Attentat von Sarajevo

Der Erste Weltkrieg begann mit einem Mord

Am 28. Juni jährt sich zum hundertsten Mal das Attentat von Sarajevo. Ein serbischer Freiheitskämpfer hatte den österreichischen Erzherzog Franz Ferdinand und dessen Gemahlin erschossen. Es folgte ein Weltkrieg mit 10 Millionen Toten.

Foto: Wikimedia Commons / CC 1.0
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Gavrilo Princip war ein junger serbischer Nationalist aus Bosnien. Gerade 19 Jahre jung, hatte er sich einer geheimen revolutionären Gruppe angeschlossen. Die Geheimorganisation hieß „Schwarze Hand“. Am 28. Juni 1914 war sein Tag gekommen. Der Thronfolger der österreichisch-ungarischen Donaumonarchie hatte sich angekündigt. Erzherzog Franz Ferdinand war zwecks Begutachtung eines k.u.k. Manövers angereist. Begleitet war er von seiner Gemahlin, der böhmischen Herzogin von Hohenberg, Sophie Chotek.

Es war der Veitstag, ein serbischer Gedenktag. Genau 525 Jahre zuvor hatten Serben und Bosnier auf dem Amselfeld gegen die Türken gefochten. Die blutige Schlacht war serbischer Nationalmythos geworden. Doch am 28. Juni 1914 sollte dieser Tag eine neue Bedeutung erhalten: eine historische Wende, die Europas alte Ordnung endgültig zerstörte.

Momente, die die Welt verändern

Die Spannung steigt, als der Erzherzog mit einer Wagenkolonne durch die Straßen von Sarajevo fährt. Tausende Schaulustige haben sich versammelt. Darunter auch einige serbische Revolutionäre. Ihr Ziel: Tod dem Erzherzog!

Der erste Attentäter verpasst den richtigen Moment. In der vorbeifahrenden Kolonne kann er den Wagen des Erzherzogs nicht ausmachen. Plötzlich erschallt der Knall einer Explosion. Der zweite Attentäter hat eine Bombe geworfen. Doch sie prallt am Arm von Franz Ferdinand ab und explodiert vor einem nachfolgenden Wagen. Es gibt zahlreiche Verletzte.

Nach kurzer Unterbrechung wird die Fahrt fortgesetzt. Zwei weitere Attentäter warten auf ihre Chance. Beide versagen und können sich nicht zur Tat überwinden. Auch Gavrilo Princip entschließt sich aufzugeben und zieht sich in ein Kaffeehaus zurück. Schließlich erreicht die Fahrzeugkolonne das Rathaus der Stadt.

Dann bricht die Kolonne wieder auf. Diesmal geht es zum Museum. Kurzerhand wird eine Kursänderung vorgenommen. Man will noch am Krankenhaus vorbeifahren, um den Opfern des Bombenwurfs einen Besuch abzustatten. Unterwegs hält die Kolonne kurz an. Man hat sich in der Route geirrt. Der Wagen des Erzherzogs kommt vor einem Café zum stehen. In diesem Café sitzt Princip.

Gavrilo Princip stürmt aus dem Café. Er zieht seine Pistole. Das erste Geschoss trifft Sophie Chotek. Franz Ferdinand springt vor Schreck auf. Ihn trifft der zweite Schuss. Beide verbluten, Sophie noch im Wagen, Franz Ferdinand später im Krankenhaus.

Im Stechschritt in den Weltkrieg: die Julikrise

Internationale Empörung schallte durch Europas Presselandschaft: Der österreichische Thronfolger war mitsamt Gattin ermordet worden! Auf den Schock folgten die Anschuldigungen. Die anschließenden vier Wochen gelten als Musterbeispiel des Diplomatieversagens. In diesen vier Wochen hätte der Frieden gerettet werden können.

Was lief schief? Fast alles. In einer ohnehin durch Wettrüsten und Säbelrasseln aufgeheizten internationalen Atmosphäre stellte das Deutsche Reich seinem Bündnispartner Österreich-Ungarn eine Art Blankovollmacht aus, gegen Serbien hart vorzugehen. Das rief Serbiens Verbündeten Russland auf den Plan.

Es folgten Warnungen, Ultimaten und Teilmobilmachungen. Die diplomatischen Drähte liefen heiß. Während Österreich-Ungarn den Druck auf Serbien erhöhte, bemühten sich Deutschland und Großbritannien, Russland von einer Einmischung zugunsten Serbiens abzuhalten – vergeblich. Wiens Druck auf Belgrad wurde von den meisten europäischen Diplomaten als Eingriff in die Souveränität Serbiens gewertet.

