Finanz- und Handelsmetropolen

Das Streben nach der Superstadt

Was tun, wenn Industrieproduktion oder Rohstoffexporte unrentabel werden? Immer mehr Schwellenländer orientieren sich am Modell Singapur: Sie planen ihre Städte als Handels- und Finanzmetropolen.

Foto: Carl Nenzén Lovén/flickr.com/CC BY 2.0
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Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate sind nach wie vor vom Export ihres Erdöls abhängig. Doch längst suchen sie nach Alternativen für die Zukunft. Früher oder später wird die Erdöl-Förderung nicht mehr rentabel genug sein, um den wachsenden Budgets gerecht zu werden. Viele Ölfelder der arabischen Halbinsel haben ihren Förderhöhepunkt (Peak) erreicht. Das bedeutet, dass mit jedem weiteren Barrel Öl die Produktion teurer und weniger ergiebig wird.

Seit den 1990ern haben die Vereinigten Arabischen Emirate ihre Pläne konsequent umgesetzt. Abu Dhabi und Dubai sind zu Glitzermetropolen geworden. Reiche aus aller Welt sollen hier investieren. Die neuen Superstädte am Golf sollen Handels- und Finanzmetropolen werden. Statt schmutziger Ölterminals und Raffinerien sollen Businessleute im schicken Anzug in sauberen Büros sitzen und digital mit gigantische Geldsummen handeln. Der Strom soll aus der Solarenergie kommen, denn Sonne hat man am Golf genug.

Auch das Königreich Saudi-Arabien plant ausgiebig für den Übergang zur Post-Öl-Ära. Am Roten Meer soll eine Art Hongkong entstehen: die King-Abdullah-Economic-City. Sie soll ein Finanzdienstleistungszentrum werden und eine Handels-, Hafen- und Logistikstadt. Ziel ist es, die alte Hafenstadt Dschidda zu entlasten. Die King-Abdullah-Economic-City wird eine Retortenstadt. Rund zwei Millionen Menschen sollen in der künstlichen Planstadt leben und arbeiten – so wünschen sich das die Planer.

Weltbevölkerung steigt, Städte wachsen, Europa stagniert

Die Urbanisierung der Welt, die Verstädterung, nimmt unaufhaltsam zu. Bereits heute lebt rund die Hälfte der weltweiten Bevölkerung in Städten. In naher Zukunft wird es die Mehrheit sein. Viele Städter werden in sogenannten Megametropolen leben, d.h. in Städten und Ballungsräumen mit mehreren Millionen Einwohnern.

Am deutlichsten zeigt sich diese Entwicklung in den Schwellenländern. Diese Länder sind in jener Entwicklungsphase, in der die europäischen Städte im 19. Jahrhundert waren, als die Industrialisierung die Menschen vom Lande in die Städte lockte. Vor rund hundert Jahren waren London, New York und Paris die größten Städte der Welt. Berlin war in den 1920ern, nach Eingemeindung der Vororte, die viergrößte Stadt der Welt.

Die deutschen Städte wachsen seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr im nennenswerten Umfang. Abgesehen von Berlin, das nach dem Einwohnerrückgang während der Teilung und des Kalten Krieges an Einwohnern eingebüßt hatte und heute dank der wiedergewonnenen Hauptstadtfunktion wieder wächst, ist für die Zukunft in Deutschland mit keinem großen örtlichen Bevölkerungszuwachs zu rechnen. Vermutlich werden die Bevölkerungszahlen der deutschen Städte stabil bleiben, denn einerseits gibt es nach wie vor den Drang der jungen Menschen in die Stadt, andererseits wird die Gesamtbevölkerung in Deutschland sinken. Mit diesem Bevölkerungsrückgang wird auch die Bedeutung Deutschlands insgesamt sinken. Um 1900 war Deutschland mit mehr als 60 Millionen Einwohnern nach China, Indien, Russland und den USA das bevölkerungsreichste Land der Erde.

Eine Megametropole wird es voraussichtlich in Deutschland nicht geben, zumindest nicht im 21. Jahrhundert. Die einzigen Megametropolen Europas sind zurzeit Moskau, London, Paris und Istanbul. Vermutlich wird es dabei bleiben.

Die größten Wachstumsraten haben die Städte Asiens und Afrikas. Es gibt verschiedene Angaben zu deren Einwohnerzahlen. Daher sind alle Statistiken mit Vorsicht zu genießen. Denn die Einwohnerzahl einer Großstadt hängt davon ab, wo die Verwaltungsgrenzen gezogen werden. Tokio hat beispielsweise in der Metropolregion rund 35 Millionen Einwohner, die eigentlichen 23 offiziell zu Tokio gerechneten Stadtbezirke „nur“ rund 9 Millionen. Dasselbe Phänomen hat man in der chinesischen Riesenstadt Chongqing, die je nach Definition der Stadtgrenze mal 4, 8 oder 30 Millionen Einwohner hat. Dagegen wird der Stadtbezirk von Mexiko-City großzügig bemessen, weshalb die Stadt mit 20 Millionen Einwohnern als größte Stadt der Welt gilt. Kairo hat als größte Stadt Afrikas offiziell rund 7 Millionen Einwohner. Mit Vororten, Slums und der Metropolregion hat Kairo jedoch rund 20 Millionen Bewohner.

