Armut und Reichtum

Global Shift: Wie Erste und Dritte Welt sich verändern

Die Unterschiede zwischen Erster und Dritte Welt ändern sich. In den Industriestaaten steigt die Armut, während in den Schwellenländern eine Mittelschicht mit westlichem Lebensstandard heranwächst.

Foto: Benedict Seah/flickr.com/CC BY SA 2.0
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In den 1950er bis 1980er Jahren war die Spaltung der Welt noch in einfachen Kategorien fassbar. Es gab die Erste Welt, das waren die westlichen Industriestaaten, die größtenteils ehemalige Kolonialmächte waren. Dann gab es die Zweite Welt. Das war der sozialistische Ostblock, der mit seiner Staatswirtschaft hinterherhinkte. Schließlich gab es die bitterarme Dritte Welt. Hierbei handelte es sich um den größten Teil der ehemaligen Kolonien.

Ausnahmen bestätigten die Regel. Eine Ausnahme war Japan, das niemals kolonialisiert wurde. Es hatte bereits im 19. Jahrhundert den Anschluss an die Industrialisierung gefunden und trat zu Beginn des 20. Jahrhunderts selbst als Kolonialmacht auf. Bis heute ist Japan einer der führenden Industriestaaten geblieben. Doch auch die ehemaligen japanischen Kolonien, wie Südkorea und Taiwan, haben den Anschluss an die Erste Welt gefunden.

Beispiel USA: Wachsende Armut im reichsten Land der Welt

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten die Vereinigten Staaten von Amerika ihren Zenit erreicht. Ihr Reichtum war damals größer als jener der kompletten restlichen Welt zusammen genommen. Während Europa und Japan aufgrund der Kriegsfolgen in Schutt und Asche lagen, Afrika und Südostasien im spätkolonialen Zustand verharrten, Lateinamerika den Sprung in die Erste Welt verpasst hatte, das britische Empire durch den Krieg entkräftet war und die Sowjetunion mehr als 20 Millionen Tote zu beklagen hatte, während dieser Zeit also, genossen die Amerikaner einen Wohlstand ohne Gleichen.

Europäer, die in den späten 1940er und 1950er Jahren in die USA kamen, staunten über die vollen Supermärkte, die breite Auswahl an Lebensmitteln, die großen Kühlschränke, die schicken Straßenkreuzer, die Autokinos, den Überfluss an Haushaltsutensilien und technischem Schnickschnack. Die Amerikaner reisten viel. Sie waren überall die gern gesehene Gäste, die Devisenbringer. Wer einen Verwandten in Amerika hatte, war stolz darauf.

Kalifornien galt als das Land der Zukunft, als Hort des höchsten Lebensstandards. Los Angeles war die erste Millionenstadt, die vollständig auf die Bedürfnisse des Autoverkehrs zugeschnitten war. Der American Dream erfüllte sich in den endlosen Vorstädten mit ihren schicken kleinen Einfamilienhäusern. Die Gesundheitsversorgung war vorbildlich, das Bildungssystem auf hohem Niveau. Auch die staatlichen Universitäten, wie etwa die University of California in Berkeley nahe San Francisco bewiesen: Amerika war das Land der Zukunft und Kalifornien die Zukunft Amerikas.

Eine Dritte Welt inmitten der Ersten Welt

Und die USA heute? Vom größten Gläubiger aller Zeiten sind die Amerikaner zum größten Schuldner aller Zeiten geworden. Zwar ist in absoluten Zahlen die US-amerikanische Wirtschaft immer noch die größte. Doch in wenigen Jahren wird sie von China überholt werden. Die Zeiten, in denen die USA reicher waren als die komplette restliche Welt zusammen genommen, wie es um 1950 der Fall war, sind endgültig vorüber.

Die Amerikanische Mittelschicht, einst Vorreiter des modernen Lebensstandards und Vorbild für alle aufstrebenden Nationen, ist längst im internationalen Mittelmaß verschwunden. Andere Staaten haben massiv aufgeholt. Was Durchschnittsamerikaner in ihrem Haushalt haben, lässt sich genauso gut in den Mittelschichten vieler Staaten Europas und Ostasiens wieder finden.

Auch andere Parameter zeugen vom Wandel. In den 1950er Jahren waren die Nordamerikaner körperlich größer als die Europäer und konnten sich über eine höhere Lebenserwartung freuen. Heute sind zumindest die Mittel- und Nordeuropäer im Durchschnitt größer. Bezüglich der durchschnittlichen Lebenserwartung liegen die USA nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (2012) abgeschlagen auf Platz 36 – hinter Costa Rica, Slowenien, Portugal, Libanon und Taiwan.

In den USA wächst die Armut. Fast 50 Millionen US-Amerikaner gelten als arm. Ein wachsender Bevölkerungsteil hat Schwierigkeiten, die nötigen Lebensmittel einzukaufen, um über die Runden zu kommen. Während in Schwellenländern wie China die Lebensmittelversorgung von Jahr zu Jahr besser wird, haben nach statistischen Angaben der OECD (2007/8) rund 21 Prozent der US-Amerikaner Probleme, der Familie das Essen auf den Tisch zu stellen. Dabei ist die Arbeitslosigkeit gar nicht einmal das Kernproblem. Selbst viele Amerikaner mit Jobs haben Schwierigkeiten, den Alltag zu meistern. Die Zahl der „working poor“, das heißt der Menschen, die trotz zwei bis drei Jobs in Armut leben, wächst. Für Arbeitslose und geringfügig Beschäftigte kommt das Problem hinzu, dass sie oftmals keine Krankenversicherung haben.

