Ritterliche Revolte

Warum das umstürzlerische Buch eines katholischen Adeligen auf jeden Gabentisch gehört

Die ganze Welt starrt gebannt nach Frankreich. Ist ein ähnlicher Aufstand auch in Deutschland möglich? Stand jetzt wohl eher nicht. Was, muss man fragen, macht die besondere Kraft der französischen Widerstandsbewegung gegen Macron, den selbsternannten Sonnengott der urbanen, linksliberalen Elite, aus? Eine Buchbesprechung.

Fotos: Alexander von Schönburg, PIPER-Verlag
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Die ganze Welt starrt gebannt nach Frankreich. Ist ein ähnlicher Aufstand auch in Deutschland möglich? Stand jetzt wohl eher nicht. Was, muss man fragen, macht die besondere Kraft der französischen Widerstandsbewegung gegen Macron, den selbsternannten Sonnengott der urbanen, linksliberalen Elite, aus?

Ein Blick in die „New York Review of Books“, einer der intellektuellen Leitmedien der transnationalen Linken, gewährt Aufschluss. In der aktuellen Ausgabe der NYRB ist ein bemerkenswerter Artikel erschienen, der Autor heißt Mark Lilla. „Etwas Neues geschieht gerade auf der europäischen Rechten“, heißt es dort in spürbarer Faszination, „und das geht weit über die gewohnte xenophobische Aufruhr hinaus.“ Die meisten Journalisten, erklärt Lilla, würden versuchen, Steve Bannons Bemühungen, die europäische Rechte unter dem Dach einer neuen Bewegung, zusammenzubringen, als ein bloßes Eitelkeitsprojekt abzutun, in Wahrheit aber zeichne sich Bannon durch einen einzigartigen politischer Instinkt aus, Bannon spüre schlicht, dass sich in Europa etwas Faszinierendes tue:

„In so unterschiedlichen Ländern wie Frankreich, Polen, Ungarn, Österreich, Deutschland und Italien werden Anstrengungen unternommen, um eine kohärente Ideologie zu entwickeln, die Europäer, die über Massenimmigration und soziale Liberalisierung wütend sind, zu mobilisieren.“ Es sei an der Zeit, sich mit den Ideen einer sich entwickelnden rechten Volksfront auseinanderzusetzen und dabei sollte der Fokus auf Frankreich liegen, denn die besondere Kraft, aus der der konservative Widerstand sich in Frankreich nähre, liege im katholischen Milieu des Landes, das sich mit Dingen wie Homo-Ehe und industrialisierter Abtreibung schlicht nicht abfinden wolle.

Lilla sagt damit eigentlich nichts anderes als der zum Reaktionär bekehrte Alt-Linke Michel Houellebecq, der dem „Spiegel“ zum Erscheinen seines Buchs „Unterwerfung“ im Februar 2015 ein Interview gab und dort Dinge sagte wie: „Wir wohnen einer Rückkehr des Religiösen bei. (...) Es gibt eine spirituelle Macht, die noch aktiv ist und sogar wieder erstarkt. (...) Der Atheismus weicht zurück, er stirbt an seinen eigenen Zweifeln. Ich teile die Ansicht des Philosophen Auguste Comte, dass eine Gesellschaft ganz ohne Religion nicht fortbestehen kann. Ihr droht die völlige Desintegration.“ Und: „Persönlich bin ich überzeugt, dass noch viel Kraft im Katholizismus steckt. (…) Die Aufklärung ist am Ende. Der Humanismus ist tot. Der Laizismus, vor über 100 Jahren erfunden von Politikern, die im Atheismus die Zukunft sahen, ist tot.“

Das, was gerade in Frankreich vor sich geht, lässt erahnen: Die areligiöse – oder gar anti-religiöse – Mentalität eines großen Teils der deutschen Rechten ist ein Handicap. Vielleicht wäre Deutschlands Rechte gut beraten, sich ebenfalls dieser Kraftquelle zu öffnen.