Die Verschiebung der Entwicklung hin zur Urbanisierung der Welt wird weitreichende Konsequenzen für den Lebensstil und das Wirtschaften in der Zukunft haben. Die landwirtschaftliche Subsistenzwirtschaft wird weiterhin von der Agrarindustrie abgelöst werden. Die Menschen in Asien und Afrika strömen in die Städte und stellen dort die wachsende Schicht des Arbeitsprekariats. Diese Entwicklung vollzieht sich in rasender Geschwindigkeit. Die chinesische Stadt Shenzhen gegenüber von Hongkong hatte beispielsweise um 1990 rund 300.000 Einwohner. Heute sind es rund 13 Millionen. Die Hälfte davon sind Arbeiter, die von außerhalb in die Stadt strömen, um dort ihr Einkommen zu finden.

Großbritannien verschlankt sich zur Dienstleistungsmetropole London City

Großbritannien, das Mutterland der Industrialisierung, einst Handelsumschlagplatz für Rohstoffe aus aller Welt und aus allen Kolonien des Empire sowie Exportausgangspunkt für Fertigwaren „Made in England“, hat nicht nur seine Rolle als Kolonialweltmacht eingebüßt, sondern auch seinen führenden Status als Industrienation.

Der neue Kurs ist schon seit längerem festgelegt. London City soll das globale Finanz- und Dienstleistungszentrum werden. Der Rest wäre dann eine Art Hinterland. Diese Entwicklung zeigt sich schon heute im Preisindex. Nicht nur die Mieten, auch die sonstigen Lebenshaltungskosten sind in London wesentlich höher als im Rest des Landes. London City ist längst die Stadt der Investoren und Banker geworden. Damit hat Großbritannien einen anderen Weg eingeschlagen als Deutschland, das nach wie vor auf die Industrieproduktion setzt.

Wirtschaftsmetropolen ohne Industriehinterland?

Es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen den Dienstleistungs- und Finanzmetropolen der alten und neuen Industriestaaten einerseits und jenen in den Rohstoffexportländern andererseits. Die Metropolen beispielsweise der arabischen Länder wie Abu Dhabi und Dubai versuchen den direkten Schritt vom Rohstoffexporthafen zum Finanzzentrum. Dagegen sind Städte wie Hongkong oder Tokio auch Knotenpunkte der Industriewirtschaft. Damit wird klar, dass sie sich in ihrer Entwicklung und somit auch in Bezug auf ihre Zukunft deutlich unterscheiden. London, Hongkong, Shanghai, Tokio haben ein bedeutendes Industriehinterland, Städte wie Dubai und Abu Dhabi nicht.

Wenn der Öl-Boom am Golf abschwächt, welchen Grund sollten Investoren haben, in diese Glitzerstädte zu investieren? Die Antwort sind die Steuervorteile und wirtschaftsfreundlichen Gesetze. Doch ob das ausreicht, steht in den Sternen.

Warum Hongkong und Singapur Vorbilder sind

Hongkong hatte es in zwei Schritten geschafft, nämlich zunächst von einer kleinen Hafenstadt zu einer Industriemetropole, dann durch die Auslagerung der Produktionsstätten zu einer Finanz- und Dienstleistungs-City zu werden. Hongkong hat eine liberale Wirtschaftsgesetzgebung und geringe Steuersätze. Dabei profitiert die Stadt allerdings vom chinesischen Hinterland als billige Produktionsstätte.

Singapur ist von Beginn an als wichtiger Handelsumschlagplatz angetreten und hat weitere Bereiche des Dienst- und Finanzsektors hinzugefügt. Ohne mit der sozialen Verantwortung für die Menschen der umliegenden Staaten Malaysia und Indonesien konfrontiert zu sein, kann sich es sich Singapur leisten, die Steuersätze niedrig zu halten.

Singapur und Hongkong sind die Vorzeigemetropolen Asiens. Sie sind relativ sauber, haben eine funktionierende Infrastruktur und locken permanent neue Investoren an. Das Modell Singapur-Hongkong ist der Wunschtraum der Städteplaner, denn es sind Städte, die es geschafft haben, Probleme auszulagern.

Andere asiatische Städte, wie Beijing (Peking), Mumbai (Bombay) oder Jakarta, haben diese Möglichkeiten nicht. Sie müssen sich mit den sozialen Problemen der wachsenden Bevölkerung und des Hinterlandes auseinandersetzen.

Fazit – Städte als Geschäftsmodell: Der Traum der Städteplaner ist die global vernetzte, aber vom sozialen Elend und den Problemen des Hinterlandes abgetrennte Superstadt, hochmodern und sauber, futuristisch in der Infrastruktur. Solche Städte sollen wie ein Magnet die (Erfolg-)Reichen dieser Welt anlocken und sie zum Investieren animieren. Als Lockmittel dienen niedrige Steuersätze, geringe Handelsbarrieren und die quarantäne-artige Abschottung von der Außenwelt – eine Mischung aus Singapur und Monte Carlo.

(Schlagwort: GeoAußenPolitik)

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