Der Vordenker Salvinis: Gianfranco Milgio

Welche politischen Ideen treiben den neuen Innenminister Italiens?

Die Wurzeln des politischen Denkens Matteo Salvinis – des neuen Innenministers Italiens – scheinen schwer greifbar. Aufschluss gibt nur ein Einblick in das Denken Gianfranco Milgios, Politik-Theoretiker im Stil Carl Schmitts.

Foto: Ministero dell'interno [CC BY 3.0 it], via Wikimedia Commons / Ausschnitt
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Auch wenn in Deutschland weitgehend unbekannt, gilt Miglio als Vordenker der italienischen Partei „Lega Nord“ für lange Jahre, dessen frühe Diagnosen der Politik- und Gesellschaftsentwicklung einer Prophetie gleichen.

 

Gianfranco Miglio (1918-2001) war italienischer Jurist, Politikwissenschaftler in Mailand und später Politiker. Er dozierte an der katholischen Universität des Heiligen Herzens in Mailand und leitete dort von 1959 bid 1988 die politikwissenschaftliche Fakultät. Miglio ist für seine Übersetzungen Max Webers, Lorenz von Steins und Carl Schmitts in Italienische bekannt. Schmitt war es, der Milgio den klardenkendsten politischen Theoretiker Europas nannte.

 

Miglio legte bereits in seiner Diplomarbeit den Grundgedanken nieder, indem er über die „Ursachen und die ersten Entwicklungen der internationalen öffentlichen juristischen Lehren in der Moderne“ schrieb und in der er die Idee einer christlichen Republik als zusammenhängende Gesellschaftordnung ausarbeitete. Als überzeugter Verteidiger der christlichen Zivilisation erkannte Miglio die Gefahren eines Europas dominiert von freier Marktwirtschaft, überflutet von Einwanderern und von einem linken „Buonismo“ (Gutmenschentum) getrieben.

 

Nach der Befreiung Norditaliens vom Faschismus schwebte Miglio eine Aufteilung des italienischen Staatsgebiets in Kantone nach Schweizer Model vor. Er gründete dazu einen „think tank“ mit Namen „Il Cisalpino“ („Der Zisalpine“). Italien sollte aus drei Großregionen bestehen, dem Norden, „Padaniens“, der Mitte „Etruriens“ und dem Süden „Mediterranea“, da in allen drei Gebieten historisch unterschiedliche Traditionen vorherrschten. Miglios Konzept sah die Einrichtung einer Zentralregierung vor, die aus Gouverneuren der drei Makroregionen bestünden und einem Staatspräsidenten. Letzterer sollte von den Bürgern direkt gewählt werden.

 

Da es in Italien – ungleich den nördlichen protestantischen Ländern – Miglio gemäß keine von der Person losgelöste Regierung des reinen Rechts geben könne, sondern die persönliche Vermittlung zentrale Rolle einnehme, brauche Italien die Gestalt des Oberhauptes, eines Regierungsführers. Die italienische Republik sollte daher durch eine charismatische Persönlichkeit geleitet werden, die durch Glaubwürdigkeit und Integrität direkt vom Volk gestützt wäre und mit diesem Volk in direktem Kontakt stünde. Der Begriff der „charismatischen Herrschaft“ wurde vor allem durch die Studien Max Webers inspiriert; letzterer spricht 1919 von der Beziehung eines Charismaträgers und einem Kollektiv von Charismagläubigen als Herrschaftsbeziehung.

 

Die Autorität des Führenden gründe sich auf einzigartige Persönlichkeitsmerkmale, die zu einer hohen Identifikation der Charismagläubigen führen. Sobald diese Identifikation eintreffe, können die Geführten zu außerordentlichen Leistungen oder Handlungen motiviert werden. Diese Idee erkannte Miglio als perfekt auf den italienischen Geist passend.

 

Dahingehend stand der autonome Souverän im Zentrum der Herrschaft, und keine Finanz-, technokratischen oder intellektuellen Oligarchien. Vor allem ein Entscheidungs-Pathos mit Teilhabe des Volkes sollte in die Politik eindringen.

 

Mit dem Zusammenbruch der Berliner Mauer brach für Miglio auch der Glaube an den modernen Staat zusammen. Der technologische Fortschritt und vor allem das hohe Wohlstandsniveau der westlichen Länder überzeugten ihn davon, dass in den folgenden Jahren radikale Veränderungen stattfinden würden, die sich in den Verfassungen der politischen Systeme niederschlagen würde.

 

Miglio zufolge würde der Staat in Zukunft zunehmend Schwierigkeiten haben, effiziente Dienstleistungen für die Bevölkerung zu garantieren. Zudem würde das Vertrauen der Bürger in die langsamen Mechanismen der öffentlichen Bürokratien schwinden, die nicht mehr seinem Lebenswandel entsprechen würden.

