US-Geostrategie

George Friedman: USA gegen deutsch-russische Kooperation

Nach Stratfor-Chef George Friedman ist es Strategie der US-Politik, ein kooperatives Zusammenwachsen von Deutschland und Russland zu verhindern, um keine eurasische Konkurrenz entstehen zu lassen.

Foto: Luc Van Braekel/flickr.com/CC BY 2.0 (Ausschnitt)
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Die Verwunderung über so viel Offenheit ist groß. Bei einem aktuellen Vortrag am „The Chicago Council on Global Affairs“ in Boston hat der Chef des renommierten US-amerikanischen „Think Tanks“ für Geostrategie „Stratfor – (Global Intelligence firm for strategic analysis and forecasting)“, der Politologe George Friedman, offen und frei zugegeben, dass es seit langem traditionelle amerikanische Außenpolitik sei, ein Zusammenwachsen europäischer Kontinentalmächte, wie beispielsweise Russland und Deutschland, unter allen Umständen zu verhindern.

Deutschland habe die Technologien und Finanzen, Russland habe die Ressourcen. Eine allzu enge Kooperation Deutschlands mit Russland würde von den Vereinigten Staaten von Amerika als Konkurrenz oder gar als Gefahr eingestuft werden. Nach George Friedman galt schon während der beiden Weltkriege und des Kalten Krieges das Hauptinteresse der USA, das Zusammenwachsen der Potentiale Russlands und Deutschlands zu verhindern.

Wie einst Großbritannien, so genießt seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs Amerika den Vorzug, die Ozeane und Wirtschaftsrouten zu kontrollieren. Alles was die USA tun müssen, um diese Weltmachtposition aufrecht zu erhalten, sei dem alten britischen Vorbild der Politik der „Balance of Power“ zu folgen und das Entstehen einer eurasisch-kontinentalen Konkurrenzmacht zu verhindern, indem potentielle Gegner der Zukunft rechtzeitig gegeneinander ausgespielt werden.

Kriegsgefahr in Europa

Nach George Friedman gibt es weltweit keine Region, die völlig frei von Kriegsgefahr sei. Europa habe zwar nach zwei grausamen Weltkriegen eine lange Friedenszeit genossen. Doch heute sei auch Europa nicht völlig frei von der Gefahr eines neuen Krieges. Das habe man am Jugoslawienkonflikt gesehen, und das erlebe man nun in der Ukraine. In diesem Zusammenhang betonte Friedman, dass die USA keine Beziehungen zu einem zusammenhängenden Gebilde namens „Europa“ haben. Stattdessen würden die USA Beziehungen zu den einzelnen Staaten Europas pflegen, aber nicht zu einer „europäischen“ Entität.

Was die Ukraine angehe, so Friedman, sei es normal, dass das Land nach einem starken Partner suche. Und das seien nun mal die USA. Friedman erwähnte, dass bereits der oberste Kommandeur der US-amerikanischen Bodentruppen in Europa, General Ben Hodges, in der Ukraine gewesen sei und die Ankunft von US-Militärberatern dort ankündigt habe.

Außerdem würden die USA planen, Waffen an die baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen sowie nach Rumänien, Polen und Bulgarien zu liefern. In allen diesen Kontexten agieren die USA außerhalb der Institutionen der NATO, um nicht auf die Zustimmung der anderen NATO-Staaten angewiesen zu sein.

Ziel sei es, einen Sicherheitsgürtel um Russland herum aufzubauen. Das sei den Russen vollkommen bewusst. Russland befürchte, so Friedman, dass die USA Russland zerstören wollen. Doch nach Aussage Friedmans liegt das Ziel der USA lediglich darin, Russland zu schwächen. Für die Länder Osteuropas sei klar, dass man wieder im „alten Spiel“ sei – damit ist der „Kalte Krieg“ gemeint. In Deutschland, so Friedman, würde man dies nicht erkennen. Daher sei Deutschland ein undurchsichtiger Bündnispartner.

Totale globale Kontrolle

Georg Friedman betonte, dass die USA alle Ozeane der Welt beherrschen würden. Aus diesem Grunde können die USA jederzeit überall auf der Welt intervenieren, ohne dass andere Staaten im Gegenzug die USA direkt angreifen könnten.

Das Fundament der US-amerikanischen Militärmacht und Außenpolitik sei die Kontrolle der Meere und des Weltalls. Daher sei es im US-Interesse, dass keine andere Nation eine vergleichbare Flotte aufbaue. Die USA verwirklichen heutzutage global das, was früher Großbritannien tat, nämlich als es die europäischen Kontinentalmächte daran hinderte, konkurrierende Flotten aufzubauen – (Man erinnere sich in diesem Kontext an das deutsch-britische Flottenwettrüsten vor dem Ersten Weltkrieg). Großbritannien habe dabei stets verschiedene europäische Staaten gegeneinander ausgespielt. An dieser Politik würden sich die USA orientieren. Man könne zwar nicht Eurasien erobern, aber man könne die Staaten gegeneinander aufbringen und vor Ort selektiv mit Präventivschlägen intervenieren, um mögliche Gegner aus der Balance zu bringen.

