Douglas Murray zum Brand vor zwei Jahren:

»Wenn Notre Dame brennen kann, ist alles Nebensache«

Heute vor zwei Jahren brannte die Kathedrale von Notre Dame, die Brandursache ist immer noch ungeklärt. Vor zwei Jahren schrieb der britische Autor Douglas Murray diesen Aufsatz im »Spectator« dazu:

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Die Zivilisation hängt immer am seidenen Faden. Heute scheint einer dieser Fäden zerfranst, sogar zerrissen worden zu sein. Man kann sich die Bilder aus Paris nicht ansehen, man kann sich nur stöhnend abwenden. Man kann sich den Einsturz der Turmspitze nicht ansehen. Man kann nicht mit ansehen, wie die großartige Kathedrale in Flammen aufgeht.

Evelyn Waugh hat einmal gesagt, bei einem Hausbrand würde er lieber seine Bücher als seine Kinder retten, wenn er vor die Wahl gestellt würde, denn Bücher sind einzigartig. Nur an einem Tag wie heute kann man in dieser Spitze wenigstens ein Fünkchen Wahrheit erkennen. Beinahe alles wäre leichter zu ertragen als der Verlust dieses Bauwerks.

Nun wird es natürlich die allfälligen Schuldzuweisungen geben, das Gezänk wegen Renovierungskosten, Überstunden und Brandschutzrichtlinien. Bereits vor zwei Jahren schrieb Michael Brendan Dougherty im National Review diesen lesenswerten Aufsatz über die stiefmütterliche Behandlung von Notre Dame.

Aber wenn Notre Dame brennen kann, dann ist das alles Nebensache, denn es sagt uns etwas so Tiefgreifendes, dass es schier unerträglich ist. Wie ich vor einigen Jahren in »Der Selbstmord Europas« schrieb, hängt die Zukunft Europas auf gewisse Weise von unserem Umgang mit den großen Kirchen und Denkmälern ab, die uns umgeben. Werden wir mit ihnen hadern, sie ignorieren, uns mit ihnen befassen oder sie verehren? Werden wir sie erhalten?

Die Politiker bilden sich vielleicht ein, dass unser Zeitalter aufgrund ordnungspolitischer Spitzfindigkeiten beurteilt werden wird. Es wird vielmehr anhand dessen beurteilt, was wir hinterlassen: Vor allem, wie wir mit dem Erbe umgehen, das uns anvertraut wurde. Selbst wenn der heutige Brand sich als Unwahrscheinlichster aller Unfälle erweist, bleiben wir immer noch die Generation, die Notre Dame hat brennen lassen. Wir werden künftigen Generationen vom Schatz erzählen müssen, den wir verloren haben.

Zu Beginn dieses Jahrzehnts wohnte ich welchselweise in Paris, und verbrachte einen Teil jeder Woche in einer kleinen Wohnung am Rande von Le Marais. Jedes Mal, wenn ich in der Früh aufbrach, um den ersten Eurostar zu nehmen, sah ich beim Verlassen der Wohnung als erstes die große Kathedrale vor mir. Eines Wintermorgens fiel dichter Schnee, und als ich mich zum Bahnhof aufmachte, blieb ich wie angewurzelt mitten auf der Straße stehen, nur ich und der Dom, und saugte den Anblick dieses Gebäudes ein, das ich schon hundert Mal gesehen hatte. Noch in London sah man mir mein Freudestrahlen an, wie ein Freund bemerkte, denn ich strahlte viel zu sehr für solch einen trüben Wochentag. Er fragte mich was los war. »Heute Morgen habe ich Notre Dame im Schnee gesehen,« war meine einzige Antwort.

So war das.

 

Douglas Murray ist Autor von »Der Selbstmord Europas« und »Der Wahnsinn der Massen«. Dieser Aufsatz erschien am 20.4.2019 im Spectator.

Lesen Sie auch: Zwei Jahre nach Notre Dame Brand: Wo ist der Brandursachenbericht?

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Kommentare zum Artikel

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Gravatar: Hans-Peter Klein

@ Joachim Datko 15.04.2021 - 18:11

Wer so schreibt, denkt und fühlt wie Sie, Herr Datko, hat ein problematisches Verhältnis zur europäischen Kultur- und Geistesgeschichte.

Ich hätte größte Bedenken Menschen Ihrer Wesensart unsere Kulturgüter anzuvertrauen, da Sie ja gar kein Verlustgefühl haben, wenn einzigartige Bauwerke in Flammen aufgehen.