Ein guter Ausgangspunkt dafür ist das Buch des Journalisten und Essayisten Alexander von Schönburg. Es kommt mit einem poppigen Cover mit bunten Farben daher, ist in einer zum Teil irritierend modernen Sprache geschrieben, ist aber, wie Tilman Krause in der „Welt“ schrieb, ein zutiefst „umstürzlerisches Buch“. Es sollte auf dem Gabentisch jedes deutschen Konservativen liegen. Nicht nur weil es vergnüglich zu lesen ist. Gerade weil es mit seiner niedrigschwelligen und humorvollen Sprache tief hinein ins nicht-konservative Milieu zu wirken vermag, ist es geeignet, die Rückbesinnung auf konservative Werte zu befördern. Man sollte dieses Buch nicht nur lesen, man sollte durch den Erwerb des Buches vor allem dazu beitragen, dass dieses Buch auf den Bestseller-Listen nach oben schießt, um genau die Mission zu erfüllen, für das es ganz offenbar geschrieben wurde: um Gedankengut, das auf traditionellen Werten fußt, mitten hinein in die Gesellschaft zu tragen.

„Die Kunst des lässigen Anstands“, so heißt das im Piper-Verlag erschienene Buch, kann seine Wirkung erst dann entfalten, wenn es nicht nur von Gleichgesinnten gelesen wird, sondern wenn es zu einem ähnlichen Massen-Phänomen würde wie jene Darm- und Waldbücher, die die deutschen Bestsellerlisten hartnäckig dominieren und vor allem deshalb gekauft werden, weil sie eben Bestseller sind. Buchkäufer sind Lemminge. Gekauft wird, was auf der Bestseller-Liste steht. In der neusten „Spiegel“-Bestseller-Liste (Ausgabe 48) befindet sich „Die Kunst des lässigen Anstands“ auf Platz 21. Die Verbesserung um nur einen Platz würde bedeuten, dass es in jeder Buchhandlung prominent ausliegt. Der eigentliche Grund, warum man dieses Buch jetzt also kaufen muss, ist, dieses Buch mit seiner unverhohlen konservativen Agenda mitten in die Mainstream-Diskurs zu schleudern.

Anders als dies etwa Sarazins Bücher tun, verkauft Schönburg die konservative „Message“ auf eine Art und Weise, die sympathisch ist, die ohne Schaum vorm Mund daher kommt und dadurch das Potential hat, Menschen von einer dringlichen Rückkehr zu traditionellen Werten zu überzeugen, die diesem Denken eigentlich fern stehen. Das Buch kommt als leicht verdaulicher Ratgeber daher und bietet auch so etwas wie „Benimm-Tipps“, aber, wie der Philosoph Alexander Pschera in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Cato“ bemerkt, „tarnt es sich nur als populärer Ratgeber“, in Wahrheit begebe man sich, sobald man das Buch öffne, in „enzyklopädische Gedankenströme, in denen von der Antike bis zur Atomphysik alles vorkommen kann, was der unersättlichen Wissbegier des Autors vor die Flinte kommt“ und sei lehrreicher (und unterhaltsamer) „als zwei Semester Ethik-Studium“. Schönburg, dessen langjährige Tätigkeit als Redakteur der „Bild“-Zeitung ihn offenbar trainiert hat, komplexe geistige Gebilde in einfache Worte zu kleiden, unternimmt in seinem Buch nichts Geringeres, als das Einmaleins des traditionellen europäischen Wertekanons auf eingängige und unterhaltsame Art zu vermitteln. Das zentrale Leitmotiv seines Buches ist der ur-europäische, ritterlich-christliche Ethos. Auf plausible Art und Weise stellt er Ritterlichkeit als zeitlos wirksame Waffe gegen die antikulturellen Auflösungserscheinungen unserer Gesellschaften dar. Das „anything goes“ der auf Selbstverwirklichung, Konsum und Spaß getrimmten Gesellschaft gehe doch eigentlich jedem halbwegs vernünftigen Menschen auf die Nerven, heißt es an einer Stelle – genau dieses weit über das konservative Milieu spürbare Unbehagen macht sich Schönburg in seinem Buch zu Nutze.