Angelsächsische Tradition: USA sind geostrategische Erben des Britischen Empire

Die Ausführungen von George Friedman sind nicht überraschend. Sie sind nur überraschend offen. Tatsächlich decken sie sich mit zahlreichen Aussagen US-amerikanischer Politiker, Strategen, Regierungsberater und Politikwissenschaftler, die sich mit den langfristigen strategischen Ausrichtungen der einzig verbliebenen Supermacht beschäftigen. George Friedman fasst letztlich in anderen Worten zusammen, was bereits die Geostrategen und US-Präsidentenberater Zbigniew Brzezinski und Henry Kissinger ausgeführt haben.

Die USA sind die geostrategischen Erben des Britischen Empire. Als solche haben sie von den historischen Erfahrungen Großbritanniens gelernt. Für die Briten war es mehr als dreihundert Jahre lang essentiell, das Erstarken von europäischen Kontinentalmächten zu verhindern und diese nach dem Motto der „Balance of Power“ gegeneinander auszuspielen.

Die starken Gegner Großbritanniens waren damals zunächst Spanien, dann Frankreich. Eine prägende Erfahrung für die Briten war die Kontinentalsperre Napoleons. Frankreich hatte zu Beginn des 19. Jahrhunderts große Teile Kontinentaleuropas unter Kontrolle gebracht und die britischen Schiffe von europäischen Häfen abgehalten. Für eine Seehandelsmacht wie Großbritannien war dies ein Schock. Der Krieg gegen Napoleon Bonaparte wurde umso entschlossener geführt, je mehr Großbritannien sich vom Kontinent isoliert sah. Die Lehre, die man in London damals zog: Nie wieder!

Nachdem 1871 das Frankreich Napoleons III. durch die deutschen Staaten besiegt und das Bismarcksche Deutsche Reich gegründet war, galt nicht mehr Frankreich, sondern Deutschland als Hauptgefahr für die Britische Vorherrschaft in der Welt. Die britische Diplomatie war darauf ausgerichtet, Deutschland auf dem Kontinent zu isolieren und mit Bündnissystemen einzukreisen. Auch ein Erstarken des deutschen Handels, der Aufbau einer deutschen Kriegsflotte und die kolonialen Ambitionen Deutschlands galten in Großbritannien als potentielle Gefahr. Ebenso beobachtete man in London mit Sorge die russischen Machterweiterungen in Osteuropa und Asien.

Der britische Geostratege Halford Mackinder verwies in seiner 1904 erschienenen, denkwürdigen Abhandlung „The Geographical Pivot of History“ auf die Gefahr hin, dass das Entstehen einer eurasischen Landmacht Großbritannien isolieren könnte. Auch ein wirtschaftliches Zusammenwachsen Eurasiens würde die britische Rolle als Seehandelsmacht gefährden.

Für die USA stehen US-amerikanische Interessen im Zentrum

Zusammenfassend lässt sich also feststellen, dass die USA – wie die meisten Staaten – eigene langfristige Interessen verfolgen und die Interessen ihrer Bündnispartner erst an zweiter Stelle stehen.

Eine starke Europäische Union unter deutscher Führung, die eng mit der Russischen Föderation und der Eurasischen Union kooperiert, mag zwar für Deutschland von Vorteil sein. Doch für die USA stellt eine solche Entwicklung eine langfristige Bedrohung und Konkurrenz dar. Ein Zusammenwachsen Eurasiens – womöglich inklusive Chinas und der Ölgebiete im Nahen und Mittleren Osten – würde die USA in eine ökonomische und geostrategische Randposition drängen. Das ist in Washington nicht gewollt.

Washingtons Ziel ist es, die Interessen der Vereinigten Staaten von Amerika ins Zentrum zu rücken. Das geschieht durch die Bindung Europas an Amerika mittels NATO und TTIP.  Auch die ostasiatischen Staaten wie Südkorea und Japan sowie die ozeanischen Staaten wie Australien und Neuseeland werden an die USA strategisch und wirtschaftlich (via TPP – Trans-Pacific Partnership) gebunden. Ziel ist es, auf beiden Seiten der Ozeane die Kontrolle auszuüben und das Wachsen kontinentaler Mächte wie China und Russland einzudämmen.

Eigentlich ist die US-Politik durchschaubar wie ein Glas Wasser. US-Politiker wie Hillary Clinton, Barack Obama, John Kerry, John McCain und viele andere machen keinen Hehl daraus und sprechen alle wichtigen Aspekte offen an. Noch direkter in ihrer Wortwahl sind die Geostrategen wie Henry Kissinger, Zbigniew Brzezinski oder George Friedman. Man muss ihnen nur zuhören. Dennoch wird ein medialer Schleier darüber geworfen. Die Menschen sollen glauben, es ginge um westliche Werte wie Freiheit und Demokratie.

Stichwort: GeoAußenPolitik

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Kommentare zum Artikel

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Gravatar: H.Roth

Bevor wir nun allzusehr über die USA schimpfen, die Deutschland an der kurzen Leine halten möchten, ein Gedanke: ein starkes Deutschland braucht auch eine starke und fähige Regierung. Haben wir das? Wir haben mit deutscher Stärke und Unfähigkeit schon genug Kriege angezettelt.

Gravatar: harald44

Eion ausgezeichneter Artikel, der jedem die Augen öffnen würde, der diese im Kopf und Verstand im Gehirn hat. Außer dem deutschen Michel, der sich lieber um Flaschenpfand, Windmühlenflügel und angebliche Frauenrechte meint kümmern zu müssen.

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