Am Abgrund: Beginn des Weltkriegs am 28. Juli 1914

Exakt einen Monat nach dem Attentat von Sarajevo begann der Krieg. Mitten im Hochsommer schlitterte Europa ins Verderben. Niemand ahnte das Ausmaß kommender Grausamkeiten. Im Gegenteil: Viele waren Wohlgemutes und hofften auf einen schnellen Sieg. Selten endete eine kollektive Fehleinschätzung derart tragisch.

Es ging Schlag auf Schlag: Am 28. Juli 1914 erklärte Österreich-Ungarn Serbien den Krieg. Einen Tag später fielen die ersten Schüsse auf Belgrad. Dann folgte der Dominoeffekt des Bündnissystems. Am 30. Juli ordnete Russland die Generalmobilmachung an. Am 31. Juli antworte Österreich-Ungarn seinerseits mit einer Generalmobilmachung. Am 1. August erklärte Deutschland Russland den Krieg und ordnete ebenfalls die Generalmobilmachung an. Am 3. August erklärte Deutschland Frankreich den Krieg. Der Schlieffen-Plan wurde sofort umgesetzt. Noch am selben Tag marschierten deutsche Truppen in Belgien ein. Darauf reagierte einen Tag später Großbritannien mit der Kriegserklärung an Deutschland. Am 6. August erklärte Österreich-Ungarn Russland den Krieg. Serbien konterte mit einer Kriegserklärung an Deutschland. Damit war es um Europa geschehen.

Warnung an die Menschheit

Am Ende kostete der vierjährige Weltkrieg mindestens 10 Millionen Menschen das Leben.

Er war bis dahin nicht nur der größte militärische Konflikt der Menschheit, sondern auch der Auftakt einer wirren Epoche blutiger Revolutionen (Österreich 1918, Deutschland 1918/19, Russland 1917), weiterer Kriege und Bürgerkriege (Baltikum 1919, Oberschlesien 1920-1921, Polen gegen die Ukraine 1918-1919, Polen gegen die Sowjetunion 1910-1921), Aufstände (Rote Ruhr-Armee, Räterepublik, Kapp-Putsch) sowie Währungs- und Wirtschaftskrisen (Hyperinflation von 1921-1924, Weltwirtschaftskrise 1928-1930). Die Konflikte, Krisen, ungeklärten Grenzfragen und Vergeltungsbedürfnisse mündeten unmittelbar in den Zweiten Weltkrieg (1939-1945). Winston Churchill sprach daher von einem zweiten Dreißigjährigen Krieg (1914-1945).

Aus der Geschichte lernen, heißt wachsam sein. Das Attentat von Sarajevo mit seinen schrecklichen Folgen beweist, wie einzelne historische Ereignisse eine Kettenreaktion auslösen können. Frieden ist kostbar und vergänglich.

Nachspiel

Gavrilo Princip konnte nach damaligem österreichischem Recht nicht zum Tode verurteilt werden, weil er noch keine 20 Jahre alt war. Stattdessen wurde er in der Festung Theresienstadt eingekerkert. Dort starb er am 28. April 1918 an Knochentuberkulose. In Bosnien und Serbien wurden er und seine Mitstreiter als Freiheitshelden verehrt. Denn der Erste Weltkrieg brachte den von ihnen erträumten neuen Staat hervor: Jugoslawien.

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Kommentare zum Artikel

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Gravatar: Stellmacherei

Schon am Tag vor der deutschen Kriegserklärung an Russland überschritt russische Kavallerie die deutsche Grenze. Dies haben Sie leider nicht erwähnt.

Gravatar: Gerd Müller

Sollten sich manche Politiker, incl. Bundespräsident, mal wieder oder evtl. überhaupt erst mal durchlesen und drüber nachdenken.
Auch ein Besuch der französischen Kriegsgräberstätten wäre angebracht....
vielleicht bekommen verschiedene Leute dann mal eine Vorstellung davon, was 10 Millionen sind.
Vielleicht wären sie dann etwas vorsichtiger bei den Forderungen nach mehr deutscher Militärpräsenz in den Krisenregionen dieser Welt.

Gravatar: keinUntertan

Und am Ende drohte Jugoslawien das selbe Schicksal wie Österreich-Ungarn...

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