Beispiel China: Wirtschaftsaufschwung in Ostasien

Noch in den 1960er Jahren galt China als Armenhaus Asiens. In der Folge eines misslungenen Fünfjahresplans zur Reform der Landwirtschaft und Industrie, der als „Großer Sprung nach vorn“ in die Geschichte eingehen sollte, waren in den Jahren 1958 bis 1961 etwa 20 bis 40 Millionen Menschen verhungert. In Europa und in den USA sammelten damals Hilfsorganisationen für die armen, hungernden Kinder in China.

Heute ist China die weltweit zweitgrößte Wirtschaftsmacht hinter den USA. In wenigen Jahren wird Chinas Bruttosozialprodukt jenes der USA überholt haben. Im internationalen Export liegen die Chinesen bereits an der Spitze.

In den letzten zwei Jahrzehnten hat sich in China eine starke Mittelschicht entwickelt. Insbesondere in den Küstenstädten haben mehrere Hundert Millionen Menschen einen annähernd westlichen Lebensstil erreicht. Egal ob Auto, Fernseher, Computer, Mobiltelefon oder Haushaltsgeräte: In einer modernen chinesischen Wohnung lässt sich alles finden. Die chinesische Mittelschicht hat das Reisen entdeckt und löst die Japaner als Reisenation ab. Man trifft auf chinesischen Touristen in Europa ebenso wie in Amerika. In vielen Ländern gelten die chinesischen Touristen als mindestens ebenso kaufkräftige Kundschaft wie ehedem die Japaner und Südkoreaner.

Diese Mittelschicht wächst und wächst. Auch wenn in den östlichen Küstenmetropolen wie Shanghai und Shenzhen oder auch in Hongkong das Wachstum an seine Grenzen stößt und irgendwann abflachen wird, so hat im chinesischen Binnenland der Boom gerade erst richtig begonnen. Die Riesenstadt Chongqing am Jangtsekiang hat sich in den letzten Jahren zum Zentrum einer zentralchinesischen Industrieregion entwickelt. Industrieproduktion, Handel und Lebensstandard wachsen rasant. Sie ist das pulsierende Herz des neuen chinesischen Inlandbooms.

Die Erste Welt innerhalb der Dritten Welt

In der westlichen Welt bekommt man immer wieder das Argument zu hören, Chinas Weg sei noch weit, weil das Einkommen pro Kopf so niedrig sei. Mit rund 1,4 Milliarden Menschen wird es kaum, vielleicht auch gar nicht möglich sein, allen Einwohnern einen westlichen Lebensstandard zu ermöglichen. Doch Durchschnittswerte sind ein statistisches Phänomen. Die Lebenswirklichkeit sieht anders aus.

Dieser Lebenswirklich entspricht, dass ein Teil Chinas sich längst aufgemacht hat, uns hinsichtlich der materiellen Lebensqualität nachzueifern. Die chinesische Mittelschicht in den großen Metropolen profitiert hierbei von der billigen Arbeitskraft im chinesischen Hinterland, und zwar genauso, wie wir Europäer beim Einkauf von günstigen Waren „Made in China“ profitieren. Das heißt im Klartext, dass sich in China eine Erste Welt in der Dritten Welt entwickelt hat. Und dieser Doppelzustand wird sich fortsetzen.

Ein Staat, zwei Welten – eine neue Kombinationen aus Dritter und Erster Welt

Noch im 16. Jahrhundert waren China und Indien die wirtschaftlich stärksten Regionen der Erde. Im 19. Jahrhundert hatte sich das Bild komplett gewandelt. Beide Länder waren verarmt. In Indien war im Zuge der Kolonialeroberung durch die Briten die Einwohnerzahl von rund 300 Millionen im Jahre 1750 auf etwa 200 Millionen im Jahre 1850 zurückgegangen. Die indische Industrie und Handwerksproduktion war zurückgefallen. Stattdessen war Indien zum Rohstofflieferant für das britische Mutterland geworden, der die Fertigprodukte von ebendort importieren musste.

Für China war das 19. Jahrhundert und frühe 20 Jahrhundert die Epoche der Demütigungen. Von den Opiumkriegen bis zur Niederschlagung des Boxeraufstandes durch die Briten, Franzosen, Japaner, Deutschen, Russen und Amerikaner musste sich das Reich der Mitte vorführen lassen. Noch Mitte des 20. Jahrhunderts galten China und Indien als Paradebeispiele der Dritten Welt. Nun verliert diese Spaltung ihre Konturen. Die Schwellenländer und BRICS-Staaten (Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika) holen auf.

In Europa und in den USA wird es dagegen zunehmend zu sozialen und monetären Spaltungen in den Gesellschaften kommen. Jede weitere Wirtschafts-, Währungs- und Bankenkrise wird diesen Prozess vertiefen. So wächst in der Ersten Welt eine neue Dritte Welt heran, die primär am Tropf staatlicher Sozialleistungen hängt und international nicht mehr konkurrieren kann. Das Kapital wird mobiler und in wachsendem Tempo von Boomregion zu Boomregion transferiert werden.

Insbesondere die Supermächte China und die USA werden sich angleichen. Beide Staaten werden die Erste und Dritte Welt in sich vereinen. In China und den USA gibt es schon heute einerseits die meisten Millionäre und Milliardäre. Andererseits wird es in beiden Ländern dauerhaft einen großen Bevölkerungsteil geben, der aus dem Niedriglohnprekariat niemals herauskommen wird.

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