Es füllt damit ein Vakuum. Einerseits wird ja oft die Abwesenheit einer Leitkultur beklagt, andererseits gibt es eine seltsame Scheu, eine solche zu formulieren. Mit seinem Streifzug durch das ethische Erbe von Antike, Christentum und europäischer Neuzeit gelingt es dem Autor, auf ziemlich einzigartige Weise, die Eckpfeiler, die unsere Kultur ausmachen, aufzuzeigen.

Er tut dies zwar mit deutlich katholischem Vokabular, aber ohne mit der Herz-Jesu-Flagge zu wedeln. Genau dort, in der populär daherkommenden Vermittlung der klassischen, abendländischen Tugendlehre, die nun einmal hauptsächlich auf dem Erbe christlicher Denker (allen voran Thomas von Aquin) fußt, liegt die Kraft dieses Buches.

Wenn das Denken, dem Schönburg auf so unterhaltsame und eingängige Art Vorschub leistet, in Deutschland Fuß fassen würde … gäbe es bald auch hier gelben Westen, die die linksliberale Pseudo-Elite erzittern ließen.

Die christlichen Wurzeln, die für die Gründer der Europäischen Union noch das identitätsstiftende Element waren, dann vergessen und zuletzt sogar geleugnet wurden, werden wiederentdeckt – oder besser: Sie kommen mit Wucht zurück. Dieses Buch leistet einen humorvollen, geistreichen und leicht zugänglichen Beitrag zu dieser Renaissance. Für „Die Kunst des lässigen Anstands“ eine Kaufempfehlung auszusprechen ist daher zu wenig. Es besteht Kaufpflicht.

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Kommentare zum Artikel

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Gravatar: Werner

Ein ähnlicher Aufstand ist bei den Dumm-Deutschen mit Sicherheit nicht möglich. " Ja das ist halt so " " Uns geht es doch gut " So lange der Deutsche sein Schnitzel und sein Bier hat, kann die Polit-Mafia mit ihm machen was sie will. Der Michel läuft in seinem Nachthemd, der Zipfelmütze und der Kerze, schlafwandlerisch durch die politische Verarschung und merkt es gar nicht.

Gravatar: Weil nicht sein kann, was nicht sein darf

Allein in Paris gehen wegen der französischen Familienpolitik, die real existierender Sozialismus und Chaos ist, auch schon einmal 1.400.000 Menschen auf die Straße. So etwas ist in Deutschlamp 'denkunmöglich'. Dort machen sich lieber Wissenschaftler laut und lang Gedanken über die Widerstandslage, und das war's dann, die Karawane zieht weiter, 'lässiger Anstand', eigentlich fahrlässiger Missstand ...

https://www.youtube.com/watch?v=C1EcbhVaZm8

https://www.youtube.com/watch?v=BtInXIHfxeM#t=1h7m56s

Gravatar: Karl

nur EINIGKEIT eines Volkes macht stark, eine reduzierung auf religiöse gruppen halte ich nicht für ausschlaggebend.
Eine Rückbesinnung auf unsere Volkseigenen Werte sind für mich der schlüssel zum erfolg.