Sie sehen alles durch die atheistische Brille.
Man kann als Naturwissenschaftler durchaus durch diese atheistische Brille die Welt berachten, man muß es sogar.
Als Mensch kann der Naturwissenschaftler aber jederzeit diese Brille wieder abnehmen um das Leben, das Universum in seine Ganzheit zu efahren.

Es wäre mir völlig wesensfremd, es würde meine natürliche Neugier verletzen, stets nur mit aufgesetzter atheistischer Brille durchs Leben zu gehen.

Und dazu gehört der unverstellte Blick auf die Originale der europäischen Geistesgeschichte, dazu zählen unsere einzigartigen Kathedralen, aber auch jede mittelalterliche Dorfkirche.

MfG, HPK

Gravatar: Mino Cair

@ Joachim Datko: auch ein schlichtes Gemüt muss zugeben, dass die Erbauer von Notre Dame de Paris Genies waren. Die Städte waren damals stolz auf ihre weithin sichtbaren Kathedralen. Das handwerkliche Können dieser Zimmerleute und Steinmetze ist heute nicht reproduzierbar, die mächtigen Eichenbalken waren schon damals Mangelware. Das einfache Volk lebte in einer anderen Geisteswelt als heute, darum sind direkte Vergleiche nicht möglich.

Gravatar: Karli

Wer war eigendlich Evelyn Waugh?
Muß woll ein Irrer gewesen sein.

Gravatar: Joachim Datko

Eine brennende Kathedrale ist für die Zivilisation kein Untergang, sondern nur eine Randnotiz!

Zitat: "Die Zivilisation hängt immer am seidenen Faden. Heute scheint einer dieser Fäden zerfranst, sogar zerrissen worden zu sein. [...] Man kann nicht mit ansehen, wie die großartige Kathedrale in Flammen aufgeht."

Die menschliche Zivilisation ist stabil. Religionen und ihre Gotteshäuser sind nur ein kleiner Teil unserer Zivilisation und sogar ein dunkler Teil. Gotteshäuser sind Orte der religiösen Indoktrination. Sie sind nicht positiv zu sehen. Noch dazu sind sie auf Kosten der Bevölkerung erbaut worden, die früher weitgehend in bitterer Armut gelebt hat. Man denke an den Petersdom, der auch über Ablasshandel finanziert wurde. So eine Gemeinheit.

Gravatar: R. Avis

Im Jahr 330 vor unserer Zeitrechnung steckte ein größenwahnsinniger Psychopath das monumentale Persepolis an. Die mächtigen Balken aus Zedernholz brannten tagelang, die Rauchwolke erhob sich über die karge Ebene und war aus weiter Entfernung zu sehen.
Die Anlage diente der Repräsentation und zur Feier des persischen Neujahrsfests Nowruz bei Frühlingsanfang, unserem Osterfest vergleichbar (mit rot bemalten Eiern).
Als ich in den Ruinen dieses Bauwerks stand, habe ich eines verstanden: Alexander, genannt "der Große" war ein nichtswürdiger Terrorist. Nichts von dem, was er sich erträumt hatte, ein Weltreich bis nach Indien, hatte Bestand. Nach seinem frühen Tod fiel alles auseinander. Unsereins kann sich kaum vorstellen, nur noch erahnen, welcher kulturelle Schatz damals verloren ging.

Gravatar: Ekkehardt Fritz Beyer

... „Heute vor zwei Jahren brannte die Kathedrale von Notre Dame, die Brandursache ist immer noch ungeklärt.“ ...

Da scheinbar auch der Bildersturm der Taliban https://de.qantara.de/inhalt/zerstorung-der-buddha-statuen-von-bamiyan-der-bildersturm-der-taliban
CIA gestützt war und das US-Militär die Welt-Kulturgüter Afghanistans des Irak, Syriens etc. bewusst zerstöre http://www.ag-friedensforschung.de/themen/Terrorismus/usa-taliban.html:

Führen mich meine Gedanken etwa in die Irre, wenn ich mir vorstelle, dass auch hinter dem Brand von „Notre Dame“ die Amis stecken???

Gravatar: Frank

...und sooo schwer kann es doch nicht sein, die salafistischen, durch George Soros bezahlten randstifter hinter Gitter zu bringen, es sei den, Macron hält seine schützende Hand über diese Verbrecher!

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