“. Demnach soll also auch die Genbank in Sachsen-Anhalt den Saatgutkonzernen lediglich zur Untersuchung der Samen dienen. Die Genbank in Gatersleben – vor allem im Dienst der Industrie? Die BMD GmbH, ein Unternehmen zur Beratung von biotechnologischen und pharmazeutischen Firmen, ist ebenfalls in Gatersleben angesiedelt. Den Kunden wird auf der Firmen-Homepage das Geschäftsmodell in erstaunlicher Offenheit schmackhaft gemacht: „Seit Beginn der Umsetzungsstrategie zur Biotechnologieoffensive sind durch das Land fast 75 Millionen Euro Fördermittel in Form von Zuschüssen bewilligt worden“, liest man. Dabei erscheint es völlig sinnlos – Pflanzengenetiker Ben Gable sagt „idiotisch“–, die Genbanken mit unvorstellbaren Mengen an Samenproben vollzustopfen, die dort zum überwiegenden Teil nicht angebaut, die Sorten also nicht gepflegt werden können. Das Einlagern von getrockneten oder gefrorenen Samen reicht nicht aus, um die Sorten zu bewahren. Um Kulturpflanzen zu erhalten, müssen diese genutzt, angebaut und gepflegt werden. Die Samen müssen mit Erde in Kontakt kommen, müssen keimen, zu Pflanzen werden und neue Samen ausbilden. Diese Samen müssen geerntet, aufbereitet und wieder angebaut werden.

Biohöfe haben versagt

Nach dem die EU, die Industrie, die Politik und der Verbraucher ihr „Fett“ abbekommen haben, trifft der Rundumschlag schließlich die öko-bewegten Grünen. „Früher wurde ökologische Landwirtschaft aus ideologischen Gründen betrieben“, wird der Biobauer Marten Koch aus Niedersachsen zitiert. „Es ging darum, Natursysteme zu verstehen und auf den Acker zu übertragen. Heute setzt sich der konventionelle Gedanke, setzt sich die konventionelle Herangehensweise auch auf Biohöfen durch.“

Durch die Annäherung des Ökolandbaus an die konventionelle Lebensmittelindustrie hätten inzwischen, so Koch, auch die Verbraucherinnen und Verbraucher von biologischem Obst und Gemüse das Bewusstsein für die Vielfalt und das Aussehen der Sorten verloren. „Wie kam es zu dieser Herrschaft der Industrie (auch) über den biologischen Landbau?“, fragt sich dann der Autor und erfahrenen Ökolandwirt. Statt Antworten – Gefühle: „Unsere Kinder werden nicht mehr wissen, wie eine Tomate geschmeckt hat, oder ein Apfel. Alles wird anders schmecken.“ - behauptet schließlich Karl Otrok, der ehemaliger Produktionsdirektor beim Saatgutkonzern Pioneer. Keine schöne Prognose – aber dafür muss sich niemand durch knapp 300 Seiten Clemens G. Arvay quälen.

„Hilfe, unser Essen wird normiert. Wie uns EU-Bürokraten und Industrie vorschreiben, was wir anbauen und essen sollen“ von Clemens G. Arvay

ISBN 978-3-7110-0030-9; EUR 21,90 ; Verlag Ecowin

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