 

Der Zusammenbruch des modernen Staates würde dann zu einer Konstituierung neo-föderaler Gemeinschaften führen, die nicht mehr vom politischen Verhältnis von Befehl und Gehorsam beherrscht werden, sondern vom Handelsvertrag und der ständigen Vermittlung zwischen verschiedenen Machtzentren. Diese Machtzentren sind die neuen Gruppen, die die Weltanschauung vorgeben.

 

Die Welt bestünde dann aus multizentrischen Gesellschaften, in der die territorialen und kategorialen Vereinigungen ihr politisches Gewicht rechtlich anerkannt bekämen, nicht unähnlich dem, was im Mittelalter geschah. Hier sah Miglio Ähnlichkeiten zum Mittelalter Europas und hier wurzelt auch sein Appell das bunte Mosaik des Mittelalterstaates wiederzuentdecken, das sich aus den Rechten der Klassen, Körperschaften und insbesondere der freien germanischen Städte zusammensetzt. Die christliche Gesellschaftsordnung steht auch bei dieser Idee im Mittelpunkt.

 

Seit 1990 näherte sich Miglio der „Lega Norg“ an und arbeitete von 1992 bis 2001 für sie als Senator. In dieser Zeit änderte er seine Meinung über die Dreigebietsspaltung Italiens und erklärte, dass die mediterrane Republik nur für Rom und den Süden passen würde, aber nicht für den Norden, also „Padania“. Somit zog er sich in eine nordisch-protestantische Kultur zurück und entfremdete sich von seinem ursprünglichen katholischen und schmittschen Nährboden. Auch die Überzeugung einer notwendigen Sezession des Nordens von Italien erwuchs in ihm.

 

Mit seiner Euroskepsis, seiner Kritik an Finanzoligarchien und seinem Widerstand gegen illegale Einwanderung tritt Salvini in die Fußstapfen Miglios. Auch seine Idee der Direktdemokratie erinnert an Miglios Denken, sowie seine Wertschätzung des Landwirtschaft und des Protektionismus, um inländische Anbieter von ausländischer Konkurrenz zu schützen, passen in dieses Bild.

 

Es bleibt zu hoffen, dass auch die christliche Grundlage bei Salvinis Politik nicht auf der Strecke bleibt.

 


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Kommentare zum Artikel

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Gravatar: Heinold Perkmann

Salvini hat Italien wieder vereinigt, so wie einst Garibaldi das Land zusammengeschraubt hat. Salvinis "historischer Kompromiss" hat die Lega an die Macht gebracht. Salvini konnte die Italiener davon überzeugen, daß sie alle, von Nord bis Süd und von Ost bis West dieselben Feinde haben und zwar Arbeitslosigkeit, Wirtschaftskollaps, Korruption, Überfremdung, um nur einige Grausamkeiten zu nennen. 40 Jahre EU-Euro und "große Koalition" haben Italien gründlich ruiniert. Den Deutschen steht dies alles noch bevor. Die deutsche Gründlichkeit wird diesen Prozess sicherlich in weniger als der Hälfte dieser Zeit schaffen

Gravatar: Freigeist

Mir gefällt vor allem, dass er das Thema der Volksgruppe der Roma aufgreift. Roma waren bis ca. 1850 in Osteuropa Sklaven. Beim Adel, Großgrundbsitzern (Bojaren) und, man höre und staune, auf Kirchengütern. Für Roma, will man sie nicht ausweisen, benötigt jede Gesellschaft ein speziell auf die Roma ausgerichtetes Sozial-Programm. Schon mit Ganztagsschulen wäre ein großer Schritt getan und wäre der kostengünstigste Einstieg erfolgt. Auch bei diesem Thema eilt es. Man muss sich entscheiden, entweder Ausweisung oder ein Sozial-Programm für diese Ethnie. Warum? In dieser Ethnie ist es üblich, die maximale Kinderzahl zu haben, die eine Frau bekommen kann. Verhütung Null, Schnaps und Sex was das Zeug hält. Diese Ethnie überholt sogar die Bevölkerungs-Wachstumsraten vom afrikanischen Mali, wo das Durchschnittsalter aktuell bei 15 Jahren liegt.

Gravatar: SchlafKindleinSchlaf

Salvini ist mir das erste mal aufgefallen, als er im Europaparlament Tacheles redete. Ich komme nicht umhin zu sagen das ich seitdem eine gewisse Sympathie hege. Er ist für viele unbequem und er hat A... in der Hose. Rächts hin oder her.

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