Gravatar: Hans von Atzigen

Ausschliessen kann man ja nichts.
Ob da die Zeitgenössische Mehrheit der Gesellschaft,
ein zurück in einen Religösen Mief, will? Genau so wenig
wie den Gegenexzess den Genderbluber.
Was da in Frankreich aktuell abgeht, ist ein Protest gegen die Wirtschaftlich soziale Misere.
Innzwischen läuft seit 10 Jahren eine eher notdürftig gedekelte Wirtschaftskriese.
Was interessiert die erdrückende Mehrheit, was sind deren Wünsche ? Die Menschen wollen in geordneten, und unter erträglichen Bedingungen und Umständen leben.
Religions und oder Ideologiebluber können nicht Brot,
und wenn immer möglich ein Stück Wurst ersetzen.
Das was da in Frankreich abgeht ist für diese These ein recht eindeutiger Beleg.
Dieser Macron hat mit seinem En Marsch Bluber, den
Franzosen verschwommen sugeriert das, diese Bluber- Pampe , nicht nur Brot sondern auch etwas mehr oder wieder Wurst bringt.
Tja wurde nix aus den sugerierten Versprechungen, den gewekten Hoffnungen. Grundsätzlich nachvollziehbar Logo, die sind jetzt erheblich sauer und wütend.
Ob sich da irgend eine Ideologie egal welcher Richtung, als zukünftige Leitlinie durchsetzt, ist nicht so sicher.
Angesichts von Umstände die es in diesen Dimensionen noch nie gab.
Da zeichnet sich etwas sicher nur bedingt Neues ab,
ein in den Dimensionen noch nie dagewesenes gigantisches Chaos, mit hässlichen Begleiterscheinungen, aus der sich eine neue Ordnung,
herausbildet, welcher Gestalt völlig offen.
Da ist eine Massieve Zeitenwende im anmarsch, das Ende einer Grossepoche.
Das Ende des Industriezeitalters mit all seinen Anschluss und Erweiterungsentwiklungen.
Die Ursche des Scheiterns liegt nicht am Kern und Inhalt
der Sache, sondern an der grenzenlosen Masslosigkeit und Überdehnung.
7 pluss Milliarden Individuen auf dem Planeten, das war
wenn und aber vorhersehbar kann und wird nicht funktioneren.
Die Physik die Mengenlehre sind Zeitlos, DAS kann weder Religions, Esotherik usw. noch Ideologiepampe aushebeln.Punkt.
Freundliche Grüsse

Gravatar: Karl Biehler

Adel verpflichtet. Das haben unsere heutigen Politiker verlernt.

Gravatar: Unmensch

Ich glaube nach wie vor nicht, dass der Gottglaube so unerlässlich ist - ein Blick auf die christlichen Oberen zeigt doch eher wie schwach der ist.
Hauptsächlich geht es um die Besinnung auf Selbstwert und Zukunftsperspektive, individuell und kollektiv, und über die linke Gleichgültigkeit hinaus gehend.
Wenn dabei das christliche Erbe hilft, dann ist das natürlich gut. Aber man darf es nicht unhinterfragt und ungefiltert übernehmen!

Gravatar: Ekkehardt Fritz Beyer

... „in Wahrheit aber zeichne sich Bannon durch einen einzigartigen politischer Instinkt aus, Bannon spüre schlicht, dass sich in Europa etwas Faszinierendes tue:

In so unterschiedlichen Ländern wie Frankreich, Polen, Ungarn, Österreich, Deutschland und Italien werden Anstrengungen unternommen, um eine kohärente Ideologie zu entwickeln, die Europäer, die über Massenimmigration und soziale Liberalisierung wütend sind, zu mobilisieren.“ ...

Sollte man deshalb darin etwa einen prophylaktischen Selbstschutz sehen, wenn die Bundesregierung keinen Anlass sieht, Islamismus als Jugendgefährdend einzustufen???
https://philosophia-perennis.com/2018/12/05/bundesregierung-sieht-keinen-anlass-islamismus-als-jugendgefaehrdend-einzustufen/

„Wenn das Denken, dem Schönburg auf so unterhaltsame und eingängige Art Vorschub leistet, in Deutschland Fuß fassen würde … gäbe es bald auch hier gelbe Westen, die die linksliberale Pseudo-Elite erzittern ließen“!!!

Gravatar: R. Avis

Wer wahre Aristokratie (im Geiste) verstehen will, sollte von Ford Madox Ford das Buch "Manche tun es nicht" lesen (im Original "Some do not", aus der Trilogie "Parade's End / keine Paraden mehr").
Es ist von Stil und Anspruch her ein paar Ebenen oberhalb eines Bildzeitungs-Redakteurs, ist allerdings auch schon fast hundert Jahre alt (1924).
Es geht um Doppelmoral in einer dekadenten Gesellschaft (wie heute) und ein paar Aufrechten, die sich ihren ethischen Kompass bewahrt haben. Selbstverständlich ohne Happy End.
Aber wenn man sich den Kulturverfall und den galoppierenden Wahnsinn rundherum ansieht, kann man ohnehin nur den Kopf schütteln und sagen "nicht mit mir".

Gravatar: osta.rido

Der Adel ist seit 1918 in Deutschland abgeschafft!

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